Antriebstechnik / Drives
Safety im Antrieb - der Status quo
Seit geraumer Zeit gehen Antriebshersteller dazu über, Safety-Funktionen in den Antrieb zu verlagern - diese Verschmelzung soll einerseits neue, innovative Applikationen ermöglichen; andererseits verspricht sie eine Steigerung der Sicherheit, Verfügbarkeit und Wirtschaftlichkeit von Maschinen und Anlagen. Doch wie ist diesbezüglich der Status quo und wo geht die Reise in den nächsten Jahren noch hin?
Die Funktionale Sicherheit (FS) bestimmt in der elektrischen Antriebstechnik in zunehmendem Maße sowohl den Markt als auch die Technologie der Zukunft. Durch die Ablösung der EN 954-1 durch die EN ISO 13849-1 sind Hersteller und Anwender gleichermaßen in der Pflicht, die neue Norm zu verstehen und umzusetzen. Ganz grundsätzlich lässt sich feststellen, dass die Anforderungen der Anwendernormen immer schärfer werden und somit neue technische Lösungen in der Antriebstechnik verlangen. Dies ist vor allem in Branchen wie der Automobilindustrie, der Intralogistik beziehungsweise der stationären und mobilen Fördertechnik der Fall.
Gerade die mobile Fördertechnik – sprich Anwendungen wie fahrerlose Transportsysteme oder Elektrohängebahnen – sind ein gutes Beispiel für diesen Trend. Antriebsumrichter und sichere Antriebssteuerungen verschmelzen bei diesen Applikationen zunehmend miteinander. Die technischen Herausforderungen liegen hier unter anderem in der sicheren Datenkommunikation. Denn hohe Übertragungsgeschwindigkeiten und Datenmengen über WLAN beziehungsweise Funk zu übertragen – bei maximaler Sicherheit und Verfügbarkeit der Anlage – ist neu. Primäres Ziel muss es dabei sein, auftretende Fehler sicher zu beherrschen, ohne jedoch die Anlage abzuschalten. Soll gleichzeitig die Flexibilität bei der Anlagenkonstruktion nicht verloren gehen, sind Schlagworte wie Multimasterfähigkeit des Sicherheitsprotokolls und die Unabhängigkeit von der eingesetzten Bustopologie wesentliche Eckpfeiler künftiger Sicherheitskonzepte.
Damit nicht genug: Um potenzielle Risiken einer Maschine oder Anlage zu reduzieren, reicht ein sicheres Abschalten des Antriebs (STO) vielfach nicht mehr aus. Insbesondere unter dem Aspekt der Anlagenverfügbarkeit sind für das Beherrschen von kritischen Fehlern und das sichere, intelligente Steuern der Antriebe erweiterte Funktionen wie Sicherer Stop (SS1), Sicher reduzierte Geschwindigkeit (SLS), Sichere Drehrichtung (SDI) oder Sichere Positionierung (SLP) unabdingbar. Nebenbei erleichtern sie die Arbeit bei der mechanischen Konstruktion einer Maschine beziehungsweise Anlage, die dadurch deutlich kleiner und günstiger ausfallen kann.
Allein an der Vielzahl sicherer Antriebsfunktionen lässt sich erkennen, dass die Anforderungen an die Funktionale Sicherheit im Antriebsbereich deutlich komplexer und technisch anspruchsvoller sind als bei Steuerungen. Daneben spielen hier die Mechanik rund um den Getriebemotor und das Bremsensystem eine wesentliche Rolle. Die normativen Anforderungen beziehen mechanische Komponenten inzwischen mit ein. Dies bedeutet, dass zum Beispiel sichere mechanische Bremsfunktionen, wie „Sicheres Halten“ (SBH) oder „Sicheres Abbremsen“ (SBA) zukünftig zum Sicherheitskonzept der Maschine oder Anlage gehören. Neben dem FS-Geber und der FS-Bremse wird eines Tages auch das Getriebe beziehungsweise das „System Getriebemotor“ diesen Anforderungen entsprechen. Der Vorteil für den Anwender besteht darin, ein fertig zertifiziertes Antriebssystem zu kaufen, um das er sich bei der Sicherheitsbetrachtung seiner Maschine nicht mehr kümmern muss.

