Steuern & Regeln (News)

Meinrad Happacher,

Virtuelle Inbetriebnahme

Der wachsende Funktionsumfang moderner Maschinen und Anlagen macht sich in zunehmender Komplexität der Software bemerkbar. Die Firma Voith Paper entschied sich deshalb bei der Neuentwicklung eines Rollenschneiders erstmals für eine Vorabsimulation in Form einer virtuellen Inbetriebnahme.

Von Felix Rhöse und Volker Schölzke

Die Sparte Finishing bei Voith Paper in Krefeld entwickelt und fertigt Rollenschneider für die Papierindustrie. Rollenschneider zerschneiden die großen und schweren Rohpapierrollen – Tambour genannt – in kleinere und leichtere Rollen. Hierfür wird das Papier vom Muttertambour – Gewicht bis zu 150 t, Breite bis zu 10 m und Durchmesser bis rund 4,5 m – automatisch abgewickelt und bei einer Papiergeschwindigkeit von 3000 m/min auf schmälere Formate geschnitten und danach mit kleinerem Rollendurchmesser wieder aufgewickelt.

Im Rahmen der Neuentwicklung eines Doppeltragwalzenrollers überarbeitete Voith neben der Antriebstechnik und dem mechanischen/kinematischen Aufbau auch die Steuerungstechnik. Um bereits im Vorfeld der Auslieferung der neuen Anlage ein hohes Maß an Funktionssicherheit zu gewährleisten, fiel erstmalig bei Voith Paper die Entscheidung zur Durchführung einer virtuellen Inbetriebnahme. Ziel war es, die Inbetriebnahme effizient zu unterstützen und neue Funktionen auf Herz und Nieren zu prüfen. Diese Notwendigkeit ergibt sich auch wegen der begrenzten Möglichkeiten die Anlage im Werk aufzubauen, da dort sowohl der vor- als auch der nachgelagerte Schritt im Papierherstellungsprozess nicht zur Verfügung steht.

Die Anforderungen

Keine Änderungen an der Software: Oftmals leiden Systeme zur virtuellen Inbetriebnahme daran, dass die Software in Teilen geändert werden muss, um die Testbarkeit zu gewährleisten. Dies führt in der Regel zu einer deutlich geringeren Akzeptanz bei Programmierern und Inbetriebnehmern, da die Software dann nicht dem Auslieferungszustand entspricht. Somit war die erste Priorität bei der Festlegung der Anforderungen, dass die Software in keiner Weise geändert werden darf: Aus Sicht der Software durfte es keine Rolle spielen, ob die Ein- und Ausgangssignale nun von der realen Maschine oder von der Simulation bereitgestellt werden.

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Simulations-Erstellung: Wichtig ist, dass Simulations-Ersteller und Software-Entwickler unabhängig voneinander an dem Projekt arbeiten.

Echtzeit-Zyklen unter 50 ms: Da es sich bei dem eingesetzten Steuerungssystem um eine SPS handelt, ist es notwendig alle Ein- und Ausgangssignale in Echtzeit zu verarbeiten und zur Verfügung zu stellen. Eine Zykluszeit von 50 ms wurde als Anforderung notiert.

Simulation mit realen Hardwarekomponenten: Neben der eigentlichen Steuerungssoftware sollten auch weitere Software-Komponenten, die für einen Betrieb der Anlagen notwendig sind, einem Test unterzogen werden. Hierzu gehören die Bedienoberfläche auf Basis von WinCC sowie das Mobile-Panel, das mit WinCC flexibel programmiert wurde. Als besondere Herausforderung ist die eingesetzte Failsafe-Technik von Siemens zu nennen, die das originäre Ziel hat, Fehler und Fehlverhalten zu erkennen und richtig zu reagieren. Dieser Steuerung eine Maschine „vorzuspielen“, die real gar nicht existiert, ist nicht trivial.

Nutzen bestehender 3D-Konstruktionsdaten: Neben der rein funktionalen Sicht auf die Bereitstellung von Ein- und Ausgangssignalen war eine weitere Anforderung, die bereits bei Voith Paper zur Verfügung stehenden 3D-Konstruktionsdaten für die Visualisierung des Anlagenverhaltens zu verwenden. Auch hier kranken viele Simulationssysteme an mangelnden Möglichkeiten einer grafischen Darstellung des Prozessablaufs.

Für die Simulation wird lediglich das Verhalten auf Komponentenseite nachgebildet.

Eine Prüfung der Software in ihrem Verhalten ohne echte Anlagenvisualisierung ist in diesen Fällen oft nur auf Bitmusterbasis möglich und sehr aufwendig und teils auch zu komplex, um das Verhalten noch zuverlässig beurteilen zu können. Daneben sollte kein zusätzlicher Aufwand in die Erstellung einer virtuellen Anlage investiert werden.

Skalierbare Simulationshardware: Da neben der Vielzahl von Ein- und Ausgangssignalen (>1000) auch eine ruckfreie Darstellung der 3D-Anlage möglich sein sollte, lag großes Augenmerk auf der Skalierbarkeit der zum Einsatz kommenden Software auf mehrere Rechner. Somit war es möglich, die grafische Darstellung der Anlage und die Prozesssimulation auf zwei unabhängigen Rechnern ablaufen zu lassen. Vorteilhafter Nebeneffekt: Die Möglichkeit, rechenintensive Bestandteile des Simulationsmodells auszulagern.

Bei der Auswahl eines geeigneten Systems der virtuellen Inbetriebnahme kamen die Produkte zweier Hersteller in die engere Wahl, wobei letztlich die Software WinMOD von Mewes&Partner den Zuschlag erhielt.

