Logiccloud
Der Ansatz der cloudbasierten SPS
Eine digitalisierte Energiebranche könnte ein zentraler Schlüssel für die Energiewende werden. Dazu müssen aber bestehende Strukturen aufgebrochen und neu gedacht werden. Softwarebasierte Cloud-SPSen können dabei ein entscheidender Baustein sein.
Viele Industrieanwendungen kämpfen damit, Informationen aus verteilten Geräten, Anlagen oder Anlagenteilen an einer zentralen Stelle zusammenzuführen, um den Gesamtprozess optimal zu steuern beziehungsweise zu regeln. Ein Pumpenspeicherkraftwerk, beispielsweise, soll anfahren, wenn es der Energiebetreiber braucht. Für die Lastspitzenoptimierung in Produktionsunternehmen müssen verschiedene Prozessparameter abgeglichen und entsprechend eingeregelt werden. Auch das vielbesprochene Smart-Grid erfordert, dezentrale Informationen an zentraler Stelle zu sammeln und daraus clevere Regelalgorithmen abzuleiten. Ähnliches gilt für das Lastmanagement an Ladestationen beispielsweise von Transportunternehmen.
Alte Hierarchien aufbrechen
Die wesentliche Anforderung ist dabei, die physikalische Ebene einer Anlage oder verteilter Anlagenteile mit einer Steuerung zu verbinden. In der Vergangenheit war dies eine Hardware-Steuerung, die an einem bestimmten Ort installiert sein musste. Diese herkömmlichen, hierarchischen Strukturen entsprechen aber nicht mehr den Anforderungen, die die Digitalisierung heute an die Steuerungstechnik stellt. Bernhard Böhrer hat deshalb vor drei Jahren Logiccloud gegründet: »Unsere Idee war es, die SPS selbst in die Cloud zu bringen. Der Gedanke dahinter ist der, verteilte Prozessinformationen von der physikalischen Ebene über IoT-Technologien in der Cloud zu sammeln und auch von dort zu steuern. Mit Hilfe künstlicher Intelligenz lassen sich diese Daten auswerten und daraus Prozessoptimierungen ableiten, die die digitale Steuerung dann wieder an den Prozess zurückgibt. Das Einsparpotenzial wäre immens.«
Die SPS – ein Service
Die Steuerung einer Anlage in die Cloud zu verlegen, stößt bei vielen Automatisierern auf Skepsis: Notwendige Zykluszeiten und Sicherheit sind dabei die wesentlichen Einwände. Aber viele Anwendungen benötigen keine kurzen Reaktionszeiten und sind zudem nicht sicherheitskritisch in dem Sinne, dass ein gefahrbringender Anlagenteil schnell und zuverlässig ausgeschaltet werden muss. Böhrer erklärt zu den zeitlichen Eckdaten: »Wir erreichen Roundtrip-Zeiten unter 100 ms, mit 5G sind wir bei etwa 10 ms und was mit 6G möglich sein wird, lässt sich erahnen. Aber auch jetzt sind schon viele Projekte mit der virtuellen SPS realisierbar.« Aktuell bieten das Unternehmen die SPS in drei Varianten an: Als Cloud-, als On Premise- und als Edge-Device-Lösung. Alle drei Varianten lassen sich auf die gleiche Weise im Logiccloud-Portal (Bild 1) programmieren. Immer dann, wenn geografisch verteilte Maschinen und Anlagen oder Infrastrukturen überwacht, visualisiert und gesteuert werden sollen, ist die Cloud-Lösung die geeignete Variante.
Wer bereits Erfahrung mit SPS-Programmierung hat, kommt mit der Programmierung im Online-Portal schnell zum Ziel. Programmiert wird die Steuerung per IEC 61131-3. Genutzt werden dazu intuitive Tools und KI-gestützte Programmierlösungen; eine spezielle Programmiersoftware ist nicht notwendig. Müssen wichtige Prozessdaten etwa aufgrund gesetzlicher Vorgaben oder für statistische Auswertungen über einen vorgegebenen Zeitraum sicher gespeichert werden, lassen sich diese direkt in die Time-Series-Datenbank Influx schreiben. Für Auswertungen lassen sich Grafana-Dashboards direkt in die Visualisierung einbinden (Bild 2). Die Visualisierung selbst lässt sich über einen Drag&Drop-Designer mit wenigen Mouse-Clicks aus einer Vielzahl an Widgets erstellen. Die Widgets sind frei positionierbar und nicht an vorgegebene Raster gebunden. Dass sich im Logiccloud-Portal SPS-Programme und HMI direkt auch testen und simulieren lassen, beschleunigt und verbessert den Programmierprozess zusätzlich.
