Energiemanagement

Dr. Tobias Heinen, Dr. Serjosha Wulf | Inka Krischke,

Die Implementierung eines Managementsystems

Die Energiekosten stellen nach Material- und Personalaufwendungen oft den größten Ausgabenblock in produzierenden Unternehmen dar. Um sie in den Griff zu bekommen, bietet sich die Implementierung eines Energiemanagementsystems an, das dabei hilft, die eingesetzte Energie systematisch zu analysieren, zu kontrollieren und zu steuern.

© Grean

Wie lässt sich die Energie-Effizienz in der Produktion erhöhen? An welchen Stellen lauert Verschwendung? Wie können die Einzelmaßnahmen systematisch zusammenfasst werden? Antworten auf diese dringenden Fragen kann ein Energiemanagementsystem liefern. Ziel des Energiemanagements ist es, den Energie-Einsatz in der Produk­tion transparent zu beschreiben, zu kon­trollieren und zu steuern. Zudem gilt es, den Energie-Einsatz langfristig zu reduzieren. ansatzpunkte dazu sind zum einen in technologischen Innovationen, zum anderen in technischen Abläufen oder auch in Verhaltensweisen von Mitarbeitern zu suchen.


Im deutschen Sprachraum wurde zum Thema Energiemanagement die DIN EN 16001 entwickelt, die im April 2012 durch die ISO 50001 abgelöst wurde. Damit gilt nun eine weltweit einheitliche Norm, die den Aufbau und den Betrieb von Energiemanagementsystemen regelt. Das Grundprinzip lehnt sich an bestehende Managementsysteme an: Bekannt sind hier vor allem Systeme aus dem Bereich der Qualität wie in der DIN EN ISO 9001 geschildert. Besitzt ein Unternehmen bereits ein Umweltmanagementsystem wie das EMAS oder die ISO 14001, lässt sich dieses aufwandsarm so erweitern, dass die Anforderungen der ISO 50001 erfüllt werden.

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Ansätze zur Optimierung

Zentraler Baustein eines Energiemanagementsystems sind kontinuierliche Untersuchungen der vorhandenen Produktionsbereiche im Hinblick auf einen effizienten Ressourcen-Einsatz. Hierzu sind unter anderem relevante Gebäude- sowie Produktionsdaten aufzunehmen und auszuwerten. Vorhandene Verbrauchsstrukturen müssen ebenso wie anlagentechnische Zustände erfasst und überwacht werden. In einem weiteren Schritt lassen sich die gewonnenen Informationen zu energierelevanten Kennzahlen verdichten, die eine erste Aussage über vorhandene Potenziale ermöglichen.

Die drei Bausteine eines Energiemanagementsystems

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Aufbauend auf diesen Effizienzanalysen sind in einem weiteren Baustein mittel- bis langfristige Konzepte zur Senkung des Energie-Einsatzes zu entwickeln. Hierzu werden etwa die vorhandenen Volumenströme sowie Stromverbräuche bei unterschiedlichen Anlagenzuständen analysiert und den produzierten Stückzahlen im jeweiligen Betrachtungsbereich gegenübergestellt. Dann gilt es, notwendige Maßnahmen zur Reduzierung des Energie-Einsatzes sowohl im Hinblick auf den erwarteten Investitionsaufwand abzuschätzen als auch hinsichtlich der realisierbaren Einsparungen zu bewerten.
Aufgabe des dritten Bausteins ist die Verstetigung durchgeführter Maßnahmen, etwa durch die Sensibilisierung betroffener Mitarbeiter im Rahmen von Schulungsmaßnahmen oder durch die Einführung von Kaizen-Boards zur kontinuierlichen Verbesserung. Zur organisatorischen Verankerung eines Energiemanagementsystems ist ein weiterer Baustein erforderlich – das Energie-Effizienz-Controlling, bei dem es nicht zuletzt um den Aufbau eines Monitoring-Systems zur Über­wachung energierelevanter Daten geht.

Der gezeigte Ansatz bietet eine Möglichkeit, eine Produktion langfristig energieeffizient auszugestalten. Selbstverständlich muss dieser strategische Rahmen nachfolgend in konkrete Maßnahmen überführt werden. Das Beratungsunternehmen Grean hat hierzu eine Systematik zusammengestellt, die bei einer Analyse der Energie-Effizienz sowie der Ableitung konkreter Verbesserungsmaßnahmen in Fabriken Hilfestellung bietet. Dabei werden verschiedene Bereiche analysiert und aufbauend auf der Analyse Vorschläge zusammengestellt, wie sich in den genannten Bereichen Energie einsparen lässt.

