IoT-Markt

Kerstin Janke | Lukas Dehling,

Hilfe bei der Plattformauswahl

Der Markt für IoT-Plattformen, Edge-Technologien und IoT-Software-Lösungen ist stark in Bewegung: Während er rasant wächst, finden gleichzeitig erste Konsolidierungen statt. Was bedeutet das für die Unternehmen, die vor der Wahl der passenden IoT-Plattform stehen?

© Bild: Computer&AUTOMATION, Quellen: Fotolia, Mocoloco und psdesign1

Für die Industrie ist das Internet der Dinge (IoT) vor allem deshalb interessant, weil es schaffen kann, was in einer hochtechnisierten Infrastruktur kaum noch möglich ist: die Optimierung der Prozesse. Das häufig bemühte Beispiel der Predictive Maintenance macht dies deutlich: Anhand von Daten, die eine Maschine liefert, wird das im Hinblick auf Kosten und Notwendigkeit optimale Wartungszeitfenster berechnet. Die Intervall-gesteuerte Wartung tauscht Teile oft schon, bevor sie wirklich verschlissen sind, reaktive Wartung sorgt schlimmstenfalls für zeitweisen Produktionsausfall. Dank der Maschinendaten und deren Auswertung kann der ökonomischste Zeitpunkt bestimmt und nominal Kosten gespart werden.

Doch das ist erst der Anfang. „Mit IoT-Technologien lassen sich ganz neue Geschäfts- und Erlösmodelle umsetzen“, sagt Jan Rodig, CEO des unabhängigen IoT-Dienstleisters Tresmo. „Produkte lassen sich durch digitale Services aufwerten – entweder um sich vom Wettbewerb abzusetzen oder die Erwartungen der Kunden zu erfüllen, die in dieser Richtung längst konkret sind. Denn mehr und mehr wird besonders im Industrieumfeld hinterfragt, ob man Infrastrukturen wie Maschinen unbedingt anschaffen oder das, was sie leisten, nicht als Service mieten kann.“ Soll heißen: Zeit-, nutzungs- und erfolgsabhängige Zahlungsmodelle sind mit Hilfe von IoT-Daten gut umsetzbar. „Mittelfristig werden IoT-Initiativen deshalb zu strategischen Projekten, die mit dem entsprechenden Bewusstsein angegangen werden sollten“, rät Jan Rodig.

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Ein unübersichtlicher Markt konsolidiert sich

Dazu gehört vor allem die Wahl der geeigneten Werkzeuge – von der Edge-Technologie bis hin zur IoT-Plattform. Der Markt ist vielfältig, da die Anbieter aus unterschiedlichen Kompetenzbereichen kommen. Im IoT-Edge-Bereich dominieren vor allem IoT-Device-Hersteller, die ihre Produkte mit zum Teil recht leistungsstarken Controllern und speziell entwickelter IoT-Software ausliefern. Manche haben ihre Lösungen inzwischen deutlich breiter aufgestellt und bieten eine eigene IoT-Cloud oder kooperieren mit Plattform-Anbietern und Cloud-Providern. So hat sich beispielsweise der Hardware-Hersteller Advantech zum umfassenden IoT-Lösungsanbieter gewandelt und bietet neben IoT-Development-Werkzeugen vorkonfigurierte Cloud-Services sowie den Zugang zur anbieterübergreifenden PaaS-Lösung Wise. Auch der Elektrotechnik-Riese Schneider Electric hat ein dediziertes IoT-Portfolio entwickelt und kann mit Microsoft Azure als Backend als Gesamtlösung gebucht werden.

Jan Rodig hat bereits an mehr als 40 IoT-Projekten mitgearbeitet.

© Tresmo

Dabei lässt sich die Grenze zwischen den Angeboten gar nicht mehr klar ziehen. Viele Cloud-Provider, darunter globale Marktplayer wie Amazon, Microsoft und Google, haben in den letzten Monaten massiv in die Entwicklung von IoT-Lösungen über ihre Cloud-Infrastruktur investiert. „Dabei haben sich ganze IoT-Ökosysteme entwickelt. Unternehmen können sich ihr individuelles Toolset zusammenstellen“, sagt Experte Jan Rodig von Tresmo. „Gleichzeitig ist der Anbietermarkt derzeit sehr unübersichtlich und stark in Bewegung. Da die Wahl der richtigen Technologien für den Erfolg des IoT-Projektes und die entsprechende Anpassung der mittelfristigen Geschäftsstrategie entscheidend sein kann, sollten Unternehmen hier sorgfältig abwägen.“

Denn der IoT-Markt sei zwar noch verhältnismäßig jung, mache aber, laut Jan Rodig, bereits die erste Konsolidierungsphase durch. Das sei zum einen dem Engagement großer Unternehmen geschuldet, die ihre eigenen Entwicklungen durch Zukäufe unterstützen. So erweiterte beispielsweise die Software AG mit dem Kauf von Cumulocity ihr Portfolio um eine IoT-Anwendungs- und Geräte-Management-Plattform. Salesforce übernahm den Software-Hersteller Mulesoft samt seiner 
Integrations-Plattform und die SAP AG baute ihr Device Management mit Hilfe von Plat.one aus. 

