zuruck zur Themenseite

Artikel und Hintergründe zum Thema

Siemens

Inka Krischke | Inka Krischke,

Der toolgestützte Sicherheitsnachweis

Die maßgeblichen Normen für die funktionale Sicherheit in der Prozessindustrie – IEC 61508 und IEC 61511 – sind über 1000 Seiten stark. Für Anwender sind die Berechnung und Erstellung norm­gerechter Sicherheitsnachweise eine Herausforderung. Spezielle Tools bieten Hilfestellung.

© Siemens

Explosionsschutz und funktionale Sicherheit sind für Anlagenbetreiber zwei grundlegende Verantwortungs-bereiche. Beide Themen werden durch nationale Gesetze, Normen und Verordnungen detailliert geregelt – maßgeblich für die funktionale Sicherheit in der Prozessindustrie sind etwa die IEC 61508 und die IEC 61511.

Das Ziel funktionaler Sicherheit ist die nachweisliche Minimierung von Gefahrenpotenzialen für Mensch, Anlage und Umwelt mittels technischer Einrichtungen. Sicherheitstechnische Systeme (Safety Instrumented Systems – SIS) sollen Anlagen beziehungsweise Prozesse im Bedarfsfall in einen sicheren Zustand überführen. Für Anlagenbetreiber ist es zwingend erforderlich, ein Sicherheitsmanagement nach Stand der Technik einzurichten. Sollte das sicherheitsbezogene System im Falle eines Unfalls nicht mit dem vorgegebenen Standard übereinstimmen, würde der Betreiber für die Vernachlässigung der passenden Sicherheitsrichtlinien haftbar gemacht werden.

Da von Anlagen beziehungsweise Anlagenteilen unterschiedliche Risiken ausgehen, sind die Anforderungen an die eingesetzten SIS unterschiedlich. Daher definieren die Normen IEC 61508 und IEC 61511 vier Sicherheitsstufen, die die Maßnahmen zur Risikobeherrschung entsprechender Komponenten beschreiben – die sogenannten Safety Integrated Level (SIL). Die erreichbaren Stufen ergeben sich aus der Bestimmung der sicherheitstechnischen Verfügbarkeit, die durch die gefährliche Versagenswahrscheinlichkeit PFD (Probability of Failure on Demand) und die gefährliche Versagensrate PFH (Probability of dangerous Failure per Hour) ausgedrückt wird. Weitere zu bestimmende Kenngrößen in diesem Kontext sind die Hardware-Fehler-Toleranz (HFT) und der Anteil der ungefährlichen Fehler SFF (Safe Failure Fraction). Um das erforderliche SIL jeder einzelnen Sicherheitsfunktion zu ermitteln, werden in den Normen neben der Bestimmung bereits genannter Kennwerte diverse Methoden aufgeführt. Der SIL-Nachweis ist für die Inbetriebnahme von Anlagen oder Teilanlagen zwingend erforderlich.

Dasselbe gilt für den Nachweis der sogenannten Eigensicherheit im Rahmen des Explosionsschutzes: Sobald prozessbedingt Ex-Zonen ausgewiesen sind – wenn also durch Gase oder Stäube explosionsfähige Atmosphären entstehen –, müssen Betreiber als Voraussetzung für die Betriebsgenehmigung den Nachweis der Eigensicherheit (Ex i) von Stromkreisen führen. Diese Zündschutzart beruht darauf, dass die in Stromkreisen verfügbaren Spannungen, Ströme und Leistungen verlässlich auf Werte reduziert werden, bei denen weder zündfähige Funken noch unzulässig hohe Oberflächentemperaturen entstehen.

Anzeige

Kalkulierte Sicherheit

Sowohl bei SIL- als auch Ex i-Nachweisen (nach IEC 60079-11) ist das Zusammenwirken aller beteiligten Betriebsmittel zu berücksichtigen. Ergo ist die Berechnung entsprechender Klassifizierungen meist sehr komplex, sodass die dazu erforderliche Fachkenntnis häufig als Dienstleistung eingekauft wird.

