Interview mit Ulrich Leidecker, Phoenix Contact
"Aus Offenheit entsteht Resilienz"
Phoenix Contact richtet sein Portfolio zunehmend strategisch an der ‚All Electric Society‘ aus. Nachhaltigkeit, Effizienz und Recyclingfähigkeit sollen so über alle Geschäftsbereiche hinweg umgesetzt werden. Wie, das erläutert Ulrich Leidecker im Gespräch mit Andrea Gillhuber.
Herr Leidecker, wie lautet das übergeordnete technologische Leitbild von Phoenix Contact für die kommenden Jahre?
Die ‚All Electric Society‘ ist unser Leuchtturm, an dem sich alle Portfolioelemente strategisch ausrichten. Das ist relevant, weil wir ein extrem breites Portfolio haben: von Klemmentechnik über Stromversorgungen, Relaistechnik, Überspannungsschutz, Feldanschluss, Verkabelung, Automatisierungstechnik und vieles mehr.
Nicht bei jedem Produkt ist der Beitrag zur All Electric Society sofort offensichtlich, aber alle Bereiche sind gehalten, genau darauf einzuzahlen: Nachhaltigkeit, Effizienzsteigerung, Minimierung des Materialeinsatzes, Recyclingfähigkeit. Das ist unser übergreifendes, kernstrategisches Element.
Wenn wir speziell auf die Automation schauen: Wie positionieren Sie sich dort im Wettbewerb?
In der Automation sind wir im Vergleich zu den ganz großen Playern eher kleiner. Deshalb haben wir uns sehr genau überlegt, wie wir uns dort ausrichten, um in der Industrie eine wahrnehmbar relevante Rolle zu spielen. Unser Kernelement ist ganz klar: Offenheit.
Wir sind nach wie vor die Ersten und im Wesentlichen die Einzigen, die bereit sind, den gesamten Source Code unserer Steuerungstechnik mit Partnern zu teilen. Nicht kostenfrei, aber vollständig für diejenigen, die Teil des Ökosystems PLCnext Technology werden wollen. Wir sind überzeugt, dass Offenheit ein Wettbewerbsvorteil ist. Proprietäre Systeme werden es immer schwerer haben, gerade mit Blick auf Cybersecurity.
Warum messen Sie Offenheit und Open Source gerade beim Thema Sicherheit so große Bedeutung bei?
Wir haben das von Linux gelernt: Vollständige Offenheit hat dort zu extrem sicheren Plattformen geführt. Das versuchen wir auf die industrielle Steuerungstechnik zu übertragen.
Unternehmen wie Festo oder Yaskawa haben nach sehr intensiver Marktanalyse entschieden, diesen Weg mit uns zu gehen, weil man so Mehrwert generiert und Cybersecurity besser sicherstellen kann, als wenn jeder alles für sich allein macht. Aus Offenheit entsteht Resilienz.
Welche weiteren strategischen Schwerpunkte setzen Sie neben der Automation?
Ganz klar: Energie. Wir sind überzeugt, dass viele Bereiche der Energietechnik heute unterautomatisiert sind. Gleichzeitig gibt es eine enorme Notwendigkeit zur Digitalisierung der Netze. Die Summen, die dort in den nächsten Jahren investiert werden müssen, sind gigantisch – das kann kein Anbieter allein stemmen.
Deshalb wieder der Plattformgedanke: gleiche Technologie, ohne Abhängigkeit von einem einzelnen Hersteller.
Wie reagieren Kunden auf diesen Plattform- und Offenheitsansatz?
Unser Argument gegenüber Endkunden lautet: Du bekommst bei Phoenix Contact ein hervorragendes Automationssystem. Aber wenn du irgendwann wechseln willst, musst du nichts an der Architektur ändern, du kannst andere Anbieter integrieren.
Intern war das übrigens der schwierig-ste Schritt: zu sagen, wir geben alles preis, was wir über Jahre mit Hunderten von Entwicklerinnen und Entwicklern aufgebaut haben. Das brauchte intern fast mehr Überzeugungsarbeit als extern. Extern fragt jeder: "Wo ist der Haken?" und wir antworten: Es gibt keinen.