Als Download: Deutscher Leitfaden zur Maschinenrichtlinie
In englischer Sprache ist der Leitfaden zur Maschinenrichtlinie bereits im Dezember 2009 erschienen. Jetzt, zweieinhalb Jahre später, kommt er erstmals in deutscher Sprache heraus und hilft dem deutschen Maschinen- und Anlagenbau die komplexen Rechtsvorschriften besser zu erfassen. Computer&AUTOMATION stellt die deutsche Übersetzung als Download bereit.
Die sicheren Protokolle
Wie bereits angedeutet, kommt den sicherheitsgerichteten Übertragungsprotokollen in der Antriebstechnik künftig eine zentrale Bedeutung zu. SEW-Eurodrive beispielsweise setzt aktuell vor allem auf das verbreitete Profisafe-Protokoll über Profibus DP und Profinet. Damit lassen sich sichere Antriebslösungen mit Asynchron- und Servotechnik für zahlreiche Standardanwendungen realisieren. Das sichere Regeln von Fahr-, Dreh- und Hubachsen ist heute schon Stand der Technik.
Zwar geht aus Sicht von SEW der Markttrend klar dahin, das Sicherheitsprotokoll von der Busphysik zu trennen; in einigen Branchen – etwa in der Automobilindustrie – sind bestimmte Bustopologien standardisiert. Die Sicherheitstechnik schöpft jedoch gerade bei den mobilen Logistikaufgaben nicht alle Potenziale aus. Durch die neuen, sicheren Antriebsfunktionen ist der Bedarf an neuen Sicherheitskonzepten bei diesen Applikationen entstanden. Genau hier stoßen die meisten verfügbaren Sicherheitsprotokolle allerdings an technische Grenzen. Das betrifft vor allem das Zusammenspiel von Geschwindigkeit, Datenmenge und Sicherheit beziehungsweise Verfügbarkeit. In der Regel bedeuten viele Nachrichten eine langsame Übertragung und umgekehrt.
Bereiche, in denen es zu einem erhöhten Gefahrenpotenzial kommt – wie zum Beispiel in einem Sägewerk, müssen aufgrund des hohen Gefährdungspotenzials für den Menschen ganz gezielt abgesichert werden.
© SEW EurodriveVor allem bei drahtloser Kommunikation tritt dieser Effekt noch deutlich stärker auf. Dezentrale Automatisierungslösungen haben nicht zuletzt häufig das Problem des zu knappen Speichers.
Diese Defizite der existierenden Lösungen hat SEW-Eurodrive dazu bewogen, zusammen mit dem Kooperationspartner Hima unter der Bezeichnung „Isofast“ (Begriff als Warenmarke angemeldet) ein eigenes flexibles, offenes und SIL3-zertifiziertes Protokoll zu entwickeln, welches eine schnellere Übertragen von Nachrichten erlaubt als dies mit anderen Protokollen wie Profisafe oder Failsafe-over-Ethercat (FSoEC) möglich wäre. Flexibilität heißt in diesem Zusammenhang insbesondere das sichere Beherrschen von Fehlern, ohne sofort eine Abschaltung durch die Steuerung zu provozieren. Und durch die Multimaster-Fähigkeit des neuen von Isofast lassen sich dezentrale Speicherkonzepte deutlich flexibler und einfacher gestalten, weil nicht mehr alle Funktionen und Programme zentral im Master liegen müssen. Dabei ist Isofast offen und auf den gängigen Busphysiken wie Profibus, Profinet, Ethercat oder Devicenet einsetzbar.
Sicherer Getriebemotor und sichere Drehgeber
Neben den bereits seit mehreren Jahren verfügbaren Sicherheitsmodulen für Antriebsumrichter sind in jüngster Zeit sichere, zertifizierte Optionen für den Getriebemotor auf den Markt gekommen. Bei SEW-Eurodrive gibt es beispielsweise sowohl für den Synchronservomotor als auch für den vielseitigen Asynchronmotor Drehgeber und zukünftig Bremsen für die funktionale Sicherheitstechnik. Der Vorteil liegt hier vor allem in der hohen Flexibilität auf der Sensorseite, eine Vielzahl von sicheren Drehgebern beziehungsweise Absolutgebern einlesen zu können und auf der Aktorseite den Getriebemotor sicher abzubremsen beziehungsweise zu halten.
