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Artikel und Hintergründe zum Thema

Tipps vom Coach

Harald Gabriel | Andrea Gillhuber,

Resilienz – Die Biografie als Ressource

Resiliente Menschen zeigen Widerstandsfähigkeit und gehen nicht nur unbeschadet durch Krisen hindurch, sondern sogar oft gestärkt aus ihnen hervor. Welche Rolle die eigene Lebensgeschichte auf dem Weg zu mehr persönlicher Resilienz spielt, erläutert Coach Harald Gabriel.

© lassedesignen/Stock.Adobe.com

In Anbetracht der aktuellen Krisen ist der Begriff »Resilienz« in aller Munde. Mitarbeiter und Führungskräfte stehen vor neuen, sich stets verändernden Herausforderungen. Viele über Jahre gewonnenen Erkenntnisse und »Best Practices« scheinen keine oder nur wenig Wirkung zu zeigen, wenn es darum geht, diese Herausforderungen erfolgreich zu bewältigen. Wer wünscht sich da nicht ein hohes Maß an persönlicher Resilienz? Resiliente Menschen zeigen Widerstandsfähigkeit und gehen nicht nur unbeschadet durch Krisen hindurch, sondern sogar oft gestärkt aus ihnen hervor.

Während man landläufig davon ausging, dass Resilienz eine angeborene Eigenschaft ist – man also von Haus aus mit einem mehr oder weniger »dicken Fell« ausgestattet ist – weiß man mittlerweile, dass Resilienz in weiten Teilen erlernbar ist. Im Wesentlichen geht es darum, die persönliche Selbstwahrnehmung zu schärfen, also ein Gespür für die eigenen Gedanken, Emotionen und körperlichen Wahrnehmungen in verschiedenen Bereichen zu entwickeln und darauf basierend, entsprechende Verhaltensweisen und Routinen auszuprägen. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von persönlichen Ressourcen, die es aufzuspüren und zu nutzen gilt, will man ein höheres Maß an Resilienz erreichen.

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Persönliche Resilienz – die Bedeutung der eigenen Lebensgeschichte

Eine solche, oft unterschätzte, Ressource zur Steigerung der persönlichen Resilienz ist die Biografie, also die eigene Lebensgeschichte. Aber wie kann die Beschäftigung mit der eigenen Vergangenheit helfen, zukünftige Herausforderungen zu meistern? Geht es nicht eigentlich darum, neue Kompetenzen und Skills zu entwickeln? Entscheidend ist wie in so vielen Lebensbereichen, die persönliche Haltung, sprich: die Art und Weise, wie wir über etwas denken und mit welcher Einstellung wir ein Thema angehen. Und genau diese Haltung ist – meist unbewusst – stark beeinflusst durch die Art, wie ein Mensch seine Lebensgeschichte sieht, wie er insbesondere auf schwierige Phasen und belastende Ereignisse in der eigenen Biografie zurückblickt. Es macht einen großen Unterschied, ob ein Mensch sein bisheriges Leben für eine Katastrophe hält, in der er das Opfer ist, oder ob er voller Dankbarkeit eigene Anteile an seinem Schicksal wahrnehmen und würdigen kann.

Raus aus der Opfer-Rolle

Aus der Hirnforschung wissen wir, dass das Gehirn nicht zwischen dem eigentlichen Erleben einer objektiven Situation und dem subjektiven Erinnern an die Situation unterscheidet. In beiden Fällen werden auf jeden Fall dieselben Hirnareale aktiviert, was mittels bildgebender Verfahren sichtbar gemacht werden kann. Ebenso wissen wir, dass die emotionale Färbung eines Ereignisses und die Detailausgestaltung im Nachhinein vom Gehirn verändert werden können. Jedes Mal, wenn ein Gedanke gedacht oder eine Geschichte erzählt wird, verfestigt sich das entsprechende neuronale Netzwerk weiter.

Wir können also unsere Biografie nicht rückwirkend verändern, aber sehr wohl die Art und Weise, wie wir auf darauf schauen, wie wir bestimmte Ereignisse bewerten und welche Geschichte wir über unser Leben erzählen.