Wenn alles offen ist: Was ist dann überhaupt Ihr Differenzierungsmerkmal? Nur die Offenheit?
Nein, natürlich auch die Leistungsfähigkeit des Systems selbst. ‚PLCnext Technology‘ ist hoch performant. Wir haben dort zum Beispiel den ‚Execution Synchronization Manager, ESM‘ implementiert: Sie können Programme aus verschiedenen Programmiersprachen – IEC 61131, Hochsprachen, MATLAB/ Simulink – echtzeitfähig parallel ausführen lassen und das alles domain-nativ synchronisiert.
Ein zweites zentrales Element ist der Global Data Space, GDS: ein globaler, konsistenter Datenraum, der von Echtzeit- und Nicht-Echtzeit-Applikationen gleichermaßen genutzt wird. Der GDS sorgt für den synchronen und konsistenten Prozessdatenaustausch zwischen Programmen, Feldbussystemen und weiteren Komponenten.
Aber: Diese technologischen Kerne haben unsere Partner im Ökosystem ebenfalls. Wir differenzieren uns hier über Domänenkompetenz, Portfolio-breite und Marktzugang.
Welche besonderen Herausforde-rungen sehen Sie speziell im Energiesektor?
Im Energiebereich kommen sehr spezifische Herausforderungen dazu. Die installierte Basis soll oft Jahrzehnte im Feld bleiben. Energieversorger sind gewohnt, dass man eine Komponente einbaut und sie nach 40 Jahren noch identisch bekommt. Das funktioniert nicht mehr.
Wir alle arbeiten mit Halbleitern und Prozessoren für Redundanz, Kommunikation, Intelligenz. Diese Bauteile wird es in 40 Jahren schlicht nicht mehr geben.
Wir müssen also mit Abwärtskompa-tibilität arbeiten und eine Industrie, die das nicht gewohnt ist, an zyklische Updates und an kontinuierliche Cybersecurity heranführen. Kurz gesagt: schneller und dynamischer zu arbeiten, denn nur so ist Sicherheit überhaupt erreichbar.
Sie sagten, der Energiemarkt sei unterautomatisiert. Welchen Netzbereich meinen Sie konkret?
HGÜ, also Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragungen, habe ich ehrlich gesagt weniger im Fokus, weil neue Anlagen von Anfang an digital gebaut werden – mit IEC 61850 statt alter IEC 60870-5-104-Protokolle.
Spannend ist die "letzte Meile" im Verteilnetz: Trafostationen, wo aus 10 oder 20 kV am Ende 400 V werden. Davon gibt es in Europa rund 700.000 und die sind weitgehend unintelligent. Sie wurden für ein Pyramidensystem aus Erzeugung, Transport, Verteilung und Verbrauch gebaut.
Heute haben Sie in Wohngebieten Photovoltaik, Wallboxen mit 22 kW, dezentrale Speicher. Dieses Netz ist dafür nicht ausgelegt. Wir brauchen Prosumer-Strukturen – Erzeuger und Verbraucher zugleich – und eine intelligente Steuerung über alle Ebenen hinweg: von der Trafostation bis zur großen PV-Freifläche oder Anbindung von Windenergieanlagen.
Auch Schnellladen funktioniert oft nur mit Batteriespeichern, weil das Netz die Spitzen nicht liefern kann. Langfristig brauchen wir insgesamt deutlich intelligentere Netze. Das ist eine Aufgabe über mehrere Dekaden und für Phoenix Contact extrem relevant, weil dort unser gesamtes Portfolio gefragt ist, nicht nur Automation.
Ist damit auch Gebäudeautomation und industrielles Energiemanagement ein Wachstumsfeld?
Hundertprozentig. Industriebauten haben heute dieselben Herausforderungen wie das Energiesystem im Großen. Deshalb ist das ein klarer Zielmarkt.
