Spann-/Greifwerkzeuge
Tipps zur Systemauswahl beim Roboter-Front-End
Effizienz, Taktrate und Prozesssicherheit von Industrierobotern hängen maßgeblich von deren Front-End ab, sprich von Greifern und anderen Werkzeugen, aber auch von den Schnittstellen dieser Effektoren zum Roboterarm. – Ein Blick auf die jüngsten Entwicklungen bei Schnellwechselsystemen, angetriebenen Werkzeugen, Ausgleichseinheiten und Kraftsensoren.
Was heute lapidar unter dem Begriff Roboterzubehör zusammengefasst wird, hat großen Einfluss auf Leistung, Flexibilität und Einsatzmöglichkeiten von Robotern. Mit Hilfe von Schnellwechselsystemen zum Beispiel lassen sich Greifer, Werkzeuge und andere Effektoren in Sekundenschnelle tauschen. Damit sinken unproduktive Nebenzeiten und die Flexibilität des Roboters sowie der gesamten Anlage steigt.
Während ein geübter Bediener ohne Wechselsystem für den manuellen Tausch eines pneumatischen Effektors zwischen 10 und 30 Minuten benötigt, kann ein Schnellwechselsystem den gleichen Vorgang auf 10 bis 30 Sekunden reduzieren. Schnellwechselsysteme machen überall dort Sinn, wo regelmäßig auf neue Produkte oder Produktvarianten umgerüstet werden muss, wo für das Handling oder die Bearbeitung unterschiedliche Effektoren nötig sind und wo Ausfallzeiten durch die Wartung von Komponenten und Werkzeugen minimiert werden sollen.
In der Regel bestehen solche Systeme aus zwei Teilen: Einem Schnellwechselkopf, der am Roboterarm montiert ist, und einem Schnellwechseladapter, der mit dem Werkzeug verbunden ist. Beim Werkzeugwechsel werden beide Teile automatisch oder manuell miteinander gekoppelt und zugleich sämtliche elektrische, pneumatische und hydraulische Durchleitungen miteinander verbunden. Im Idealfall geschieht dies pneumatisch über ein selbsthaltendes Verriegelungssystem und wird von integrierten Sensoren überwacht. Weil über das Schnellwechselsystem die Ausrichtung des Effektors bereits definiert ist, geht keine Zeit für dessen Neujustierung verloren.
Energieeffizienz mittels Schnellwechselsystemen
Bei der Systemauswahl sollten Anwender und Systemintegratoren auf kompakte Abmessungen, ein möglichst geringes Eigenmasse/Kraft-Verhältnis, kurze Wechselzeiten und exakt dimensionierte Energie-Übertragungsmodule achten. Wie das optimale Wechselsystem aussieht, hängt immer von der individuellen Anwendung ab. Generell gilt: Es sollte so leicht sein, dass der Roboter möglichst schnell verfahren kann, und so stabil, dass es die auftretenden Kräfte optimal aufnimmt. Besonders wirtschaftlich sind modulare Systeme, bei denen je nach Bedarf unterschiedliche Elektronik- und Fluid-Module miteinander kombinierbar sind. Ideal ist es, wenn die Ver- und Entriegelung kräftefrei über ein so genanntes No-Touch-Locking-System erfolgt, das selbst dann eine sichere Verriegelung gewährleistet, wenn zwischen Kopf und Adapter ein Abstand von einigen Millimetern vorhanden ist.
Weil Industrieroboter immer leistungsfähiger werden und mittlerweile Lasten von mehreren hundert Kilogramm handhaben können, gewinnen in jüngster Zeit spezielle Schwerlast-Wechselsysteme an Bedeutung. Mit einer maximalen Zuladung bis 1350 kg und Momentenbelastungen bis 5400 Nm eignen sie sich für die Handhabung schwerer Werkstücke sowie für die Arbeit mit gewichtigen Greifern, Saugspinnen, hydraulisch, pneumatisch oder elektrisch angetriebenen Bearbeitungsspindeln, Nietapplikationen, Schweißzangen oder Bolzenschweiß-Applikationen mit automatischer Materialzufuhr.
Durch die Verwendung integrierter Mikroventile in Schwerlast-Wechselsystemen sinkt der Verbrauch teurer Druckluft um bis zu 90 %.
