Big Data

Martin Ortgies | Meinrad Happacher,

Der Wettlauf um die Daten

Bedrohen Internet-Konzerne wie Google und Amazon jetzt auch Industrie-Ausrüster? Die digitale Transformation droht die bisherigen Stärken dieser Anbieter - Kundennähe, Fertigungskompetenz und spezialisierte Hardware - komplett zu entwerten.

© Fotolia / faithie

Ein vielzitiertes Beispiel für die ­digitale Transformation ist Uber. Innerhalb weniger Jahre ist aus einem Start-up ein weltweit agierender Taxivermittler mit einem Umsatz von zwei Mrd. US-Dollar und einer Bewertung von über 50 Mrd. US-Dollar geworden. Dabei betreibt Uber selbst keine Taxis. Das Geschäftsmodell basiert auf einer digitalen Plattform, die Fahrer und Fahrgäste über eine Smartphone-App verbindet.

Internet-Unternehmen ­drängen in die Industrie

"Das Verhältnis von Originalherstellern, Zulieferern und Dienstleistern wird in den kommenden Jahren neu definiert. Internet-Unternehmen investieren bereits in klassische Branchen", so Henning Kagermann, der Präsident der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften (acatech). Traditionelle Industrieunternehmen sehen sich inzwischen in ihren etablierten Branchen bedroht. Ein solches Beispiel gibt Google ab: Das Unternehmen hat 2013 mehrere Roboter-Unternehmen übernommen. "Google könnte ein Roboter-Betriebssystem ähnlich Android in den Markt bringen, das herstellerunabhängig installiert werden kann und an eine offene Google-Plattform angebunden ist", so eine Studie des Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung (IPA). Dies ist möglich, weil die Steuerung der Roboter durch Sensoren und Algorithmen zunehmend datengetrieben ist. Eine Vielzahl an Roboterfunktionen könnte durch extrem günstige Software-Applikationen verfügbar gemacht werden, ähnlich den Apps eines Smartphone-App-Stores. Etablierte Roboter-Hersteller würden dadurch zum Hardware-Lieferanten degradiert, denn die Software-Anbieter übernehmen den direkten Kontakt zum Kunden. Ein vergleichbares Konzept steht hinter dem selbstfahrenden 'Connected Car' von Google. Hier richtet sich das Geschäftsmodell nicht auf den Bau von Fahrzeugen, sondern auf Daten-getriebene Mobilitäts-Dienstleistungen.

"Wir sagen voraus, dass sich in den nächsten fünf Jahren die Gewinner von den Verlierern in diesem Bereich trennen werden", so Frank Riemensperger vom Beratungsunternehmen Accenture. Eine Studie von Roland Berger für den Bundesverband der Industrie kommt zu dem Ergebnis, dass die digitale Transformation die Wertschöpfung im produzierenden Gewerbe zugunsten einfacher, standardisierter IT-Lösungen verschiebt. Neue Anbieter gefährden die Schnittstelle zum Kunden. Die digitale Transformation wirkt demnach über vier Hebel: Digitale Daten, Automatisierung, Vernetzung und digitaler Kundenzugang: "Im Zuge der Verfügbarkeit digitaler Massendaten, der Automatisierung von Fertigungsprozessen, der Vernetzung von Wertschöpfungsketten und der Herausbildung digitaler Kundenschnittstellen kommt es zur Transformation von Geschäftsmodellen und zur Neugliederung ganzer Branchen. Neue, branchenfremde Akteure können sich mit innovativen Geschäftsmodellen wesentliche Teile der Wertschöpfung aneignen. Die 'Winner takes all'-Logik digitaler Märkte führt dazu, dass bereits der zweite Sieger trotz überlegener Technik der erste Verlierer sein kann." Als Konsequenz nennt die Studie: "Aus dieser Verschiebung des Wertschöpfungsanteils und der Disruption der Kundenschnittstelle ergibt sich ein Szenario, das die starke Stellung der deutschen und europäischen Weltmarktführer nachhaltig bedroht."

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Neue disruptive Geschäfts­modelle

Das disruptive Potenzial von Geschäftsmodell-Innovationen durch Industrie 4.0 wird vielfach unterschätzt. Klassische Branchengrenzen zwischen Maschinenbau und IT werden verschoben und machen Markteintritte durch Dritte wahrscheinlicher.

© Fraunhofer IPA

Der Bericht 'Smart Service Welt' der Acatech beschreibt Deutschlands Stärke in der inkrementellen Weiterentwicklung von komplexen, intelligenten Produkten in Premiumqualität – beispielsweise von Fahrzeugen, Werkzeugmaschinen, Medizingeräten oder Haustechnik. So konzentriert sich der Maschinenbau auf die digitale Veredelung seiner jeweiligen Nischenprodukte. Die übergreifende Vernetzung und Optimierung ganzer Produktionssysteme steht dabei nicht im Fokus. "Das disruptive Potenzial von Geschäftsmodell-Innovationen wird vielfach unterschätzt. Durch Industrie 4.0 werden klassische Branchengrenzen zwischen Maschinenbau und IT verschoben. Durch die Verschiebung dieser Grenzen sind Regelbrüche und Markteintritte durch Dritte wahrscheinlicher." Das FIR an der RWTH Aachen nennt die drei zentralen Handlungsfelder 'Data-Analytics', 'Vernetzung' und 'Automatisierung', die etablierte Konzepte und Methoden des Produktionsmanagements in Frage stellen."