Den Anfang macht eine Analyse der Druckluft. Ins Zentrum der Betrachtung rücken dabei oft Druckluftkompressoren und die Synchronisation ihrer Laufzeiten. Die Geräte sind häufig so eingestellt, dass ein zu hoher Betriebsdruck entsteht. Notwendig in einer Fertigung ist meist ein Betriebsdruck von rund 8 bar; die Kompressoren laufen jedoch nicht selten unter Volllast und erzeugen 12 bar oder mehr. Eine systematische Untersuchung kann zeigen, welcher Druck de facto notwendig ist, und eine Feinadjustierung der Druckluftkompressoren hilft, den betriebsoptimalen Luftdruck zu erzeugen. Ein zusätzliches Problem stellen Leckagen in den Druckluftleitungen dar. Eine Studie des Fraunhofer-Instituts etwa belegt, dass ein Leitungsloch – mit einem Durchmesser von nur 1 mm – pro Jahr Kosten von zirka 500 Euro verursacht, wenn bei einer Betriebsdauer von 8000 Stunden 12 bar im Druckluftkessel vorgehalten werden. Ein Lösungsansatz ist die Suche von Druckluftleckagen mit Ultraschall-Messsystemen.
Eine zweite Analyse betrifft Beleuchtung und Stromverbrauch. Häufig sind Leuchtsysteme veraltet oder schlecht gewartet. Ergo lassen sich durch den Austausch der Leuchtmittel durch moderne Lampen hohe Sparpotenziale erschließen – und zugleich oft eine stärkere Leuchtkraft erzielen. In einem von Grean durchgeführten Projekt waren in einer Fabrik etwa 650 Leuchten in­stalliert, betrieben mit jeweils zwei konventionellen 58-W-Leuchtstoffröhren. Allein durch den Austausch der Leuchtmittel durch moderne 49-W-Weißlichtbirnen konnten pro Leuchte insgesamt 5850 kWh beziehungsweise 760,50 Euro pro Jahr (bei 250 Betriebskalendertagen und zwei Schichten) gespart werden.

Eine weitere Herausforderung stellt der Stromverbrauch von Produktionsanlagen dar: Werden alle gleichzeitig morgens mit Schichtbeginn in den Betriebszustand versetzt, resultieren daraus Stromspitzen, die den durchschnittlichen Strompreis oft über das gesamte Jahr steigern. Vermeiden lässt sich dies durch eine zeitversetzte Inbetriebnahme; die Definition von An- oder Abschaltplänen erweist sich dabei als sinnvolles Hilfsmittel.

Eine Energie-Analyse setzt bei der konsequenten Untersuchung von zehn Bereichen der Fertigung an.

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Eine Analyse der Wärme- und Kältetechnik ist deshalb relevant, weil insbesondere Anlagen zur Erzeugung von Wärme und Kälte einen hohen Energie-Einsatz erfordern. Probleme entstehen dann, wenn diese Maschinen laufen, aber nicht durchgängig nötig sind. Ein technisch geprägter Ansatzpunkt zur Effizienzsteigerung im Bereich Wärme- und Kältetechnik ist es, Isolationsstudien mit Infrarotkameras durchzuführen. Dabei werden Undichtigkeiten oder Isolationsschwächen visuell dargestellt und im Nachgang von Fachfirmen oder den Anlagenherstellern nachgebessert.

Auch die Lüftung der Fabrik ist ein lohnender Ansatzpunkt. Bei einem Projekt mit einem Hersteller von Investitionsgütern aus dem Maschinenbau wurde beispielsweise eine lokale Schweißgas-Absaugung eingesetzt. Da diese Technologie recht neu installiert worden war, war der Energieverbrauch moderat. Gleichzeitig war die Absaugung aber so leise, dass die Mitarbeiter nicht unterscheiden konnten, ob sie lief oder nicht. Daher gab es Tage, an denen die Absaugung vollständig durchlief, ohne ein einziges Mal genutzt zu werden. Um derlei Verschwendung zu vermeiden, können optische Systeme Abhilfe schaffen, die den Betriebszustand der Lüftung zum Beispiel durch ein Ampelsystem anzeigen.

Ein wesentlicher Stellhebel zur Steigerung der Energie-Effizienz findet sich bei der Analyse von Prozessabläufen. Dieser ist auch deshalb so wichtig, weil viele, insbesondere technologisch orientierte Unternehmen, diesen Ansatzpunkt gänzlich ausblenden. Fatal: Ge­rade durch die Optimierung von Prozessabläufen lassen sich erhebliche Einsparungen realisieren, wie ein Projekt mit einem Hersteller von Boden- und Transportsystemen zeigt. In der zweiten Produktionsschicht des Tages waren hier nur etwa 15 % der Mitar­beiter vor Ort, der Energiebedarf sank aber gleichzeitig nur um 50 %. Die Analyse zeigte, dass die Mitarbeiter der ersten Schicht nach Beendigung ihrer Arbeit die gesamte Gebäude- und Maschinentechnik weiterlaufen ließen. Der Lösungsansatz bestand darin, Hallenabschaltpläne zu definieren und Arbeitsabläufe so umzuorganisieren, dass nicht genutzte Produktionsbereiche und Maschinen systematisch abgeschaltet werden konnten.

