Beruf & Karriere
Mitfühlende Unternehmenskultur macht den Unterschied
Themen wie Sterben, Tod und Trauer werden oft als private Angelegenheiten betrachtet, die im beruflichen Umfeld wenig Beachtung finden. Doch ein neuer Ansatz, der diese Aspekte des Lebens integriert, könnte Unternehmen einen Wettbewerbsvorteil verschaffen.
Eine Unternehmenskultur, die Tod und Trauer berücksichtigt, kann zu einer unterstützenden und empathischen Arbeitsumgebung führen, die die Loyalität der Mitarbeitenden stärkt. Sie fühlen sich gesehen und wertgeschätzt, wenn das Unternehmen sich um ihr Wohlbefinden kümmert und Unterstützung in schwierigen Lebenssituationen bietet.
Trauer in Unternehmensrichtlinien integrieren und kommunizieren
Der plötzliche Tod eines Mitarbeiters ist für das Team ein erschütterndes Ereignis. Unternehmen, die auf diese Situation nicht vorbereitet sind und keinen Aktionsplan bereithalten, lassen ihre Mitarbeitende oft hilflos zurück. Es ist wichtig, Strukturen, Ansprechpartner und entsprechende Hilfsangebote zu etablieren und diese in die Unternehmenskultur zu integrieren. Die Kommunikation dieser Richtlinien und Angebote ist ebenso entscheidend, damit die Mitarbeitende wissen, dass sie Unterstützung erhalten können.
Schulungen für Personalabteilungen und Führungskräfte anbieten
HR-Mitarbeitende und Führungskräfte sollten unbedingt geschult werden, um einfühlsam mit Trauernden umgehen und Ressourcen für die Unterstützung anbieten zu können. In einem meiner Fälle erlebte eine Geschäftsführerin selbst, wie der Tod einer nahestehenden Person ihre Arbeit beeinträchtigte. Diese Erfahrung motivierte sie, das Bewusstsein für das Thema Trauer in ihrem Unternehmen zu schärfen. Durch gezielte Workshops konnten wir Ansprechpartner schulen, die sensibler und sicherer mit Trauernden umgehen können. Wenn sie in sehr belastenden Fällen an ihre Grenzen kommen, kann ich als Expertin mit meinem Angebot des Sterbebegleitungs- und Trauerbegleitungs-Coachings unterstützen.
Trauerunterstützungsprogramme und Mitarbeiterressourcen bereitstellen
Durch die Bereitstellung von geeigneten Programmen und Ressourcen können Mitarbeitende und ihre Familien in Zeiten der Trauer Unterstützung finden. Es ist jedoch nicht ausreichend, solche Programme lediglich vorzuhalten. Es ist unerlässlich, Informationen über diese Angebote und die Kontaktdaten einer internen Anlaufstelle bekannt zu machen. Dies kann z.B. in Form von Flyern, die in der Kantine ausliegen, über Beiträge im Intranet oder in unternehmensinterne Zeitschriften sowie in Form von Vorträgen erfolgen.
Flexible Arbeitsregelungen vereinbaren
Der Umgang mit Trauer ist sehr individuell. Es ist wichtig, die Bedürfnisse der trauernden Person zu erkennen und flexible Lösungen zu finden. Beispielsweise kann sich dies auf die Veränderung von Arbeitszeiten und die Möglichkeit von Homeoffice beziehen. In der Trauer ist es völlig normal, dass Trauernde plötzlich von ihren Gefühlen überwältigt werden und weinen. Bei der Arbeit von zuhause wären sie in geschützter Umgebung und könnten in solchen Situationen die Kamera und das Mikrophon eine Zeitlang ausschalten oder das Meeting verlassen. Das gibt ihnen die Möglichkeit, ihrer Trauer mit mehr Privatsphäre zu begegnen.
Es hängt auch von den Bedürfnissen der trauernden Person ab, wann der richtige Zeitpunkt für die Rückkehr in die gewöhnliche Arbeitsumgebung gekommen ist. Eine meiner Klientinnen, die in der 24 Woche der Schwangerschaft ihren Sohn verlor, wollte zwei Wochen nach dem Tod ihres Kindes wieder zur Arbeit zurückkehren. Sie schätzte die Struktur, die ihr die Arbeit gab. Es gibt andere Trauernde, die mehr Zeit benötigen, bis sie wieder an ihren Arbeitsplatz zurückkehren können. Die Möglichkeit, stundenweise zu arbeiten oder von zuhause aus, wo sie mehr Privatsphäre haben, wird sehr geschätzt.
Offene Kommunikation fördern und im Dialog bleiben
Es ist wichtig, einen Raum des Vertrauens und der Offenheit zu schaffen, in dem Mitarbeitende den Mut haben, offen über ihre Gefühle zu sprechen. Dies hilft, das Stigma um Trauer zu brechen und den Dialog zu erleichtern. Meine oben genannte Klientin machte leider die Erfahrung, dass keiner ihrer Team-KollegInnen eine Kondolenzkarte schickte, zur Beerdigung kam oder in irgendeiner Weise auf den Tod ihres Sohnes reagierte. Auch als sie an ihren Arbeitsplatz zurückkam, herrschte Schweigen. Das belastete sie umso mehr als bei ihrem Mann die Anteilnahme im Kollegium groß war.
Viele Menschen sind verunsichert und haben Angst, in einer solchen Situation etwas Falsches zu sagen. Aus diesem Grund sagen sie gar nichts. Dabei ist der einfache Satz »Es tut mir so leid, mir fehlen die Worte«, so wohltuend für Trauernde und völlig ausreichend. Wir müssen und können nichts tun, um den Schmerz zu mindern. Was wir machen können, ist, für die andre Person da zu sein und einen Raum zu geben, in dem Trauer da sein darf.
Mehr Wohlbefinden in der Belegschaft
Trauerangebote im Unternehmen und eine mitfühlende und unterstützende Unternehmenskultur fördern das Wohlbefinden der Mitarbeitenden, stärken ihre Bindung an das Unternehmen, steigern die Arbeitsleistung und wirken sich positiv auf die Teamdynamik aus.
Die Autorin:
Susanne Schlenker, eine erfahrene Leadership-Coach und Resilienztrainerin mit 26 Jahren Konzernerfahrung bei SAP, ist auch als Sterbe- und Trauerbegleiterin tätig. In ihrer Rolle als Expertin für Resilienz und Associate Partner bei Leadership Choices unterstützt sie Führungskräfte und Mitarbeitende bei der Bewältigung von Krisen, Stress und Verlusten. Dabei ist es ihr ein Anliegen, einfühlsame Strukturen für den Umgang mit Trauerthemen in Unternehmen zu etablieren.
http://www.leadership-choices.com














