Technik & Finanzen
Gesellschaft 5.0 – Mit Technologie der Demographie trotzen
Die größten Herausforderungen sind Digitalisierung, De-Karbonisierung und Demographie. Während sich erstere großer medialer Aufmerksamkeit erfreuen, steht der demographische Wandel im Schatten, obschon er der Schlüssel für eine prosperierende wirtschaftliche Zukunft ist.
Die Klimakonferenz in Glasgow und der Koalitionsvertrag in Deutschland haben eines gemein: Die Wirtschaft muss radikal und innerhalb kürzester Zeit klimaneutral werden. Konsens der Parteien und der Klimaschützer ist es, dass die 2020er-Jahre die Wende bei der De-Karbonisierung unserer Wirtschaft bringen müssen, wollen wir in Reichweite des 1,5 °-Ziels bleiben. Gewaltige Kraftanstrengungen sind notwendig.
Doch Politiker, Industrie und die Bevölkerung in Deutschland verschließen seit Jahren, besser seit Jahrzehnten, die Augen vor einem anderen weit systementscheidenderen Paradigmenwechsel: dem demographischen Wandel.
Der demographische Wandel
Die Arbeitsmarktforscher und Wirtschaftsweisen schlagen zum wiederholten Mal Alarm. Ausgehend vom ‚Sommermärchen 2006‘ mit der Fußball WM in Deutschland erlebte der deutsche Arbeitsmarkt bis 2019 einen fulminanten Aufschwung; die Beschäftigtenzahl stieg von Jahr zu Jahr auf ein neues Rekordniveau. Im Jahr 2019 betrug die Beschäftigung 45,3 Millionen, rund 95 % des Potenzials an Erwerbspersonen in Deutschland war damit ausgeschöpft. Anders ausgedrückt: Mehr geht nicht, wir sind am Anschlag.
Thomas Rappold: »Deutschland kann durch breitflächige und mutige Investitionen in Industrie 4.0 und kollaborative Robotik sein Demographie-Problem in den Griff bekommen und neues Geschäft generieren.«
© Thomas RappoldDoch nun steht Deutschland in den kommenden Jahren ein folgenreicher demographischer Wandel bevor. Die Wirtschaftsforscher rechnen bis 2030 mit einer Verringerung der Potenzialwachstumsrate um rund 1 %. Die goldene Zeit des Beschäftigungsaufbaus könnte abrupt in die andere Richtung laufen. Grund dafür ist die Tatsache, dass zwischen 2025 und 2035 die geburtenstarke Generation der sogenannten ‚Babyboomer‘ aus dem Erwerbsleben ausscheidet, gleichzeitig aber deutlich weniger Schulabgänger als Jobeinsteiger zur Verfügung stehen. So wurden etwa 1964, im geburtenstärksten Jahr der Babyboomer-Generation, in Deutschland 1,36 Millionen Kinder geboren. In den vergangenen zwei Jahrzehnten lag die Zahl der jährlichen Geburten hingegen nur bei rund 700.000. Trotz zuletzt leicht ansteigender Zahlen gab es auch 2020 nur 770.000 Geburten. Schreibt man die heutigen Verhältnisse einfach in die Zukunft fort, ergibt sich laut dem Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) ein dramatisches Bild: Das Erwerbspersonenpotenzial eben noch auf Rekordhöhe, bricht bis 2035 um mehr als sieben Millionen Menschen ein. Damit schlägt der demographische Wandel voll durch.
Smarte Technologie – Society 5.0
Interessanterweise war im zurückliegenden Bundestagswahlkampf vom demographischen Wandel praktisch nicht die Rede. Manche Medienvertreter meinten denn auch, die Politik versuche sich mit der Lösung des Klimawandels an einem praktisch unlösbaren Problem, anstatt das Mögliche in Form des demographischen Wandels konkret anzugehen.
Wie es gehen könnte, zeigt uns die Robotik- und Automatisierungsnation Japan. Nach Südkorea und Singapur und knapp vor Deutschland verfügt Japan über die dritthöchste Roboterdichte weltweit. Mit dem Slogan ‚Society 5.0‘ will die japanische Regierung und führende Unternehmen zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Zuhause das Demographie-Problem lösen und gleichzeitig für ihre Exportindustrie neue Märkte im Bereich smarter Automatisierungslösungen erschließen. Heute schon gehört Japans Bevölkerung zu der ältesten weltweit.