Im Vergleich zu hardwarebasierten Steuerungslösungen bringt die softwarebasierte Alternative Vorteile in Bezug auf Flexibilität, Skalierbarkeit und Effizienz. Weil keine Hardware-Komponente angeschafft werden muss, sondern die Steuerung virtuell läuft, sind individuelle Anpassungen bei Rechenleistung, Zykluszeit, Verfügbarkeit oder Anzahl der Lese- und Schreibzugriffe einfach möglich. Die SPS ist also skalierbar und kann mit dem Projekt und dessen Anforderungen weiterwachsen. Das schlägt sich auch in den Kosten nieder, da Steuerungen bei der Installation nicht überdimensioniert werden müssen, um auch künftigen Anforderungen standzuhalten.
Flexibilität und Unabhängigkeit von proprietären Lösungen entstehen auch durch die einfache Integration verteilter Maschinen und Anlagenteile über Standard-Protokolle wie MQTT, Sparkplug B oder OPC UA PubSub. Für den Anschluss an die Cloud lässt sich in den meisten Fällen bereits vorhandene Hardware verschiedener Hersteller verwenden, ohne dass zusätzliche VPN-Nutzungsgebühren anfallen. Müssen Steuerungsupdates aufgespielt werden, ist das bei hardwaregebunden Systemen oft sehr aufwendig, bei der softwarebasierten Steuerung dagegen lassen sich Updates auch über weit verteilte Anlagen(teile) sehr einfach aufspielen. Dass sich manche Anwendungen mit herkömmlichen Lösungen oft gar nicht oder nur mit immensem Aufwand realisieren lassen, zeigt die folgende Anwendung.
Der virtuelle Heizungsingenieur
Die 7 Business Consulting (7BC) sieht großes Potenzial darin, viele der in Deutschland installierten Wärmepumpen virtuell optimal zu regeln und instandzuhalten. Bis Jahresende will 7BC dazu Fehler in Heizungssystemen erkennen, den Energieverbrauch von Heizungsanlagen um 20 Prozent reduzieren, vorausschauende Wartung für Heizungssysteme anbieten und Smart Home Funktionalitäten integrieren. Die Vision des Unternehmens sieht vor, dazu bis zum Jahr 2030 100.000 Heizungsanlagen zu regeln. Dabei soll das E-Auto als Hausenergiespeicher genutzt werden und dennoch eine Mobilitätsgarantie gewährleistet bleiben. Geplant ist, 100.000 Haushalte mit günstigem Strom aus der Strombörse zu versorgen und Energieversorger als Smart-Grid-Partner für ein sicheres Stromnetz zu unterstützen. Realisierbar wäre damit eine CO2-Reduktion um 750.000 Tonnen pro Jahr beziehungsweise eine Energieeinsparung von 250 GWh.
Das Unternehmen fährt dazu eine Strategie, die sie »7 steps for a better climate« nennt. Dazu werden folgende Elemente logisch miteinander verknüpft: Die Hydraulik und Elektrik der Wärmepumpen mit einer idealen Steuerung, die vorausschauende Wartung, die Gebäude, die Energieerzeugung, das Smart-Grid sowie die Strombörse. Damit diese Verknüpfung möglich ist, müssen alle relevanten Daten an zentraler Stelle gesammelt und so aufbereitet werden, dass sie eine künstliche Intelligenz weiterverarbeiten kann. Mit den daraus entstehenden Parametern wird dann die jeweilige Heizungsanlage gesteuert. Jürgen Böhm, CEO von 7BC, erklärt: «Wir haben uns dazu am Markt umgesehen. Ein solches Konzept mit herkömmlichen Lösungen umzusetzen ist extrem aufwendig, fast unmöglich. Mit der virtuellen Steuerung Logiccloud konnten wir dagegen bereits in zwei Tagen erste Ergebnisse realisieren, für die wir mit herkömmlicher Steuerungstechnik Wochen gebraucht hätten.« (hap/ah)
Die Autoren: Nora Crocoll und Alex Homburg, Redaktionsbüro Stutensee.