Das 'Basic Process Control System' (BPCS) - das 'Siemens Simatic PCS7 System' - ermöglicht das Umsetzen der Control- und Safety-Applikation.

© Siemens

Mit ‚Safety Lifecycle Services‘ bietet Siemens das nötige Expertenwissen für solche Sicherheitsnachweise. Die Safety-Spezialisten haben ein in enger Zusammenarbeit mit dem TÜV organisiertes und eingeführtes Ausbildungsprogramm absolviert und verfügen über zertifizierte Qualifikationen. Diese Ausbildungsprogramme stehen nicht nur Siemens-Mitarbeitern, sondern auch Beschäftigten bei Betreibern und Solution Partnern (Systemintegratoren) zur Verfügung. In diesen Schulungen wird sowohl das nötige Fachwissen vermittelt als auch fortschrittliche Arbeitsmittel und -methoden zur Verfügung gestellt. Eines dieser Hilfsmittel ist ein auf Microsoft Excel basierendes Tool zur SIL-Verifikation.

Sicherheitsverifikation nach IEC 61511 einer komplexen 'Safety Instrumented Function' (SIF) in der Prozessindustrie.

© Siemens

Sämtliche Norm-Formeln – auch die Konkretisierung der IEC 61511 für den deutschsprachigen Raum, die VDI/VDE-Richtlinie 2180 „Sicherung von Anlagen der Verfahrenstechnik mit Mitteln der Prozessleittechnik“ (PLT) – sind in diesem Werkzeug hinterlegt, ebenso wie die gerätespezifischen Werte wie PFD oder Ausfall-raten von sicherheitstechnischen Systemen von Siemens, etwa von Controllern, Peripheriegeräten oder Prozessinstrumenten. Zusätzlich notwendige projekt- oder kundenspezifische Produkte lassen sich einfach in das Tool einpflegen. Die Block-Darstellungen der SIL-Kreise – in den Normen Safety Instrumented Function (SIF) genannt – werden mit ‚Microsoft Visio‘ erstellt und eingebunden. Das Tool berechnet für jedes SIF den SIL unter Berücksichtigung der geltenden Normen und ermög-licht die Auswahl unterschiedlicher Architekturen für jedes der Subsysteme des SIF, zum Beispiel 1oo1, 1oo2, 2oo2, 2oo3 et cetera. Auch die Berechnung komplexer Konfigurationen, die unterschiedliche Architekturen enthalten, ist möglich.

Das Tool generiert Prüfberichte, die von Behörden wie dem TÜV Süd oder dem TÜV Rheinland akzeptiert werden. Die Logik-Diagramme der SIS-Architektur lassen sich in die Prüfberichte aufnehmen. Siemens übernimmt die grundlegende Pflege des Tools und setzt es bei Engineering-Aufgaben oder bei Safety-Consulting-Leistungen auch selbst ein. Systemintegratoren, die sich im Rahmen des Siemens Solution Partnerprogramms oder als Siemens Functional Safety Professional (SFSP) qualifiziert haben, wird das Tool kostenlos zur Verfügung gestellt. Diese Solution Partner können das Berechnungswerkzeug dann für Kundenprojekte einsetzen und mit den jeweils benötigten Gerätedaten ergänzen.

Umfassende Funktionserweiterung

Einer dieser Solution Partner ist die Firma Kiel Engineering, ein Unternehmen von Kiel Industrial Services. Seit 2001 ist Kiel Engineering zertifizierter Siemens Solution Partner, seit 2008 Siemens Safety Specialist für die Prozessindustrie. Das in Oberhausen ansässige Unternehmen ist spezialisiert auf Anlagen- und Kraftwerksplanung, Elektro- und EMSR-Planung, Automatisierung und Prozessleittechnik. Für das EMSR-Engineering nutzen die Mitarbeiter ein im eigenen Haus entwickeltes Microsoft Office Add-on, das sämtliche Gerätedaten und Messstellen in einer Access-Datenbank speichert und Schritt für Schritt durch die Berechnung der Nachweise führt. Die Anwendung nutzt das Excel-Tool von Siemens und erweitert den Funktionsumfang unter anderem um die Erzeugung von Ex i-Nachweisen. Beim Anlegen neuer SIL-Kreise durch den Benutzer werden für die lückenlose Nachvollziehbarkeit sämtliche Details protokolliert.

