Drahtlose Kommunikation
WirelessHART im Härtetest
Mit WirelessHART existiert ein Standard für die drahtlose Kommunikation in der Prozessindustrie. In ersten Anwendungen erweist sich die Technologie nicht nur als robust und zuverlässig, sondern auch als einfach in der technischen Umsetzung. Das belegt die Applikation bei Stahl Gerlafingen.
Aus dem Alltag schon lange nicht mehr wegzudenken, kann auch die Prozessautomation von einer drahtlosen Kommunikation profitieren, beispielsweise um Prozessvariablen an schwer zugänglichen Stellen durchgängig zu überwachen, deren Anbindung bisher unwirtschaftlich erschien.
WirelessHART liefert zudem Diagnose-Informationen, mit Hilfe derer sich die Instandhaltung der Anlage verbessern und ein anlagennahes Asset-Management überhaupt erst realisieren lassen. Darüber hinaus kann damit in Tank- und Silo-Anlagen, die in der Regel nicht über die notwendige elektrische Infrastruktur verfügen, ein Supply- Chain-Management etabliert werden.
Trotz der kritischen Umgebungsbedingungen in einem Stahlwerk erweist sich die WirelessHART-Installation als „standfest“.
© Endress+HauserEiner breiten Anwendung auf der Feldebene standen bisher vor allem zwei Hindernisse im Wege: Zum einen fehlte ein gemeinsamer Standard und zum anderen musste dieser Standard den speziellen Anforderungen der Prozessautomatisierung Rechnung tragen. Dass sich die Funktechnologie bewährt, zeigt das Beispiel Stahl Gerlafingen: Das Schweizer Unternehmen produziert jährlich 720 000 Tonnen Stahl für die Bauwirtschaft und andere Industriezweige.
Dazu wird Stahlschrott in einem Elektrolichtbogenofen eingeschmolzen und zu hochwertigen Bewehrungs- und Industriestählen verarbeitet. 2009 testete Endress+ Hauser bei Stahl Gerlafingen ein WirelessHART-Funknetzwerk unter rauesten Umgebungsbedingungen. Für die Inbetriebnahme der Endress+Hauser-Geräte gelten dabei die folgenden Rahmenbedingungen:
- Das Funk-Gateway muss bis zu 250 Geräte verwalten.
- Für jedes Gerät müssen innerhalb des Mesh-Netzwerks zwei unterschiedliche Funkwege (Routing) existieren.
- Übertragungsdistanzen: Außenbereich bis zu 250 m, Innenbereich bis zu 50 m.
- Die Zykluszeit liegt bei 25 Geräten und einem Gateway bei einer Sekunde.
- Der Geräte-Adapter lässt sich bis zu 1,8 km entfernt vom Feldgerät installieren.
- Der Adapter kann auch als Repeater fungieren.

Feldbus-Verbände definieren Integrationslösung
Die Profibus Nutzerorganisation (PNO), Fieldbus Foundation (FF) und die HART Communication Foundation (HCF) entwickeln gemeinsam eine Architektur für ein WirelessHART-Gateway. Ziel ist, die Implementierung in bestehende Automatisierungsstrukturen zu erleichtern.
Geräte-Adapter bis zu 1,8 km vom Feldgerät entfernt
Bei Stahl Gerlafingen besteht das Funknetzwerk aus einem zentralen Wireless-HART-Gateway, einem Signalrepeater und sieben unterschiedlichen Feldgeräten, die mit WirelessHART-Adaptern erweitert wurden. Per Funkkommunikation „verdrahtet" wurden die
- Durchflussmessung des Kühlwassers,
- Sauerstoffzufuhr des Erdgasbrenners,
- Durchflussmessung des Kokillenwassers,
- Temperaturmessung von Schacht und Venturidüse mit einfachen Stromausgängen (4 bis 20 mA)
- sowie die Füllstandmessung im Staubsilo.
Das Funk-Gateway bildet die Schnittstelle zwischen den Feldgeräten der Endress+Hauser-Software zur Geräteparametrierung und der Prozessvisualisierung (ControlCare P View). Seit der Inbetriebnahme im Juli 2009 läuft das Wireless-Netzwerk störungsfrei und stellt eine zuverlässige Datenübertragung von den Feldgeräten zur Leitwarte sicher.
Bei Planung und Installation erwies sich eine Eigenschaft des WirelessHART-Adapters als besonderer Vorteil: Der Geräte-Adapter kann bis zu 1,8 km Entfernung vom Feldgerät abgesetzt installiert werden. Der Praxistest zeigte zudem, dass sich Standardsignale konventioneller Temperaturmessgeräte wie Thermoelemente problemlos per WirelessHART übertragen lassen.
Abschattungen erschweren Planung
WirelessHART bildet ein so genanntes Mesh-Netzwerk, das heißt, jeder Teilnehmer leitet nicht nur seine eigenen, sondern auch die Informationen anderer Teilnehmer an das Gateway weiter. Das Gateway überträgt die Informationen drahtgebunden per RS485-Schnittstelle oder Ethernet und Modbus-Protokoll beziehungsweise stellt die Informationen über ein OPC-Interface zur Verfügung.
Die WirelesHART-Applikation bei Stahl Gerlafingen umfasst insgesamt sieben Messstellen.
