Energiemanagement
Wie weit ist die Industrie?
Energiemanagement in Unternehmen: Staatliche Regulierungen zum einen und steigende Energiekosten zum anderen sorgen zumindest bei europäischen Unternehmen für erhöhte Sensibilität. Doch wie steht es tatsächlich um die Investitionsbereitschaft in den Unternehmen? ARC Advisory Group hat die Situation näher beleuchtet.
ARC führte in den letzten zwei Jahren mehr als 50 Interviews zum Thema Energiemanagement. Eine Schlussfolgerung: Fast jedes Unternehmen hat seinen eigenen Blickwinkel auf das Thema. Boiler-Optimierung, Abschaltung der Maschinen in Stillstandszeiten oder optimale Nutzung der eingesetzten Rohstoffe mit möglichst wenig Abfall – die Unternehmen sehen beim gleichen Thema unterschiedliche Handlungsmaßnahmen.
Grundsätzlich werden beim Thema Energiemanagement die Bereiche aktiv und passiv unterschieden. Passives Energiemanagement bedeutet, dass Energiekosten minimiert werden, ohne in die Produktionsabläufe einzugreifen. Beispiele hierfür sind die Verwendung effizienterer Motoren, die Nutzung von Frequenzumrichtern, eine bessere Isolierung oder auch ein optimierter Energieeinkauf. Bei aktivem Energiemanagement werden Energiekosten in der Produktion berücksichtigt und darauf reagiert. Dies schließt das Ausschalten von Verbrauchern mit ein, die Vermeidung stromintensiver Prozesse zu Spitzenlastzeiten oder auch verfahrenstechnische Innovationen. Deshalb ist Energiemanagement ein sehr weites Feld, das sich von der Sensor-/Aktor-Ebene bis zur Anlagensteuerung erstreckt.
In Europa und insbesondere in Deutschland sind einige Faktoren dafür verantwortlich, dass es in der Vergangenheit starkes Wachstum gab und der Markt auch künftig zweistellig wachsen wird:
- Hohe Energiepreise
- Eine zunehmend als unsicher empfundene Energieversorgung, insbesondere bei Strom und Gas
- Die Anforderung an Unternehmen, Lastfolge zu fahren
- Förderung von Energiemanagement-Systemen durch Steuervergütungen
- Abkehr von der Großvaterregel bei der Berechnung von CO2-Zertifikaten hin zu Best available Technology
- Gestiegenes Bewusstsein für Energiekosten
- Akzeptanz der ISO 50.001 als Norm für Energiemanagement.
Bei der Umsetzung gehen insbesondere energieintensive Unternehmen voran. Die chemische Industrie in Deutschland begann bereits in den 1990er Jahren mit Initiativen zur Senkung von Energiekosten.
Andere energieintensive Industrien wie Raffinerien, Zementmühlen, Papierindustrie sowie Metallverarbeitung zogen und ziehen nach. Wie weit die Industrien schon vorangeschritten sind, spiegelt sich insbesondere im Volumen der Industrien wieder – je gewachsener der Markt, desto höher das Investitionsvolumen. Einige Industrien wie Nahrungs- & Genussmittel oder Automobilbau erleben derzeit einen Aufschwung und werden stark wachsen. Bei anderen Industriezweigen sind die Energiekosten noch verhältnismäßig gering. Hier wird sich das Wachstum in Grenzen halten, da die Schmerzgrenze noch nicht erreicht ist.
Während die USA – durch niedrige Energiepreise bedingt – bis jetzt wenig Engagement zeigten, sind neben Europa noch andere Regionen intensiv am Thema Energiemanagement interessiert. Gerade in Regionen, die abseits gelegen sind, ist Energie teuer und rar. Und obwohl Energiekosten in der Automobilproduktion nur wenige Prozent der variablen Kosten sind, ist auch hier ein Trend zum Energiemanagement zu beobachten. So werden Tier-1-Anbieter zunehmend von den Automobilmarken dazu verpflichtet, sich nach der ISO 50.002 zertifizieren zu lassen.
Probleme beim Umsetzen von Energiemanagement
Als Ergebnis einer Umfrage der ARC Advisory Group befindet sich ein Großteil der Unternehmen, die sich mit Energiemanagement befassen, noch maximal auf der Stufe des Energiemessens. Nur ein Bruchteil ist bereits in der Lage, Energieverbräuche in Echtzeit zu verfolgen und entsprechend aktiv Energie zu managen. Ein Energiemanagement-System, das über den Konzern vereinheitlicht ist und so interne Benchmarks erlaubt, besitzen nur rund 2 % aller teilnehmenden Firmen. ARC-Schätzungen zufolge dürfte der Anteil der Firmen, die ihre Energieverbräuche nicht einmal untersuchen, bei über 50 % liegen.
