Technik & Finanzen
Industrie 4.0 als Kapitalanlage
Die vierte industrielle Revolution wird bisher meist aus technischer Sicht betrachtet. Mit der neuen Rubrik 'Technik & Finanzen' erweitern wir den Blickwinkel: Wie stellen sich Themen wie Cyber Security, 5G, Artificial Intelligence oder auch Blockchain aus Investmentsicht dar?
Die Begriffe Technik und Finanzen gehören untrennbar zusammen. Denn ohne funktionierende Kapitalmärkte, Börsen und aufgeschlossene Aktionäre als Investoren wären die vorhergehenden industriellen Revolutionen – etwa die Entwicklung des Eisenbahnwesens oder der Elektrizität – nicht möglich gewesen. Auf der anderen Seite sind industrieller Fortschritt, technologische Innovationen und neue Prozesse wichtige Treiber für die Kapitalmärkte und Börsen.
Thomas Rappold ist Finanz- beziehungsweise Börsenexperte, Buchautor (Silicon Valley Investing) und Gründer zahlreicher Internet-Start-ups sowie Investment Advisor der aufgeführten Tech-Indizes.
© Thomas RappoldAktuell befinden wir uns mitten in der vierten industriellen Revolution und sprechen gemeinhin von der Digitalisierung sämtlicher Lebens- und Arbeitsbereiche – der richtige Zeitpunkt also, um auch die spannenden Facetten von I4.0 aus Investorensicht regelmäßig zu beleuchten. Immerhin befinden wir uns seit 2009 in einem nun zehn Jahre währenden Aufschwung. Der deutsche Börsenindex MDAX – Heimstätte zahlreicher deutscher Technologie-Weltmarktführer wie Dürr oder Kion – legte seit März 2009 ausgehend von 4.500 auf aktuell 24.600 Indexpunkten zu. – Ein Anstieg von rund 540 % und zudem eine Entwicklung, die auf soliden Beinen steht: So stiegen im gleichen Zeitraum im MDAX die Dividendenzahlungen an die Aktionäre von 2,1 Mrd. Euro in 2009 auf die neue Rekordsumme von 9,5 Mrd. Euro in 2018.
Speziell ausländische Investoren wissen die Qualität deutscher Aktien zu schätzen. Einer Auswertung der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft Ernst & Young (EY) zufolge flossen aus dem DAX im Jahr 2017 von 36 Mrd. Euro Dividendenzahlungen knapp 20 Mrd. Euro – und damit mehr als die Hälfte! – ins Ausland. Deutschland ist also nicht nur Weltmeister beim Export von Produkten mit dem Qualitätssiegel ‚Made in Germany‘, sondern vermehrt auch den Wohlstand ausländischer Anleger und Pensionskassen. Diese Entwicklung vor Augen und angesichts rekordniedriger Sparzinsen ist hierzulande ein Umdenken gefordert: Nicht umsonst empfiehlt etwa der erfolgreichste Investor Warren Buffett, verstärkt in Anlagen zu investieren, wovon man am meisten versteht beziehungsweise in die man entsprechende Einblicke hat. Mit dieser ‚Circle of Competence‘-Strategie wurde Buffett zu einem reichen Mann, mit einem geschätzten Vermögen von aktuell über 80 Mrd. US-Dollar. Und auch er investiert vermehrt in deutsche Qualitätsunternehmen. Außerdem sichern Aktien und damit Stimmrechte in Händen der eigenen Mitarbeiter langfristig Arbeitsplätze am Standort Deutschland. Anonymen und nur auf Rendite fokussierten internationalen Finanz-’Heuschrecken’ wird so ein Riegel vorgeschoben.
Tech-Indizes in Analogie zu Technologie-Baukästen
Vor diesem Hintergrund ist unter anderem die Idee entstanden, langfristig bedeutsame und nachhaltige technologische Entwicklungen in für Investoren gewinnbringende Indizes umzusetzen, die jeweils aus bis zu 20 Aktien bestehen – quasi in Analogie zu den heute in der Industrie üblicherweise verwendeten Technologie-Baukästen und Bibliotheken, um neue Produkte und Dienste zu kreieren.
Das Dach bildet der sogenannte ‚Industrie 4.0 Technology Performance Index‘. Er beinhaltet weltweit führende Unternehmen in diesem Segment. Getragen wird das Dach von den wichtigen Säulen beziehungsweise den Themen-Indizes ‚Cyber Security Performance Index‘, ‚Artificial Intelligence Performance Index‘, ‚Blockchain Technology Index‘ und dem ‚5G Technology Index‘.
Die Indizes decken die gesamte Wertschöpfungskette des jeweiligen Themas ab. Für den Industrie-4.0-Index kommen folgerichtig Unternehmen aus den Segmenten Automatisierung, Robotik, Sensorik, Software- und Datendienstleister, Maschinen- und Anlagenbau sowie Ingenieurdienstleister in Frage. Wesentliche Faktoren für die Selektion sind: große Markenbekanntheit, umfassender Patentschutz und Einzigartigkeit des Geschäftsmodells. Darüber hinaus müssen die von den Unternehmen hergestellten Produkte und angebotenen Lösungen einen möglichst großen Markt bedienen, der langfristiges und nachhaltiges Wachstum verspricht. Nicht zuletzt sollten die Unternehmen über ein exzellentes unternehmerisch geprägtes Management – idealerweise repräsentiert durch die Gründer – und über ein stark international ausgerichtetes Geschäft verfügen.
Bei den Indizes zu den Themen Blockchain spielen die Mitgliedschaft in Konsortien wie Hyperledger, R3 Corda und Ethereum und bei 5G die Standardisierungsgremien wie 3GPP und 5GPPP eine wichtige Rolle.
Hannover Messe 2019 im Zeichen von 5G und KI
Wer die gerade hinter uns liegende Hannover Messe besucht hat, die in diesem Jahr unter dem bezeichnenden Motto „Integrated Industry – Industrial Intelligence“ stand, konnte dort unter anderem die digitalen Symbiose aus Industrie 4.0 und KI live an zahlreichen Ständen erleben. Ebenso den neue Mobilfunkstandard 5G, der – so ZVEI-Präsident Michael Ziesemer –„Ausgangspunkt für eine völlig neue Fabrikwelt“ sein kann. Als Forderung formulierte es gar Bosch-Rexroth-Vorstand Dr. Marc Wucherer: „Wir brauchen ein funktionierendes 5G-Netz als digitales Nervensystem. Ohne es können wir die Vision unserer ‚factory of the future‘ nicht realisieren.“













