VDE-Ingenieursstudie
Ab 2020 massive Nachwuchsprobleme
Unter deutschen Elektroingenieuren herrscht quasi Vollbeschäftigung, zu diesem Positiv-Ergebnis kommt der VDE in einer aktuellen Studie. Die Kehrseite: Schon heute fehlen Ingenieure der Elektro- und Informationstechnik und ab 2020 soll sich Lage für suchende Firmen deutlich zuspitzen.
„Elektroingenieure sind begehrt. Die meisten Absolventen benötigen nur ein bis zwei Vorstellungsgespräche bei weniger als zehn Bewerbungen, um eingestellt zu werden“, sagte Dr. Hans Heinz Zimmer bei der Vorstellung der Studie.
© VDE„Das künftige Ausmaß und die Folgen des Ingenieurmangels werden oft noch deutlich unterschätzt", warnt VDE-Vorstandsvorsitzender Dr.-Ing. Hans Heinz Zimmer und stützt sich bei seiner Aussage auf die Ergebnisse der am 14. September veröffentlichten Ingenieursstudie.
Zimmer fasst zusammen: „Zu geringe Studienanfänger- und Absolventenzahlen und eine hohe Abbrecherquote bei gleichzeitig steigendem Ersatz- und Zusatzbedarf werden spätestens 2020 zu einer drastischen Ingenieurlücke in der Elektro- und Informationstechnik führen."
Eine Ursache der geringen Absolventenzahlen ist der demografische Wandel. Die Zahl der Hochschulabsolventen sinkt demnach bis 2020 um 11 %. Steigend dagegen ist die Zahl der aus dem Berufsleben ausscheidenden Ingenieure. Plus 22 %.
Die hohe Zahl der Abbrecher tut ihr Übriges. Etwa die Hälfte der Universitätsstudenten, so die Schätzung des VDE, brechen ihr Studium zum Elektroingenieur ab. Bei den Fachhochschulstudenten sind es „nur" etwa 40%.
Mangelware Ingenieur
Bereits heute ist laut Studie jede dritte technologische Entwicklung der Anwenderbranchen auf Innovationen der Elektroindustrie zurückzuführen - Tendenz steigend. Mehr als 50 % der gesamten deutschen Industrieproduktion und über 80 % der Exporte hängen von der Elektro- und Informationstechnik ab.
Die Themen Elektromobilität, Smart Grids, Telemedizin seien, so Hans Heinz Zimmer Leitmärkte der Zukunft und nur drei von vielen Beispielen für den Eintritt ins „zweite Stromzeitalter". Nach dieser These wird elektrotechnisches Know-how für die deutschen Schlüssel- und Exportindustrien in Zukunft noch wichtiger als bisher. Der Elektro- und IT-Anteil an der Wertschöpfung und damit der Bedarf an gut qualifizierten Fachkräften steigt.
Doch schon jetzt fehlen den Firmen Elektroingenieure: Für 2010 rechnet der VDE mit einem Gesamtbedarf von etwa 12.000 Elektroingenieuren, während die Zahl der Hochschulabsolventen auf unter 9.000 geschätzt wird. Eine Steigerung dieser Zahl ist nicht in Sicht.
„Ausgerechnet in dem Zeitkorridor, in dem man mit deutscher Ingenieurkunst in wichtigen Zukunftsmärkten durchstarten sollte, könnten uns die dafür nötigen exzellent qualifizierten Ingenieure der Elektro- und Informationstechnik fehlen.", kommentiert Hans Heinz Zimmer die Ergebnisse.
Der Ingenieursberuf - ein Imageproblem?
Viele Schüler glauben noch an das Bild des zurückgezogenen, leicht verschrobenen Tüftlers: Aktuelle Befragungen zeigen, dass lediglich 11 % der Schüler und Schülerinnen einen Ingenieurberuf überhaupt anstreben; nur 2 % studieren in einem der Elektrotechnischen Fachbereiche.
Steigt man tiefer in die aktuellen Zahlen der Studierenden ein, fällt auf, dass der Frauenanteil in der Elektrotechnik nur zwischen 7 % (Fachhochschulen) beziehungsweise 10 % (Universitäten) liegt. Ganz anders sieht es in den Fächern Jura (53 %) und BWL (47 %) aus. Ein Motivationsproblem?
Eine Antwort liefern die Professoren der Elektro- und Informationstechnik in einer Umfrage des VDE. Sie sind mehrheitlich der Ansicht, fähige Talente deswegen zu verlieren, weil sich junge Leute von einem BWL- oder Jura-Studium größere Karrierechancen versprechen.
Die positive Kehrseite
Die arbeitsmarktpolitisch erfreuliche Nachricht lautet: Unter Elektroingenieuren herrscht praktisch Vollbeschäftigung. Die Arbeitslosenquote blieb auch im vergangenen Krisenjahr mit unter drei Prozent deutlich unter der durchschnittlichen Arbeitslosenquote und wird nach VDE-Prognosen bald wieder auf unter zwei Prozent sinken.
Besonders gesucht sind nach wie vor Elektroingenieure im Bereich Engineering/Projektierung und Forschung/Entwicklung. Die größten Zuwächse bei der Nachfrage sind nach dem Adecco Stellenindex 2010 gegenüber dem Vorjahr in den Bereichen IT-Dienstleistungen (82 % mehr Stellenanzeigen) und Produktion (plus 34 %) zu verzeichnen.
Regional konzentriert sich der Bedarf an Elektroingenieuren auf die Hightech-Regionen der wirtschaftsstarken und bevölkerungsreichen Bundesländer. Allein im Juni 2010 wurden in Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen je 400 Elektroingenieure gesucht. Gefolgt von Bayern mit etwa 275 sowie Hessen und Niedersachsen mit etwa 150. Sachsen führt mit 100 offenen Stellen das Feld der übrigen Bundesländer an.












