Nachgehakt! – bei Adrian Grüner, Neoception

Inka Krischke,

Der Digitale Informations-Zwilling

Neoception, eigenständiges Spin-off innerhalb der Pepperl+Fuchs-Gruppe, unterstützt Firmen dabei, den Weg hin zur vernetzten industriellen Welt der Zukunft einzuschlagen. Unverzichtbar dabei: der Digitale Zwilling.

Adrian Grüner, Director of Sales Excellence bei Neoception © Neoception

Herr Grüner, 2017, im Jahr Ihrer Firmengründung, sagte Ihr Geschäftsführer Herr Nagel, seine Zukunftsvision sei es, vollautomatisiert Schlüsse aus Daten zu ziehen und damit Prozesse zu optimieren. Wie nah sind Sie dieser Vision inzwischen gekommen?

Wir sind dieser Vision heute deutlich näher als noch vor einigen Jahren – vor allem, weil sich die industrielle Datenbasis massiv verändert hat. Viele Unternehmen verfügen inzwischen über deutlich mehr digitale Informationen entlang ihrer Produkte, Anlagen und Prozesse. Gleichzeitig sehen wir aber auch, dass Daten allein noch keinen Mehrwert schaffen. Entscheidend ist, diese Daten strukturiert, standardisiert und kontextbezogen verfügbar zu machen. 

Genau hier setzen wir mit Digitalen Zwillingen, konkreter: den Digitalen Informations-Zwillingen auf Basis der Asset Administration Shell an. Wir schaffen die Grundlage dafür, dass Informationen aus unterschiedlichen Systemen automatisiert zusammengeführt und maschineninterpretierbar nutzbar werden. Erst dadurch können Anwendungen wie automatisierte Dokumentationsprozesse, intelligente Serviceprozesse oder perspektivisch KI-gestützte Optimierungen zuverlässig funktionieren.

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Die Vision der vollständig autonomen Optimierung ist also noch nicht Realität. Aber die industrielle Infrastruktur dafür entsteht gerade – und wir sehen, dass viele Unternehmen inzwischen vom reinen Datensammeln in die Phase der skalierbaren Nutzung übergehen.

Sie setzen mit Ihrer Lösung auf die Asset Administration Shell und das Konzept des Digitalen Zwillings – wie hat man sich das vorzustellen?

Viele sprechen heute über Digitale Zwillinge, aber oft fehlt ein gemeinsames Verständnis. Für uns ist ein Digitaler Zwilling kein isoliertes 3D-Modell oder einzelner Datensatz, sondern eine standardisierte digitale Repräsentation eines realen Assets – beispielsweise einer Komponente, einer Maschine oder auch eines kompletten Systems. Es gibt auch virtuelle Assets oder „bürokratische“ Assets, wie beispielsweise ein Produktionsauftrag.

Die Asset Administration Shell – deutsch: Verwaltungsschale und kurz AAS – liefert dafür die standardisierte Struktur und Semantik. Man kann sie sich wie einen standardisierten Daten-Container vorstellen, in dem Informationen aus unterschiedlichen Quellen zusammengeführt werden, wie beispielsweise das 3D-Modell, aber auch die technischen Daten, Dokumentationen, Zertifikate, Zustandsinformationen oder Lifecycle-Daten des individuellen Assets.

Der große Vorteil ist die Interoperabilität. Informationen werden nicht mehr individuell zwischen Systemen übersetzt, sondern folgen einem gemeinsamen semantischen Modell. Dadurch können unterschiedliche Softwaresysteme, Unternehmen beziehungsweise menschliche Nutzer und Plattformen wesentlich einfacher miteinander interagieren. Das ist aus unserer Sicht ein entscheidender Schritt, um Digitalisierung nicht nur in einzelnen Pilotprojekten umzusetzen, sondern unternehmensübergreifend skalierbar zu machen.

Wie adressiert Ihr AAS-basierter Ansatz konkret die Integration heterogener Altsysteme im Brownfield, ohne bestehende Prozesse zu stören?