Der Workflow

Grundlage für einen effizienten und aussagekräftigen Test ist die Unabhängigkeit zwischen Software-Entwickler und Ersteller des Simulationsmodells, wenngleich sich beide Fakultäten der gleichen Basisdaten bedienen. Wie auch für den Software-Entwickler stellen Spezifikationen, Stromlaufpläne sowie Hydraulikschemata die wesentliche Entwurfsbasis für den Simulations-Ersteller dar (Bild 1). Erfahrungsgemäß werden bereits in dieser frühen Phase Fehler in den Dokumenten gefunden, da sich widersprüchliche Daten in Spezifikationen und Plänen seitens der Simulation nicht umsetzen lassen.

Die 3D-Visualisierung eines Anlagenteils.

Erstellen einer Komponenten-Bibliothek: Seitens der Simulation muss das Verhalten der Ein- und Ausgangssignale korrekt nachgebildet werden. Das Beispiel eines einfachen Pneumatikzylinders mit Rückmeldekontakten mag dies verdeutlichen: Wird die Spule des Wegeventils des Pneumatikzylinders angesteuert – Zylinder ausfahren –, so muss der zugehörige Rückmeldekontakt entsprechend des realen Verhaltens in Echtzeit zurückgemeldet werden. Analog dazu erfolgt die Abbildung des Verhaltens beim Einfahren des Zylinders. Eine Logik im Sinne der Programmierung des Anlagenverhaltens ist nicht nachzubilden, es wird lediglich das Verhalten auf Komponentenseite umgesetzt. Dies geschieht für die verschiedenen in der Anlage verbauten Maschinenelemente wie Antriebe, hydraulische und pneumatische Zylinder, Wegaufnehmer, Drehzahlgeber oder Druckbehälter und Füllstände. Da viele dieser Komponenten häufiger und in oftmals gleicher Funktionsweise in einer Anlage Verwendung finden, wurde eine Komponenten-Bibliothek geschaffen, die sich im Sinne eines Baukastens wiederverwenden lässt. Somit werden ein und dieselben Simulations-Komponenten lediglich mit unterschiedlichen Ein- und Ausgangsdaten parametriert. Dies ermöglicht nach einem gewissen Initialaufwand für die typischen Komponenten eine einfache und aufwandsarme Wiederverwendung in weiteren Maschinen und Anlagen (Bild 2).

Aufbereitung der Inventor-Daten: Eine gute Basis für eine wirklichkeitstreue Darstellung der Maschine stellen die mechanischen Konstruktionsdaten in 3D dar. Neben einem hohen Detaillierungsgrad ist der Bekanntheitsgrad der Darstellung unter den Beteiligten sehr hoch, da diese Daten über den gesamten Entwicklungsprozess hinweg in dieser Form vorliegen. Somit können 3D-Konstruktionsdaten als gemeinsame Kommunikationsplattform aller Beteiligten dienen. Die in diesem Fall im Inventor-Format vorliegenden Daten müssen für die bewegte Darstellung innerhalb der Simulation aufbereitet werden. Das Simulationsprogramm erfordert das offene und standardisierte Format VRML (Virtual Reality Modelling Language). Für Inventor gibt es entsprechende Programme, die es ermöglichen, die Daten in das VRML-Format zu übersetzen. Auf Basis dieser Daten können dann die zu bewegenden Achsen festgelegt und in das Simulationsprogramm eingebunden werden (Bild 3). Am Beispiel des Pneumatikzylinders bedeutet dies, dass das Ausfahren der Kolbenstange samt aller daran befindlichen Elemente dargestellt wird. Die 3D-Darstellung ist nun in der Lage Bewegungen ruckfrei darzustellen. Erstmals „lebt“ die Maschine.

Für die Simulation notwendiger Hardwareaufbau.

Anbindung der Simulation an die SPS: Wie lässt man eine SPS glauben, dass es sich bei ihrer Peripherie nicht um eine Simulation, sondern um eine „virtuelle“ reale Maschine handelt? Herzu werden auf dem Markt für Simulationssysteme unterschiedliche Wege beschritten. Die Anforderung, auch das Sicherheitsprogramm in vollem Umfang zu testen sowie keine Änderungen an der Software vorzunehmen, lässt jedoch nur die Möglichkeit, die dezentralen Feldgeräte zu simulieren. Das bedeutet, dass die vollständige dezentrale Peripherie – die typischerweise an verschiedenen Stellen in der Maschine integriert ist – mit in die Simulation einzubeziehen ist. Der Feldbus wird hierbei „aufgeschnitten“ und die Informationen, welche die Feldgeräte üblicherweise mit der SPS austauschen, werden nachgebildet. Klingt kompliziert, ist es aber nicht. Es ist ein sauberer Schnitt zwischen Feldebene und Steuerung (Bild 4).

Das Simulationssystem ist mit einer Profibuskarte ausgerüstet, die es ermöglicht, eine Vielzahl von Busteilnehmern zu simulieren. Diese Profibuskarte wird mit exakt der gleichen Hardwarekonfiguration geladen, wie die eigentliche SPS. Somit weiß die Karte genau, welche Teilnehmer sie simulieren soll und über welche Ein- und Ausgangsstrukturen diese verfügen. Es stehen nun alle dezentralen Ein- und Ausgabedaten innerhalb der Simulation zur Verfügung. Hierüber kann das Maschinenverhalten auf den Profibus „aufgeschaltet“ werden.

Autoren

Felix Rhöse ist Consultant bei der ITQ GmbH.

Volker Schölzke ist Leiter Antriebe und Finishing Prozesstechnologie bei der Voith Paper GmbH.

 

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