© SchunkZudem lassen sie sich in der Automobil-Industrie zur Montage oder zur Pressenverknüpfung einsetzen.Dank ihrer hohen Belastbarkeit können sie darüber hinaus für den Aufbau flexibler Fertigungslinien genutzt werden, in denen leichte und schwere Werkstücke im Wechsel bearbeitet werden.
Auch wenn es darum geht, die Energieeffizienz von Anlagen zu erhöhen, spielen Schnellwechselsysteme eine wichtige Rolle. So können Mikroventile, die ins Schnellwechselsystem integriert sind, eine komplette Ventil-Insel ersetzen. Bei jedem Takt wird dann nur noch der Kolbenraum des Aktors mit Druckluft gefüllt. Der Effekt ist enorm: Bei einem 3 m langen Zuleitungsschlauch mit einem Durchmesser von 4 mm lässt sich mit den integrierten Ventilen der Luftverbrauch um bis zu 90 % senken. Zugleich steigt die Taktrate, weil die Druckluft direkt wirkt. Statt eines Kabel- und Leitungsbündels ist nur noch je eine einzige Leitung für Druckluftzufuhr und Stromversorgung erforderlich. Diese beiden Zuleitungen passen in der Regel durch Mittenbohrungen mit Durchmessern von nur 12 mm und lassen sich außerdem etwa innerhalb des Arms von Scara-Robotern verlegen.
Werkzeuge geben nach
Neben dem Handling haben sich Roboter bei definierten Bearbeitungsverfahren wie dem Bohren und Fräsen bewährt. Beim Schleifen, Polieren, Bürsten und Entgraten hingegen stießen sie lange Zeit an Grenzen; war es doch kaum möglich, die Erfahrung, das Augenmaß und das Fingerspitzengefühl des Menschen durch den Roboter zu ersetzen. So bestand die Gefahr, dass beim Entgraten Gratreste stehen bleiben oder mehr Material abgetragen wird als erwünscht. Zudem verschlissen die Werkzeuge schnell oder brachen vorzeitig ab. In jüngster Zeit tasten sich Roboter nun sogar in dieses Terrain vor.
Der Schlüssel sind angetriebene Werkzeuge, die axial beziehungsweise radial ausgleichend gelagert sind und Abweichungen zwischen Roboterbahn und Werkstückkontur kompensieren. Um die Oberflächen von Metallen und Kunststoffen per Roboter zu bearbeiten, werden Schleifscheiben oder Polierbürsten in luftgetriebene Finishing-Werkzeuge eingespannt. Die langsam laufenden Spezialwerkzeuge erzeugen ein hohes Drehmoment. Weil sie in axialer Richtung nachgeben, ist auch bei unebenen Oberflächen ein gleichmäßiger Anpressdruck gewährleistet. Dieser lässt sich über den Luftdruck regeln und liegt in Bereichen zwischen 14 N und 74 N. Quer zur Oberfläche sind die Werkzeuge also sehr steif, in Bearbeitungsrichtung hingegen besitzen sie eine definierbare Nachgiebigkeit. Damit werden Werkzeug-Abnutzungen und Ungenauigkeiten in der Positionierung des Werkstücks ebenso ausgeglichen wie kleine Abweichungen des Roboterarms von der vorgegebenen Bahn. Das verbessert die Qualität der Bearbeitungsergebnisse, erhöht die Standzeit der eingesetzten Werkzeuge und kann die Programmierzeit um bis zu 75 % reduzieren.
Ein ähnliches Konzept verfolgen Entgratspindeln, die das manuelle Entgraten so exakt wie möglich nachahmen. Anders als die Finishing-Werkzeuge arbeiten die Hochfrequenzspindeln mit Drehzahlen bis 65 000 Umdrehungen pro Minute. Ihr Spindel- und Motorsystem ist auf einem Pendellager nachgiebig gelagert. Mehrere kleine Pneumatikkolben sorgen dafür, dass die Spindeln radial beziehungsweise axial um bis zu 9 mm nachgeben. So kann sich der Druckluftmotor relativ zum Gehäuse bewegen und Abweichungen zwischen Werkzeugbahn und tatsächlicher Werkstückkontur ausgleichen.