Für viele Unternehmen ist Energiemanagement dabei erst einmal eine große Herausforderung. Zu viele offene Fragen sorgen für Ratlosigkeit. Hinzu kommt, dass Energiekosten meist nicht ausreichend erfasst sind. So entsteht eine Situation, in der zuerst in Energiemessung investiert werden muss, ohne dass der genaue zukünftige Nutzen bekannt ist. Messen allein bringt auch keinen Ertrag, da hierauf erst reagiert werden muss, was eventuell weitere Investitionen mich sich bringt.
Bei dieser Ausgangslage ist es schwer, Investitionen im Bereich Energiemanagement zu tätigen. Die Erfahrung von ARC aber zeigt: Sobald der erste Schritt gemacht wurde, folgen die nächsten sehr schnell. In einer Umfrage unter über 200 Teilnehmern stellte sich heraus, dass die Ziele der Endanwender konstant bleiben, was die jährlichen Energie-Einsparungen betrifft. Konstante Wachstumsraten bedeuten exponentielles Wachstum. Im Umkehrschluss sinkt also auch der Energieverbrauch exponentiell und die Ziele, die zuerst gesteckt wurden, werden regelmäßig weiter gesenkt.
Die Anbieter
Der Markt für Energiemanagement – etwa Umrichter, Antriebe, Steuerungs- und Visualisierungssysteme sowie Produktionsmanagement- und Optimierungssoftware – liegt bei über 20 Mrd. US-Dollar. Einen Großteil davon machen Umrichter und Motoren aus. Das größte Wachstumspotenzial bietet allerdings der Markt für Energiemanagement-Software. Die Teilnehmer in diesem Markt sind zum einen die großen Automatisierungsunternehmen: Siemens, ABB, Rockwell Automation und Schneider Electric. Die etablierten Automatisierer bieten gegenwärtig die größte Kompetenz, wenn es um umfassende Energiemanagement-Lösungen geht. In den anderen Clustern gibt es einige Firmen, die sich von Anfang an auf das Thema Energiemanagement spezialisiert haben, wie Infor, Panoramic Power oder Aspentech. Des Weiteren finden sich Firmen wie Endress+Hauser oder auch SAP, die sich in den letzten Jahren verstärkt dem Thema Energiemanagement gewidmet haben. Hinzu kommen Anbieter, die sich auf einige wenige Industrien spezialisiert haben, vor allem in der Prozessindustrie. Beispiele sind Metso Automation, Yokogawa oder Emerson Process Management.
Wessen Lösungen letztendlich in eine Anlage passen, hängt von den Anforderungen und der aktuell verwendeten Architektur ab. Nicht alle Systeme bieten die notwendige Offenheit, um Drittanbieter-Lösungen zu installieren, und manchmal erfordert geringe Skalierbarkeit eine Parallel-Installation. Außerdem ist der Scope of Work entscheidend: Handelt es sich um eine reine Software-Implementierung oder müssen auch Messstellen installiert werden? Viele kleinere Anbieter bieten günstige Lösungen zur Datenerfassung und Visualisierung – oft Cloud-basiert. Diese Lösungen bieten dann aber wenig Möglichkeiten, Energiemanagement und klassische Steuerung zu integrieren. Auch die jeweilige Branche spielt eine wichtige Rolle.
Generell wird weltweit ein zweistelliges Wachstum erwartet. Allerdings gibt es in diesem kaum entwickelten Markt immer wieder starke Sprünge, in denen einzelne Länder mit weit über 30 % wachsen. Diese Sprünge werden von der lokalen Gesetzgebung und der Energiepreis-Entwicklung ausgelöst. Hier spielt insbesondere Strom eine wichtige Rolle, da diese Märkte immer lokal sind. Der Markt für Energiemanagement wird auf lange Sicht weiter wachsen – wie schnell und wo, hängt von vielen Faktoren ab. Allerdings werden in nahezu jeder Industrie fortwährend neue Erfolgsgeschichten geschrieben, so dass der Erfolg immer wieder belegt wird.
Autor: Florian Güldner ist Research Director beid er ARC Advisory Group.