Wir haben das selbst umgesetzt – in unserer All Electric Society Factory, einem energieeffizienten Industriegebäude. Dort berücksichtigen wir Strom, Wärme und Kälte, setzen auf DC-Netze und nutzen unter anderem einen 1700-m³-Eisspeicher. Das Gebäude verbraucht etwa 1,8 bis 1,9 GWh, die regenerative Energieerzeugung bei insgesamt 2,4GWh. Der Autarkiegrad liegt bei über 70 %.
Diese Verzahnung von Netzen, Gebäuden und Industrie ist das zweite große Wachstumsfeld.
Wie stehen Sie Gleichstrom-Netzen gegenüber?
Bei industriellen DC-Netzen, also 650 oder 700 V, stehen wir weltweit noch am Anfang. Es fehlt teilweise an Regulatorik und optimierten Komponenten. In Logistik- oder Förderanlagen sehen wir großes Potenzial, etwa durch Rekuperation bei Hubbewegungen.
Wir selbst haben Anlagen in Asien noch klassisch in AC gebaut, schauen aber für kommende Erweiterungen klar in Richtung DC. Dafür entwickeln wir gerade neue Komponenten: Leistungsschutzschalter für DC, Schaltgeräte, Antriebstechnik. Das wird eventuell noch Jahre dauern, bis es breit eingesetzt wird, daher findet DC zunächst in Nischen mit viel Rekuperationspotenzial Anwendung.
Welche Rolle spielen Konsortien wie die ODCA?
Eine große. Wir brauchen die Konsor-tien für die Normung und auch für den Dialog mit der Politik. Es geht weniger um Förderprogramme als um praktikable technische Zulassungen.
Ein Beispiel: In unserer All Electric Society Factory kommt der Solarstrom als DC vom Dach, das Gebäude arbeitet weitgehend DC-seitig.
Aber wir dürfen über diese DC-Infrastruktur nicht wieder ins öffentliche Netz einspeisen, weil dafür die entsprechenden Normen und Zulassungen fehlen. Da braucht es schnellere Prozesse und klare regulatorische Rahmenbedingungen.
Regulatorik hat im Moment aber nicht gerade den besten Stand in der deutschen Industrie…
Der Grundgedanke von Regularien ist fast immer gut. Beim Cyber Resilience Act erwarten wir sogar, dass er unserer Industrie hilft und neue Services ermöglicht. Problematisch ist oft die Umsetzung: Fristen, Lieferkettenanforderungen, Dokumentations- pflichten.
Wir sehen das bei RoHS, REACH, PFAS, Lieferkettengesetz – alles inhaltlich richtig, aber für europäische Unternehmen teilweise ein enormer Wettbewerbsnachteil, wenn andere Weltregionen diese Anforderungen nicht in gleicher Weise erfüllen müssen.
Es braucht also mehr Praxisnähe bei der Ausgestaltung. Sonst regulieren wir uns selbst aus dem Markt.
Welche Meilensteine haben Sie sich bis 2027 oder 2030 gesetzt?
Für 2030: deutlich bessere Standardisierung und Modularisierung im Energiesektor, vor allem bei Energie-management und Sektorenkopplung. Außerdem echte industrielle Anwendungen mit DC-Netzen und ein deutlich erweitertes DC-Komponentenportfolio.
Virtualisierung, KI und Cyber Resilience bleiben zentrale Themen – gerade mit Blick auf zukünftige Entwicklungen wie Quantencomputing.
Gibt es ein persönliches Moonshot-Projekt für Sie?
Ganz klar: Energie. Software, Integration, Sektorenkopplung, Algorithmen – da ist noch enorm viel zu tun. Eine ganzheitliche Lösung für moderne Energietechnik wäre mein persönlicher Moonshot.
Dann werden Sie die nächsten 20 Jahre gut beschäftigt sein.
Definitiv. Strategisch sehen wir das genauso: Energietechnik wird ein Segment mit ganz eigener Dynamik. Darauf richten wir viele unserer Ressourcen aus.
Herr Leidecker, vielen Dank für das Gespräch!










