Technik & Finanzen
Eine Währung für Industrie 4.0
Facebook erregt mit seiner neuen Kryptowährung Libra weltweit große Aufmerksamkeit. Die Vision des Social-Media-Giganten ist die Schaffung eines neuen Finanz-Ökosystems für die digitale Plattformwirtschaft des 21. Jahrhunderts. Wie kann Deutschland mit I4.0 davon profitieren?
Die USA und China dominieren bekanntlich die Internet-Ökonomie und die damit verbundene Finanzwirtschaft. Mit Microsoft, Apple, Amazon, Alphabet, Facebook und Visa auf Seiten der USA sowie mit Alibaba und Tencent auf Seiten von China befinden sich allein acht Technologie- beziehungsweise digitale Plattformunternehmen unter den zehn größten Unternehmen der Welt. Mehr noch: In seiner Auswertung der 100 teuersten Unternehmen der Welt vom Juli 2019 kommt das Beratungsunternehmen Ernst&Young zu dem Schluss, dass der IT-Sektor aktuell am stärksten unter den Top 100 Unternehmen vertreten ist. Er stellt fast jedes vierte Unternehmen und repräsentiert damit eine Marktkapitalisierung von unglaublichen 7,7 Bio. Dollar. Zum Vergleich: Der Industriesektor ist lediglich mit sechs Unternehmen unter den Top 100 vertreten und bringt mit 771 Mrd. Dollar lediglich ein Zehntel des IT-Sektors auf die Waage. Folgerichtig schaffen es aus dem Land des Exportweltmeisters und Industrie-Champions Deutschland mit SAP und Allianz lediglich zwei Unternehmen unter die ersten 100 und beide sind noch nicht einmal dem Industriesektor zuzurechnen.
Auf den Punkt gebracht: Wir befinden uns mitten in einem Gezeitenwechsel von der Industrie- in die Informations- und Dienstleistungswirtschaft. Doch frei nach James Bond „Die Welt ist nicht genug“, schickt sich Facebook-Chef Mark Zuckerberg nun mit seiner Kryptowährung Libra an, ein neues digitales Finanzökosystem zu schaffen, das laut der für ihre exzellenten Analysen bekannten BIZ Bank in Basel (die Zentralbank der Zentralbanken) den globalen Finanzsektor beherrschen könnte.
Libra – einlagengesicherte Kryptowährung
Zu Libra wurde zuletzt sehr viel geschrieben. Fakt ist, dass Facebook seine Monopolstellung als weltweit führendes Social-Media-Unternehmen mit über 2,4 Mrd. Kundenbeziehungen nutzt, um aus dem Stand eine neue, sehr liquide und umsatzstarke Kunstwährung zu schaffen, die das Potenzial hat, das klassische Finanzsystem aus den Angeln zu heben. Gemäß dem Whitepaper der Libra-Organisation ist der Anspruch an Libra hoch: Mit Hilfe einer einfachen globalen Währung in Kombination mit einer proprietären Finanzinfrastruktur soll es Milliarden von Menschen – insbesondere auch in weniger entwickelten Ländern – in die Lage versetzen, ein besseres Leben zu führen. Dies ähnelt dem Leitbild der Libra-Mutter Facebook „die Welt näher zusammenzubringen“. Zuckerberg selbst bringt die Vision pragmatisch auf den Punkt: „Ich glaube daran, dass es so einfach sein sollte, Geld an jemand zu senden, wie das Versenden eines Fotos“.
Hinter Libra verbirgt sich allerdings weit mehr, als nur eine Kryptowährung, wie es vordergründig in den Medien den Anschein hat. David Marcus, der Gesamtverantwortliche und strategische Kopf bei Facebook für das Krypto- und Blockchain-Projekt verdeutlichte dies über seinen Twitter Account zum Start am 18. Juni 2019 mit seiner Ankündigung, dass Libra aus insgesamt drei Komponenten besteht:
- Eine skalierbare ‚permissioned‘ Blockchain (LibraBFT), die auf dem BFT-Algorithmus (Byzantine Fault Tolarance) basiert;
- Eine Kryptowährung, die durch Echtwährungen gedeckt und für den Zahlungsverkehr geeignet ist;
- Eine neue Programmiersprache mit dem Namen ‚Move‘.
Die neue Krypto-Programmiersprache ‚Move‘
Mit ‚Move‘ hat Facebook für Libra eine brandneue wie hochinteressante Programmiersprache speziell dafür entwickelt, Blockchain-Transaktionen zu unterstützen. Dahinter verbirgt sich die Idee, dass Apps sogenannte ‚Libra Coins‘ von einem Konto auf ein anderes transferieren können, ohne dass ein Missbrauch auftreten kann. Als mächtige und ausdrucksstarke Programmiersprache, die explizit auf die Spezifika der Fintech- und Kryptowelt ausgelegt ist, kann Move gleichermaßen einfache Transaktionen beschreiben, wie zum Beispiel das Versenden von Geld, aber auch deutlich komplexere Transaktionen – etwa wie sich Geld kreieren oder auch zerstören lässt. Die Programmiersprache ist als Open-Source-Projekt angelegt.
