Female Power
Ungenutzte Potenziale heben
Gerade in MINT-Berufen und in den Führungsetagen sind Frauen unterrepräsentiert. Erfahren Sie, warum Unternehmen von einem höheren Frauenanteil profitieren, wie Organisationen gut ausgebildete Mitarbeiterinnen gewinnen und halten.
Der Frauenanteil der Weltbevölkerung ist etwa gleich dem der Männer. Laut Statistischem Bundesamt werden in Deutschland 29,4 % der Führungspositionen von Frauen besetzt. Im Vergleich zu den anderen EU-Mitgliedsstaaten lag Deutschland damit nur im unteren Drittel. Auch in den MINT-Branchen, die eine hohe Innovations- und Wirtschaftskraft haben, sind Frauen unterrepräsentiert. Hier stellt sich die Frage, warum Frauen nicht stärker ermutigt werden, MINT-Berufe zu ergreifen? Warum gibt es noch immer diese Diskrepanz zwischen Männer- und Frauenanteil? Warum greifen wir nicht auf das versteckte Potenzial der Frauen zu? Diese Frage kann so einfach nicht beantwortet werden, sie sollte aber in unseren Köpfen immer reflektiert werden.
Es liegt auf der Hand und ist in vielen Artikeln und Studien erarbeitet: Attribute wie Kreativität, Flexibilität, Empathie, Kommunikation und Kooperation werden von Mitarbeitern und Unternehmen geschätzt und überwiegend Frauen zugeschrieben. Diverse Teams sind kreativer, produktiver und die Stimmung ist ausgeglichener. In manchen Ländern ist es nicht mehr denkbar, rein homogene Teams zu haben. Auch der Markt wünscht sich die Vielseitigkeit in den Unternehmen.
Rollenbild ‚Frau‘ als Hindernis
Sicherlich werden Sie sich fragen, warum die Frauen jetzt nicht einfach mal machen. Haben Sie sich denn schon mal gefragt, mit welchen Rollenbildern die meisten von uns aufgewachsen sind? Welche Sätze haben sie gehört, mit welchen Vorurteilen wurden sie konfrontiert? Was erzählen diese wiederum ihren Töchtern, Schwestern oder Freundinnen? Diese Fragen habe ich erst kürzlich dem Vorstand eines Technologie-Unternehmens gestellt, das mit uns ein globales Frauenprogramm mit mehreren Modulen durchführt. Diese Fragen hatte er bis dahin noch nicht reflektiert, er sprach ganz offen darüber, wie es bei ihm zu Hause war und dass er das ‚Problem‘ der Frauen in Unternehmen und der Berufswelt bis dahin noch nicht gesehen hatte. Aber er wusste, dass sich etwas ändern sollte, wenn man im Markt innovativ agieren will und alle Potenziale und Kandidat*innen nutzen möchte.
Gut ausgebildete Frauen rekrutieren und halten
Unternehmen müssen heute Strategien festlegen, um dem Fachkräftemangel zu begegnen. Dazu gilt es auch, Stolpersteine aktiv aus dem Weg zu räumen, damit Frauen sich bewerben und auch trotz Familienplanung im Unternehmen bleiben und ihr ganzes Können weiter einbringen möchten. Was sind also erste Ansatzpunkte für Frauen, Führungskräfte und Firmen selbst? Wie will sich ein Unternehmen nach außen positionieren, um für die weiblichen Talente attraktiv zu sein?
Unternehmen brauchen eine Vision, wie sie als Organisation sein möchten, welches Mindset sie auch in Bezug auf Frauen im Unternehmen verinnerlichen möchten. Es gilt, Strategien zu entwickeln, die bessere Karrierechancen für Frauen begünstigen und die Chancengleichheit erhöhen. Nur dann stehen weibliche Talente bei Ihnen vor der Tür und nicht beim Wettbewerb.
Mit Vorurteilen aufräumen
Auch wenn alle davon sprechen, dass wir doch schon so offen und urteilsfrei gegenüber Frauen sind, und Gleichberechtigung kein Thema mehr ist – es gibt noch immer ‚Glaubenssätze‘, Einstellungen oder Gedanken, die unser Tun und Handeln beeinflussen. Ein paar Beispiele:
- Kann sie das mit 2 Kindern schaffen?
- Sie arbeitet nur 75%, damit kann sie keine Abteilung führen.
- Eine alleinerziehende Mutter, das ist mir nicht sicher genug.
