Dell Technologies

Chris Kramar,

Mensch-Maschinen für ein neues Industriezeitalter

In den kommenden Jahren werden humanoide Roboter klassische Industrieroboter ergänzen und Produktionskonzepte verändern. Dank ihrer Anpassungsfähigkeit sind sie flexibel in komplexen Umgebungen einsetzbar. Multimodale KI-Modelle und Edge-Systeme dienen dabei als ‚Gehirn‘ dieser neuen Arbeitskräfte.

© Neura Robotics

Sensorik und künstliche Intelligenz haben es klassischen Industrierobotern in den vergangenen Jahren ermöglicht, ihre Umgebung wahrzunehmen und besser mit ihr zu interagieren. Inzwischen sind sie beispielsweise in der Lage, auch unbekannte Teile präzise zu greifen oder rechtzeitig innezuhalten, wenn menschliche Kollegen ihren Arbeitsbereich betreten. Mit neuen Situationen können sie allerdings nicht umgehen, sondern nur immer und immer wieder exakt die Tätigkeiten durchführen, für die sie programmiert und trainiert wurden. Das beschränkt ihren Einsatzbereich auf hochstandardisierte Abläufe in gut strukturierten Umgebungen.

Durch die schnellen Fortschritte in der KI-Entwicklung ändert sich das allerdings gerade. ‚Embodied AI‘ und ‚Physical AI‘ treiben die Integration von KI in physische Systeme voran, sodass diese kontinuierlich hinzulernen, sich anpassen und in dynamischen Umgebungen zurechtfinden können. Damit legen sie den Grundstein für Roboter, die dem Menschen nachempfunden und fähig sind, komplexere Aufgaben zu übernehmen – zumindest zukünftig. Die aktuelle Generation humanoider Roboter ist noch auf vergleichsweise einfache Tätigkeiten wie das Sortieren oder Zureichen von Teilen beschränkt, deutet das enorme Potenzial, das in ihr steckt, aber schon an.

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Amortisation in weniger als zwei Jahren

Zahlreiche Industrieunternehmen erproben den Einsatz humanoider Roboter bereits, darunter die deutschen Automobilhersteller BMW und Mercedes-Benz. Vorreiter sind nach Einschätzung der Managementberatung Horváth allerdings die USA und China, wo bis 2036 voraussichtlich rund 3,6 Millionen humanoide Roboter vor allem in der Industrie den Dienst aufnehmen werden.

In den folgenden Jahren sollen die Mensch-Maschinen dann auch andere Bereiche wie den Handel, das Gesundheitswesen und private Haushalte erobern, sodass die installierte Basis allein in den beiden Ländern auf etwa 120 Millionen Roboter anwächst, so die Prognose. Deutschland und Europa werden darauf achten müssen, hier im internationalen Wettbewerb nicht zurückzufallen; nicht allein, um konkurrenzfähig zu bleiben, sondern auch, um den demografischen Wandel und den daraus resultierenden Fachkräftemangel abzufedern.

In ihrer Studie gehen die Experten von Horváth davon aus, dass sich die Anschaffung humanoider Roboter für Unternehmen vergleichsweise schnell rechnet. Vor allem die höhere Produktivität durch den nur von Wartungs- und Ladezeiten unterbrochenen 24/7-Betrieb könnte mittelfristig für eine Amortisation bereits nach etwa 20 Monaten sorgen. Sinken durch die Serienfertigung der Roboter die Kosten pro Stück wie von Horváth angenommen auf 55.000 US-Dollar, geht es sogar noch schneller.

Entlastung bei Personalengpässen

Interessant ist der Einsatz humanoider Roboter vor allem in bestehenden Industrieumgebungen, die menschenzentriert sind und in denen menschliche Arbeiter komplexe und wechselnde Aufgaben erledigen. Dank ihrer menschenähnlichen Anatomie mit zwei Armen und zwei Beinen sollen die Roboter das bald ebenfalls können und dann beispielsweise bei der Montage von Teilen in der Kleinserien- und Variantenfertigung unterstützen, Maschinen und Anlagen bedienen oder Inspektionen vornehmen. Damit entlasten sie die Belegschaft und helfen, saisonale Nachfrageschwankungen oder urlaubs- und krankheitsbedingte Ausfälle abzufangen. Aufgrund ihrer Flexibilität lassen sie sich schnell überall dort einsetzen, wo menschliche Arbeitskräfte fehlen – und das, ohne dass betriebliche Abläufe umfangreich angepasst werden müssen.