Das ist tatsächlich eine der zentralen Herausforderungen in der Industrie. Kaum ein Unternehmen startet auf der grünen Wiese. Die Realität sind gewachsene IT- und OT-Landschaften mit ERP-, MES-, PDM-, Dokumentations- und vielen proprietären Systemen. Unser Ansatz verfolgt deshalb bewusst nicht das Ziel, bestehende Systeme zu ersetzen. Stattdessen integrieren wir vorhandene, heterogene Datenquellen über eine standardisierte Schnittstelle. Durch die Harmonisierung und Transformation auf die AAS innerhalb unserer Software entsteht eine zusätzliche semantische Ebene über den bestehenden Systemen. Die vorhandenen Prozesse, beispielsweise zur Datenpflege, können unverändert weiterlaufen, während gleichzeitig neue digitale Anwendungen ermöglicht werden. Die jeweils benötigte Datenbereitstellung erfolgt dabei per Konfiguration in unserer No-Code Plattform. Dabei arbeiten wir nicht anwendungsgetrieben, sondern mit dem Ziel, dem Unternehmen die grundsätzliche Fähigkeit der Interoperabilität zu verleihen.

Das reduziert Risiken erheblich: Unternehmen müssen nicht von vornherein wissen, welche interoperablen Anwendungsfälle in Zukunft auf sie zukommen, sondern können schrittweise mit ihnen wachsen, ohne Abhängigkeit von der eigenen IT-Verfügbarkeit oder einem Dienstleister.

Gerade im Brownfield ist diese evolutionäre Vorgehensweise aus unserer Sicht entscheidend für wirtschaftlich erfolgreiche Digitalisierung.

Wie unterscheiden sich Ihre Digital-Twin-Implementierungen in Greenfield- versus Brownfield-Szenarien hinsichtlich Aufwand und Nutzen?

Im Greenfield lassen sich Digitale Zwillinge natürlich deutlich einfacher und konsistenter aufbauen. Datenmodelle, Identifikationskonzepte und Schnittstellen können von Anfang an standardisiert definiert werden.

In der industriellen Realität dominiert allerdings klar das Brownfield. Dort liegt der Schwerpunkt zunächst auf Integration, Harmonisierung und schrittweiser Standardisierung bestehender Datenbestände. Deshalb ist der Aufwand im Brownfield häufig höher – gleichzeitig entsteht dort aber oft auch der größere wirtschaftliche Nutzen. Denn Unternehmen können vorhandene Anlagen, Prozesse und Daten weiterverwenden, anstatt komplette Infrastrukturen auszutauschen.

Entscheidend ist aus unserer Sicht, dass ein Digitaler Zwilling nicht als einmaliges IT-Projekt verstanden wird, sondern als langfristige digitale Infrastruktur. Dies ist auch der Grund, warum wir uns bei der Produktentwicklung genau auf diese Prozesse fokussiert haben, um dadurch den Aufwand für die Unternehmen massiv zu reduzieren. So können sich die Unternehmen auf ihre Bestandsprozesse und ihr Business konzentrieren und vom Mehrwert profitieren, dass Digitalisierungskosten durch unseren Ansatz über viele unterschiedliche Use Cases hinweg wiederverwendbar werden.

Können Sie konkrete Beispiele nennen, wie sich durch Ihre Lösung neue datengetriebene Geschäftsmodelle realisieren lassen?

Ein wichtiges Beispiel ist der digitale Servicebereich. Wenn technische Informationen, Zustandsdaten und Dokumentationen standardisiert verfügbar sind, können Hersteller ihren Kunden deutlich effizientere Service- und Wartungsangebote anbieten. Über den digitalen Identifier entsteht darüber hinaus ein kontinuierlicher Link zwischen Hersteller und Nutzer – sozusagen ein neuer digitaler Kommunikations-Touchpoint.

Ein weiteres Beispiel sind datenbasierte Lifecycle-Services. Unternehmen können Informationen über Produkte und Anlagen über den gesamten Lebenszyklus hinweg bereitstellen – beispielsweise für Ersatzteilmanagement, Compliance-Nachweise oder Nachhaltigkeitsanforderungen im Kontext des Digital Product Passports, kurz DPP.

Wir sehen außerdem großes Potenzial bei Plattform- und Ökosystemmodellen. Wenn Daten interoperabel strukturiert vorliegen, entstehen völlig neue Möglichkeiten zur Zusammenarbeit zwischen Herstellern, Betreibern, Zulieferern und Servicepartnern.

