Die SCF in Tokio
Industrie 4.0 in Japan
Anfang Dezember 2015 fanden die japanische Automatisierungsmesse SCF und die Robotermesse iREX erstmalig gemeinsam in Tokio statt. Was ist dort schon in puncto Industrie 4.0 zu sehen? Computer&AUTOMATION hat zwei Branchenkenner dazu interviewt.
Manche Firmen halten sich mit Industrie 4.0 nicht lange auf, sondern sind schon einen Schritt weiter.
© Computer&AUTOMATION / Meinrad HappacherDie System Control Fair ist die einzige Messe für Fabrikautomation in Japan und umfasst ein ähnliches Produktspektrum wie die SPS IPC Drives in Nürnberg. Mit rund 260 Ausstellern ist die SCF zwar ein erhebliches Stück kleiner als die SPS IPC Drives (1668 Aussteller). Mit über 49.000 Besuchern ist der Abstand der ebenfalls dreitägigen Veranstaltung allerdings an den Besucher-Benchmark einer SPS IPC Drives mit 64.000 Besuchern gar nicht mehr so groß.
Nochmal eine ganz andere Größenordnung stellt die Robotermesse iREX dar: Zwar tummelten sich dort auch "nur" 446 Aussteller. Doch quetschten sich an den drei Messetagen insgesamt über 120.000 Besucher durch die zwei Messehallen.
Was augenfällig auf beiden Messen war: Die Begriffe Industrie 4.0 und Industrial IoT waren omnipräsent. Wie das Thema Industrie 4.0 auf der SCF, aber auch generell in Japan angegangen wird, wollte Computer & AUTOMATION von zwei Branchenkennern wissen: Shinichiro Kai, Research Director bei der ARC Advisory Group und Armin Pühringer, Business Development Manager bei Hilscher. Lesen Sie dazu die beiden Interviews auf den nächsten Seiten.
Interview mit Armin Pühringer: "Die Prämisse: Vorsichtig erweitern!"
Herr Pühringer, Sie waren im Dezember auf den beiden japanischen Messen SCF und iREX: Wie präsentieren sich die Aussteller dort im Vergleich zu deutschen Messen?
Pühringer: Was die wesentlichen Elemente auf einer Messe, wie präsentierte Technologie, Auftritt und Repräsentation der Firma betrifft, ist die SCF vergleichbar zu deutschen Automatisierungsmessen. Wobei die Firmen bei der Präsentation des Standes stärker technisch ausgerichtet sind und durch die Liebe zu technischen Informationen und Details auffallen.
Auf beiden Messen war der Schriftzug IoT beziehungsweise IIoT omnipräsent. Sogar ‚Industrie 4.0‘ war vielfach zu sehen. Ihr Eindruck: Wie gehen die Japaner das Thema an?
Mit einigen Ausnahmen waren keine wirklich umwälzenden Neuerungen zu sehen. Es war den großen Automatisierungsanbietern vorbehalten zu zeigen, wie die bestehenden Steuerungsarchitekturen mit neuen Konzepten erweitert werden. Mitsubishi Electric ist mit eFactory diesbezüglich hervorzuheben. Es ist zwar richtig, dass die Begriffe Industrie 4.0 und Industrielles IoT für den Messeauftritt verwendet wurden. Die Gesamtstrategie der Unternehmen ist es allerdings, so scheint mir, bestehende Plattformen mit vorsichtigen Schritten zu erweitern: von der Produktionstechnik ausgehend in die IT-Welt hinein.
… also ein wenig anders als hierzulande und in den USA?
Ja, ich würde sagen: In den USA treibt vor allem die IT-Industrie das Thema, wir in Deutschland verfolgen den wohl ausgewogensten Ansatz. Und die Japaner versuchen die Fertigungstechnik – also die OT – vorsichtig um den IT-Ansatz zu ergänzen.
An was machen Sie diese Aussage für Japan konkret fest?
Die Cloud und das Internet mit ihren Anwendungen verbreiten in Japan nicht denselben Charme wie in der west-lichen Hemisphäre. Cloud-basierte Architekturen scheinen ein Ziel zu sein, aber nicht der Türöffner zu Industrial IoT; die Themen Sicherheit und Datenschutz sind fast nicht vertreten; die IT-Technologien für das Industrial IoT werden vor allem von den entsprechenden Geschäftsbereichen der großen Automatisierer vorangetrieben. Fazit: Das Wort ‚disruptiv‘ findet in Japan im Zusammenhang mit der Transformation von OT und IT keinerlei Verwendung.
Aber es gibt doch auch vergleichbar der Plattform Industrie 4.0 in Deutschland eine japanische Industrie-4.0-Initiative namens 'Industrial Value Chain Initiative', kurz IVI?
Ja, es gibt diese Initiative neben anderen Organisationen. Die IVI hat begonnen, den ersten Schritt zur Gestaltung einer japanischen Variante oder vielleicht besser eines Gegenentwurfs zur 'deutschen' Industrie-4.0-Initiative zu tun, um Unternehmen und Geschäftsprozesse über das Internet zu verbinden. Ein Focus des IVI liegt hierbei auf der Schaffung von Strukturen, die auch kleine und mittelständische Unternehmen verbinden. Allerdings war auf der SCF kaum etwas von der IVI zu sehen.