Jeder vierte Einwohner ist älter als 65; immerhin mehr als 36 Millionen Menschen. Während andere Länder wie Deutschland auf Migration setzen, ist dies in Japan verpönt und entsprechend sieht man die Lösung des Demographie-Problems durch den Einsatz smarter und KI-gestützter Digitaltechnologie.
Hinter ‚Society 5.0‘ verbirgt sich aber weit mehr als nur der Einsatz neuer Robotertechnologie. Die japanische Regierung spricht auf ihrer Internetseite denn auch von einer „super-aging, supersmarten Gesellschaft“. Schlüsseltechnologien von ‚Society 5.0‘ und Kernbestandteile des Technologie-Stack sind der neue Mobilfunkstandard 5G und das intelligente orchestrierte Zusammenspiel von Sensoren, Robotik, künstlicher Intelligenz, Hochleistungsrechnern und erweiterter Realität (XR). Teile der Vision konnte die Weltgemeinschaft anlässlich der diesjährigen Olympischen Sommerspiele einsehen.
Der Autobauer Toyota baut auf Basis des ‚Society 5.0‘-Ansatzes an einer Smart City: Für mehr als eine Milliarde Dollar wird eine intelligente Stadt für 3000 Menschen aus dem Boden gestampft. Sie soll als Referenzprojekt dienen, um die japanische Bevölkerung auf einen digitalen Wandel einzustimmen. Denn noch geben die Japaner den Fax-Maschinen, Papierdokumenten und persönlichen Meetings den Vorzug gegenüber digitalen Angeboten. Die neue Smart City mit dem Namen ‚Woven‘ wird zudem umweltfreundlich durch Wasserstofftechnologie betrieben. Im Mittelpunkt stehen autonome Roboter und Fahrzeuge, die für eine reibungslose Logistik sorgen sollen.
Kollaborative Robotik und Industrie 4.0
Mit dem Industry 4.0 Performance-Index (ISIN: DE000VS8Y403) von Vontobel können Anleger über ein Indexzertifikat in die 20 wichtigsten Aktien führender Unternehmen im Bereich Industrie 4.0 investieren. Dabei deckt der Index die gesamte Wertschöpfungskette mit Unternehmen aus den Sektoren Robotik, Automatisierungslösungen, Sensorik, digitale Bildverarbeitung und anwendungsorientierter künstlicher Intelligenz ab.
© SolactiveDie zuletzt veröffentlichten Zahlen der International Federation of Robotics (IFR) zeigen, dass der Hunger nach intelligenten Roboterlösungen ungebrochen ist. Covid-19 wirkt insbesondere im Bereich der Serviceroboter als gigantischer Beschleuniger. Der Markt für dieses Segment wuchs auf 6,7 Mrd. Dollar und lag damit um 12 % über dem Niveau von 2020. Endkundenorientierte Robotik-Lösungen konnten sogar noch stärker, um 16 %, auf 4,4 Mrd. Dollar zulegen. Die Nachfrage nach professionellen Reinigungsrobotern stieg um 92 % auf 34.400 verkaufte Einheiten. Das Potenzial für Desinfektionsroboter in Krankenhäusern und anderen öffentlichen Einrichtungen ist nach wie vor groß: Es wird erwartet, dass der Absatz von professionellen Bodenreinigungsrobotern von 2021 bis 2024 im Durchschnitt jedes Jahr zweistellig wachsen wird.
Eine Schlüsselrolle zur Lösung des Demographie-Problems kommt den kollaborativen Robotern zu. Anbieter wie Universal Robots haben gezeigt, dass hier ganz neue Märkte mit erheblichen Volumina entstehen. Deutsche Anbieter, die bisher stark auf die Fabrikautomation und Automobilindustrie ausgerichtet waren, tun gut daran, ihre Anstrengungen im Bereich kollaborativer Robotik zu verstärken.
Neuen Schwung in das Thema bringen interessante Robotik Start-ups aus Deutschland. Dazu zählen unter anderem Wandelbots aus Dresden, die mit dem Slogan ‚No Code Robotics‘ werben, oder RobCo aus München, die modulare Roboter für die Industrie entwickeln. Will die Bundesregierung ‚Zukunftsregierung‘ sein, so sollte sie stark auf das Thema künstliche Intelligenz und Robotik und damit auf Industrie 4.0 in der Breite setzen. Deutschland kann so sein Demographie-Problem in den Griff bekommen und die Industrie sich neues Geschäft, auch im Export sichern.















