Interview mit Anna Maier, Lapp

Inka Krischke,

Transparenz beim CO₂-Fußabdruck

Der ‚Product Carbon Footprint‘ ist ein Schlüsselbegriff beim Engagement von Unternehmen für mehr Nachhaltigkeit. Er gibt die Gesamtmenge an Treibhausgas-Emissionen an, die während des Lebenszyklus eines Produkts entsteht. Wie Lapp hier Transparenz schaffen möchte, erläutert Anna Maier, Product Sustainability Manager.

Lapp hat es sich zum Ziel gesetzt, den PCF für alle Produkte aus dem eigenen Portfolio zu berechnen. © Lapp

Wie integriert Lapp die ISO-Norm 14067 in die Berechnung des Product Carbon Footprint (PCF) – der CO₂-Fußabdruck – und welche Herausforderungen ergeben sich dabei bei der Datenerhebung?

Auf Grundlage der internationalen Norm DIN EN ISO 14067: Treibhausgase – Carbon Footprint von Produkten – Anforderungen an und Leitlinien für Quantifizierung hat Lapp einen eigenen Bilanzierungsstandard erstellt. Dieser Bilanzierungsstandard beschreibt die Lapp-spezifische Methodik bei der PCF-Berechnung des ‚Ölflex‘-Produktportfolios, dem wir uns bei den Berechnungen zuerst gewidmet haben. Neben einer einheitlichen Vorgehensweise legt der Standard auch die benötigten Berechnungsgrundlagen, Annahmen und Datenquellen fest, sodass eine standardisierte Ermittlung des PCF innerhalb des Ölflex-Portfolios sichergestellt ist. Sowohl der Bilanzierungsstandard als auch die PCF-Berechnungen wurden unabhängig von der DEKRA geprüft.

Eine zentrale Aufgabe bei der Berechnung ist die Schaffung einer umfassenden Datengrundlage für eine valide Berechnung des CO₂-Fußabdrucks. Herausforderungen bestehen sowohl in der Analyse der eigenen Daten sowie in der Ermittlung von Primärdaten innerhalb unserer Lieferkette. Um Datenlücken zu füllen, müssen plausible Annahmen getroffen werden, bei denen Fachexpertise aus unterschiedlichen Fachabteilungen herangezogen wird. Somit müssen durch den Austausch externer wie interner Stakeholder interdisziplinäre Fragestellungen beantwortet werden, um valide Ergebnisse bei der PCF-Berechnung zu erhalten.

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Welche Rolle spielen Primär- versus Sekundärdaten bei der Lebenszyklusanalyse – LCA – im Rahmen der PCF-Berechnung, und wie arbeitet Lapp daran, die Daten-qualität zu verbessern?

Durch Primärdaten kann die Datenqualität der PCF-Berechnung verbessert und die Analyse der Ergebnisse konkretisiert werden. Wenn Lapp beispielsweise einen verifizierten CO₂-Fußabdruck für den Kunststoff im Außenmantel direkt von einem Lieferanten erhält, können wir genau nachvollziehen, welchen Anteil der Emissionen dieser spezifische Kunststoff im gesamten PCF ausmacht.

Wir haben bereits Lieferantenabfragen gestartet, um Primärdaten für Materialien zu ermitteln, allerdings haben wir kaum Daten beziehungsweise Daten in ungenügender Qualität erhalten. Aus diesem Grund beziehen wir im ersten Schritt vor allem Sekundärdaten aus verfügbaren Emissions-Datenbanken wie beispielsweise ‚ecoinvent‘, um die Vollständigkeit mit transparenten, nachvollziehbaren und aktuellen Daten zu gewährleisten. In der Fortsetzung sind aber weitere Abfragen und Gespräche mit Lieferanten geplant, um Datenqualität und Genauigkeit der PCF-Analysen kontinuierlich zu verbessern.

Wie verifiziert Lapp die berechneten CO₂-Fußabdrücke und welche Bedeutung hat die Zusammenarbeit mit Dekra in diesem Prozess?

Die Zertifizierung der PCF-Ergebnisse der Lapp-Produkte erfolgt durch die Dekra. Dekra prüft die Zahlen als unabhängige zertifizierte dritte Stelle, um die Konformität der Bilanzierung nach ISO 14067 zu gewährleisten. Die kritische Prüfung wurde in Einklang mit ISO/TS 14071 vorgenommen. Insofern ist die Zusammenarbeit mit der Dekra für uns selbst, aber auch für unsere Kunden, von großer Bedeutung, da sie die Qualität und Richtigkeit aller Ergebnisse sicherstellt.

Mit der Entscheidung, woher das Kupfer für die Kabel und Leitungen bezogen wird, kann viel am Product Carbon Footprint gedreht werden. © Lapp

Inwiefern beeinflusst die Wahl der Rohstoffe, wie recyceltes Kupfer oder biobasierte Verbundstoffe, die CO₂-Bilanz der Kabel- und Verbindungslösungen von Lapp?

