Technik & Finanzen
KI folgt eigenen Regeln
Google hat Ende vergangenen Jahres mit seinem Test zur Quantenüberlegenheit das i-Tüpfelchen auf die voranschreitende Entwicklung der künstlichen Intelligenz gesetzt. Amerika und China liefern sich ein KI-Wettrennen. Welche Rolle spielt dabei Deutschland und die Industrie 4.0?
Thomas Rappold: »Deutschland braucht einen 50-Mrd.-EuroTechnologiezukunftsfonds.«
© Thomas RappoldLaut dem renommierten US-Politmagazin ‚Foreign Affairs‘ befinden wir uns im ‚Zeitalter des Wettbewerbs der Großmächte‘, dem ‚Age of Great Power Competition‘. Geht es um die Technologieschlüsselmärkte Künstliche Intelligenz, 5G und Blockchain, sind die USA auf der einen Seite und China auf der anderen Seite das Maß der Dinge. Zwei Kennziffern sind dabei für die Finanzindustrie von großer Bedeutung: die Anzahl an werthaltigen Patenten sowie Investitionen in Start-ups. In absoluten Zahlen gemessen führen die beiden Großmächte die Patentrangliste bei den wichtigsten Sparten wie Bildverarbeitung, Sprachverarbeitung, Robotik und Planung an, dahinter folgen mit Abstand Japan, Südkorea und schließlich Deutschland.
Ein ähnliches Bild zeigt sich bei den Risikokapital-Investitionen in junge KI-Start-ups. Das bekannte Tech-Research-Unternehmen CB Insights ermittelte für 2019 ein Rekord-Investitionsvolumen in Höhe von 26,8 Mrd. Dollar in Start-ups aus dem Segment künstliche Intelligenz. Treiber der Investments sind neben den großen amerikanischen und asiatischen Risikokapitalfonds vor allem die dominierenden amerikanischen Tech-Unternehmen Alphabet, Apple, Amazon, Facebook und Microsoft sowie die chinesischen Top-Player Alibaba, Tencent und Baidu. Meist folgen auf ein Erst-Investment Folge-Investments in bis zu dreistelliger Millionenhöhe oder die Start-ups werden gar für Milliardenbeträge ganz übernommen, wie im Falle des Big-Data-Unternehmens Looker, das von Google im Juni 2019 für 2,6 Mrd. Dollar gekauft wurde.
KI folgt eigenem ‚Moores Law‘
Beim Thema Künstliche Intelligenz denkt jeder zunächst an die bekannten GAFA-Unternehmen (Google, Apple, Facebook, Amazon). Um ein Gegengewicht zu setzen und für neutrale allgemein verfügbare Algorithmen und Ressourcen zu sorgen, haben 2015 prominente Unternehmer und Investoren des Silicon Valley das nichtkommerzielle Forschungsunternehmen OpenAI gegründet. Zu den Gründern und Investoren gehören unter anderem Tesla- und SpaceX-Chef Elon Musk sowie Linked-In-Gründer Reid Hoffman. OpenAI gilt neben Google und Facebook inzwischen als wesentliche und unabhängige Stimme zu Entwicklungen der KI. Zuletzt wartete OpenAI mit Zahlen auf, die zeigen, dass sich Künstliche Intelligenz geradezu exponentiell entwickelt. Demnach verdoppelt sich die Rechenleistung alle 3,4 Monate und damit 7-mal schneller als das von Intel-Gründer Moore entwickelte Mooresche Gesetz. Die von OpenAI vorgelegten Zahlen zeigen, dass sich die Entwicklungen bei Künstlicher Intelligenz in zwei Phasen einteilen lassen: Zwischen 1950 und 2010 verdoppelte sich die KI-Rechenleistung alle zwei Jahre im Einklang mit dem Mooreschen Gesetz; in der modernen Ära seit 2012 beschleunigt sich die Entwicklung dramatisch. Die Forscher führen dies auf zwei Dinge zurück: spezielle, auf KI-Algorithmen getrimmte Prozessoren und Cloud Computing.
Seit 2012 wuchs die Verarbeitungsgeschwindigkeit bei KI-Prozessen um den Faktor 300.000. Das klassische Mooresche Gesetz hätte nur zu einer Versiebenfachung geführt. Manifestiert hat sich dies zuletzt in den Siegen des Google-Computers AlphaGo. Vor Jahren wäre es undenkbar gewesen, dass ein Computer als Sieger des komplexen Go-Strategiespiels vom Brett gehen würde. Inzwischen hat der 18-malige Go-Welt-meister Lee Dol sogar seinen Rücktritt angekündigt und vor der Übermacht der Rechenleistung künstlicher Rechner kapituliert. Nvida-Chef Huang erklärte Anfang 2019 anlässlich seiner CES-Präsentation das Mooresche Gesetz für tot. Nvida mit seinen speziellen Grafikchips (GPUs) profitiert auf der Prozessorseite und durch die in diesem Jahr vollzogene Übernahme des israelischen Cloud-Netzwerk-Spezialisten Mellanox gleich doppelt von diesem Trend. Google zündet mit den Durchbrüchen beim Quantencomputing gar die nächste Stufe.
