Jubiläums-Editorial

Andrea Gillhuber | Andrea Gillhuber,

Die Vertrauensfrage

Technik ist etwas Wunderbares. Als Werkzeug hilft sie uns bei vielerlei Dingen. Ein ständiger Begleiter neuer Technologien ist aber die Skepsis.

Andrea Gillhuber, Chefredakteurin der Computer&Automation.

© WFM

Ich bin jedes Mal wieder fasziniert von der Vorführung der Hochspannungsanlage im Deutschen Museum in München: Lichtbögen wandern zielgerichtet durch den Raum, der Geruch von Ozon liegt in der Luft und in einem faradayschen Käfig sitzt seelenruhig ein Mensch, während 270.000 Volt um die Kugel herumsurren. Einige Meter tiefer stehen Besucherinnen und Besucher und betrachten staunend das Spektakel. Allen gemeinsam ist das Vertrauen, dass ihnen nichts passieren kann – das Vertrauen in die Technik und in den Menschen, der sie bedient.

Technik ist etwas Wunderbares. Über die Jahrhunderte hinweg haben technologische Errungenschaften das Leben der Menschen vereinfacht. Denken Sie nur an die industriellen Revolutionen: In der ersten industriellen Revolution in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurden mechanische Prozesse eingeführt. (An-)Treibende Kraft war die Dampfmaschine. Der Einzug von Elektrizität und die Fließbandfertigung zu Beginn des 20. Jahrhunderts markierte die zweite industrielle Revolution und läutete die Massenfertigung ein. Mit Beginn der 1970er-Jahre und der Einführung des Computers startete die dritte industrielle Revolution und die Automatisierung von Produktionsstätten schritt schnell voran. Anfang der 2000er-Jahre dann die vierte industrielle Revolution: Mit Hilfe von Cyber-physischen Systemen werden reale Objekte und virtuelle Prozesse verknüpft – die Smart Factory entsteht.

Jetzt darf man nicht vergessen, dass jeder Fortschritt auch zu Skepsis und Diskussionen in der Gesellschaft führte. Doch jeder Revolution folgte auch ein wirtschaftlicher Aufschwung und der technologische Forschritt machte das Leben leichter oder flexibler: von der Kutsche hin zum Auto, vom Rundfunk hin zu Streamingdiensten, vom Telefon hin zum Smartphone. Zudem sorgten Normungs- und Standardisierungsgremien sowie die Gesetzgebung für den notwendingen Rahmen, um die Anwender zu schützen. Dies führte dazu, dass Menschen Vertrauen gewannen – in die Technik und in den Umgang mit ihr.

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Das erste Titelbild der Computer&Automation aus dem Jahr 1998.

© WFM

Auch die vierte industrielle Revolution bringt Skepsis und Diskussionen in der Gesellschaft: Durch die voranschreitende Vernetzung wird der Mensch zum „Gläsernen Bürger“ und der zunehmende Einsatz von Robotern könnte den Verlust von Arbeitsplätzen nach sich ziehen. Und dann ist da noch die Künstliche Intelligenz. Experten warnten kürzlich sehr öffentlichkeitswirksam mit nur einem Satz: „Das Risiko einer Vernichtung durch KI zu verringern, sollte eine globale Priorität neben anderen Risiken gesellschaftlichen Ausmaßes sein, wie etwa Pandemien und Atomkrieg.“ Schnell wurden Dystopien wie Matrix, iRobot oder Terminator herangezogen, um die mögliche Gefahr von KI zu untermauern.

Mancher wird die Augen verdrehen, doch Ängste von Menschen sind ernst zu nehmen. Es gilt, Fragen zu stellen: Woher kommt die Skepsis? Haben sie vielleicht Recht? Und – ganz grundsätzlich – verstehen wir Künstliche Intelligenz überhaupt richtig? Dies sind Fragen, mit denen wir Prof. Dr. Matthias Spörrle konfrontierten (siehe Seite 28 im E-Paper). Als Professor für Wirtschaftspsychologie mit dem Forschungsschwerpunkt ‚Menschliche Entscheidungsprozesse in digitalen und wirtschaftlichen Kontexten‘ schätzt er auch das Gefahrenpotenzial von KI ein: „Dass Menschen Macht durch Werkzeuge an sich reißen, ist wirklich keine neue Erkenntnis. Auch KI wird in diesem Sinne genutzt. Die Gefahr geht also bislang nicht von der Technologie an sich aus, sondern von denen, die sie missbrauchen.“

Und das führt uns wieder zum Anfang: Haben Sie Vertrauen in die Technik und in den Menschen, der sie bedient?

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