Schon kleinste Leckagen in Druckluftleitungen sorgen im Jahresverlauf für eine enorme Energie- und Geldverschwendung.

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Ähnliches gilt im Bereich der Fördertechnik; auch hier lassen sich in vielen Unternehmen Gestaltungsregeln für Energie-Effizienz einführen. Transportbänder beispielsweise laufen vielfach während der gesamten Produktionszeit, auch wenn keine Produkte zu bewegen sind. Hier lässt sich der Energie-Einsatz durch den Einbau entsprechender Sensoren mit relativ geringem Aufwand signifikant senken.

Weitere Ansatzpunkte ergeben sich durch den verstärkten Einsatz energie­effizienter Antriebe, etwa im Bereich Antriebs- und Pumpentechnik. Bei Antrieben und Pumpen entstehen mehr als 90 % der Kosten während ihrer Nutzung, nur 10 % entfallen auf die Ge­räte-Anschaffung. Damit ist ein Punkt getroffen, der für die Erhöhung der Energie-Effizienz besondere Relevanz besitzt: Ausgangspunkt ist eine Analyse der Laufzeitanforderungen und Wirkungsgrade der Antriebe. Der Wirkungsgrad gibt dabei das Verhältnis der eingesetzten zur ausgebrachten Energie an. Alte Antriebe bieten oft nur einen Wirkungsgrad von 70 bis 75 % – bei besonders alten Antrieben ist er teilweise überhaupt nicht angegeben. Als Resultat müssen die Antriebe der schlechtesten Energie-Effizienzklasse EFF 3 respektive IE 1 zugeordnet werden. Moderne Nachfolgebaureihen aus dem Bereich der Hochwirkungsgrad-Antriebe kommen auf Wirkungsgrade von 85 % oder mehr. Ergo lassen sich im Lebenszyklus – ohne eine technische Veränderung – allein 10 % der Energie sparen. Eine Investition in einen neuen Antrieb rechnet sich damit einzig aus energetischer Sicht bereits nach kurzer Zeit.

Weitere Möglichkeiten zur Senkung des Energieverbrauchs ergeben sich bei der Gebäudesubstanz.Industriebauten weisen in der Regel eine Nutzungsdauer von 30 bis 50 Jahren auf. Entsprechend hoch ist das Potenzial einer energetischen Modernisierung gerade bei älteren Gebäuden. Insbesondere im Bereich der Gebäudehülle lassen sich über Wärmedämmungsmaßnahmen signifikante Einsparungen realisieren. In der Praxis erweisen sich jedoch vielfach die mit der Sanierung eines Gebäudes verbundenen hohen Investitionskosten sowie langen Amortisationszeiten als problematisch.

Als letzter Analysepunkt ist die Dampf-Erzeugung zu nennen. Dampf lässt sich in der Produktion beispielsweise für die Erzeugung eines feuchtwarmen Produktions­klimas oder für Reinigungszwecke einsetzen. Ein Ansatzpunkt für die Steigerung der Energie-Effizienz ist zunächst in der regelmäßigen Wartung von Dampfkessel und -leitungen zu sehen. Leckagen an Dampfleitungen sind – wie auch bei den Druckluftleitungen – mit hohen Kosten verbunden. Zudem sollten sich Wärmetauscher entweder direkt an der Erzeugung oder an den Verbrauchern befinden, um die Wärme des erzeugten Dampfes zu nutzen. Ein relevanter Ansatzpunkt bei einem Projekt mit einem Hersteller von Tiefziehteilen war es, statt mehrerer dezentral aufgestellter Dampf-Erzeuger auf eine zentrale Dampf-Erzeugung umzuschwenken. Dies barg zwei Vorteile: Zum einen hatte die zentrale Dampf-Erzeugung einen insgesamt geringeren Energiebedarf als die verteilt aufgestellten Kleindampf-Erzeuger; zum anderen war es durch die Zusammenfassung möglich, eine konstantere Auslastung des Dampf-Erzeugers sicherzustellen und damit Bedarfsspitzen bei Strom und Gas abzufangen. 

Autoren: Dr. Tobias Heinen ist Partner des Beratungshauses Grean mit Beratungsschwerpunkt im Ressourcenmanagement in der Produktion, Dr. Serjosha Wulf ist Geschäftsführer der Firma Grean in Hannover.

 

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