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Artikel und Hintergründe zum Thema

Exner

Inka Krischke | Inka Krischke,

Roboter programmiert sich selbst

Roboter-Schweißverfahren waren im Stahlbau bis dato unrentabel. Dies ändert sich mit einer Lösung, bei der sich der Roboter selbst programmiert und anschließend jedes Bauteil sofort schweißt.

© Exner

Das Bauen mit industriell vorgefertigten Systemelementen aus Stahl und Beton ist ein Geschäftsfeld von Goldbeck, einem Unternehmen mit über 7500 Mitarbeitern und 70 internationalen Standorten, das vor allem im Hallen- und Parkhausbau aktiv ist. Das tragende Gerüst bilden unterschiedlich ausgeprägte und dimensionierte Stahlträger mit all ihren Anschlüssen von der Kopfplatte bis zu Steglaschen. Jedes dieser Bauteile kann beliebig viele Besonderheiten aufweisen – eine herkömmlich automatisierte Schweißstraße war daher für Goldbeck nicht sinnvoll. Denn jedes Bauteil-Unikat benötigt eine individuelle Programmierung: Parameter wie Material, exakte Abmessungen, zu schweißende Elemente und Schweißnahtlage sowie Ausführung müssen offline (mittels CAD-Datensätzen) programmiert werden. Ergo könnte ein Schweißroboter erst ab einer gewissen Mindest-Losgröße auf Dauer seine wirtschaftlichen Vorteile ausspielen.

Losgröße 1 rentabel automatisch ­schweißen

Der IRPS-Laser (sichtbar am roten Strich) scannt das reale Bauteil mit seiner Lage und erzeugt daraus eine Punktewolke, die in ein 3D-Modell umgerechnet wird.

© Exner

Um eine Lösung für das Schweißen bei Losgröße 1 zu finden, hatte Goldbeck verschiedene Forschungsprojekte gestartet. Doch die Ergebnisse waren durchweg eher ernüchternd. Im Jahr 2018 hörte das Unternehmen dann erstmals vom ‚Instant Robot Programming System‘ (IRPS) von Instantpro aus den Niederlanden. Diese Firma stellte die – aus damaliger Sicht gewagte – Behauptung auf, IRPS könne sogar Einzelstücke rentabel vollautomatisch schweißen.

»Der Kontakt zu Exner Ingenieurstechnik als Projektpartner und Instantpro als Hersteller von IRPS kam über Kuka Industries zustande, von denen wir bereits Anlagen in anderen Bereichen einsetzen«, erklärt Christian Schneider, Projektleiter Fertigung Stahlbau bei Goldbeck. »Als wir darüber informiert wurden, dass IRPS in der Lage sein solle, Werkstücke selbst zu erkennen und daraus Schweißprogramme zu erzeugen, klang das sehr futuristisch, allein wegen der vielfältigen Varianten, die das System berücksichtigen sollte. Also nahmen wir Kontakt auf und sahen uns eine Testanlage bei Exner in Holland an.«
Das patentierte System kann verschiedene Produktfamilien im Stahlbau mit beliebigen Maßen und in beliebiger Zusammenstellung automatisch schweißen. Systembekannte Bauteile müssen nicht mehr kontrolliert werden, und jedes neue Material oder Profil wird nur ein einziges Mal im System abgelegt, zusammen mit den optimalen Schweißparametern. Danach geht alles automatisch. 

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Aus der Punktewolke (grün) wird das 3D-Modell des Bauteils berechnet. Das ‚Instant Robot Programming System‘ – kurz IRPS – erkennt auch Vorrichtungen (lila) und lässt diese bei der Berechnung der Schweißnähte aus.

© Exner

Wie funktioniert das im Detail?

Vereinfacht gesagt wird das Werkstück auf einer Vorrichtung lose platziert oder – sofern nötig – fixiert, je nach Bauteil und Größe. Die Positionierung spielt keine Rolle, da der Roboter die Echtmaße erkennt. Zum Maßnehmen erhält er den Auftrag per Klick auf einem Touchscreen. Anschließend bewegt er sich über das Bauteil und liest dessen Maße und Lage mittels Laserscanner ein. Dieser Laserscanner wird fest an einer linearen Achse oder direkt am Roboter montiert. Während der Bewegung über das Bauteil wird ein präzises 3D-Model des Bauteils selbst erstellt, weshalb eine exakte Nullpunkt-Fixierung und ein Suchen der Nähte nicht erforderlich sind.
Das Ergebnis ist eine Punktwolke. Die IRPS-Basissoftware erkennt daraus eine in der Datenbank hinterlegte Bauteilform – zum Beispiel einen Doppel-T-Träger – und erstellt mittels algorithmischer Programme ein fertiges Roboterschweiß- und Bewegungsprogramm. Parallel wird das optometrische 3D-Scannerbild erzeugt und auf dem Touchscreen dargestellt. 
Dieses 3D-Modell des Bauteils lässt sich am Monitor im Raum drehen, ähnlich wie bei CAD-Modellen. Die Darstellung dient zur Prüfung und eventuellen Änderung zum Beispiel von Schweißnähten, Schweißparametern oder Brennerstellung.

