Interview mit Gunther Koschnick, ZVEI

Andrea Gillhuber,

ZVEI fordert bessere Rahmenbedingungen für die Elektrifizierung

Die Elektrifizierung bringt Herausforderungen und Chancen in verschiedenen Branchen. Im Interview betont Gunther Koschnick vom ZVEI-Fachverband Automation, dass die Standardisierung, Digitalisierung und regulatorische Rahmenbedingungen entscheidende Faktoren für eine erfolgreiche Umsetzung der „All Electric Society“ sind.

© killykoon/Stock.Adobe.com

Welche gemeinsamen Herausforderungen beobachten Sie in den verschiedenen Branchen, wenn es um die Umstellung auf All Electric-Lösungen geht?

Zunächst einmal muss man festhalten: Es passiert viel in den einzelnen Bereichen. Wir kommen der elektrifizierten, digitalisierten und automatisierten Welt Schritt für Schritt näher. Allerdings hakt es auch an einigen Stellen. Herausforderungen sehen wir bei der Standardisierung und den Rahmenbedingungen. Ohne sie ist die systemische Vernetzung nicht realistisch. Ein Beispiel sind intelligente Messsysteme. Da sind wir in Deutschland nicht so weit, wie wir sein könnten. Gleichzeitig sind die Digitalisierung und Flexibilisierung von steuerbaren Verbrauchern eine Grundlage für die All Electric Society: Erst wenn die Waschmaschine genau dann läuft, wenn der Strom günstig ist, wenn das Elektroauto als Zwischenspeicher zur Netzstabilität beiträgt und Energieproduktion und -verbrauch auch in der Industrie möglichst effizient aufeinander abgestimmt sind, sind wir auf dem richtigen Weg.

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Wie wirken sich infrastrukturelle Unterschiede zwischen den Sektoren auf den Fortschritt der Elektrifizierung aus?

Gunther Koschnick, Geschäftsführer des ZVEI-Fachverbands Automation © ZVEI

Die wichtigste Voraussetzung bleibt erstens, dass die Energie zur Verfügung steht. Elektrifizierung – ob nun direkt oder indirekt, zum Beispiel über Wasserstoff – wird sich durchsetzen, wenn die Kostenvorteile der Erneuerbaren endlich in niedrigere Preise münden. Hier ist die Politik gefragt: Steuern und Umlagen müssen dringend sinken. Zweitens benötigt die digitale Vernetzung einheitliche Datenmodelle, die alle einschließen – von Erzeugern über die Verbraucher in Industrie, Gewerbe und Privathaushalten bis zu den Speichern. Ein Beispiel, an dem wir beim ZVEI aktiv arbeiten, ist der Digital Product Passport 4.0 (DPP 4.0), der auf dem digitalen Zwilling der Asset Administration Shell (AAS) basiert. Solche Standards ermöglichen erst die Vernetzung, die Basis der All Electric Society ist.

Inwieweit beeinträchtigen unterschiedliche regulatorische Rahmenbedingungen die sektorenübergreifende Umsetzung der Vision All Electric Society?

Das Risiko liegt weniger in unterschiedlichen Normen als in einer zu umfassenden und teils widersprüchlichen Regulierung oder gar Doppelregulierung. Deshalb fordert der ZVEI ein Regulierungsmoratorium im Digitalbereich. Die Vielzahl der Regulierungen, die auf EU-Ebene in den vergangenen Jahren auf den Weg gebracht wurden, ist ein Problem. Ihre Umsetzung bindet bei den Unternehmen viele Ressourcen, die nicht für die eigentlichen unternehmerischen Aufgaben genutzt werden können. Und weil wir bei der All Electric Society über die digitalen Netze der Zukunft sprechen, gilt hier die gesamte Digitalregulierung der EU: Data Act, Cyber Resilience Act, AI Act – die Motive mögen richtig sein, aber die Umsetzung schießt über das Ziel hinaus.

Wie können Unternehmen und Verbände unterschiedlicher Sektoren gemeinsam Standards entwickeln, um den Übergang zu einer All Electric Society zu erleichtern?

Das Wichtigste ist, den Fokus auf die Praxis zu legen. Es geht nicht in erster Linie um Strukturen und abstrakte Ziele, sondern um konkrete Anwendungsszenarien und Use Cases. Mit dieser Perspektive können Standards entstehen, die einen echten Nutzen für die Anwender bringen. Im ZVEI gestalten wir das unter anderem für das Thema Gleichstrom. Das Interesse ist groß: An der internationalen Arbeitsgemeinschaft Open Direct Current Alliance (ODCA) sind etwa 80 Unternehmen beteiligt. Gleichstromnetze sind für eine elektrifizierte Zukunft eine wichtige Technologie, da Wandlungsverluste entfallen. Dadurch steigt die Effizienz deutlich, während gleichzeitig der Ressourcenverbrauch sinkt. Das Wissen, das wir für die Umsetzung benötigen, gewinnen Unternehmen aber nur, indem sie Praxiserfahrung sammeln.