Um zu verstehen, warum die USA und China der restlichen Welt beim Thema Künstliche Intelligenz weit enteilt sind, ist es hilfreich, sich die jeweiligen Cluster näher anzuschauen. Kai-Fu Lee, Informatiker, Investor und Autor des Bestsellers „AI Super-Powers China, Silicon Valley und die neue Weltordnung“ sieht die Vorteile der USA noch in der Kreativität und Innovationskraft in Bezug auf Algorithmen, Software und Spezialchips, wohingegen die Chinesen durch ihre lockere Datenschutzgesetzgebung und die weitreichende Digitalisierung des Wirtschafts- und Geldverkehrs (China verfügt über mehr als 800 Mio. mobile Internetnutzer) mit ihrem immensen Datenschatz punkten kann. Mittelfristig geht Lee davon aus, dass große verfügbare Datenschätze, wie sie in China an der Tagesordnung sind, wichtiger sind, als die zur Verarbeitung notwendigen Algorithmen. Damit hätte China langfristig den entscheidenden Wettbewerbsvorteil gegenüber der westlichen Welt.
Die Cluster USA und China
Die Entwicklung des Solactive Artificial Intelligence Performance-Index seit Auflage im September 2017. Er beinhaltet führende Technologie- und Anwendungsunternehmen, die die KI-Technologie ent-wickeln und einsetzen, darunter Apple, Nvidia, Intel, Blackrock, Microsoft, Alibaba, ASML, Alphabet, Qualcomm und SAP.
© Thomas RappoldDas amerikanische Wirtschaftsmagazin Fortune sieht aktuell die vier folgenden amerikanischen Unternehmen als KI-Innovationsführer an: das weiter oben beschriebene Forschungsunternehmen OpenAI, das immer wieder durch bahnbrechende Algorithmen Aufsehen erregt und in 2019 eine kommerzielle Einheit gegründet hat, in die Microsoft 1 Mrd. Dollar investiert hat, weiter die beiden Google-Unternehmen DeepMind (bekanntes Produkt: AlphaGo) sowie Google Brain (bekanntes Produkt: Tensorflow, führende KI-Programmiersprache) und schließlich die KI-Forschungsabteilung von Facebook (bekanntes Produkt: KI-Programmiersprache Pytorch). Darüber hinaus die beiden kalifornischen Universitäten Stanford und Berkley.
Die chinesische Regierung hat der Bedeutung entsprechend eine KI-Nationalmannschaft der führenden IT-Unternehmen benannt. Jedem der Unternehmen kommt eine eindeutige Schlüsselrolle im Wettlauf um die technologische Weltmarktführerschaft zu: Google Konkurrent Baidu nimmt sich des Themas autonomes Fahren an, Spiele- und Messaging-Gigant Tencent der Bildverarbeitung medizinischer Diagnostik, Huawei der Software sowie Infrastrukur und Alibaba leitet die Smart-City-Initiative.
Deutschland muss handeln
Deutschland muss sich auf seine eigenen Stärken konzentrieren und nicht versuchen, amerikanische oder chinesische Modelle zu kopieren. Siemens-CEO Joe Kaeser brachte es beim Weltwirtschaftsgipfel auf den Punkt: „Deutschland schafft es in drei Schlüsselgebieten, Weltstandards zu definieren: Mobilität, Energie und Umwelt sowie Digitale Industrie.“ Damit die Wünsche Wirklichkeit werden, bedarf es einer mutigen, konzertierten Agenda 2030 aus Politik, Unternehmen, Wirtschaft, Medien und Gewerkschaften. Immerhin belegt Deutschland beim Innovation-Index der Wirtschaftsnachrichtenagentur Bloomberg den ersten Platz der innovativsten Nationen der Welt, vor Ländern wie Südkorea, Singapur und der Schweiz. Deutschland war schon immer Spitze in der Grundlagenforschung, häufig wurden aber die Ergebnisse wie bei der Erfindung des Computers, der Raketentechnologie oder des Kompressionsalgorithmus MP3 vorschnell aus der Hand gegeben. Vordringlich wäre deshalb ein Technologiezukunftsfonds mit einem zweistelligen Milliardenvolumen, das von führenden deutschen Unternehmen, Finanzdienstleistern, Privatinvestoren und staatlichen Förderbanken gespeist werden sollte.
Parallel müsste der Staat attraktive steuerliche Förderbedingungen schaffen, die zu einer Initialzündung im Technologietransfer führen. Am Geld liegt es nicht: Die Deutschen verfügen nach aktuellen Erhebungen der Bundesbank über ein Vermögen von 6,3 Billionen Euro, wovon rund 40 % zu Null- oder Minuszinsen auf Girokonten nutzlos dahinvegetieren. Dass KI als Anlage für Privat- wie Firmeninvestoren lukrativ sein kann, zeigt der Solactive Artificial Intelligence Performance-Index. Seit Auflage im September 2017 konnte er um mehr als 50 % zulegen.
Zum Autor: Thomas Rappold ist Finanz-/Börsenexperte, Buchautor (Silicon Valley Investing) und Gründer zahlreicher Internet-Start-ups.