Zum anderen ergebe sich dies aus der Notwendigkeit, die IoT-Funktionalität durchgängig umzusetzen. Von der Aufnahme der Daten durch einen Sensor über mögliche Vorauswertungen im Gateway bis hin zur Datenanalyse in der Cloud: Es geht um Datenstandardisierung, Erweiterbarkeit durch neue Devices und Updaten der Anwendungen. Eine einzelne, beispielsweise branchenspezifische Anwendung nützt wenig, wenn sie etwa das Datenformat der IoT-Devices nicht interpretieren oder Steueranweisungen vom Monitoring nicht an das Device zurückgeben kann. 

Für die Unternehmen, die auf der Suche nach einer passenden Lösung für ihre IoT-Initiative sind, wird sich die Marktkonsolidierung zumeist als Vorteil darstellen. Wenn große Marktplayer so massiv investieren, ist dies ein Zeichen für eine nachhaltige Marktentwicklung. Die Gefahr, dass der gewählte Dienstleister in zwei Jahren nicht mehr am Markt ist, sinkt. Und Unternehmen können die wachsenden Ökosysteme für sich nutzen und müssen sich nicht selbst um die Kompatibilität der Systeme untereinander kümmern.
 
Welches die geeigneten Werkzeuge für das eigene IoT-Projekt sind, sollte in der Anfangsphase sorgfältig evaluiert werden.

Die Wahl der passenden Plattform

„Kaum ein Unternehmen will und kann seine gesamte Strategie von heute auf morgen auf IoT-Geschäfte umstellen. Es ist deshalb ratsam, mit einem konkreten Use Case zu starten und zunächst ein Konzept dafür zu erarbeiten“, sagt Jan Rodig. „Dazu gehören neben den geschäftlichen Zielen vor allem die technischen Spezifikationen – und das zunächst unabhängig von der späteren Plattform.“ Diese technischen Spezifikationen können dabei durchaus umfangreich ausfallen. Die bereits erwähnte Datenstandardisierung zählt ebenso dazu wie Connectivity, Möglichkeiten der Datenvisualisierung, Ansprüche an das Device- und Service-Management, gewünschte externe Schnittstellen sowie Sicherheits-Features. 

 Praktisch geht es beispielsweise darum, die Erweiterbarkeit der Lösung von Beginn an einzuplanen: Schon bald sollen wahrscheinlich weitere oder neue IoT-Devices integriert werden, die Betriebssysteme der Geräte benötigen immer wieder Updates oder zusätzliche Service-Tools – etwa für die Abrechnung neuer Erlös­modelle – und die Geräte müssen mit den Daten etwas anfangen können. Dann ist es wichtig, dass die IoT-Plattform die ­Aufgabe eines Zwischenlayers übernehmen kann. Dieser soll Daten von den Devices sowohl herstellerunabhängig annehmen als auch an die Applikationen so umgewandelt weitergeben können, dass diese die Daten entsprechend auswerten können. Dabei spielen die Cloud Connectivity – sprich, wie Zertifikate oder Firmware der Geräte im Feld aktualisiert werden können – ebenso wie die Skalierung und der Grad der Automatisierung eine Rolle. 

Vendor-Lock-in vermeiden

Um einen Vendor-Lock-in, also die zu enge Bindung an einen Dienstleister, zu vermeiden, sollte bei den in Frage kommenden Plattformen geprüft werden, welche Änderungen bei einem Providerwechsel notwendig sind und wie hoch der Aufwand wäre. Das wird umso schwieriger, je größer das Ökosystem eines Providers ist und je mehr man selbst davon nutzt. Dazu zählen Schnittstellen-Spezifikationen, unterstützte Geräte- und Gateway-Implementierungen, die Art der Datenspeicherung und nicht zuletzt die dazugehörigen Support-Verträge. Gerade wenn es um das Hosting der gesamten IoT-Lösung in einer wie auch immer gearteten Cloud-Infrastruktur geht, kommen schnell langfristige Verträge zustande, da diese günstiger sind.

Im IoT-Umfeld stoßen derzeit mehrere Entwicklungen aufeinander. IoT-Initiativen werden zunehmend geschäftskritischer, da sie Optimierungspotenziale wecken, die wachsenden Erwartungen der Kunden an digitale Zusatzservices erfüllen oder sogar neue Geschäftsmodelle ermöglichen. Damit einhergehend hat sich ein IoT-Lösungsanbieter-Markt entwickelt, der stark diversifiziert ist und gleichzeitig derzeit attraktive Ökosysteme entwickelt – ein Vorteil für Unternehmen, die sich aus zahlreichen vorgefertigten Lösungen ihr individuelles Toolset – von Edge-Funktionen bis Sourcing-Optionen – zusammenstellen können. Dabei wächst die Gefahr des Vendor-Lock-ins und des Verdrängens kleiner, spezialisierter Anbieter.

Autorin:
Kerstin Janke ist freie Journalistin.

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