Stichwort sicherer Drehgeber: Die Ansprüche der Anwender an Genauigkeit und Güte machen Drehgeber in ihren verschiedensten Formen unersetzlich. Mit der Norm EN ISO 13849-1 sind sichere Drehgeber vollends in den Mittelpunkt für sichere Maschinen gerückt, da für die neuen sicheren Antriebsfunktionen vor allem die Geschwindigkeit und Position des Motors sicher erfasst werden muss. Zwar genügt heute für 90 % aller Anwendungen ein SIL2-/PLd-Geber; in den nächsten fünf bis zehn Jahren geht der Trend jedoch aufgrund der normativen Anforderungen aller Voraussicht nach zu SIL3-Drehgebern. Letztere gibt es heute bereits vereinzelt zu kaufen, allerdings sind diese vergleichsweise teuer. Jedoch ist zu erwarten, dass das Angebot von SIL3-Gebern in wenigen Jahren deutlich wachsen wird – und dies zu Preisen von heutigen SIL2-Gebern.
Die Baureihe der integrierten Sicherheitswächter Movisafe DCS B erfüllt den höchsten Sicherheitslevel SIL3 beziehungsweise PL e. Die Module werden vollständig in die Applikationsumrichter integriert und lassen sich auch nachrüsten.
© SEW EurodriveFür den Anwender bedeutet das mehr Sicherheit für das gleiche Geld. Die Geber- und Motorenhersteller müssen sich mit Fragen beschäftigen, welche Methoden geeignet sind, mögliche Fehler im Geber beziehungsweise am Motoranbau noch besser und sicher zu erkennen, um den geforderten Diagnose-Deckungsgrad zu erreichen.
Im Allgemeinen muss sich die Antriebstechnik weiterentwickeln, um die Möglichkeiten der Gebertechnologie in kosteneffiziente Lösungen umsetzen zu können. Nur die sichere Erfassung der Drehzahl oder Position macht die Anlage ja noch nicht sicher. Auch der Antrieb muss bis SIL3/PL e agieren und reagieren können.
Die Vorteile eines einzelnen, sicheren Drehgebers lassen sich nur ausschöpfen, wenn seine Informationen sowohl der Standardregelung als auch der Sicherheitstechnik zugänglich sind. Das hat zur Folge, dass die Antriebselektronik (Frequenzumrichter oder Servoverstärker) die Informationen aus den sicheren Protokollen in Echtzeit verarbeiten müssen. Diese tiefe Integration hat in den nächsten Jahren erst noch nach und nach zu erfolgen.
Sicher bremsen
Antriebe sicher abzubremsen, ist ein weiterer, wesentlicher Eckpfeiler künftiger Safety-Lösungen. Ein sicheres Bremssystem besteht aus einer sicheren Ansteuerung (SBC), einem automatisierten Bremsentest (SBT) und einer Motorbremse. Dabei kommt es drauf an, ob man die Applikation sicher abbremsen möchte (SBA) oder – zum Beispiel bei schwerkraftbelasteten Achsen – die Applikation sicher halten muss (SBH). Aktuell existiert hierfür bei SEW eine sichere, einkanalige Einscheibenbremse. Das sichere Bremsmodul sorgt dafür, dass die elektrische Energie zur Federkraftbremse unterbrochen wird. Aufwendiges Verdrahten von Schützen und Relais zur sicheren Trennung der Energie gehört damit der Vergangenheit an.
Das FS-Symbol auf dem Motortypenschild steht für Funktionale Sicherheit. Es beschreibt die Sicherheitskomponente im Motor.
© SEW EurodriveDer Bremsentest ist ein Standard-Diagnose-Mechanismus, um zu prüfen, ob die Bremse überhaupt funktionsfähig ist. Zu unterscheiden ist dabei zwischen statischen Tests bei Haltebremsen und dynamischen Tests bei Arbeitsbremsen. Durch dieses Diagnoseverfahren wird der DC-Wert einer Sicherheitsfunktion entsprechend erhöht, was wiederum zu einem besseren Performance-Level des Bremssystems führt. Bei sicheren Einfachbremsen sind Werte bis PL d möglich.
Zur Erweiterung des sicheren Bremsensystems arbeitet SEW derzeit an einer sicheren Zweischeibenbremse. Solche Doppelbremsen bieten sich vor allem für den Einsatz bei Hubachsen beziehungsweise schwerkraftbelasteten Achsen an. Aufgrund der mechanischen Redundanz sind in Verbindung mit der sicheren Bremsenansteuerung und des Bremsentests die Performance-Level d (PL d) oder e (PL e) erreichbar.
