Siemens
5G oder Wi-Fi 6?
Überall ist zu hören: 5G wird die Welt verändern! Aber was ist mit Wi-Fi 6? Ist der IEEE mit dem neuen WLAN-Standard ein großer Wurf gelungen? Werden 5G und Wi-Fi 6 um die Poleposition des zukünftigen Wireless-Standards für das Industrial Internet of Things (IIoT) ringen?
Drahtlose Kommunikation ist in der Industrie kein Novum. Eine Vielzahl von Firmen aus unterschiedlichsten Branchen setzt bereits seit über 15 Jahren für die drahtlose Kommunikation in der Industrie erfolgreich das Industrial WLAN – kurz IWLAN – ein.
IWLAN von Siemens etwa erfüllt mit seinen iFeatures alle in der Industrie
notwendigen Anforderungen – bis hin zu drahtlosen Safety-Anwendungen. Selbst bei Fahrgeschäften in großen Freizeitparks weltweit ist IWLAN im Einsatz, weil die Sicherheit von Personen dort eine zentrale Rolle spielt, aber die Kommunikation aus wirtschaftlichen Gründen gleichzeitig auch drahtlos erfolgen muss.
Neben WLAN kommt mit 5G nun eine neue Funktechnologie ins Spiel. Der neue Mobilfunkstandard 5G hat das Potenzial, die Digitalisierung mit dem Industrial Internet of Things (IIoT) und Edge-/Cloudcomputing zu revolutionieren. Die deutsche Bundesregierung hat mit der Vergabe einer Industriefrequenz für private 5G-Netzwerke schon die Weichen gestellt. Nun stellt sich die Frage, ob 5G zukünftig WLAN in der Industrie ersetzt oder ob es doch eher auf eine Ko-Existenz hinausläuft.
Heute sind bei 5G allerdings noch viele Punkte ungelöst, die WLAN bereits bietet. Es darf auch nicht vernachlässigt werden, dass bei 5G derzeit ein höherer technischer Aufwand notwendig ist und die Implementierung mit einer höheren Komplexität einhergeht. Das führt zwangsläufig zu höheren Kosten.
Am Ende wird immer der Kunde entscheiden, welche Lösung er einsetzt. Eine Industrieapplikation mit fahrerlosen Transportsystemen (FTS) lässt sich mit beiden Lösungen technisch realisieren. Ist allerdings etwa das Thema Safety mit dem Profinet-Standard Profisafe eine zwingende Anforderung, dann kann Stand heute nur ein IWLAN-Netz zum Einsatz kommen. Hier sind die Voraussetzungen für ein Echtzeit-Verhalten schon jetzt erfüllt.
Für Siemens als Anbieter industrieller Kommunikationsnetzwerke ist die industrielle wireless Strategie klar: Investment in Industrial 5G auf Basis stabiler Standards, aber auch weiterhin in die Technologie IWLAN – aktuell mit Wi-Fi 6. Grund ist: Weltweit stehen nicht überall private Industriefrequenzen für 5G zur Verfügung und oftmals lassen sich Anwendungen mit WLAN kostengünstiger lösen.
Die Pluspunkte von 5G
Smartphone-Nutzer dürften es vor allem lieben, per 5G fast überall Filme in 4K-Auflösung genießen zu können. Die Industrie hingegen erwartet sich weit mehr: Einen Meilenstein zu setzen auf dem Weg zur Industrie 4.0 in den smarten Fabriken! Dank durchgehender Digitalisierung und dem IIoT sollen die Fertigungen flexibler und produktiver werden. Und 5G bietet sich für die Vision an: 5G ist 10- bis 20-mal schneller als das heutige LTE und benötigt im Vergleich pro übertragenem Bit nur ein Tausendstel an Energie. Zudem eröffnen sehr niedrige Latenzzeiten und eine besonders hohe Zuverlässigkeit der Kommunikation der Industrie ungeahnte neue Möglichkeiten.
Jedoch können nicht alle diese Features gleichzeitig in vollem Umfang genutzt werden. Für die Industrie stehen vor allem die Echtzeit-Fähigkeit und Zuverlässigkeit im Fokus, während für Privatnutzer eher die hohen Datenraten interessant sind. Das unterscheidet ein industrielles Anforderungsprofil (Industrial Profile) von einem öffentlichen Profil (Public Profile).
Das Public Profile ist durch das 3GPP (3rd Generation Partnership Project) heute schon abgedeckt. Das 3GPP ist für die Entwicklung des Mobilfunk-standards zuständig. In der Vergangenheit wurden hier vor allem die Anforderungen, die sich aus dem klassischen Mobilfunk ergaben, berücksichtigt und die Technologie weiterentwickelt. Mit 5G will man nun auch in den industriellen Kommunikationsmarkt eintreten sowie die Anforderungen, die sich etwa aus dem autonomen Fahren ergeben, abdecken. Beim Industrial Profile fehlen noch die für die Industrie wertigen Funktionalitäten wie niedrige Latenzzeiten und ultrahohe Zuverlässigkeit. Diese werden erst mit dem Release 16 des 5G-Standards implementiert.
Neben dem Industrial Profile ist eine private 5G-Industriefrequenz für den Einsatz von 5G in der Industrie wichtig. Sie bietet Unternehmen die Möglichkeit, eigene, selbst verwaltete private 5G-Campusnetzwerke aufzubauen. Vorteil ist: Die Unternehmen können diese entsprechend ihrer Anforderungen flexibel anpassen. Zudem haben sie die Datensicherheit komplett in der eigenen Hand.
