Verpackungsmaschinen
Unterschiedliche Formate flexibel zuführen
Den immer individuelleren Wünschen der Endverbraucher Rechnung tragend, müssen Hersteller von Verpackungsmaschinen ihre Anlagen flexibel auf wechselnde Formate auslegen. Moderne Applikations-Algorithmen in der Steuerung schaffen die Grundlage hierfür.
Bei Schlauchbeutelverpackungen für pulverförmige, schüttfähige oder feste Produkte gehört Wolf Verpackungsmaschinen aus Lich-Birklar, unweit von Gießen, seit Langem zu den wichtigen Playern im internationalen Markt. Pro Jahr stellen die rund 120 Mitarbeiter des vor über 25 Jahren gegründeten Familienunternehmens bis zu 150 Maschinen her – weltweit sind heute mehr als 2000 Anlagen installiert.
Im Jahr 2014 standen die Hessen vor der Aufgabe, die Zuführeinheiten für die Verpackungsmaschinen des Typs HV 200 an neue Kundenanforderungen anzupassen. Bei der HV 200 handelt es sich um eine vollautomatische, horizontale Schlauchbeutelmaschine, die für die Hochleistungsverpackung von Food- und Non-Food-Produkten konzipiert wurde. Die Verpackungsmaschine formt aus einer Flachfolie einen Schlauch, mit dem das Produkt umhüllt und dann thermisch versiegelt wird. Die vorgeschaltete Zuführeinheit sorgt dafür, dass die Produkte zuverlässig voneinander separiert werden und im richtigen Takt in die Verpackungsmaschine gelangen.
Von dieser Verpackungsmaschine und ihrer Zuführeinheit hat Wolf schon viele Exemplare an Kunden in aller Welt geliefert – unter anderem an einen großen chilenischen Backwarenhersteller, der Brote, Brötchen und Fertigpizzen verpackt. Um besser auf die Anforderungen seines Marktes reagieren zu können, wollte dieser nicht mehr nur die klassischen Großpizzen, sondern wahlweise auch drei Kleinpizzen in jeweils einer Hülle verpacken können – und zwar auf ein und derselben Verpackungsmaschine. Zur Bewältigung dieser Herausforderung und um die Zu-führeinheit flexibler gestalten zu können, galt es die Ansteuerung komplett zu überarbeiten. Gefordert waren Algorithmen, mit denen die Kleinpizzen zunächst voneinander separiert und dann als zusammengehörige Dreiergruppe so auf Kontakt gruppiert werden, dass sie sich schließlich als Einheit verpacken lassen.
Die Entwicklung der neuen Algorithmen für die eingesetzte Steuerung vom Typ Movi-PLC erfolgte in einem gemeinsamen Projekt mit Mitarbeitern von Wolf Verpackungsmaschinen und dem regionalen Anwendungsbetreuer des Automatisierungspartners SEW-Eurodrive.
Skalierbare Funktionalität
Eine je nach Endkunden-Anforderung übergeordnete SPS übernimmt hierbei lediglich den Maschinenablauf und übergibt die Steuersignale an die skalierbare Movi-PLC. Sie setzt die Signale in die konkrete Bewegung der Servoantriebe um, zum Beispiel durch Positionierungsanweisungen oder Kurvenscheibenfunktionen. In der Ausführung ‚Power‘ liefert die Movi-PLC Rechenleistung für äußerst anspruchsvolle Verpackungsanwendungen: Sie kann bis zu 32 interpolierende Achsen in einer Millisekunde berechnen und die Lagesollwerte deterministisch übertragen. Hinzu kommen 32 zusätzlich ansteuerbare drehzahl- oder positionsgeregelte Hilfsachsen. Der Austausch der Echtzeitdaten mit den Antriebsreglern geschieht dabei zeitsynchron über den Motionbus. Die Bedienung und Visualisierung erfolgt in diesem konkreten Anwendungsfall durch die übergeordnete SPS, die je nach Wunsch des Endanwenders von verschiedenen Herstellern stammen kann. Alternativ dazu ist die Movi-PLC auch in der Lage, die Steuerung der kompletten Maschine zu übernehmen.
Servomotoren vom Typ CMP63S von SEW-Eurodrive treiben die einzelnen Förderbänder der Zuführeinheit an. Die Steckverbinder dieser längenoptimierten synchronen Servomotoren können variabel um bis zu 180° gedreht werden.
© SEW-EurodriveOhne vorgefertigte Templates oder Funktionsblöcke mit vorgetesteten Motion- oder Technologie-Funktionalitäten – einschließlich der Anbindung an die Antriebselektroniken – haben es Anwender zuweilen schwer, den Umstieg auf einen neuen Steuerungslieferanten zu vollziehen. ‚MultiMotion‘, das ‚Motion-Betriebsystem‘ von SEW, schließt diese Lücke. Dieses grafisch in die Engineering-Umgebung ‚Movitools MotionStudio‘ eingebundene Tool ermöglicht die parametrierbare Konfiguration von Antrieben und Motion-/Technologiefunktionalitäten. Insbesondere bei Anwendungen mit synchronisierten Achsbewegungen auf Basis von Kurvenscheiben – was typisch für Verpackungsmaschinen ist – lässt sich damit ohne zusätzliche Programmierung eine Vielzahl von Motion-Control-Funktionen äußerst schnell und effizient umsetzen. Mit dem zugehörigen grafischen Konfigurationstool sind dabei selbst komplexe Motion-Funktionen in Verbindung mit einer IEC-61131-Programmierung realisierbar. Gleichzeitig bietet es einen Monitor und Diagnosemöglichkeiten zum Steuern und Beobachten.