Darüber hinaus sind solche Roboter geradezu prädestiniert dafür, körperlich anstrengende Tätigkeiten wie das Heben schwerer Teile oder Überkopfarbeiten zu übernehmen, und in Bereichen zu arbeiten, in denen etwa aufgrund der Temperaturen, des Geräuschpegels oder der entstehenden Gase und Dämpfe gesundheitliche Risiken bestehen. Auf diese Weise verbessern sie die Arbeitsbedingungen für die menschlichen Arbeiter und machen einzelne Jobprofile in der Fertigung deutlich attraktiver.

Training und Inferencing auf dem Shopfloor

Damit humanoide Roboter menschliche Tätigkeiten übernehmen können, benötigen sie eine umfassende Sensorik und multimodale KI-Modelle, die ihnen zum Sehen und Hören sowie zu grobmotorischen und feinmotorischen Fähigkeiten verhelfen. Das Training der KI-Modelle erfolgt teils mit echten, teils mit synthetischen Daten und häufig durch sogenannte Teleoperation, bei der Menschen einen Roboter zunächst fernsteuern. Dabei erlernt er die Bewegungs- und Arbeitsabläufe, um sie später eigenständig auszuführen.

Für die Datenverarbeitung auf dem Shopfloor werden kompakte und robuste IT-Systeme benötigt. © Dell Technologies

Unabhängig von der Trainingsart werden sehr leistungsfähige IT-Infrastrukturen am Edge benötigt, also direkt in der Produktionsumgebung. Das liegt schlicht an den enormen Datenmengen, die die hochauflösenden Kameras und anderen Sensoren liefern und deren Übertragung in die Cloud oder in ein zentrales Rechenzentrum nicht praktikabel oder zu teuer wäre. Viele Unternehmen haben bereits damit begonnen, ihre bestehenden Infrastrukturen schrittweise zu einer Edge-Umgebung auszubauen und nicht mehr alles in die Cloud oder ein Rechenzentrum zu verlagern. Abgesehen davon ist in vielen Fällen auch ein Training im Live-Betrieb vor Ort erwünscht, um neue Situationen schnell in die KI-Modelle einfließen zu lassen. Für die finale Anpassung der Fähigkeiten kann es sogar sinnvoll sein, die Modelle direkt auf den Systemen im Roboter feinzutunen.

Diese Systeme sind quasi das Gehirn der humanoiden Roboter und für das sogenannte Inferencing, also die Analyse der Umgebungsdaten und das Treffen von Entscheidungen, sowie die Steuerung der Motoren und hydraulischen Antriebe zuständig. Das Inferencing muss zwingend in den Robotern stattfinden, damit sie verzögerungsfrei auf ihre Umgebung reagieren können und auch dann noch absolut zuverlässig funktionieren, wenn die Netzwerkverbindung gestört ist oder abreißt.


Eine drahtlose Netzwerkverbindung besteht in der Regel dennoch, um die Roboter ‚over the air‘ mit Updates und aktuellen Daten von Maschinen und aus Business-Systemen versorgen zu können, mit denen sie ihre Arbeit planen. Das heißt, sie müssen nicht erst Anzeigen ablesen oder über Umwege mit Informationen zum nächsten Auftrag gefüttert werden, sondern erhalten diese automatisch in Echtzeit. Notwendig ist dafür eine nahtlose Integration in die bestehenden OT- und IT-Landschaften.