Die Japaner sind also noch ziemlich untätig?
Sie gehen das Thema anders an. Sie legen ihren Fokus momentan stärker auf Kooperationen zwischen Unternehmen. Beispielhaft ist die Ankündigung der CLPA und der Profibus International zu sehen, die eine transparente Netzwerk-Infrastruktur zwischen CC-Link IE und Profinet schaffen möchte. Dabei muss man im Hinterkopf behalten, dass diese Aktivitäten von Mitsubishi Electric und Siemens unterstützt werden. Gleiches gilt für die Roboterindustrie: Cisco und Fanuc arbeiten jetzt zusammen, um eine ‚Comprehensive Network Security at every Step‘ zu erarbeiten. Ich würde sagen: In Richtung neuer Geschäftsmodelle durch Industrie 4.0 sehen die Japaner vor allem eine verstärkte Zusammenarbeit als das Gebot der Stunde.
Welche Chancen sehen Sie für deutsche Unternehmen, bei den Entwicklungen in Japan mitzumischen?
Die japanische Industrie vergleicht die Konzepte, die in USA, Deutschland und anderen Ländern entwickelt und umgesetzt werden. Diese Findungsphase wird sich an den Strategien der japanischen Konzerne orientieren. Daraus wird ein japanischer Ansatz zu Industrial IoT entstehen, der auf die Erweiterung der Produktionstechnik – kurz OT – um die Informationstechnik – kurz IT – setzt. Die von der deutschen Industrie umgesetzten Konzepte und Lösungen zu Industrie 4.0 genießen einen hohen Stellenwert in Japan, so dass die Perspektive für die deutschen Unternehmen in Japan gut ist.
Interview mit Shinichiro Kai: "Die Rolle von Mitsubishi"
Herr Kai, wie gehen japanische Unternehmen generell die Themen 'Industrielles Internet der Dinge' und 'Industrie 4.0' an?
Kai: Ich würde sagen, es lässt sich derzeit noch am besten mit abwartender Lern- und Testphase beschreiben. Die Firmen warten auf Standards und überzeugende Use-Cases aus dem globalen Markt bevor sie tatsächlich beginnen zu investieren. Etwas Rückenwind gibt allerdings die Entscheidung der Regierung, die Entwick-lung des IIoT zu unterstützen. So hat die japanische Regierung im vergangenen Jahr zwei Initiativen etabliert: Die Robot-Revolution-Initiative, an der mittlerweile 219 Firmen, 96 Hochschulen und Industrie-Organisationen und zehn Forschungsinstitute beteiligt sind, und das ‚IIoT Acceleration Consortium‘, das seit dem 18. Januar bereits 1583 Mitglieder zählt.
Warum gehen die japanischen Unternehmen das Thema zögerlich an?
Es wirkt noch der Hype nach, der vor 20 Jahren mit dem Begriff M2M – sprich Machine to Machine Kommunikation – losgetreten wurde. Letztlich hat M2M im Fabrik-Sektor die Erwartungen von damals nicht erfüllt. Hinzu kommt, dass es ein wenig gedauert hat, bis die Firmen die Unterschiede von IIoT und M2M herausgearbeitet haben und die Bedeutung von Begriffen wie die des ‚digitalen Zwillings‘ oder der ‚Cyber Physical Systems‘ richtig einzuordnen wussten. Und ganz generell muss man sagen: Die japanischen Firmen wollen weder Pioniere noch die Nachzügler sein. Deshalb warten Sie ab, wo sich die realen Belange für sie auftun, um dann fokussiert zu reagieren.
Wie beurteilen Sie die IIoT- und Industrie 4.0-Aktivitäten von Mitsubishi?
In der Vergangenheit lag der Fokus der Factory-Automation-Gruppe von Mitsubishi auf dem Komponenten-Geschäft. Erst eFactory und die Kommunikations-Familie CC-Link haben aus dem Geräte-Spektrum von Mitsubishi eine horizontal wie vertikal durchgängige Lösung gemacht. Was der Lösung allerdings nach wie vor fehlt, sind Application Stacks auf MES-Ebene sowie bei den übergeordneten Management-Aufgaben. Nicht umsonst misst Mitsubishi der e-Factory Alliance, bestehend aus Partnerfirmen, eine sehr hohe Bedeutung zu. Aus dem Blickwinkel einer umfassenden Integration der Automatisierungs- und Managementsysteme einer IIoT-Ära hat Mitsubishi aber sicher noch einiges zu tun: Vor allem muss die Operational Technology – kurz OT – mit einer leistungsstarken IT verschmolzen werden.
Wie würden Sie die Strategie von Mitsubishi mit den Strategien von Rockwell Automation und Siemens vergleichen?
Wie eben erwähnt, muss Mitsubishi den Bereich der MES- und MOM-Level-Software in naher Zukunft durch Akquisitionen oder Allianzen mit gewichtigen IT-Firmen stärken, um mit Siemens und Rockwell Automation im Feld des IIoT konkurrieren zu können.















