ARC Advisory Group

Günter Herkommer,

Szenarien statt Prognosen

Angesichts der Unwägbarkeiten im Zusammenhang mit der derzeitigen Weltwirtschaftskrise wagt kaum einer mehr, konkrete Vorhersagen zur Geschäftsentwicklung zu machen. Dabei wäre ein klarer Blick nach vorne dringend nötig, um sich für die Zukunft zu wappnen. Was als Alternative zur Prognose bleibt, ist zumindest die Entwicklung von Szenarien – vom Worst-Case bis zum Best-Case.

Ein Grund für unzulängliche Prognosen in der Automatisierungsbranche ist, dass eine Seite oft zu stark auf technologische Trends baut, wohingegen die andere Seite sich zu stark auf die ökonomische Interpretation schlägt. Dabei wird den Zusammenhängen - beispielsweise zwischen Industrial Ethernet und verkauften Steuerungen oder zwischen dem Bruttoinlandsprodukt (BIP) und dem Markt für Motion Control - häufig zu wenig Beachtung geschenkt. Eine genauere Analyse der marktbeeinflussenden Faktoren, wie sie ARC im Gespräch mit Marktteilnehmern identifiziert hat (siehe Tabelle), macht deutlich, dass aber gerade eine isolierte Betrachtung den Blick verzerrt: Wer sich auf die technische Seite konzentriert, wird kurz- und mittelfristige Faktoren ignorieren beziehungsweise deren Wirkung unterschätzen und die Prognose wird zu optimistisch ausfallen. Wer sich auf die vorwiegend ökonomischen, kurzund mittelfristigen Faktoren fokussiert, tendiert zur Überbewertung der aktuell schlechten Lage.

Einflussfaktoren der Automatisierungsbranche: Negative Faktoren (rot) überwiegen gegenwärtig auf kurze Sicht, während positive Faktoren (grün) die langfristige Entwicklung dominieren.

© Bild: ARC

Dabei gibt es unbestreitbar einen Zusammenhang zwischen den verschiedenen Faktoren. Gerade die konjunkturelle Lage bestimmt oft die Höhe und Art der Investitionen und damit auch die eingesetzte Automatisierungstechnik. Auch die Entwicklungsausgaben der Automatisierungsanbieter hängen von den Geschäftsentwicklungen ab. Die Auswertung der Daten zeigt deutlich, dass die Investitionen stärker schwanken als das BIP. Und der Maschinenbaumarkt - das belegen Zahlen das VDMA - ist ebenfalls stark schwankend.

Viele Automatisierungsanbieter haben daher Strategien entwickelt mit dem Ziel, ihre Abhängigkeit vom Konjunkturzyklus zu verringern. So wuchs der Anteil von Dienstleistungen seit 2002 in den Automatisierungsbranchen stetig - dies belegt die Auswertung historischer Studien der ARC Advisory Group. Hauptsächlich handelt es sich dabei um Wartungs- Dienstleistungen, deren Bedarf - anders als bei Neuinvestitionen - von der installierten Basis abhängt. Damit ist die Nachfrage nach diesen Dienstleistungen bedeutend stabiler. Auf dem Markt für Prozessleitsysteme zum Beispiel entfällt mittlerweile nur noch rund ein Drittel auf den Hardware-Umsatz; mehr als die Hälfte ihres Umsatzes generieren die Anbieter bereits über den Service.

Betrachtet man sich die Investitionen, so sind hier in den verschiedenen Industrien momentan starke Unterschiede zu verzeichnen: Während etwa die Nachfrage von Endanwender im Bereich der Nahrungs- und Genussmittelindustrie ungebrochen ist, zeigen die Zahlen des Maschinenbaus und auch die Investitionen im Bereich Automobilbau steil nach unten.

Versucht man alle maßgeblichen Faktoren gesamtheitlich zu betrachten, wird eines klar: Eine seriöse Prognose zu erstellen, erfordert einen Spagat, der auf dynamischen Märkten mit technologischen Veränderungen kaum noch zu schaffen ist. Was bleibt, sind Methoden wie die Szenariotechnik, die sich von der Idee, dass Prognosen quasi in Stein gemeißelt sind, verabschieden. Aber genau auf diese Weise lassen sich technologische und ökonomische Einflüsse modellieren.

Auch ARC hat eine solche Szenariotechnik entwickelt, die es erlaubt, einzelne Faktoren zu quantifizieren und zu kombinieren, sowie deren Wechselwirkungen zu berücksichtigen. Die daraus abgeleiteten Wachstumsraten beziehen sich auf den Markt für diskrete Automatisierungen, der durch folgendes Bündel repräsentiert wird: Speicherprogrammierbare Steuerungen (SPS), CNC, Antriebstechnik, Maschinensicherheit (Safety), Visualisierungs- und MES-Software.

