Interview mit Prof. Dr. Matthias Spörrle
Die Kontroverse KI
Kaum eine Technologie wird so heiß diskutiert wie Künstliche Intelligenz. Doch wie verstehen Menschen KI überhaupt? Ist sie wirklich gefährlich? Wie hoch ist die Gefahr des KI-Missbrauchs? Prof. Dr. Matthias Spörrle gibt Orientierung.
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Wie entsteht bei Menschen ein Bewusstsein für beziehungsweise ein Verständnis von KI?
Matthias Spörrle: Der Mensch definiert sich in starker Weise über Intelligenz und das zu Recht: Insbesondere durch Intelligenz unterscheiden wir uns von anderen Lebewesen und insbesondere auch von anderen Primaten. Unsere Intelligenz hat die besonderen Errungenschaften hervorgebracht, die uns zum Mond brachten und an die tiefste Stelle der Meere. Wegen unserer Intelligenz haben wir als einzige Spezies jede Klimazone unseres Planeten bevölkert – abgesehen von den Lebewesen, die wir mitbrachten. Das verdanken wir nicht unserer Kraft oder unseren Sinnen, unsere Intelligenz ist die zentrale Ursache dafür.
Durch die Maschinen haben wir beginnend mit der industriellen Revolution schon die mechanische Kraft, beispielsweise unserer Hände und Arme, an Maschinen abgegeben. Heute gibt es Maschinen, von denen eine einzelne mehr Leistung erbringt als alle Menschen, die nach Schätzung jemals an der Cheopspyramide gebaut haben. Unsere mechanischen Errungenschaften – die wir unserer Intelligenz verdanken – haben uns in Punkto mechanische Leistung also schon lange weit übertroffen. Jetzt beginnt sich dies bei unserem letzten Kernmerkmal, unserer Intelligenz, zu wiederholen.
Wir Menschen merken das Besondere an dieser Entwicklung, das geht für uns in die Substanz, es geht ums Wesentliche – im wörtlichen Sinne. Dementsprechend ist es wenig überraschend, dass wir Menschen so stark auf das Thema Künstliche Intelligenz reagieren. Unser erstes Bewusstsein von Künstlicher Intelligenz kommt also aus dem Verständnis unserer eigenen Intelligenz heraus, wir verwenden unsere Intelligenz als Orientierung.
Ist das nicht irreführend?
Hier bestehen Risiken, beispielsweise Risiken der Vermenschlichung – in der Wissenschaft nennen wir das Anthropomorphisierung: Wir denken, dass Künstliche Intelligenz das ist, was wir kognitiv leisten können, aber eben von Maschinen ausgeführt. Das ist aber noch nicht der Fall. Künstliche Intelligenzen besitzen noch kein breiteres Kontextverständnis, es ist keine Intelligenz der Gesamtheit, sondern der Einzelleistungen. Ein Beispiel: Gebe ich der Bildgenerierungs-KI Midjourney die Aufgabe, einen Vater mit drei Töchtern und zwei Söhnen in einer Landschaft in einem bestimmten Stil zu malen, dann erhalte ich ein ansprechendes Bild in diesem Stil von hoher Qualität, auf dem mehrere Personen zu finden sind. Aber die Anzahl der Menschen entspricht nicht der Vorgabe.
Es gibt viele Menschen, die bis sechs zählen können, und es gibt einige Menschen, die in einem gewünschten Stil eine Landschaft erstellen könnten. Es gibt aber praktisch keine Menschen, die die Fähigkeit besitzen, in diesem Stil zu malen, aber zugleich nicht die Fähigkeit besitzen, kleinzahlig zu addieren. Dies ist nur ein Beispiel, das deutlich machen soll: Wir Menschen gehen bei Intelligenz von uns aus und vermuten beispielsweise bei Vorliegen einer hohen künstlerischen Fähigkeit zumindest eine rudimentäre mathematische Fähigkeit. Bei menschlicher Intelligenz stimmt das auch, bei künstlichen Intelligenzen nicht. Wir haben aktuell noch keine generelle Künstliche Intelligenz, lassen uns aber von brillanten Einzelleistungen blenden. Unser Verständnis von Künstlicher Intelligenz entsteht bei den meisten von uns auf Basis unseres menschlichen Intelligenzkonzepts und das ist falsch.