Auch bei unregelmäßigen Teilen ist auf diese Weise ein gleichmäßiges Ergebnis erzielbar. Die Steifigkeit der Entgratspindeln lässt sich über einen separaten Luftanschluss regeln, so dass in jeder Einbaulage saubere Kanten gewährleistet sind. Abhängig vom eingestellten Luftdruck wirken an der Fräserschnittfläche Kräfte zwischen 3,1 N und 42,3 N, die je nach Werkstoff Arbeitsgeschwindigkeiten bis 0,3 m pro Sekunde ermöglichen. Weil bei der Programmierung der Roboterbahn weniger Fixpunkte definiert werden müssen, sinkt bei Einsatz nachgiebiger Entgratspindeln zudem die Programmierzeit.
Ausgleichseinheiten ohne Pneumatik
Elastomer-Elemente statt Druckluft nutzt diese Ausgleichseinheit (im Bild oben) – hier montiert an einem PGN-plus-Greifer von Schunk.
© SchunkDamit es beim Fügen, Montieren oder Einlegen per Roboter nicht „hart auf hart“ kommt, gewährleisten Ausgleichseinheiten die nötige Nachgiebigkeit zwischen Effektor und Roboterarm. Mit ihnen lassen sich Anlagenstörungen und -schäden vermeiden und die Prozesssicherheit erhöhen. Die jüngste Generation dieser definiert nachgiebigen Module arbeitet komplett ohne Pneumatik. Nachgiebigkeiten in zwei Richtungen werden über Federn mit Stellschrauben, Nachgiebigkeiten in drei Richtungen über Elastomer-Elemente definiert.
Da die Einheiten ohne Pneumatik-Elemente auskommen, können sie sehr flach ausgelegt werden und eignen sich insbesondere für Einsätze in beengten Bauräumen. Beispielsweise beträgt die Bauhöhe der Toleranzkompensationseinheit TCU von Schunk je nach Baugröße nur 18,6 mm bis38,3 mm. Bei der Ausgleichseinheit AGE-F werden mit Hilfe leichtgängiger Rollenführungen selbst kleine Ausgleichskräfte ohne Stick-Slip-Effekte kompensiert. Federbetätigte Rückstellkolben gewährleisten schließlich eine hohe Wiederholgenauigkeit.
Intelligente Sensoren messen zum Beispiel beim Schleifen exakt die bei der Bearbeitung auftretenden Kräfte und Drehmomente.
© SchunkOhne Zweifel sind pneumatische und mechanisch ausgleichende Zubehörteile sehr hilfreich und in vielen Fällen vollkommen ausreichend. Dennoch bleibt ein kleiner Wermutstropfen: Extrem präzise Ergebnisse lassen sich mit ihnen nicht erreichen. Daher wird der Trend in Zukunft zu intelligenten Kraft-Momenten-Sensoren gehen, die Robotern zum nötigen Feingefühl verhelfen. Mit ihnen können bereits heute die auftretenden Prozesskräfte exakt erfasst und an die Steuerung übertragen werden. Sie ermöglichen damit ein hoch präzises Nachregeln der Roboterbahn. Das Ergebnis sind gleich bleibende Kräfte und damit gleich bleibende Bearbeitungsbilder.
Der Kraft-Momenten-Sensor FTNet von Schunk beispielsweise misst in allen sechs Freiheitsgraden sowohl Kraft als auch Moment. Erstmals steht mit ihm direkt an der sechsten Achse eine Schnittstelle zu Robotersteuerung zur Verfügung, was die Anbindung deutlich vereinfacht. Der Sensor verfügt über eine Highspeed-Datenausgabe mit maximal 7000 Hz, vier mögliche Kommunikationsprotokolle (Ethernet, Ethernet/IP, Devicenet und ein CAN-Bus-Interface), Fernüberwachung via LAN sowie eine Konfiguration über Web-Interface. Er lässt sich für Produkt-Tests, Robotermontagen oder Bearbeitungsaufgaben wie Schleifen und Polieren ebenso verwenden wie für die Roboter-Chirurgie, für Anwendungen in der Rehabilitation, in der Neurologie und in vielen anderen Bereichen. Mit ihm ist es sogar möglich, schwierige Montage-, Bearbeitungs- und Finish-Aufgaben zu automatisieren, die bisher nur von Hand oder durch komplexe Sondermaschinen ausführbar waren. Den Sensor gibt es für Lastbereiche zwischen 12 N und 40.000 N.














