Beruf & Karriere

Alexandra Hose,

Plattform für Streitbeilegung ohne Anwalt

Das Münchner Start-up Suitcase hat eine Plattform zur Beilegung von Rechtsstreitigkeiten gelauncht. Suitcase hilft, eine finanzielle Einigung zu erzielen - ohne Anwalt oder Gericht. Im Moment liegt der Fokus des Legal Tech-Unternehmens noch auf Arbeitsrecht und Mietkautionen.

Die Suitcase-Gründer (v.l.n.r.): Philipp Hertel, Tim Fischer und Tim Kniepkamp

© TEAM CODE ZERO

Eine Klage nach Kündigung kostet viel und dauert lang. Deshalb bietet ein Unternehmen nun eine Alternative – gefördert durch eine Initiative von Bayerische Justizministerium und UnternehmerTUM.

  • Immer weniger Menschen setzen ihre Rechte vor Gericht durch: Seit 1995 ging die Zahl der Klagen bei den Arbeitsgerichten laut Bundesjustizamt um 59% zurück.
  • Der Prozess vor Gericht dauert mehrere Monate und kostet schnell eine vierstellige Summe. Die Kosten für seinen Anwalt muss jeder selbst tragen – auch wenn er gewinnt.
  • Suitcase hat ein innovatives Verfahren entwickelt, das den Streit um die Abfindung bei Kündigung in wenigen Tagen schlichtet und bis zu 80% weniger kostet.
  • Das Unternehmen möchte so den überlasteten Gerichten helfen und Menschen befähigen, ihre Rechte selbst durchzusetzen.
  • Auch Arbeitgeber profitieren, denn sie sparen ebenfalls Kosten und erhalten schnell eine rechtssichere Lösung.

Mit blinden Geboten einigen sich Parteien schneller

Das Verfahren von Suitcase prüft nicht, ob die Kündigung rechtens ist; dafür seien Gerichte zuständig, heißt es. Stattdessen setze das Start-up bei den Interessen der Parteien an: Was würde der Arbeitnehmer akzeptieren, um nicht vor Gericht zu ziehen? Was wäre der Arbeitgeber bereit zu zahlen, um nicht verklagt zu werden?

Damit beide Seiten ehrliche Angebote machen, setzt Suitcase auf Vertraulichkeit: Nur das System kennt die Summen und gleicht sie mit einem Algorithmus ab. Kommt eine Einigung zustande, liefert Suitcase den passenden Vertrag. Damit wird der Konflikt rechtssicher beigelegt. Dieser Prozess dauert in der Regel nur wenige Tage – vor Gericht sind es mehrere Monate.

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Plattform ist ohne Anwalt nutzbar

Suitcase hat sich zum Ziel gesetzt, möglichst vielen Leuten zu ihrem Recht verhelfen. Arbeitnehmer können ohne Rechtskenntnis einen Fall eröffnen. Der Gang zum Anwalt wird damit überflüssig. »Steuersoftware hilft uns, ohne Steuerberater Geld schnell und einfach vom Finanzamt zurückzuholen. Mit Suitcase lösen Sie Ihren Rechtsstreit ohne Anwalt. Wer sich besser beraten fühlt, kann natürlich einen Juristen hinzuziehen«, so Co-Founder Tim Kniepkamp.

Aktuell erforscht Suitcase den Einsatz von künstlicher Intelligenz und hat hierzu ein Patent beantragt. In Zukunft sollen die Unterlagen der Parteien automatisch analysiert werden. So kann der Arbeitnehmer den Fall mit wenigen Klicks eröffnen und die Parteien werden dabei unterstützt, einen fairen Kompromiss zu finden. »Künstliche Intelligenz hilft schon heute, Krankheiten früh zu erkennen. In Zukunft wird sie Menschen dabei helfen, schnell und unkompliziert ihren Rechtsstreit zu lösen«, erklärt Co-Founder Philipp Hertel (28).

Digitale Streitbeilegung ist in Deutschland neu

Digitale Streitbeilegung gibt es in den USA bereits seit Anfang der 2000er. So konnte allein der US-Anbieter Cybersettle über 200.000 Rechtsstreitigkeiten erfolgreich klären. »Wir waren sofort beeindruckt, und haben das Potenzial für den deutschen Rechtsmarkt gesehen«, sagt Co-Founder Tim Fischer (26).

Als Founding-Partner stieg 2021 der Chef-Jurist des Energieunternehmens Enpal, Dr. Norman Koschmieder, bei Suitcase mit ein. Zudem steht ein Gremium aus erfahrenen Beratern und Tech Unternehmern den jungen Gründern zur Seite. Eine renommierte Wirtschaftskanzlei aus Berlin hat das rechtliche Konzept geprüft.

Über das Start-up

Die Suitcase GmbH ist ein Legal Tech Unternehmen mit Sitz in München. Die Anschubfinanzierung sicherte sich das Start-up durch das Gründer-Stipendium der Heinrich-Heine-Universität. Förderung erhält das Team auch von der TU München, die sie in die Kaderschmiede UnternehmerTUM aufnahm. Hier arbeiten sie im Legal Tech Colab – einer Initiative des Bayerischen Justizministeriums. Im Oktober 2023 folgte der Abschluss einer erfolgreichen Finanzierungsrunde. Bereits im Vorfeld zum Markteintritt konnte Suitcase zwei führende deutsche Rechtsschutzversicherer und zwei renommierte Anwalts-Kanzleien als Kunden gewinnen. Der Fokus liegt zunächst auf Konflikten im Arbeitsrecht nach Kündigung und der Rückzahlung der Mietkaution.

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