Nicht nur das Unternehmen und seine Strategie machen den Unterschied, sondern auch das Auftreten und der Einsatz der Führungskräfte ist entscheidend. Wer wird für die nächste freie Stelle vorgeschlagen? Wird es Max Mustermann, oder traue ich mich auch mal mit der weiblichen Teilzeitkraft zu sprechen, die eigentlich aufgrund ihrer Qualifikation die bessere Kandidatin für die Stelle wäre, aber leider „nur“ 75% arbeitet?
Tipps für Führungskräfte, Frauen und Unternehmen
In den Zeiten des ‚War of Talents‘ braucht es kreativere Ansätze und ein offenes Mindset, welche es Führungskräften und Bewerberinnen erlauben, ins Gespräch zu kommen.
Tipps an Führungskräfte
- Sprechen Sie mit den Kolleginnen darüber, wie die Stelle aussehen muss, welche Arbeitszeiten möglich sind oder ob man sich gar ein Jobsharing vorstellen kann. Suchen Sie gemeinsam nach Lösungen.
- Besprechen Sie gemeinsam vorab, wie man den Rahmen z.B. für Teilzeitkräfte oder Mütter stecken kann.
- Sprechen Sie aktiv die evtl. Bedenken der Mitarbeiterin an, wenn es um den nächsten Karriereschritt geht.
Oft höre ich, dass Frauen sich nicht auf eine für sie interessante Stelle bewerben, weil sie „nur“ 90 % der geforderten Kriterien erfüllen. Ein Mann dagegen würde sich sogar bewerben, wenn er nur 60 % der Qualifikation mitbringen sollte. Es fehlt Frauen oft an Mut und an Mutmachern. Frauen sollten in Bezug auf ihre Karriere mehr Courage zeigen, wenn es um den nächsten Karriereschritt geht und sich selbst mehr Zutrauen schenken. Wichtig ist es, unbewusstes Verhalten zu reflektieren und aus diesen Reflexionen zu lernen. Die Glaubenssätze wie „Sei Perfekt“, „Du musst Dich beweisen“, „Sei nett“ oder auch „Ich muss besser sein als ein Mann“, sind hier wenig hilfreich und sollten gut reflektiert werden. Es wäre doch zu schade, wenn solch ein Satz eine erfüllende Karriere behindert.
Tipps an Frauen
- Prüfen Sie Ihre beruflichen und privaten Ziele.
- Halten Sie nach einer Mentorin oder einem Mentor Ausschau, der Sie auf Ihrer Reise begleitet.
- Schauen Sie sich Ihre limitierenden Glaubessätze an, um unbewusste negative Wirkmechanismen zu erkennen und zu transformieren in etwas Positives.
- Arbeiten Sie mit einem Coach an Ihrer eigenen Persönlichkeit und Ihren Zielen.
Männer und Frauen müssen und wollen immer mehr in den Dialog kommen, um voneinander zu erfahren, was eigentlich das andere Geschlecht so denkt, was sie brauchen und was nicht – es gibt zu viele Vorbehalte und Ängste. Im 21. Jahrhundert sollte es wirklich möglich sein, gemeinsam in eine Zukunft zu schauen, in der Geschlechter keine Rolle spielen.
Die Autorin
Carolin Zeller wurde 1966 in Heidelberg geboren. Aufgewachsen mit dem Satz: »Du bist ein Mädchen und brauchst nicht zu studieren«, verfolgte sie zunächst keine besondere Karriere. Erst ihr einjähriger Aufenthalt in USA brachte ihr das Thema Coaching und Persönlichkeitsentwicklung nahe. Als Mutter von 2 Kindern kennt sie die Herausforderungen der Vereinbarkeit von Familie und Beruf(ung).
Nach 26 Jahren beim IT-Unternehmen SAP, davon die letzten 13 Jahre als Personalentwicklerin, Leadership Trainerin und Coach, ging sie neue Wege und folgte ihrer Leidenschaft des Coachings, der Arbeit mit Frauen (in Führungspositionen) und dem Design von Entwicklungsreisen für Führungskräfte. Sie ist bei Leadership Choices als freiberuflicher Coach tätig und entwickelt maßgenschneiderte Programme für Frauen und Leadership Journeys. Mit einer Kollegin führt sie Frauenseminare für mehr Selbstbewusstsein und Selbstwert durch.














