Digitale Work
So steigern virtuelle Teams ihre Leistung
Die Kolleginnen und Kollegen sind im Homeoffice. Wie hält man als Führungskraft das Team zusammen und steigert gleichzeitig die Leistung? Hier gibt Coach Martin Kruse Tipps.
Neulich hatte ich eine Führungskraft im Coaching, die sich fragte, wie sie ihr neues, über ganz Deutschland verteiltes Team einschwören und erfolgreich machen könne. Nachdem wir eine Weile gesprochen hatten, wurde klar, was hinter dem Thema lag: Der Mann hatte Angst. Angst vor der neuen Aufgabe und den Erwartungen seiner Vorgesetzten, Angst vor Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die ihm – fernab jeder Kontrolle – auf der Nase herumtanzen könnten und Angst vor Zahlen, die am Ende sein Scheitern unter Beweis stellen würden.
Ein Coach ist kein Berater, er kommt nicht mit einer vorgefertigten Lösung um die Ecke. Doch mein Klient erarbeitete sich selbst Schritt für Schritt einen empathischeren Zugang zu seinem Team. Er erinnerte sich an sich selbst vor einigen Jahren, fragte sich, was er an seinem besten Chef geschätzt hatte und welchen Rat er sich geben würde, wenn er sein eigener Mitarbeiter wäre.
Am Ende standen mehr Mut, weniger Angst, mehr Empathie und Interesse an den eigenen Leuten – weniger Kontrollwille und Funktionsanweisung. Ich bin gespannt, was er in einigen Monaten zu berichten hat.
Leistungssteigerung als Fetisch
Leistungssteigerung kann in einer Leistungsgesellschaft schnell zum Fetisch werden. Schneller, höher, weiter. Lauter, härter, mehr. Wenn nun die Rahmenbedingungen der Leistungserbringung auch noch fremdgesteuert und dabei digital werden: oh Gott!
Das Mindset – die Haltung, analog wie sie ist – hat hier einen großen Einfluss auf das Gelingen. Denn sie bestimmt darüber, wie Führungskräfte mit ihrer neuen Situation umgehen: Suchen sie nach alternativen Kontrollmöglichkeiten, nach digitalen Druckmitteln und dem Kitzel beißenden Misstrauens?
Oder finden sie zu neuen Formen der Zusammenarbeit, weil Vertrauen und Augenhöhe das Miteinander prägen, weil man auf die Beziehungsarbeit vorangegangener Erfahrungen aufbauen kann?
Wer in virtuellen Teams arbeitet, muss seine Aufgaben gut kennen und selber organisieren können. Denn es kann schlicht nicht dauernd ein Chef hinter dem Rücken stehen und die Fehler anstreichen – so schlecht dieser Ansatz bisher funktioniert hat: Jetzt funktioniert er gar nicht mehr.
Psychologie des Miteinanders
Was gefragt ist, sind moderne Vorgesetzte, die in der Lage sind, zu delegieren und zu überlassen; die in die Entwicklung ihrer Leute investieren und sich selbst in den Dienst ihres Teams stellen, statt andersherum. Vertreter des Servant Leadership – der dienenden Führung – finden hier einen idealen Wirkungsraum.
Ein Servant Leader ist bereit, selbst zurückzustehen, um seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter voranzubringen. Eine solche Führungspersönlichkeit inspiriert, coacht und integriert, delegiert und lässt Teilhabe zu, statt selbst da noch zu dirigieren, zu bestimmen und zu kontrollieren, wo es derart harte Führungsfacetten beim besten Willen nicht braucht.
Und ja, der digitale Raum will bespielt werden – und zwar aktiv. Es gehört solides Handwerkszeug dazu, sich virtuell sicher zu bewegen. In der analogen Welt ergeben sich oft zwischendrin Gelegenheiten für kurze Gespräche. Die berühmten Momente zwischen Tür und Angel, an der Kaffeemaschine, vielleicht auch in der Raucherecke.
All diese Zufälligkeiten des analogen Miteinander müssen nun bewusst – und daher etwas künstlich – hergestellt werden. Es braucht authentischen Austausch – ohne ihn gibt es keine Ebene für Leistung.
Law & Order war gestern
Und hier liegt der vielleicht etwas überraschende Schlüssel für den Erfolg virtuell organisierter Teams: Ob sie funktionieren, hat vorrangig nichts mit der Technologie zu tun, sondern mit guten, alten psychologischen Grundtugenden eines gelingenden Miteinander: Kommunikation, Verlässlichkeit, Glaubwürdigkeit, Nähe, das Zurücknehmen von Eigeninteressen, Empathie und Vertrauen.
Eine gute Führungskraft für ein digitales Team muss also gar nicht so viel mehr oder ganz anderes beherrschen, als die Führungskraft eines analogen Teams. Sie muss dieselben Dinge nur noch stärker tun! Mehr transformational führen, gezielter kommunizieren. Weniger Law & Order, mehr Kommunikation & Empathie.
Wer diese Aspekte beherzigt, wird schnell feststellen: Das bisschen Technik stört kaum. Im Gegenteil: Bald tritt es als digitale Infrastruktur in den Hintergrund und wird vergessen. Zumindest, solange es reibungslos funktioniert. Und ich bin mehr als gespannt, ob – und wenn ja, wann – sich diese Erkenntnis auch bei meinem Klienten einstellen wird.
Der Autor
Martin Kruse coacht seit vielen Jahren Führungskräfte und Manager und ist seit 2019 Partner bei Leadership Choices, einer international aufgestellten Coaching-Organisation.