Letztlich geht es darum, aus isolierten Daten ein skalierbares digitales Ökosystem zu machen.

Welche Strategien verfolgen Sie, um die Datenqualität und Konsistenz über den gesamten Lebenszyklus eines digitalen Zwillings sicherzustellen?

Datenqualität ist eine der zentralen Voraussetzungen für funktionierende Digitale Zwillinge. Unser Ansatz basiert deshalb stark auf Standardisierung, klaren Informationsmodellen und automatisierter Bereitstellung.

Ein wichtiger Punkt ist die eindeutige Identifikation von Assets. Nur wenn Informationen konsistent referenziert werden können, lassen sich Daten über verschiedene Systeme und Lebenszyklusphasen hinweg zuverlässig zusammenführen.

Zusätzlich setzen wir auf standardisierte semantische Modelle innerhalb der AAS. Dadurch werden Informationen nicht nur technisch übertragen, sondern auch fachlich eindeutig beschrieben.
Darüber hinaus spielt Automatisierung eine große Rolle. Je weniger Daten manuell gepflegt werden müssen, desto geringer ist langfristig die Fehleranfälligkeit. Deshalb integrieren wir bestehende Systeme möglichst direkt und vermeiden redundante Datenhaltung, wo immer es sinnvoll ist.

Wie unterstützen Digitale Zwillinge auf Ihrer Plattform die Umsetzung von Digital Product Passports im industriellen Umfeld?

Der Digital Product Passport benötigt im Kern genau das, was ein standardisierter Digitaler Informations-Zwilling bereitstellt: strukturierte, interoperable und lebenszyklusübergreifende Produktinformationen. Mit unserem AAS-basierten Ansatz können Informationen aus unterschiedlichen Quellen zusammengeführt und standardisiert bereitgestellt werden – beispielsweise Materialinformationen, technische Dokumentationen, Zertifikate, Nachhaltigkeitsdaten oder Serviceinformationen. Wichtig ist dabei, dass der DPP nicht als isolierte Compliance-Anwendung betrachtet wird. Unternehmen benötigen eine skalierbare Dateninfrastruktur, die unterschiedliche Anforderungen wie etwa regulatorische – neben dem DPP beispielsweise auch den EU Data Act und andere – langfristig unterstützen kann.

Genau hier sehen wir die Stärke unseres AAS-Ansatzes. Der Digital Product Passport wird dadurch nicht zu einem zusätzlichen Datensilo, sondern nur zu einem konkreten Anwendungsfall innerhalb eines umfassenderen Digital-Twin-Ökosystems.

Wie sehen Sie die zukünftige Entwicklung der Asset Administration Shell im Kontext internationaler Standardisierung und industrieller Praxis?

Wir sehen die Asset Administration Shell als einen der wichtigsten Bausteine für die industrielle Interoperabilität der kommenden Jahre. Besonders relevant ist, dass sich die AAS zunehmend international und über viele Industrien hinweg etabliert und nicht mehr nur als deutsches Industrie-4.0-Konzept wahrgenommen wird.

Gleichzeitig beobachten wir einen deutlichen Wandel von theoretischen Diskussionen hin zu konkreten industriellen Anwendungen. Themen wie Digital Product Passport, digitale Typenschilder oder automatisierte Dokumentationsprozesse treiben die praktische Umsetzung massiv voran – genauso wie immer mehr Systemanbieter, die die Kompatibilität ihrer Systeme mit der AAS implementieren.

Entscheidend wird nun sein, dass Unternehmen von Pilotprojekten in skalierbare industrielle Infrastrukturen übergehen. Dafür braucht es stabile Standards, praktikable Werkzeuge und wirtschaftlich umsetzbare Integrationsstrategien – insbesondere im Brownfield.
Genau an diesem Übergang zwischen Standardisierung und industrieller Praxis sehen wir unsere Rolle als Technologie-Enabler, der den Unternehmen die Fähigkeit der Interoperabilität verleiht. Denn Interoperabilität wird eine zwingende Anforderung für das zukünftige Wirtschaften – diejenigen, die das heute schon erkennen und umsetzen, winken kurzfristig klare Differenzierungsmerkmale und dadurch Gewinne an Marktanteilen.

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