© Endress+HauserNeben dem WirelessHART-Gateway ist für den Aufbau eines solchen Netzwerkes derzeit ein batteriebetriebener Adapter erforderlich, um die vorhandenen Sensoren einzubinden. Zuerst sollten sich Anwender anhand eines Anlagenplans einen Überblick verschaffen und die Positionen der geplanten drahtlosen Messstellen eintragen.
Der Knackpunkt: Der Plan muss Auskunft darüber geben, wie „durchlässig" die vorhandene Infrastruktur für die Ausbreitung der Funkwellen ist: Metallbehälter oder Wände können beispielsweise die „direkte Sicht" auf die Nachbar-Messstellen verhindern und die maximale Distanz zwischen zwei Messstellen drastisch verkürzen - bei Stahl Gerlafingen an einer Messstelle beispielsweise auf 30 m. Besteht eine Sichtverbindung zwischen mehreren Messstellen, sind Entfernungen bis 250 m unproblematisch.
Hinsichtlich Kommunikationsaufkommen ist es ideal, das Gateway möglichst zentral zwischen den einzelnen Messstellen zu platzieren. Dabei gilt es zwei Aspekte zu beachten:
- Hat jede drahtlose Messstelle mindestens zwei erreichbare Nachbarn? Andernfalls ist ein Repeater erforderlich.
- Besteht zwischen Gateway und mindestens 20 % der Messstellen direkter Funkkontakt, so dass kein Routing über andere Geräte notwendig ist? Falls nicht, muss entweder ein zusätzlicher Repeater oder ein bessere Position für das Gateway in Erwägung gezogen werden.
Durchflussmessung bei der Sauerstoffzufuhr des Erdgasbrenners mit WirelessHART-Adapter.
© Endress+HauserEine weitere Topologie-Variante ist die Unterteilung des Netzwerks in mehrere Segmente. Kriterien dafür können beispielsweise geografische Ursachen (ein abgelegenes Tanklager) oder funktionale Gründe sein, beispielsweise, um alle Messstellen eines Anlagenteils zusammenzufassen. Mehrere Netzwerke lassen sich problemlos parallel betreiben.
Diese erhalten dazu eine unterschiedliche Kennung und beeinflussen sich dann nicht. Anwender verunsichert oft die Frage, ob sich WirelessHART und andere Netzwerke gegenseitig stören. Die Praxis zeigt: Die Beeinträchtigungen sind sehr gering.
Trotzdem sollte man bei der Einführung von WirelessHART im Unternehmen in Betracht ziehen, ein Koexistenz- Management für drahtlose Netzwerke einzuführen. Eine Empfehlung des ZVEI beschreibt, wie sich dies sehr einfach realisieren lässt.
Batterien halten zwischen drei und zehn Jahren
Die drahtlos übertragenen Prozesswerte werden bei Stahl Gerlafingen visualisiert und aufgezeichnet - zusammen mit weiteren Kenngrößen des Netzwerks. Dazu gehören laut NE124 „Anforderungen an Wireless Automation" zum Beispiel die Restlebensdauer der Batterie, die verbrauchte Energie und die Signalstärke der einzelnen Funkadapter.
Per Fieldgate können mehrere Sensoren mit Normsignalen in ein WirelessHART-Netzwerk integriert werden.
© Endress+HauserWie lange eine Batterie hält, hängt vor allem davon ab, ob nur der Funkadapter mit Energie versorgt werden muss oder auch das angeschlossene Feldgerät. Übernimmt die Batterie daneben die Versorgung des Sensors, sind die Messrate und der Energiebedarf des Sensors entscheidend. Bei Druck- oder Temperaturmessungen und sechs Messungen pro Stunde sind Batterie-Standzeiten von drei bis fünf Jahren realistisch.
Um diese Betriebsdauer bei den energieintensiveren Füllstandmessungen zu erreichen, muss die Frequenz auf eine Messung pro Stunde reduziert werden. Noch mehr Strom verbrauchen Durchfluss- und Analyse- Messungen. Sie werden deshalb über eine externe Spannungsquelle versorgt. In diesen Fällen, ist eine Batterielebensdauer von zehn Jahren zu erwarten. WirelessHART-Netzwerke sind robust.
Dies belegen die ermittelten Kennzahlen zur Stabilität und Verfügbarkeit, die über den Netzwerkmanager des Gateways zur Verfügung stehen: Die Stabilität gibt an, wie häufig Datenpakete verloren gehen und erneut gesendet werden müssen. Bei der als extrem rau einzustufenden Applikation im Stahlwerk gingen zwar 40 % der Pakete bei der ersten Übertragung verloren.
Die entscheidende Größe ist jedoch die Zuverlässigkeit, die auch Paketwiederholungen berücksichtigt. Und diese lag bei 100 %. Auch den Kostenvergleich mit kabelgebundenen Lösungen braucht Wireless- HART nicht zu scheuen. Mit der Funkvariante fahren Anwender bei schwer zugänglichen Messstellen um bis zu 70 % günstiger.
Autor: Sarah Caruso ist Marketing Managerin Prozessautomatisierung bei der Firma Endress+ Hauser in Weil am Rhein.