Das Libra-Konsortium
Die Libra-Organisation besteht Stand Oktober 2019 aus 21 Mitgliedern aus den Segmenten Zahlungssysteme, Technologie und Marktplätze, Telekommunikation, Blockchain und Venture Capital sowie aus multilateralen Unternehmen. Jedes Mitglied der Organisation verfügt über ein gleichwertiges Stimmrecht. Facebook selbst ist einfaches Mitglied mit einfachem Stimmrecht und betont damit, keine dominierende Rolle auf die Geschehnisse bei Libra ausüben zu können. Geplant ist, dass der Konsortialkreis auf bis zu 100 Unternehmen ausgebaut werden soll.
Libra im Kontext von Industrie 4.0
Was bedeutet nun Libra im Kontext von Industrie 4.0 konkret? Politik und Industrie könnten sich diese ‚Facebook-Blaupause‘ zunutze machen. Denn nachdem Deutschland die erste Halbzeit der Digitalisierung verloren hat, muss es nun seine Stärken im Bereich industrieller Software ausspielen. Dabei bedarf es eines Schulterschlusses der beiden Paradebranchen Automobil und Maschinenbau, die beide vor großen Transformationsprozessen im Bereich der Digitalisierung stehen und durch ihre gegenseitigen Wirtschaftsbeziehungen stark voneinander abhängen.
Die Entwicklung des Blockchain Technology Performance Index seit Januar 2019. Er beinhaltet führende Technologie- und Anwendungsunternehmen, die die Blockchain-Technologie entwickeln und einsetzen, darunter Intel, Verizon, Alibaba, Tencent, Accenture und Nokia. Im aktuellen Jahr konnte der Index um rund 20 % zulegen.
© SolactiveDie Ausgangsposition von Deutschland bei den Themen Blockchain und Kryptowährungen ist jedenfalls exzellent: Die Bundesregierung hat die Bedeutung der Blockchain erkannt und im Sommer einen konkreten Fahrplan verabschiedet mit dem Ziel, die Chancen dieser Technologie zu nutzen und ihre Potenziale für die digitale Transformation zu mobilisieren. Mit der in Deutschland entwickelten Kryptowährung IOTA steht zudem eine veritable Alternative zu Libra exakt für die Etablierung neuer Industrie-4.0-Geschäftsmodelle zur Verfügung. IOTA ist wie Libra eine Stiftung. Mit der Deutschen Telekom, Fujitsu und Samsung verfügt IOTA ebenfalls über prominente Mitglieder.
IOTA ist speziell ausgelegt für IoT-Geschäftsmodelle und eignet sich für die sichere Kommunikation und Zahlung zwischen zwei Maschinen. Die Referenzsoftware für die Zahlungsabwicklung ist als Open Source veröffentlicht und seit 2017 ist IOTA als gemeinnützige Stiftung in Deutschland anerkannt. Anders als etwa Bitcoin verwendet IOTA keine Blockchain auf Basis einer verketteten Liste. Transaktionen werden stattdessen in einem gerichteten azyklischen Graphen erfasst. Dadurch sollen Transaktionskosten verringert werden und eine bessere Skalierbarkeit als bei Blockchain-basierten Kryptowährungen erreicht werden.
Damit bietet sich IOTA unter anderem für industrielle 5G-Anwendungsszenarien an, die für die deutsche Industrie von großer Bedeutung sind. Mit seinen ultrakurzen Latenzzeiten ermöglicht der neue Mobilfunkstandard erstmalig eine echtzeit-fähige M2M-Kommunikation, die sich in Kombination mit der Blockchain- und Kryptotechnologie hervorragend für die Etablierung neuer Geschäftsmodelle eignet. Der Maschinenbausektor kann damit wie die Digitalwirtschaft neue innovative Erlösmodelle in Richtung flexibler Abonnement- und Pay-per-Use-Modelle einsetzen und über eine Kryptowährung wie IOTA abwickeln. Geplant ist bereits die Einrichtung eines IoT-Marktplatzes auf Basis der IOTA-Technik, auf dem digitale Industrieanwendungen mit IOTA-Krypotounterlegung für Drittnutzer angeboten werden.
Der entscheidende Punkt, den wir dabei von den Silicon-Valley-Unternehmen lernen können: „It‘s all about marketing“. Dem Rechnung tragend, sollten die großen industriellen Player wie SAP, Siemens, Bosch, Daimler, BMW und VW zusammen mit den führenden mittelständischen Unternehmen und nicht zuletzt im Schulterschluss mit der Finanz- und Versicherungswirtschaft ein Konsortium für einen Industrie-4.0-Blockchain- und Kryptorahmen à la Libra aufsetzen beziehungsweise eine globale Marke schaffen, wie es mit Industrie 4.0 bereits erfolgreich gelungen ist. Auf diese Weise ließe sich Deutschlands Industrie in die post-industrielle, datengetriebene Welt führen.
Autor:
Thomas Rappold ist Finanz-/Börsenexperte, Buchautor (Silicon Valley Investing) und Gründer zahlreicher Internet-Start-ups.













