Phoenix Contact
„Eine nachhaltige, CO2-freie Welt können wir nur gemeinsam schaffen“
Phoenix Contact möchte als Vorreiter einer voll elektrifizierten Welt wahrgenommen werden. Wie dies genau aussieht, erläutert Ulrich Leidecker, Sprecher der Geschäftsführung und Chief Operating Officer von Phoenix Contact in Blomberg.
Welche Chancen sehen Sie für Phoenix Contact im Zug der Entwicklung hin zur All Electric Society?
Die Vision der All Electric Society eröffnet uns zum einen die Möglichkeit, als Technologieunternehmen aktiv etwas gegen den Klimawandel zu unternehmen. Unsere technischen Lösungen sind der Schlüssel für eine nachhaltige und lebenswerte Welt. Zudem bietet sie eine Antwort auf den häufigen Wunsch unserer Gesellschaft, sinnstiftend arbeiten zu wollen. Zum anderen schafft die Energiewende vielfältige Optionen für nachhaltige Lösungen in allen energieerzeugenden und -verbrauchenden Sektoren. Wir haben uns in unseren Geschäftsmodellen danach ausgerichtet und sehen uns einem großen Wachstumsmarkt gegenüber. Die dabei erforderliche Digitalisierung führt zu einer höheren Wettbewerbsfähigkeit und ermöglicht effizientere Prozesse. Das Besondere ist, dass es derzeit schon zahlreiche Lösungen für die All Electric Society gibt. Wir brauchen dafür keine fundamental neuen Konzepte.
Wie positioniert sich Ihr Unternehmen strategisch angesichts des Trends zur vollständigen Elektrifizierung?
Phoenix Contact möchte als Vorreiter einer voll elektrifizierten Welt wahrgenommen werden. Das bedeutet, dass wir uns komplett auf das Angebot CO2-freier Lösungen fokussieren. Dabei streben wir Partnerschaften an, in denen wir gemeinsam an weiteren innovativen Lösungen arbeiten. Mit unserer Erfahrung bei der Dekarbonisierung unserer eigenen Prozesse beraten wir andere Unternehmen, selbst CO2-frei zu werden. An unseren Standorten haben wir viele Leuchtturmprojekte, die das große Potenzial der Digitalisierung und energetischen Kopplung aller Gewerke für eine größtmögliche Energieeffizienz zeigen. Ein Beispiel ist der All Electric Society-Park in Blomberg, den Interessierte frei zugänglich besuchen können. Darüber hinaus betreibt Phoenix Contact moderne, nachhaltig geplante und gebaute Produktionsgebäude, die energiepositiv und trotzdem im globalen Umfeld wettbewerbsfähig sind. Ein Ladepark mit bidirektionaler Lademöglichkeit, PV-Anlagen, ein Eisspeicher zur Kopplung thermischer Energie sowie die Etablierung von DC-Netzen verdeutlichen in diesen Gebäuden, welche Möglichkeiten die Sektorenkopplung und damit die ganzheitliche und effiziente Nutzung der regenerativen Energie bietet.
Welche zentralen Veränderungen haben Sie in Ihrer Unternehmensstrategie bereits vorgenommen, um sich auf die All Electric Society einzustellen?
Wir haben das Leitbild der All Electric Society in einer für die gesamte Phoenix Contact-Gruppe geltenden Dekadenstrategie beschrieben. Die Strategie wurde allen Führungskräften weltweit in vielen Workshops vorgestellt und gemeinsam diskutiert. Große Zustimmung und Motivation gab es für das Purpose-Statement: Neben den wirtschaftlichen Aspekten betrachtet Phoenix Contact auch den sinnstiftenden Aspekt der All Electric Society. Im Rahmen der Dekadenstrategie wurden unter anderem Geschäftsmodelle gemäß ihrer Bedeutung für die All Electric Society gestrafft oder ausgebaut. Das Vorantreiben der Digitalisierung als zentrales Fundament unseres Unternehmens ist in der Geschäftsleitung angesiedelt. Phoenix Contact hat Kunden und Partnern das Leitbild der All Electric Society auf Messen und anderen Plattformen präsentiert. Denn es ist unstrittig, dass wir eine nachhaltige, CO2-freie Welt nur gemeinsam schaffen können. Daher haben wir Partnerschaften etabliert, beispielsweise beim Ausbau des offenen Ökosystems ‚PLCnext Technology‘. Abgesehen von der Westsächsischen Hochschule in Zwickau zählt Phoenix Contact ferner zu den Gründungsmitgliedern der All Electric Society Alliance.
Wie unterstützt Industrie 4.0 Ihre Bemühungen um All Electric-Lösungen?