»Dass Menschen Macht durch Werkzeuge an sich reißen, ist wirklich keine neue Erkenntnis. Auch KI wird in diesem Sinne genutzt. Die Gefahr geht also bislang nicht von der Technologie an sich aus, sondern von denen, die sie missbrauchen.«
Wenn KI nützlich ist oder spaßig daherkommt, ist die Akzeptanz dann größer?
Künstliche Intelligenz wird in unserem Alltag genutzt – ob wir das bewusst als KI wahrnehmen oder nicht, sei dahingestellt. Aber Vorschläge für Produktkäufe, Reiserouten und Empfehlungen für Medien, die wir konsumieren sollen, basieren auf KI-Algorithmen. Und unsere eigene Forschung im Rahmen von Computer&Automation AI RESEARCH konnte zeigen, dass je mehr eine Person solche Technologien im Alltag nutzt, umso mehr erlebt sie sich als die Chancen der Technologie nutzend und ist damit eher bereit zu Akzeptanz. Interessanterweise meinten die von uns befragten Personen zudem, durch die Nutzung auch auf die Nachteile und Risiken von KI besser vorbereitet zu sein. Das kann kritisch hinterfragt werden: Durch die Nutzung von KI bin ich beispielsweise nicht automatisch besser geschützt vor KI-generierten Videofälschungen.
Grundsätzlich wird eine Technologie akzeptiert und genutzt, wenn sie als angenehm, werthaltig, leicht zugänglich, der nutzenden Person als ähnlich und als risikoarm erlebt wird. Viele dieser Merkmale sind für heutige Produkte auf Basis von KI gegeben oder können zumindest gut simuliert werden. Die Nutzung von KI-basierten Technologien wird weiter zunehmen und dies wird den Ergebnissen unserer Forschung folgend die Akzeptanz weiter erhöhen, eine positive Rückkopplung.
Interview mit Prof. Dr. Matthias Spörrle - Seite 2
Kreative Dyskalkulie – Bild generiert von Midjourney basierend auf der Instruktion: Imagine „A father with his three adult sons and two adult daughters on a boat on a lake in a beautiful landscape in the style of Caspar David Friedrich”.
© MidjourneyWelche Rolle spielt das gesellschaftliche und berufliche Umfeld in Bezug auf Akzeptanz von KI? Sind Unterschiede nach Branchen oder Arbeitsumfeld zu erkennen?
Der Mensch ist natürlich insbesondere auch ein soziales Tier, wir orientieren uns an anderen und schauen nach rechts und links, bevor wir etwas ausprobieren; bei einem erfolglosen Versuch ausgelacht zu werden, ist für die einen von uns weniger schlimm als für andere, leicht fällt es aber niemandem. Eine Gesellschaft, die Künstlicher Intelligenz offen gegenübersteht, eine Organisation, die von ihren Mitgliedern die Auseinandersetzung mit KI einfordert, Kolleg*innen, die mich in ihrem Umgang mit KI inspirieren und eine Führungskraft, die mir die Arbeit mit der Technologie vorlebt, erhöhen natürlich ganz wesentlich den sozialen Rückenwind, damit auch ich mich mit dieser Technologie auseinandersetze.
Zwischen den einzelnen Branchen bestehen große Unterschiede, die technologieaffinen sind hier selbstredend deutlich weiter. Aber: Wir dürfen nicht vergessen, dass Intelligenz wie zuvor ausgeführt in jedem Bereich unseres Handelns wichtig ist. So haben beispielsweise erst kürzlich Archäologen KI genützt, um damit alte Schriften aus dem Reich von Akkad zu übersetzen. Auch wenn einzelne Bereiche unseres Handelns und Arbeitens vielleicht bisher nicht viel mit Computern zu tun hatten, mit Intelligenzleistung haben sie alle zu tun. Es existieren also zwischen verschiedenen Branchen und Tätigkeitsfeldern unterschiedlich hohe Bereitschaften, KI einzusetzen, aber ich denke nicht, dass es in den einzelnen Tätigkeitsfeldern fundamental weniger Möglichkeiten oder weniger vielversprechende Anwendungsfelder gibt. Intelligenz ist fast überall gefragt. Wer hier jetzt Pionierarbeit leistet und die Technologie in neue Bereiche einführt, kann sich schnell und noch mit recht wenig Aufwand erfolgreich positionieren.