Die IRPS-Software erkennt den Doppel- T-Träger (grau) und die nun mit ihm zu verschweißenden Bauteile (orange).

© Exner

Die IRPS-Software funktioniert auch als übergeordnete Steuerung des Schweiß-roboters. Sie steuert den Prozessablauf, erstellt das Bewegungsprogramm für den Scan-Vorgang, erzeugt aus der erhaltenen 3D-Punktwolke nach dem Scan ein Modell des Bauteils und schreibt fertige Roboter-Schweiß- und -Bewegungsprogramme. Die Software ist per Lizenz an die IRPS-Hardware gekoppelt. Sie steuert einen 6-achsigen Roboter, eine lineare Zusatzachse und einen Scanner. Weitere Zusatzachsen, Roboter oder Scanner sind optional möglich.
Hat der Scan das Bauteil erkannt und die Schweißnähte grafisch platziert, gibt der Werker mit einem einzigen Klick auf den Touchscreen den kompletten Schweißvorgang frei. Detaillierte Roboter- und Schweißkenntnisse sind nicht erforderlich.

 

Aus der Theorie in die Praxis

Das erzeugte 3DModell lässt sich frei im Raum bewegen. Die von IRPS vorgeschlagenen Schweißnähte sind bereits positioniert (grün).

© Exner

Goldbeck nahm die IRPS-Anlage im Früh-jahr 2019 in Betrieb. Zum Startzeitpunkt war die Anlage konfiguriert mit dem Fokus auf Doppel-T-Träger mit einer Länge bis zu 3000 mm. Da diese Werk-stücke sehr schwer sind, wurde ein Drehtisch installiert; so kann ein Werkstück geschweißt und währenddessen ein fertiges Teil entnommen sowie ein neues Teil eingelegt werden. Drehpositionierer wenden die Träger in die optimale Schweißposition. 

Der Laserscanner ist am Roboterarm montiert und der sechsachsige Roboter kann an einer Linearachse verfahren werden. Dadurch hat er einen maximalen Arbeitsraum. Das Werkstück wird vom Drehpositionierer entlang der Längs-achse leicht über Eck gedreht. IRPS scannt daher zunächst zwei von oben sichtbare Seiten des Werkstücks und erzeugt nicht nur das Schweißprogramm, sondern auch die für das optimale Schweißen notwendigen Lagever-änderungen für den Drehpositionierer. Sind die sichtbaren und erreichbaren Ebenen geschweißt, wird das Werkstück automatisch um 180° gewendet und erneut gescannt. Dann folgt der Schweißvorgang für die beiden weiteren Seiten. Es wird eine immer wieder reproduzierbare Schweißqualität erzielt. 
»Neben diesem einfachen Ablauf hat uns überzeugt, dass IRPS lernfähig ist und damit eine Art Künstlicher Intelligenz besitzt«, so Christian Schneider. »Bauteile, die das System einmal erkannt hat, werden ebenso wie die dazu verwendeten Schweißparameter in einer Parameterdatenbank abgelegt und müssen beim nächsten vergleichbaren Werkstück nicht mehr neu erlernt werden. Die Treffergenauigkeit hinsichtlich vorgeschlagener Schweißstellen und Nahtausführung war von Anfang an hoch.«

 

Stephan H. Gursky ist freier Journalist aus Wörth am Main.

© Gursky

Zusammengefasst ermöglicht IPRS eine reproduzierbare hohe Nahtqualität und die Möglichkeit, Bauteile gegenüber manuellem Schweißen in einem Zug zu schweißen. Die Anlage ist rentabler, weil sie ohne Pause auch im Mehrschicht-betrieb einsetzbar ist, und weil es zudem keines Programmierers bedarf, um Programme anzupassen. Die Effizienzsteigerung mit IRPS führte bei Goldbeck zu der Idee, die Produktfamilien um mehrere automatisch schweißbare Baugruppen zu erweitern und damit das Fertigungs-
spektrum dieses IRPS-Schweißroboters zu vergrößern.

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