Welche Technologien bieten sektorenübergreifend Synergien, die den Elektrifizierungsprozess beschleunigen könnten, und warum gerade diese?

Die Stichworte sind schon gefallen: Es geht um erneuerbare Energien, um intelligente und flexible Netze und Speicher, um Gleichstrom – und vor allem darum, so gut wie alle Verbraucher in die Sektorenkopplung einzubeziehen. Denn die wahren Potenziale in Sachen Effizienz und Resilienz liegen in der smarten Vernetzung, indem sich Angebot und Nachfrage von Energie gegenseitig digital steuern. So können wir den CO2-Ausstoß senken, Verluste minimieren, den Primärenergieverbrauch verringern und Kosten sparen.

Wie tragen interdisziplinäre Forschungs- und Entwicklungsprojekte dazu bei, sektorenübergreifende Herausforderungen zu meistern?

In der Phase, in der wir uns befinden, geht es in den meisten Fällen nicht mehr um Grundlagenforschung. Wir haben die Technologie, die wir benötigen. Systemisch liegt die Aufgabe nun darin, sie einzusetzen und zu skalieren. Dabei helfen Programme vor allem dann, wenn sie Unternehmen und Forschungsinstitute zusammenbringen und einen Austausch darüber fördern, welche Hindernisse die Umsetzung stören – beispielsweise fehlende Standardisierungen. Denn erst dann können vorhandene Technologien flächendeckend Anwendung finden.

Auf welche Weise kann die enge Zusammenarbeit zwischen öffentlichen und privaten Akteuren die sektorenübergreifende Transformation unterstützen?

Politik und Verwaltung dürfen den Wandel hin zur All Electric Society, die ausdrücklich die indirekte Nutzung von Strom einschließt, nicht ausbremsen. Wir führen auf der diesjährigen Hannover Messe in der All Electric Society Arena auf dem ZVEI-Hauptstand in Halle 11 wieder genau die notwendige Diskussion, indem wir Unternehmensvertreter mit Politik und Wissenschaft zusammenbringen. In der Praxis können wir uns viel von Nachbarländern abschauen. Wir brauchen bessere Rahmenbedingungen für Speichertechnologien und müssen den Unternehmen die nötigen Investitionen ermöglichen. Die Bürokratielast ist ein großes Hindernis, das wir dringend beseitigen müssen. Der enorme Aufwand hemmt Innovation und schadet der Wettbewerbsfähigkeit.

Welche langfristigen Strategien halten Sie für erfolgversprechend, um eine reibungslose und koordinierte Umstellung aller Sektoren auf elektrische Systeme zu gewährleisten?

Der springende Punkt ist doch: Technisch gesehen ist die elektrische Energie in Sachen Emissionen und Effizienz der klare Gewinner. Die übergeordnete Strategie muss nun darin bestehen, die Motivation zu fördern – und die beste Motivation wäre ein wettbewerbsfähiger Preis. Der ZVEI fordert seit Langem, ihn von den Zusatzkosten zu befreien. Strom muss günstig sein, damit Investitionen stattfinden.

Welche Rolle spielen staatliche Förderprogramme oder Initiativen bei der sektorenübergreifenden Koordination der Elektrifizierungsstrategien?

Wenn die Rahmenbedingungen stimmen, werden sich sektorenübergreifende Regelungen allein deshalb durchsetzen, weil sie technisch und ökonomisch sinnvoll sind. Die Herausforderung besteht vor allem darin, allen Beteiligten, vom Hersteller bis zum Nutzer, eine langfristige Investitionssicherheit zu geben. Das Negativbeispiel für einen Mangel an verlässlicher Politik ist das Elektroauto: Der plötzliche Wegfall einer Förderung führt unmittelbar zu Überkapazitäten. Dadurch verschiebt sich der Markt – und man kann wieder hinter bereits Erreichtes zurückfallen.

Der eMonitor – Wegweiser für die Energiewende

Der ‚eMonitor‘ des ZVEI misst und dokumentiert den Fortschritt der Elektrifizierung in Deutschland. Ziel ist es, den Wandel hin zur „All Electric Society“ sichtbar zu machen und Handlungsspielräume aufzuzeigen. Die bisherigen Ergebnisse bestätigen, dass Fortschritte erzielt wurden, aber auch Nachholbedarf besteht – insbesondere im Verkehrssektor. Der eMonitor bietet nicht nur Daten, sondern stellt diese in einen politischen und wirtschaftlichen Kontext, um fundierte Handlungsempfehlungen zu geben. Die intelligente Vernetzung von Stromverbrauchern, Speichern und Erzeugern spielt dabei eine zentrale Rolle.

Erfahren Sie mehr über den eMonitor: Im Interview gibt Mark Becker-von Bredow, Bereichsleiter Elektrifizierung und Klima beim ZVEI, Einblicke in die Hintergründe, Ziele und geplante Weiterentwicklungen des Gradmessers der Elektrifizierung.

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