Hohe Anforderungen an die IT-Systeme

Die IT-Systeme auf dem Shopfloor und in den Robotern müssen deutlich robuster sein als klassische IT-Systeme für das Rechenzentrum, damit ihnen Staub, Feuchtigkeit, Temperaturschwankungen und Erschütterungen nichts anhaben können. Zudem benötigen sie einen guten Schutz vor Manipulationen und unberechtigten Zugriffen, sind sie in den Werkshallen doch relativ leicht zugänglich. Deshalb besitzen sie üblicherweise ein Trusted Platform Module (TPM), einen manipulationssicheren Chip, in dem eindeutige IDs aller Komponenten sowie Zertifikate und Schlüssel für eine sichere Kommunikation abgelegt sind.

In den Servern für das Training der KI-Modelle stecken leistungsstarke GPUs, die besser als herkömmliche CPUs für die parallele Verarbeitung der vielen Trainingsdatensätze geeignet sind. Außerdem sind sie häufig schmaler und kürzer als normale Rack-Server gestaltet, sodass sie sich gut in beengten Räumlichkeiten unterbringen lassen. In den Robotern selbst wiederum werden noch kompaktere Systeme verbaut, die eher mit NPUs und anderen für KI-Berechnungen optimierten Prozessoren ausgestattet sind. Hier kommt es neben der Leistung ganz besonders auf die Energieeffizienz an, denn die Roboter werden mit Batterien betrieben und sollen im Arbeitsalltag möglichst selten Ladestopps einlegen. Solche genügsamen Systeme lassen sich mit deutlich geringerem Aufwand kühlen und erfordern daher weniger Lüfter und Kühlrippen, was ein platzsparendes Design erleichtert.

Sowohl die Server als auch die Storage-Systeme, die für eine schnelle Datenbereitstellung ausgelegt sein müssen, sollten gut skalieren, sodass Unternehmen sie bei Bedarf leicht erweitern können. Da im Produktionsbereich meist kein reguläres IT-Personal im Einsatz ist, sind Zero Touch Provisioning und Remote Management mehr oder weniger Pflicht. Dann brauchen Arbeiter die Systeme nur zu montieren, ihre Einstellungen holen sie sich automatisch über das Netzwerk und werden anschließend vom IT-Team remote verwaltet. Dabei unterstützen moderne Plattformen für das Edge-Management, die eine zentrale Planung und Verteilung von Konfigurationsänderungen, Firmware- und Software-Updates sowie neuen Anwendungen ermöglichen. Sie verringern den Aufwand für das Onboarding neuer Systeme, bieten ein zentrales Monitoring und garantieren ein hohes Sicherheitsniveau, beispielsweise indem sie sicherstellen, dass nur Systeme, deren Komponenten und Firmware-Versionen vertrauenswürdig sind, einen Zugang zum Netzwerk erhalten.

Offene Ökosysteme bieten Flexibilität

Der Autor: Chris Kramar ist Director & General Manager OEM DACH bei Dell Technologies. © Dell Technologies

Noch steht der Einsatz von humanoiden Robotern in der Fertigung ganz am Anfang, es ist noch viel Entwicklungsarbeit notwendig, bis die mechanischen Arbeiter wirklich flexibel einsatzbar sind und sicher im selben Arbeitsbereich wie Menschen betrieben werden können. Viele Innovationen kommen von stark spezialisierten Anbietern, und da der Markt ganz allgemein noch sehr dynamisch und wenig standardisiert ist, sollten Unternehmen auf offene Ökosysteme setzen. Auf diese Weise vermeiden sie Abhängigkeiten und sind in der Lage, einzelne Komponenten im Technologiestack zu ersetzen, wenn Lösungen auftauchen, die noch besser zu den eigenen Anforderungen passen.

Die kommenden Monate und Jahre werden entscheidend für Fertigungsunternehmen, die sich zukunftsfähig aufstellen wollen. Wer jetzt Pilotprojekte mit humanoiden Robotern startet und seine Edge-Infrastruktur industrialisiert, verschafft sich einen nachhaltigen Vorteil, weit über einzelne Automatisierungsvorhaben hinaus. 

Redaktion: Inka Krischke

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