Mit dem Start von Industrie 4.0 wurden durch die Digitalisierung zusätzliche Mehrwerte geschaffen. Das ‚Cyber Physical Production System‘, kurz CPPS, beschreibt, wie neben dem physikalischen Produkt ein digitaler Zwilling über den Produktentstehungs- und -lebenszyklus mitgeführt wird. Das war eine wesentliche Voraussetzung für die Digitalisierung und Vernetzung von Produktionsprozessen. Der Energieverbrauch kann so bis zur Erstellung jedes einzelnen Produkts erfasst werden. Anlagen und Prozesse lassen sich also nicht nur effizient in Bezug auf die Auslastung betreiben, sondern auch im Hinblick auf den Energieverbrauch. Außerdem hat Industrie 4.0 die Grundlagen für die technische Infrastruktur von Datenräumen gelegt. Die Basis bildet eine standardisierte und automatisierte Datenlogistik zwischen proprietären Softwaresystemen innerhalb eines Unternehmens, aber vor allem über Unternehmensgrenzen hinweg. Das ist eine Voraussetzung für die Sektorenkopplung in einer All Electric Society, in der energieverbrauchende und -erzeugende Sektoren informationstechnisch gekoppelt werden, um ganzheitlich auf einen möglichst effizienten Umgang mit regenerativer und thermischer Energie zu schauen.
Welche neuen Technologien nutzen Sie, um die Leistungsfähigkeit elektrischer Systeme zu optimieren?
Wir optimieren unsere Produktion mit der Lösung ‚MLnext‘ zur Erzeugung von Machine Learning-Algorithmen. So lassen sich Maschinen- und Anlagendaten effizient und skalierbar auswerten, um zum Beispiel Anomalien zu erkennen. Die Ergebnisse ermöglichen eine effektive Fehlerbeseitigung. Ungeplante Anlagenstillstände werden verkürzt oder vermieden. Für den Einsatz von Machine Learning in der industriellen Praxis stellen wir Hardware und Software-Bibliotheken zur Verfügung. Mit der Konvergenz von OT und IT gewinnen softwarebasierte Steuerungen an Bedeutung. Wir erleben insbesondere eine große Nachfrage nach flexiblen und kosteneffizienten Steuerungslösungen. Die Virtualisierung erlaubt die skalierbare Nutzung einer ‚PLCnext Control Runtime‘ auf bislang unüblicher Hardware und offenen Betriebssystemen. Je nach Anwendung können als Edge Device fungierende Industrie-PCs Datenmengen direkt in der Anlage auswerten und in Echtzeit Einfluss auf die Produktion nehmen.
Wie stellen Sie sicher, dass Ihre elektrischen Systeme höchsten Sicherheits- und Zuverlässigkeitsstandards entsprechen?
Bei Phoenix Contact haben wir eine 360° -Sicherheitsstrategie etabliert. Damit stellen wir sicher, dass unsere Produkte und Lösungen nach Secure-by-Design-Prinzipien entwickelt werden. Unser Product Security Incident Response Team – PSIRT – trägt dafür Sorge, dass die Produkte über ihren gesamten Lebenszyklus ein hohes Sicherheitsniveau beibehalten. Die dafür notwendigen Prozesse, Produkte und Lösungen sind gemäß der internationalen Norm IEC 62443 durch den TÜV zertifiziert. Phoenix Contact war eines der ersten Unternehmen, die ihre Steuerungstechnik nach IEC 62443-4-2 haben zertifizieren lassen. Bereits 2008 haben wir mit Innominate Security Technologies einen Spezialisten auf diesem Gebiet akquiriert. Es hat sich gelohnt, eigene Kompetenzen rund um OT-Sicherheit zu entwickeln und auszubauen. Das so gewonnene Know-how und die erarbeiteten Lösungen sind ebenfalls für Kunden interessant. Auch wenn allgemein bekannt ist, dass es keine absolute Sicherheit geben wird, stehen gute Konzepte und Prozesse zur Risikominimierung zur Verfügung. Mit der aktuellen Entwicklung unserer Steuerungsfamilie PLCnext Control setzen wir Maßstäbe in der Welt der industriellen Sicherheit. Die Kombination der sicheren Kommunikationsprotokolle IEC 61850 Ed. 2.1 und IEC 60870-5-104 bietet im Zusammenspiel mit der IEC 62351-3, basierend auf der IEC62443-Zertifizierung, ein hohes Maß an Sicherheit und Zuverlässigkeit in Maschinen und Anlagen.
Welche Herausforderungen begegnen Ihnen bei der Integration von Smart Grids und anderen modernen Energieinfrastrukturen?
Die steigende Anzahl dezentraler Energiequellen, wie Solarparks oder Windenergieanlagen, erhöht je nach Last- und Erzeugersituation die Anforderungen an unser Energienetz. Moderne Netze müssen stabil, intelligent und bis zur letzten Station steuerbar sein. Dafür werden kurzfristig verfügbare Lösungen benötigt, damit wir die Energiewende nicht durch konventionelle Netze ausbremsen. Phoenix Contact stellt verschiedene Angebote für die Netzintelligenz und -digitalisierung bereit. Für diese Mammutaufgabe braucht es allerdings unsere ganze Industrie. Dass dabei regulatorische und rechtliche Rahmenbedingungen gerade an die neuen Bedürfnisse angepasst werden, macht es nicht einfacher. Der Umbau unserer Netze in ein Smart Grid birgt eine hohe technologische Komplexität. Unterschiedliche Technologien müssen integriert werden. Die Erfassung detaillierter Vorgänge im Netz führt zu großen zu verarbeitenden Datenmengen. Dabei müssen die Verfügbarkeit und Netzstabilität aufrechterhalten werden. Nichts darf die Zuverlässigkeit einschränken.