Die Wahl der Rohstoffe hat einen erheblichen Einfluss auf die CO₂-Bilanz unserer Kabel- und Verbindungslösungen. Besonders deutlich wird das am Beispiel Kupfer: Es macht mit rund 60 % den größten Anteil am CO₂-Fußabdruck eines Kabels in der Phase von der Rohstoffgewinnung bis zum Werkstor – dem ‚cradle-to-gate‘ – aus. Der Einsatz von recyceltem Kupfer wirkt sich daher besonders positiv auf die CO₂-Bilanz aus, da bei der Wiederverwertung deutlich weniger Emissionen entstehen als bei der Primärproduktion – dadurch lässt sich eine Reduktion des Kupferfußabdrucks bis zu 85 % erreichen.

Auch biobasierte Verbundstoffe tragen zur Verbesserung der Umweltbilanz bei. Zwar ist ihr Einfluss auf den CO₂-Fußabdruck in der Regel geringer als der des Kupfers, jedoch leisten sie einen wichtigen Beitrag zur Schonung fossiler Ressourcen und fördern den Wandel hin zu nachhaltigeren Materialkreisläufen.

Bei Lapp prüfen wir daher kontinuierlich, wie wir durch den Einsatz alternativer, umweltschonender Materialien unsere Produkte noch nachhaltiger gestalten können – ohne Kompromisse bei Sicherheit und Qualität.

Welche technologischen Innovationen planen Sie, um die Nachhaltigkeit Ihrer Produkte weiter zu verbessern?

Die ‚Etherline bioP Cat.5e‘ ist die erste Lapp-Leitung mit biobasiertem Mantelmaterial, die in Serie gefertigt wird. © Lapp

Wir setzen in jedem Fall die Forschung zum Einsatz von biobasierten und recycelten Materialien fort und möchte diese auch weiter ausbauen, wie wir zuletzt mit unseren biobasierten ‚Epic‘-Steckverbindungen gezeigt haben. Für unsere Marke ‚Skintop‘ arbeiten wir an biobasierten Versionen unserer Kabelverschraubungen, bei denen bis zu 90 % biobasierte Materialien verwendet werden können. Die Reise ist also noch längst nicht vorbei und wir prüfen stetig, was möglich ist und in welche Richtung wir uns und unsere Produkte weiterentwickeln können. Darüber hinaus analysieren wir den globalen Kupfereinkauf der Lapp-Gruppe und prüfen, ob recyceltes Kupfer in unseren Werken eingesetzt werden kann.

Wie berücksichtigen Sie die Emissionen aus der Nutzungsphase Ihrer Produkte, beispielsweise durch die Dimensionierung von Kabelquerschnitten, in der Gesamtbilanz?

Mit dieser Herausforderung beschäftigt sich unser Kollege Maximilian Christians, Research Engineer Advanced Technology. Er hat die CO₂-Emissionen von Leitungen bis zu deren Einsatzende untersucht und wirft einen genauen Blick darauf, wie der Leitungsquerschnitt damit zusammenhängt. Sein Arbeitsstand zeigt, dass ein großer Leitungsquerschnitt generell einen kleineren Widerstand hat. Insofern kann es vorteilhaft sein, bei der Querschnittsauslegung einen größeren Widerstand auszuwählen, da so weniger Verluste in der jeweiligen Leitung entstehen. Eine größer dimensionierte Leitung bedeutet initial zwar einen hohen Product Carbon Footprint, im Einsatz werden jedoch Emissionen eingespart. Interessant ist, dass die Einsparung von Emissionen im Betrieb auch Einsparungen auf finanzieller Seite bedeuten.

Wie nutzt Lapp die Daten aus der PCF-Analyse, um konkrete Maßnahmen zur Emissionsreduktion entlang der Lieferkette zu entwickeln?

Mithilfe der PCF-Berechnungen gewinnen wir im ersten Schritt Transparenz und können somit Maßnahmen ergreifen, um unsere größten CO₂-Emittenten zu reduzieren. Um in der Folge unseren PCF zu reduzieren, sind wir auch von den Bemühungen unserer Lieferanten abhängig. Aus diesem Grund sind wir beispielsweise auch in einem sehr engen Austausch mit unseren Kupferlieferanten.

Wie sieht die zukünftige Strategie von Lapp aus, um die Transparenz und Genauigkeit der Nachhaltigkeitsdaten weiter zu erhöhen und damit einen Wettbewerbsvorteil zu sichern?

Wir haben bei Lapp vor einiger Zeit eine Software eingeführt, um auf globaler Ebene Nachhaltigkeitskennzahlen zu erheben. Etwa 90 Standorte berichten uns monatlich bestimmte Umwelt- und Energiekennzahlen. In Zukunft werden wir die Berichterstattung von Nachhaltigkeitskennzahlen noch weiter ausbauen und auch standortspezifische Ziele setzen, denn Vertriebs- und Produktionsstandorte verfügen über unterschiedliche Möglichkeiten, um ihre CO₂-Emissionen zu reduzieren.

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