Anlagenspezifische Typicals, also Gerätetypen-typische Architekturen der SIL-Kreise, können manuell erstellt oder durch Import vorhandener Listen oder Datenbanken hinzugefügt werden. Über die in der Datenbank abgebildete Anlagenstruktur hat der Anwender Zugriff auf die einzelnen PLT-Stellen. Jeder SIL-Kreis ist datentechnisch über eine Sensormessstelle mit allen verfügbaren Daten verbunden. Die Berechnung der SIL-Nachweise sowie die Dokumentenstruktur der generierten Reportdatei basiert auf dem von Siemens erstellten Excel-Tool. Durch die Typicals-Funktiona-lität und die Anbindung an die Access-Datenbank konnte Kiel Engineering das Werkzeug hinsichtlich Funktionsumfang und Bedienfreundlichkeit deutlich erweitern.

Schlanke Kostenstruktur

Die Berechnung und Verwaltung von Ex-i- und SIL-Nachweisen in einem Tool, das lediglich Microsoft-Office-Komponenten sowie einen Adobe Acrobat Reader benö-tigt, ist für Anwender komfortabel und reduziert Kosten; schließlich gehören Office-Pakete zur Standardausstattung von Engineering-Arbeitsplätzen. Das System beruht auf dem sogenannten Top-Down-Buttom-Up-Ansatz, also dem Prinzip der ‚Betriebsbewährung‘. Somit können die statistischen Auswertungen der Stördaten inklusive der Begleitdokumentation einer Vielzahl von installierten SIL-Kreisen aus Datenbanken von Anlagenbetreibern direkt genutzt werden.

Franz Handermann ist Safety Partner Manager bei Siemens in Karlsruhe.

© Siemens

Die Liste der im System hinterlegten Geräte umfasst mittlerweile über 1500 Sensoren und Aktoren sowie über 500 Typicals. Mithilfe dieser Vorgaben und der Wiederverwendung einmal eingegebener Gerätedaten werden Eingabefehler bei der Berechnung von Nachweisen vermieden, die Berechnung geschieht größtenteils automatisiert. Somit ergibt sich für An-wender ein deutlich reduzierter Arbeits-aufwand bei der Erstellung und Dokumentation normgerechter Nachweise zur Betriebs- und Anlagensicherheit.

  • Xing Icon
  • LinkedIn Icon
Anzeige
zurück zur Themenseite
Anzeige

Das könnte Sie auch interessieren

Anzeige

Siemens

Antriebssystem für Förderanwendungen

Sinamics G115D ist ein kompaktes Antriebssystem speziell für horizontale Förderanwendungen, das Motor, Frequenzumrichter und Getriebe in einer Einheit umfasst und in zwei Versionen – wand- oder  motormontiert - angeboten wird.

mehr...
Anzeige
Anzeige
Anzeige

Siemens

Die Realität des Industrial 5G

5G hat sich zu einem Hype entwickelt. Allerdings sind bei 5G viele der versprochenen Funktionen entweder noch nicht verfügbar oder die Annahmen zu den Anwendungsmöglichkeiten basieren auf unrealistischen Bedingungen. Der Status-quo.

mehr...
Anzeige
Anzeige
Anzeige

Siemens

Starker Abschluss des Geschäftsjahres 2023

Wie Siemens mitteilt, stiegen im vierten Quartal 2023 die Umsatzerlöse und der Auftragseingang auf vergleichbarer Basis um 10 % beziehungsweise um 6 %. Im Industriellen Geschäft verzeichnet Siemens bei Ergebnis und Profitabilität die höchsten Werte...

mehr...
Jetzt Newsletter abonnieren