Laut Fraunhofer IAO bieten viele Maschinenbauer bereits weitergehende Service-Lösungen wie Condition Monitoring an, allerdings ausschließlich für ihre eigenen Maschinen. Dem Anwender geht es aber nicht um die einzelne Maschine, sondern ihn interessiert der gesamte Produktionsprozess: "Was aber würde geschehen, wenn neue Akteure auf den Plan treten, die die produktionsbezogenen Daten und Informationen bündeln, aufbereiten und entsprechende Analyse-Instrumente entwickeln? Bekommen wir dann Google oder Amazon für die Industrieproduktion?"

Ähnlich dem Siegeszug des Betriebssystems Android im Mobiltelefonbereich könnte auch im Maschinen- und Anlagenbau eine unabhängige Betriebssoftware (Operating System) auf verschiedenen Maschinen installiert werden und für die gewünschten Prozesse die passenden Software-Services heruntergeladen werden. Die Software werde zu einem Alleinstellungsmerkmal und darauf ausgerichtete Geschäftsmodelle könnten die traditionell verkaufsorientierten Modelle schnell ersetzen. Deshalb warnt Acatech in seinem Bericht zur Smart Service Welt: "Smart Services lösen eine Welle disruptiver Geschäftsmodell-Innovationen aus, die bereits viele Branchen erreicht hat und auf die übrigen zurollt."

Services wichtiger als ­Produkte

50 % der rund 6400 Unternehmen des Maschinen- und Anlagenbaus sind stark mittelständische oder sogar familiäre Gründer- oder Nachfolger-geführte Betriebe. Im Mittelpunkt steht ein Hardware-Produkt. Die Unternehmensentwicklung erfolgt in kleinen, verlässlichen Schritten. Dienstleistungen dienen nur dazu, dieses Hardware-Produkt an die spezifischen Kundenanforderungen anzupassen. Eine digitale Transformation ist hier nicht in Sicht: Umfragen zeigen, dass nur rund ein Drittel der deutschen Unternehmen seine eigene digitale Reife als hoch oder sehr hoch einschätzt.

Die digitale Transformation führt zu einem radikalen Strukturwandel und entwertet die bisherigen Stärken der deutschen Industrie.

© PWC

Aus Sicht des Der Arbeitskreises 'Smart Service Welt' stellt das Internet der Dienste in den Fokus: "Im Zeitalter der Industrie 4.0 werden individualisierte Smart Services, die aus den Betriebsdaten der Produkte generiert werden, oft wichtiger als das Produkt selbst. Wer Smart Services anbietet, der bestimmt die Beziehung zu den Kunden und erschließt sich zusätzliche Umsätze mit gänzlich neuen Geschäftsmodellen. Schlüssel für die Smart-Service-Welt sind Daten, die von den intelligenten Produkten der Industrie 4.0 bereitgestellt und auf neuen digitalen Plattformen gesammelt und verarbeitet werden", so der Arbeitskreis bei der Vorstellung des Abschlussberichts mit Umsetzungsempfehlungen zur 'Smart Service Welt'.

Das Fraunhofer IPA erwartet, dass bei diesen digitalen Plattformen sich voraussichtlich einige wenige, große Anbieter durchsetzen, die die benötigten Dienste zum Betrieb der Plattformen zur Verfügung stellen können und gegebenenfalls kapitalintensive Infrastruktur bereitstellen und über die Zahl ihrer Nutzer den Markt dominieren. So kündigten Siemens und SAP zur Cebit 2015 eine Kooperation zum Aufbau einer solchen Plattform an: "Siemens wird eine offene Cloud-Plattform für die Analyse großer Datenmengen in der Industrie aufbauen ... Es ist geplant, dass die neue Cloud-Plattform dabei Technologien der SAP HANA Cloud Platform nutzen wird."

Ohne Data-Analytics keine Smart Services

Die Daten werden somit zum wichtigsten Rohstoff des 21. Jahrhunderts und zum Ausgangspunkt innovativer Geschäftsmodelle. Daten werden systematisch analysiert, interpretiert, verknüpft und ergänzt und auf diese Weise zu 'Smart Data' veredelt. Smart Data liefern den Treibstoff für eine bessere Steuerung, Wartung und dienen der Verbesserung smarter Produkte und Dienstleistungen. Neben großen Internetkonzernen ergreifen Start-ups wie Blue Yonder und IS Predict die neuen Chancen von Data-Analytics. Logistiker passen auf Basis selbstlernender Algorithmen von Verkehrs- und Bedarfsdaten in Echtzeit die Routen ihrer Transportfahrzeuge an.

Autor: Martin Ortgies ist freier Journalist aus Hannover

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