 

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Fallunterscheidung: Best-, Worst- oder Baseline-Szenario

Baseline:

Das Baseline-Szenario bezieht alle genannten Faktoren mit ein und beschreibt die Entwicklung wie sie gegenwärtig am wahrscheinlichsten ist. Dies schließt die Bedingung mit ein, dass es keine neuen wirtschaftlichen „Überraschungen" gibt, und dass die in Rekordzeit abgewickelte Insolvenz von General Motors sehr geringen Einfluss auf den Markt in den USA nimmt wird. Da die Märkte für Automatisierungstechnik der allgemeinen Konjunktur im Durchschnitt etwa ein halbes Jahr hinterherhinken, ist selbst im Jahr 2010 noch mit einem Negativwachstum zu rechnen; allerdings schon wieder nahe der Null-Prozent-Grenze.

Im Bezug auf die langfristigen, eher technischen Faktoren geht das Baseline- Szenario davon aus, dass diese größtenteils eintreten - zum Beispiel die zunehmende Vernetzung von Fabrik und Büro, oder die fortschreitenden Erfassung und Darstellung von Produktionsschritten, wie sie durch die Food & Drug Administration (FDA) gefordert wird. Auch energieeffiziente Produktion benötigt teurere und bessere Automatisierungskomponenten. Kurzum: In Zukunft müssen Anlagenbetreiber mit immer größeren Datenmengen umgehen, was zusätzliche und auch intelligentere Automatisierungslösungen inklusive erfordert.

Die Wachstums-Szenarien von ARC für die diskreten Industrien: Im besten Fall finden die Automatisierer bereits im kommenden Jahr wieder zu positiven Wachstumszahlen zurück.

© Bild: ARC

Trotz allem basiert das Baseline-Szenario auf der Annahme, dass der Beitrag der „technischen Faktoren" zum Marktwachstum nur wenige Prozentpunkte beträgt. Der Grund: Neue Technologie schafft nur bedingt neue Märkte und konkurriert in den bestehenden Märkten mit der etablierten und preisgünstigen Technik. Und in der Vergangenheit hat sich gezeigt, dass der Preis eben oft das entscheidende Kriterium ist.

Auf der anderen Seite wächst der Service-Markt mit unverändertem Tempo weiter.

Worst-Case:

Im Worst-Case-Szenario ist weder mit einer raschen noch mit einer durchschnittlichen Erholung der Konjunktur zu rechnen (ein durchschnittlicher Konjunkturzyklus dauert etwa acht Jahre; der Aufschwung würde demzufolge nach etwa zwei Jahren einsetzen). Konkret würde dies bedeuten, dass sich die asiatischen Märkte weniger rasch erholen, dass sich die negative Entwicklung im Bereich des Automobilbaus nach dem Auslaufen der Abwrackprämien in Deutschland, USA und Frankreich ungebrochen fortsetzt, und dass Unternehmen sich aus Unsicherheit bei Investitionen weiter zurückhalten. In den USA etwa zeichnet sich gegenwärtig eine potenzielle Kreditkartenkrise ab, die den Konsum erneut stark einschränken und die Krise verlängern könnte. Sofern sich der Bankensektor nicht wieder erholt, werden vor allem Großprojekte mittelfristig nicht realisierbar sein und beispielsweise „Visionen" von 400-Milliarden-Euro- Projekten à la Desertec kaum eine Chance haben.

Das Worst-Case-Szenario berücksichtigt zudem den Fall, dass sich Automatisierungsanbieter möglicherweise mit immer mächtigeren Kunden konfrontiert sehen. Denn nach neuesten Markteinschätzungen ist es denkbar, dass bis zu 25 % der Maschinenbauer die Krise nicht überleben. Diejenigen Unternehmen, die überleben, werden dann allerdings den Automatisierern ihre Anforderungen diktieren. Eine weitere Worst-Case-Annahme: Nach Ablauf der Kurzarbeit werden viele Beschäftigte arbeitslos, worunter letztlich der Konsum leidet. Nicht zuletzt wird der Wettbewerb härter und viele Unternehmen sind gezwungen, dem Preisdruck nachzugeben.

Best-Case:

Das Best-Case-Szenario: Kürzlich meldeten der Internationale Währungsfond (IWF) und andere Organisationen, dass Licht am Ende des Tunnels zu sehen sei. Ob dem tatsächlich so ist, oder ob es sich dabei - um mit den Worten des amtierenden Finanzministers Peer Steinbrück zu sprechen - nur um einen weiteren Zug handelt, ist fraglich. Falls der ausgemachte Aufschwung jedoch real ist, wird die Investitionslaune steigen und dies die Zurückhaltung der Banken bei der Vergabe von Krediten beenden. In diesem Fall sollte die Wirtschaftleistung in 2009 um nicht mehr als etwa minus 10 % schrumpfen und bereits im Jahr 2010 dürften die Unternehmen wieder ein spürbar positives Wachstum ausweisen. Eine solche vergleichsweise kurze Krise ließe die Marktstruktur weitgehend unangetastet und größere Akquisitionen in der Automatisierungslandschaft hielten sich in Grenzen.

Autor:

Florian Güldner ist Analyst bei der ARC Advisory Group Europe in Düsseldorf.

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