Die Normenlage
In Europa, aber auch in vielen Überseeländern sind die gängigen Sicherheitsnormen wie IEC 61508, EN ISO 13849 oder IEC 62061 eingeführt beziehungsweise in lokale Normen überführt. Sicherlich ist es auch das Bestreben der Normungsgremien, neben einer weltweiten Gültigkeit der Normen und Richtlinien eine Harmonisierung der Typ-B-Anwendernormen zum Zwecke der Vereinfachung herzustellen. Vor allem in der Fertigungsindustrie beziehungsweise bei der EN ISO 13849 und IEC 62061 wird dies aktuell diskutiert. Für den Anwender wäre eine Norm, die alle Produkte der Funktionalen Sicherheit betrachtet – unabhängig ob Elektronik, SPS, Mechanik, Pneumatik oder Hydraulik – die richtige Wahl. Das würde den Aufwand deutlich reduzieren. Im Gegenzug werden aufgrund zunehmender Anforderungen an die Sicherheitstechnik so genannte applikationsspezifische beziehungsweise maschinennahe Typ-C-Normen weiter zunehmen.
Ein Manko hinsichtlich der existierenden Normen ist, dass die sicherheitsgerichtete Betrachtung der Antriebsmechanik nach EN ISO13849-1 heute noch nicht durchgängig möglich respektive am Markt noch nicht wirtschaftlich platzierbar ist. Damit ist vor allem der sichere Getriebemotor gemeint, der heute nur für einzelne Applikationen sehr aufwendig projektiert und zertifiziert werden kann. Das Ziel für Hersteller von Antriebstechnik muss es daher sein, dem Maschinen- und Anlagenkonstrukteur eine sicherheitsbewertete Lösung für den gesamten Antriebsstrang zu bieten. Denn eine gesamtheitliche Betrachtung der Antriebselektronik und -mechanik würde bei der Auslegung des Maschinensicherheitskonzepts sehr viel Zeit sparen und nebenbei noch mehr Sicherheit für den Anwender bedeuten. Mit anderen Worten: Wir sprechen über einen Performance-Level für den gesamten Getriebemotor.
Neben den reinen Komponenten ist es ebenso wichtig, dass Anbieter von Funktionaler Sicherheitstechnik generell über ein zertifiziertes Funktionales Sicherheitsmanagement verfügen. Dieses Qualitätsmanagementsystem stellt die Normkonformität einer Organisation, deren Prozesse, das Dokumentenmanagement wie auch die Qualifikation der Mitarbeiter her. Im Einzelnen werden dabei die Anforderungen des Sicherheitslebenszyklus nach IEC 61508 zur Betrachtung herangezogen. SEW etwa hat bereits 2010 ein solches Safety-Management eingeführt und vom TÜV Nord dafür ein entsprechendes Zertifikat erhalten. Darin wird bestätigt, dass der Hersteller von der Entwicklung, über das Produkt- und Applikationsmanagement, das Qualitätswesen und die Fertigung bis in den Vertrieb hinein mit Prozessen ausgestattet ist, die erforderlich sind, um sicherheitstechnische Produkte zu entwickeln, zu beraten, zu projektieren, anzubieten und zu verkaufen.
Autor: Jürgen Grauer leitet das Produktmanagement Funktionale Sicherheit bei SEW-Eurodrive in Bruchsal.
Safety vollständig integriert
Ein Beispiel für vollständig in den Servo- oder Asynchronantrieb integrierte Sicherheit sind die so genannten Sicherheitswächter von SEW.
Der Sicherheitswächter „Movisafe DCS B“ für den Applikationsumrichter Movidrive B kann als Sicherheitssteuerung (Master) oder als Profisafe-Slave projektiert werden. Die entsprechenden Optionskarten, die auch nachrüstbar sind, gibt es in unterschiedlichen Ausbaustufen für sichere Bewegungsfunktionen mit und ohne sicherer Positionierung. Dabei erfüllen sie den höchsten Sicherheitslevel SIL3 beziehungsweise PL e.
Die modularen Sicherheitswächter „Movisafe UCS B“ sind ebenfalls SIL3-zertifiziert und in zwei Ausbaustufen verfügbar. Sie können universell für ein bis zwei Achsen eingesetzt werden, vor allem in Verbindung mit dem Frequenzumrichter Movitrac B und dem Antriebsumrichter Movidrive B. Für Anwendungen bis zu zwölf Achsen lassen sich UCS-Mehrachsgeräte zusammen mit dem Servoverstärker Moviaxis aufbauen.
Beide Ausbaustufen können 80 bis 90 % der möglichen elektronischen Sicherheitsfunktionen heute schon realisieren