Bei den Testläufen der Zuführeinheit wurden die Kleinpizzen zunächst durch Holzscheiben ersetzt.
© SEW-EurodriveUm eine möglichst nachhaltige Lösung zu erhalten, die auch bei ähnlich gelagerten Aufgaben verwendbar ist, sollte die neue Programmierung so gestaltet werden, dass sich mit ihr eine große Bandbreite von Produkten gruppieren und zuführen lässt. Der auf Basis der MultiMotion-Plattform neu entwickelte Steuerungsalgorithmus wurde so flexibel gehalten, dass er je nach Produktart, Zuführgeschwindigkeit und Anforderungen an die Gruppierung zwischen vier und acht Zuführbänder taktsynchron ansteuern kann. Bei Wolf geschieht dies mit 240 Takten in der Minute bei den kleinformatigen Pizzen und 80 Takten bei klassischen Größen. Mit geringfügigen Adaptionen ermöglicht diese nahezu universelle Programmierung der neuen Softwarelösung künftig auch die Verpackung vieler anderer Produkte.
Smart-Belt-Algorithmen in der Zuführung
Die Applikationsalgorithmen wandeln den variablen Produktstrom zunächst in einen konstanten Produktstrom um, der dann im zweiten Schritt taktsynchron der Verpackungsmaschine zugeführt wird.
© SEW-EurodriveDamit die Pizzen prozesssicher zur Verpackungsmaschine gelangen, wurde die Produktzuführung mit Smart Belts umgesetzt. Unter ‚Smart Belt‘ versteht man ein Förderband, das neben der eigentlichen Förderfunktion eine Positionierung vornehmen kann. Ein Servomotor mit Positionsrückführung sorgt für die Umsetzung der Positionsvorgaben. Durch die eingebrachte Sensorik sind außerdem die Anzahl sowie die Position beziehungsweise der Abstand des Förderguts auf dem Smart Belt quantifizierbar. Mit diesen erweiterten Funktionen lässt sich das Band mit anderen Bändern synchronisieren oder in einen Regelkreis einbringen.
Die Herausforderung beim Applizieren der Smart Belts bestand darin, einen diskontinuierlichen Produktstrom in einen zur folgenden Maschine taktsynchronen Strom zu wandeln. Dabei sind Produkttoleranzen ebenso zu berücksichtigen wie mechanische Einflüsse (Drift, Schlupf). Zudem müssen die Rahmenbedingungen wie minimale und maximale Zuführung sowie die Verarbeitungsgeschwindigkeit der nachfolgenden Maschine festgelegt werden.
Die Abstände der einzeln von der Backmaschine ankommenden Pizzen werden im ersten Teil der Zuführung zunächst angeglichen und minimiert, so dass ein kontinuierlicher Produktstrom entsteht. In der Mitte der Zuführung entsteht über mehrere Bänder hinweg ein Puffer, mit dem auch größere Fehlzeiten kompensierbar sind. Dann werden die Abstände zwischen den Produkten mit Hilfe der Smart Belts so eingestellt, dass der Produktstrom taktsynchron zur Verpackungsmaschine ist.
Das „Motion-Betriebssystem“ erleichtert mit seiner graphischen Oberfläche sowohl die Konfiguration als auch die Diagnose und den Service.
© SEW-Eurodrive/WolfDie Geschwindigkeitsdifferenz zwischen den Bändern darf nicht zu groß sein und die Bewegung insgesamt muss ‚flüssig‘ laufen, Geschwindigkeitsänderungen dürfen also nicht ruckartig erfolgen. Um das zu erreichen, muss auch die Sensorik genau auf die jeweiligen Produkte mit ihren Toleranzen eingestellt werden – eine Arbeit die Erfahrung und Fingerspitzengefühl erfordert. Außerdem sollte auf zukünftige Anforderungen so gut wie möglich Rücksicht genommen werden. Die auf Basis der Softwareplattform erzeugten Regelal-gorithmen sind funktional so gekapselt, dass der Anwender durch wenige Parametereinstellungen flexibel auf Änderungen der Produktgröße oder Verpackungseinheit reagieren kann. Dieser Anforderung wurde Rechnung getragen, indem in diesem Fall sämtliche prozessrelevanten Parameter über ein Display einstellbar sind.
„MultiMotion bietet dem Anwender eine gute Arbeitsgrundlage, mit der derartige Applikationen komfortabel umgesetzt werden können“, resümiert Matthias Christenn, regionaler Anwendungsbetreuer von SEW, und ergänzt: „Die gesamte Bewegungsfunktionalität lässt sich konfigurieren und anschließend durch praktische Diagnosetools im Steuerbetrieb testen. Der Programmieraufwand beschränkt sich auf die tatsächliche Anwendung und wird sehr überschaubar.“
Autoren: Heiko Füller ist bei SEW-Eurodrive im Marktmanagement zuständig für Antriebselektronik und Steuerungstechnik und Klaus Just ist in der Geschäftsfeldentwicklung Maschinenautomatisierung bei SEW-Eurodrive in Bruchsal tätig.