Wir sind aktuell dabei, jegliche Arbeit, die an einem Bildschirm ausgeführt wird, zu automatisieren. Durch die Bindung an den Bildschirmarbeitsplatz stehen genug Daten zur Verfügung, die wir für das Training von Künstlicher Intelligenz ja (noch) brauchen. Ganz konkret: Wird Ihre Arbeit überwiegend mittels digitaler Kanäle durchgeführt oder kann sie mittels dieser Kanäle ausgeführt werden? Dann werden hieraus über kurz oder lang Daten zum Training von KI gewonnen werden. Die Tätigkeit wird dann durch KI erst unterstützt und dann ersetzt werden. Ich denke, dass zumindest in Volkswirtschaften wie der unsrigen bereits der größere Anteil der insgesamt geleisteten Arbeit digital, also am Bildschirm durchgeführt wird – von der Programmierung, über das virtuelle Meeting und die Arbeit mit einer Tabellenkalkulationssoftware bis hin zur Bedienung der Messwarte. Alle diese Bereiche sind damit der aktuell anlaufenden Erschließung durch KI zugänglich. Für mechanische Arbeiten wird es noch etwas länger dauern, da hier weniger Trainingsdaten digital zugänglich sind. Die große Mehrzahl von uns sollte offen sein für KI im eigenen Tätigkeitsfeld und sollte sich aktiv damit auseinandersetzen.
»Unser Verständnis von Künstlicher Intelligenz entsteht bei den meisten von uns auf Basis unseres menschlichen Intelligenzkonzepts und das ist falsch.«
Dr. Matthias Spörrle ist Professor für Wirtschaftspsychologie mit dem Forschungsschwerpunkt menschliche Entscheidungsprozesse in digitalen und wirtschaftlichen Kontexten an der Privatuniversität Schloss Seeburg.
© Matthias SpörrleIn Bezug auf KI – mit welchen Entwicklungen und Auswirkungen werden wir in Zukunft rechnen müssen?
Wagen wir eine Vorhersage: Irgendwann zwischen 2025 und 2030 wird die Mehrheit der aktuell noch überwiegend von Menschen geschaffenen und von uns erlebten Daten – Audio, Video, Text – im Internet nicht mehr vom Menschen generiert sein, sondern von künstlichen Intelligenzen. Wir sollten hierbei nicht nur an Texte von LLMs denken oder an Bilder von Text-to-Image Generatoren – Midjourney allein generiert im Moment zwischen 250 und 500 Bilder pro Minute – sondern auch an von KIs erschaffene Videos, Musikstücke und Sprachbotschaften. Denn wenige Sätze von Ihnen gesprochen reichen aus, um Ihre Sprache nachzuahmen; damit kann ich Sie dann alles sagen lassen und daraus mache ich dann beispielsweise Podcasts. Dies wird profunde Auswirkungen haben auf mehreren Ebenen: Das Internet wird zum Großteil zu einer Umwelt werden, deren sensorische Informationen nicht mehr von uns Menschen stammen, sondern nur noch von unseren Trainingsdaten inspiriert sind. Somit wird die KI in gewisser Weise anfangen, uns zu trainieren. Fühlen Sie sich noch mit mir im Dialog, wenn Sie nicht mehr mit mir, sondern nur mit einem – hoffentlich von mir autorisierten – Chatbot reden, der so spricht wie ich, der an einem großen Sprachkorpus vortrainiert und mit persönlichen Botschaften von mir nachtrainiert wurde? Wie verändert sich ihre Kommunikation zu mir, wenn Sie wissen, dass Sie digital nicht mehr zwischen mir und meinem Bot unterscheiden können?
Auch ist ab dann die Mehrzahl der Informationen, an denen KIs trainiert werden, von KIs erzeugt. Hieraus könnten eigene Trainingspfade für KIs entstehen, die sich über längere Zeit hinweg von den von Menschen erzeugten sensorischen Inputs ablösen. Aktuell wird in diesem Kontext die Model Autophagy Disorder (MAD) thematisiert, die zunehmende Verschlechterung der Ergebnisse generativer KIs, die wiederholt mit ihren eigenen Ergebnissen trainiert werden. Die Ablösung von durch Menschen generierten Trainingsdaten beginnt bereits, da einzelne Anwendungen mit künstlichen Trainingsdaten arbeiten, beispielsweise bei seltenen Ereignissen mit folglich geringer Datenbasis, oder spielzentrierte KIs arbeiten nicht mehr mit menschlichen Partien, sondern lernen nur aus Spielen gegen sich selbst. Hier wird der Mensch also nicht einmal mehr als Trainingsdatenquelle benötigt.
















