Antriebstechnik

Günter Herkommer,

Lineare Servotechnik statt Pneumatik

In der Hochleistungs-Prozessautomatisierung lässt sich ein Trend deutlich erkennen: Lineare Servotechnik läuft Pneumatik und Hydraulik den Rang ab. Ein besseres Regelverhalten sowie extrem hohe Dynamik und Präzision sind wesentliche Gründe hierfür. – Ein Praxisbeispiel aus dem Montage-Umfeld.

© Wittenstein

Die Stiwa Group mit Stammsitz in Attnang-Puchheim, Oberösterreich, ist immer dann gefragt, wenn es komplex wird und schnell gehen muss. „Wir entwickeln, fertigen und liefern Komplettlösungen, die aus Zuführsystemen, Materiallogistik und Palettiersta-tionen, Montage- und Prozessmodulen sowie geeigneten Verkettungssystemen bestehen“, konkretisiert Robert Adam-Thaller, Abteilungsleiter Produktmanagement, und fügt hinzu: „Unsere Montageanlagen wachsen modular mit den Aufgabenstellungen und orientieren sich an der Vorgabe der Rapid Production.“

Dank Servotechnik erreicht das Montagesystem Zykluszeiten von weniger als 0,6 Sekunden.

© Wittenstein

Im neuen Hochleistungs-Montagesystem für Kleinteile ist diese Zielsetzung deutlich zu erkennen. Die Modularität ist konsequent zu Ende gedacht und findet sich auch in der Installations- und Steuerungstechnik wieder. „Jedes Montagemodul hat alle notwendigen Einheiten – von der PC-basierten Steuerungstechnik über die Signalaufbereitung bis zur Antriebstechnik – in kompakten Einschubmodulen an Bord“, erklärt Adam-Thaller. Und damit Stiwa nicht nur hinsichtlich der Variabilität, sondern auch in puncto Schnelligkeit neue Maßstäbe setzen kann, hat man beim Montagesystem LTM-CI den Weg der elektrischen Antriebstechnik beschritten.

Das LTM-CI ist dafür konzipiert, in kürzesten Taktzeiten und mit hoher Präzision Kleinteile vollautomatisch zu kleinen Baugruppen zu montieren. Das System ist im Rastermaß von 90 mm aufgebaut und beinhaltet je Modul ein komplettes Handling für drei bis sechs Freiheitsgrade, das je nach Aufgabe mit entsprechenden Aktoren, Greifern oder anderen Techniken ausgestattet werden kann. Ein typisches Montagesystem mit integrierter Steuerungs- und Bedieneinheit kann beispielsweise so aussehen: Eine Bestückungseinheit vereinzelt die als Schüttgut zugeführten Teile und stellt sie lagerichtig bereit. In und quer zur Kettenlaufrichtung montiert, führen die Linearhandlingsmodule die Hub-bewegungen für die einzelnen Greif- und Montageschritte durch. Mittels Werkstückträger-Transportsystem werden die einzelnen Bestückungsmodule der Maschine miteinander verkettet.

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Das Ziel: 100 Teile pro Minute

Die Montagetechnik von sehr kleinen Bauteilen stellt dabei hohe Ansprüche an die Positionier- und Wiederholgenauigkeit der Handhabung. „Um Komponenten in der Größe eines Stecknadelkopfes sicher verbauen zu können, müssen diese in einem Zielfenster von ±2/100 mm montiert werden“, beschreibt Robert Adam-Thaller die He-rausforderung. „Bei dem geplanten Anlagentakt von 100 Teilen je Minute muss dies nicht nur genau, sondern auch sehr schnell geschehen.“ Daher war schnell klar: Konventionelle Antriebskonzepte scheiden aus.

Als Direktantrieb für die Förderband-Kette setzt Stiwa auf einen ‚cyber power motor‘ mit torsionssteifer Welle und höchster Drehmomentdichte.

© Wittenstein

Vor diesem Hintergrund haben die Techniker von Stiwa im Zuge der Entwicklung der neuen Anlage zunächst in enger Zusammenarbeit mit Wittenstein Cyber Motor die komplexe Thematik der Linearantriebstechnik analysiert und in der Folge die vorhandene Sonderversion eines ‚cyber linear motors‘ gemeinsam weiterentwickelt. Die Statoreinheit und der Läufer mit Hochleistungsmagneten bilden bei diesem Motor eine integrierte und leistungsdichte Einheit, die sich durch höchste Dynamik, Präzision, Wiederholgenauigkeit und Flexibilität auszeichnet. Konkret erlauben die Linearmotoren eine Geschwindigkeit von bis zu 5 m/s bei einer  Maximalbeschleunigung von 500 m/s2. In Verbindung mit einem entsprechenden Wegmess-System gewährleisten sie unter anderem die geforderte Positioniergenauigkeit von ±2/100 mm und Bewegungsgeschwindigkeiten der Greifer bis 2 m/s. Das Gehäuse der Linearmotoren ist eine Stiwa-spezifische Ausführung, die eine bestmögliche Integration in das modulare Montagesystem erlaubt.

Das von Stiwa angebrachte Wegmesssystem ermöglicht in Kombination mit dem permanentmagneterregten Linearmotor eine direkte Kraftübertragung mit einem Höchstmaß an Dynamik und Präzision.

© Wittenstein

„Entstanden ist letztendlich ein neues Design einer Linearmotoren-Baureihe, die von uns mit einem Gebersystem ausgestattet wird und als kompakte Antriebslösung trotz begrenztem Bauraum die geometrischen Anforderungen des Gesamtsystems erfüllt. Ihr Bauraum-bedarf ist etwa zwei- bis dreimal geringer als bei alternativen Lösungen“, konkretisiert Robert Adam-Thaller und kommt nochmal auf das Thema Geschwindigkeit und Performance zu sprechen: „Die Bewegungsgeschwindigkeiten bis zu 2 m/s in Verbindung mit geregelten und ruckfreien Verfahrprofilen sind erst durch die lineare Servoantriebstechnik möglich geworden.“

In Summe wurden schließlich vier Motorvarianten abgeleitet: Zwei für unterschiedlich lange horizontale X-Achsen (35 mm beziehungsweise 175 mm) sowie je eine für die vertikale, 142 mm lange Y- und die Z-Achse mit 30 mm, die die Hubbewegungen ausführen.

Auch bei der Antriebsauslegung für die Verkettungsmodule haben Stiwa und Wittenstein Cyber Motor eng zusammengearbeitet. Um im Werkstückträger-Transportsystem möglichst kurze Zykluszeiten zu erreichen, entschied man sich gemeinsam für einen rotativen Direktantrieb der Produktfamilie ‚cyber power motors‘ als Motor für die Kette des Förderbandes. Robert Adam-Thaller hierzu: „Durch eine torsionssteifen Welle mit angepasster Lagerung und einer integrierten Haltebremse ist der Motor eine individuelle Antriebslösung mit kompakten Abmessungen. Er ermöglicht es, die Teile 90 mm von Bestückungsmodul zu Bestückungsmodul mit einer Positionierzeit von 150 ms durchzutakten.“

Autor: Carolin Ank ist tätig im Produktmanagement bei Wittenstein Cyber Motor, Igersheim.

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