In meiner Coaching-Arbeit mit Klienten, die ihre persönliche Resilienz ausbauen wollen, empfehle ich daher eine gründliche Retrospektive der eigenen Lebensgeschichte:

  • Wie ist Ihr Leben bisher verlaufen?
  • Welche Lebensereignisse haben Ihr Leben am stärksten geprägt?
  • Welche Muster fallen Ihnen an Ihrer Biografie auf?
  • Welche Entscheidungen haben Sie getroffen?
  • Worauf sind Sie stolz?
  • Was bereuen Sie?

Die meisten Lebensgeschichten, die sich aus der detaillierten Betrachtung der obigen Fragen dann ergeben, beinhalten drei wesentliche Anteile:

Positive Ereignisse: Sich an solche Momente zurückzuerinnern und die Aufmerksamkeit darauf zu fokussieren, gibt Kraft.
Beispiel: Ein Klient berichtet, wie er sich immer noch an seinen ersten Fachvortrag auf einem externen Kongress vor etlichen Jahren erinnern kann, zu dem er viel positiven Zuspruch erhalten hatte. Wann immer er vor herausfordernden Business Meetings steht, erinnert er sich voller Stolz und Erfüllung an dieses Ereignis und schöpft daraus Kraft und Zuversicht für die anstehende Aufgabe.
 

Negative Ereignisse: Die Tatsache, dass Rückschläge überwunden und bewältigt wurden, sind ein Beweis dafür, dass man mit Krisen gut umgehen und daran auch persönlich wachsen kann.
Beispiel: Eine Klientin erzählt, wie sie zu Beginn ihrer Berufslaufbahn aufgrund einer Restrukturierung ihre Stelle verloren hatte. Nach einer längeren Trauerphase nahm sie eine bewusste Auszeit und erfüllte sich den Traum einer langen Asien-Reise. Wieder zu Hause ging sie mit frischer Kraft und klarem Blick auf Stellensuche, die dann auch rasch von Erfolg gekrönt wurde. Heute sagt sie, dass sie rückblickend sogar froh über den Verlust der damaligen Stelle ist, denn sonst hätte sie nie ihren heutigen Traumjob erhalten.
 

Erkenntnisse und Entscheidungen: Diese Einsichten und Steuerimpulse sind ein Ausdruck Ihrer Fähigkeit zur Selbstführung.
Beispiel: Ein Klient erkennt, dass er in seinem bisherigen Leben bereits mehrere „Kurswechsel“, sowohl privater als auch beruflicher Natur vollzogen hat. So hat er zum Beispiel ein Studium nach wenigen Semestern abgebrochen, um eine Ausbildung zum Versicherungskaufmann zu beginnen. Nach anfänglichen Zweifeln heuerte er bei einem Versicherungskonzern an und entwickelte sich rasch zu einem Top-Leistungsträger. Im Moment seines vermeintlich größten Erfolgs erkannte er für sich, dass er seine persönlichen Werte zunehmend nicht mehr in Einklang mit den Unternehmenszielen bringen konnte, kündigte und machte sich als Finanzberater selbständig. Seine gemachten Lernerfahrungen lassen sich in dem Satz zusammenfassen: „Ich weiß, was gut für mich ist und kann darauf vertrauen, dass ich auch in schwierigen Situationen die richtigen Karriere-Entscheidungen für mich treffe.“

Die Biografie eines Menschen kann man also als eine Sammlung von Ressourcen verstehen. Die intensive Beschäftigung mit der eigenen Lebensgeschichte, zum Beispiel mit Hilfe eines Coaches, stärkt die persönliche Resilienz, weil ein bewusster Umgang mit der eigenen Biografie positive Auswirkungen auf die Einstellung zu den Herausforderungen der Gegenwart und den Erwartungen an die Zukunft hat.

Der Autor

© Harald Gabriel, Leadership Choices

Harald Gabriel ist Coach und Trainer bei Leadership Choices. Er arbeitet international und branchenübergreifend mit Führungskräften zu Kommunikation, Führung, Selbstführung und Resilienz.

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