Expertentipps
Selbstführung im Home Office
Während der Corona-Pandemie sind viele Arbeitnehmer ins Home Office gewechselt. Doch wie schafft man hier die Abgrenzung von Berufs- und Privatleben? Wie hält man Ziele, Pläne, Termine und den Qualitätsstandard ein? Und wie beugt man einen Burn Out vor?
Wer andere führen möchte, muss zunächst einmal sich selbst führen. Dieser vielzitierte Gedanke findet sich vielfach in der Leadership-Literatur. Und das nicht ohne Grund: Denn er bringt eine Säule guter Führung sehr einfach auf den Punkt.
Doch damit ist noch nicht alles gesagt, geschweige denn getan. Wir wissen zwar, warum sie wichtig ist, doch: Wie geht Selbstführung eigentlich? Was ist sie überhaupt? Und: Wie verbessert man sie?
Selbstführung bedeutet, in der Lage zu sein, eigenständig mit Zielen, Plänen, Terminen und Qualitätsstandards umzugehen, aber auch eine Motivation zu entwickeln, Feedback zu verarbeiten und nicht ein System zu schaffen, in dem man ausbrennt.
Prioritäten setzen, Dinge ignorieren
Soweit, so gut. Die meisten Menschen wünschen sich an dieser Stelle konkrete Hinweise, wie sie ihre Selbstführung verbessern können. Eine Möglichkeit dazu ist der sogenannten ‚Circle of Control‘.
Wir können unsere Aufmerksamkeit auf drei verschiedene Bereiche lenken:
- Die Dinge, die wir selbst kontrollieren können,
- die Dinge, die wir beeinflussen können,
- die Dinge, die uns beeinflussen, die wir aber nicht beeinflussen können.
Der ‚Circle of Control‘: Wir können unsere Aufmerksamkeit auf drei verschiedene Bereiche lenken.
© Leadership ChoicesWenn ich nun meine Energie in den dritten Bereich investiere und beispielsweise täglich die Corona-Neuinfektionszahlen weltweit sondiere, oder mich ständig mit beunruhigenden politischen Entwicklungen in fernen Ländern auseinandersetze: Worauf genau zahlt das ein? Emotional betrachtet wäre die naheliegende Antwort: Sorge. Dinge, die mich beeinflussen, die ich aber nicht beeinflussen kann, sind in der Regel wenig hilfreich, um den Alltag zu bewältigen.
Interessanter wird es schon, wenn wir uns fragen: Was können wir beeinflussen oder gar kontrollieren? Im Home Office sind das beispielsweise Dinge wie
Werde ich gestört? – Die Wahrscheinlichkeit, konzentriert arbeiten zu können, ist in einem abgetrennten Raum höher als auf dem Sofa, wenn die Kinder zu Hause sind.
Wozu neige ich? – Bin ich der Mensch, der nahe dem Süßigkeiten-Vorrat nicht stillsitzen kann? Sollte ich vielleicht meinen Arbeitsplatz an einen anderen Ort verlegen?
Zu welchen Zeiten arbeite ich? – Wann kann ich Konzentrationsphasen in meinen Arbeitsalltag integrieren: eher vormittags, eher nachmittags oder gar abends?
Wann bin ich nicht erreichbar? – Wie grenze ich mich von der Arbeit ab? Halte ich feste Zeiten ein? Was macht diese Abgrenzung mit meiner Eigenmotivation?
Manchmal können uns sehr konkrete Ansätze weiterhelfen. Zum Beispiel: Welche Arbeitsmöbel verwende ich? Dies zu kombinieren mit offenen, kreativen Fragen, hilft uns, ein funktionierendes Konzept zu finden: Welche Freiheiten gibt mir mein Job, innerhalb derer ich mich meiner persönlichen Ideallösung nähern kann?
Zwischen Home Office und Home-Schooling
Im Home Office verschmelzen Arbeit und Privates. Wir tun gut daran, beide an neuralgischen Punkten wieder sauber voneinander zu trennen.
Ein entscheidender Faktor für unser Durchhaltevermögen im Home Office ist der Erwartungsdruck, den wir aufbauen. Versuchen wir, in allem perfekt zu sein? Im Home Schooling dem einen Kind bei den Matheaufgaben helfen, gleichzeitig mit dem Kindergartenkind spielen, Mittagessen kochen und nebenbei eine ziemlich anspruchsvolle Arbeitsaufgabe gemeinsam in einem agilen Team koordinieren? Nun, die Wahrheit über solche Multitasking-Stunts kennen wir alle: Wer versucht, alles gleichzeitig zu erledigen, wird am Ende nichts geschafft haben – außer sich selbst.
In die Kommunikation gehen
Müssen es also im Job 100 % an Aufwand und Leistung sein? Fragen Sie sich: Wie kann ich die Erwartungshaltung meiner Vorgesetzten beeinflussen? Welche Art von Gespräch bräuchte es möglicherweise? Vielleicht tun es 80%? Und was kann ich tun, um das kleine Kind sinnvoll zu beschäftigen? Vielleicht gibt es die Möglichkeit einer Spielpartnerschaft im Rahmen des Erlaubten?
Fragen Sie sich auch: Mit wem müssen Sie welche Vereinbarungen treffen, um die privaten und beruflichen Erwartungen anpassen und dann auch einhalten zu können?
Oftmals hilft auch schon ein ganz einfacher Trick: offen und ehrlich sein. Gehe ich transparent mit meiner Lebenssituation um, so können sich andere Menschen besser in meine Lage hineinversetzen. Ehrlichkeit und Offenheit erzeugen Empathie. Und Empathie hilft, menschliche Lösungen zu finden, mit denen man durch schwierige Zeiten kommt.
In diesem Sinne: Bleiben Sie empathisch!
Der Autor
Martin Kruse coacht seit vielen Jahren Führungskräfte und Manager und ist seit 2019 Partner bei Leadership Choices, einer international aufgestellten Coaching-Organisation.