Deutschland und einige andere Länder haben dies erkannt und geben durch die Bereitstellung privater Frequenzen (in Deutschland 3,7 bis 3,8 GHz) ein deutliches Bekenntnis zur industriellen drahtlosen Kommunikation.
Für den Einsatz von 5G in der Industrie sind sowohl private Frequenzen als auch die Umsetzung des Industrial Profile im 5G-Standard nötig. Daher wird ein ‚echtes Industrial 5G‘ auch nicht vor 2023 zur Verfügung stehen, da die Releases 16/17 hierfür notwendig sind und diese Standardisierung auch noch in entsprechenden Chipsätzen umgesetzt werden muss.
Die Vorteile von Wi-Fi 6
Das ‚5G Dreieck‘: 5G adressiert drei Anwendungsszenarien, aber es gibt kein ‚one-fits-all‘ Szenario.
© SiemensDrahtlose Netzwerke wie WLAN ent-wickeln sich, getrieben von den Anforderungen der unterschiedlichen Nutzer, rapide weiter. Der aktuelle IEEE-802.11ax-Standard oder auch Wi-Fi 6 ist der erste WLAN-Standard, der es primär zum Ziel hat, die Gleichbehandlung der Geräte zu erhöhen und den Brutto-Durchsatz fairer zu verteilen.
Zeitgleich werden zudem Verbesserungen vorangetrieben, die zu einem energieeffizienten Betrieb führen. Dadurch profitieren Anwendungen im IIoT-Umfeld, etwa mobile Endgeräte bezüglich einer längeren Batterie- oder Akkulaufzeit. Allerdings sind bei WLAN die knappen Frequenzbänder bei 2,4 und 5 GHz immer stärker überfüllt, weil sie fast überall lizenzfrei und auch kostenfrei nutzbar sind.
Bei Funkfeld-Ausleuchtungen in Industrieunternehmen sind deshalb generell oft sehr viele bekannte, aber auch viele vorher unbekannte WLAN-Geräte zu finden. Anlagenbetreiber sollten daher durch eine saubere Kanalplanung das Beste aus der Technologie IWLAN herausholen. – Das gilt aber auch in Zukunft für 5G.
Durch eine effizientere Nutzung des Spektrums wird Wi-Fi 6 mehr Entlastung und eine höhere Performance für industrielle Anwendungen bereitstellen können, als bis dato. Zudem lassen sich durch spezielle industrielle Erweiter-ungen die für die Industrie benötigten Reaktionszeiten bei WLAN ebenfalls zuverlässig erreichen. Aber für das schnelle Roaming werden auch in Zukunft die heutigen iFeatures von IWLAN zum Einsatz kommen müssen, denn das ist bei Wi-Fi 6 nicht gelöst.
Unabhängig, ob es sich um 5G oder Wi-Fi 6 handelt: Ein ganz wichtiger Punkt für den Einsatz von Wireless-Technologien in der Industrie ist neben den niedrigen Latenzzeiten der Jitter. Während die Latenzzeiten sich aus der Technologie ergeben und kalkulierbar sind, entsteht der Jitter dynamisch in Abhängigkeit von äußeren, unkalkulierbaren Faktoren. Mit Jitter wird in der Netzwerk-Technik die Varianz der Laufzeit von Datenpaketen bezeichnet. Bei industriellen Anwendungen, die auf Deterministik ausgelegt sind, ist der Jitter immer mit dem Worst-Case-Szenario einzukalkulieren.
Sowohl bei den Latenzzeiten als auch bezüglich des Jitter werden sich Industrial 5G und Industrial WLAN 11ax in Zukunft auf Augenhöhe begegnen. Applikationen mit Industrial WLAN lassen sich bereits heute umsetzen und in Zukunft bei Bedarf auf Industrial 5G migrieren.
Ewald Kuk ist Leiter Produktmanagement Industrial Communication and Identification bei Siemens.
© SiemensAls Quintessenz bleibt: Mit 5G Release 16/17 und Wi-Fi 6 lassen sich in Zukunft Fabriken drahtlos vernetzen. Diese beiden neuen Technologien werden bezüglich niedriger Reaktionszeiten in der gleichen Liga spielen. Aus heutiger Sicht liegen die Kosten für ein Industrial 5G Campusnetz noch deutlich über den Kosten für eine Wi-Fi-6-Lösung, weil die Investitionen in die Infrastruktur höher sind. Mittelfristig sinken die Kosten jedoch, da sich die Technologie auch in vielen anderen, preissensitiveren Bereichen – Autos, Landmaschinen, Handys – durchsetzen wird.
Einfacher Austausch
Die Aufgabe von Industrieanbietern wird es dann sein, die hohen Anforderungen der Industriekunden wie Temperaturbereich, Vibration und Langzeitverfügbarkeit sicherzustellen. Zudem stellen sich die Anbieter der Herausforderung, Industrial 5G und privaten Funknetzen die Komplexität zu nehmen – und die Technologie für die Industriekunden einfach nutzbar zu machen. Die Migration von Industrial WLAN auf Industrial 5G wird durch die Bauform der Geräte unterstützt, das heißt, wenn in einem AGV (Automated Guided Vehicle) ein Industrial Wi-Fi 6 Client verbaut ist, lässt sich das AGV in 2023 durch Austausch mit einem 5G-Endgerät einfach auf Industrial 5G umrüsten. Und wenn eine Applikation beispielsweise mit OPC UA entsprechend programmiert ist, können beide Technologien gleichzeitig genutzt werden, ohne dass das Anwenderprogramm zu ändern ist.



















