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Interview mit Ansgar Hinz, VDE

Aufbruch in die Zukunft

02. Juni 2020, 08:30 Uhr   |  Andrea Gillhuber

Aufbruch in die Zukunft
© VDE/Uwe Noelke

VDE-CEO Ansgar Hinz: »Ist Deutschland darauf vorbereitet? Noch vor einem Jahr hätte ich gesagt 'nein, Innovation und Veränderung findet woanders statt, nämlich in den USA und China'.«

Die Corona-Pandemie hat es geschafft, deutsche Unternehmen aus »Komfort und Lethargie« zu holen, ist sich Ansgar Hinz, CEO vom VDE, sicher. Jetzt heißt es, nur nicht in alte Muster zurückzufallen, denn es gibt noch viel zu tun.

IT und OT wachsen immer mehr zusammen. Welche Herausforderungen ergeben sich daraus für die Automatisierungsbranche?

Industrie 4.0, sprich der Trend weg von der Massenproduktion hin zur individuellen Fertigung, bedeutet für die überwiegende Mehrheit der VDE-Mitgliedsunternehmen eine große Chance zum Erhalten und Ausbauen der Wettbewerbsfähigkeit, für neue, innovative Arbeitsplätze und zur Steigerung der Attraktivität der Marke „Made in Germany“. Insbesondere die Technologie des Internet of Things (IoT) und der Ansatz der semantischen Interoperabilität bieten vielfältige Möglichkeiten für neue Dienstleistungen und Geschäfts-modelle. Das bisherige Geschäftsmodell, dass man Hardware verkauft, die bestimmte Funktionen erfüllt, muss jetzt überdacht werden. Gleichzeitig bringt die Verschmelzung von IT (Information Technology) und OT (Operational Technology) mehrere Herausforderungen mit sich, darunter höhere Anforderungen an die semantische Interoperabilität, an IT-Sicherheit oder an die Funktionalen Sicherheit.

Es gilt, unterschiedliche Entwicklungsprozesse und -zyklen aufeinander abzustimmen. Während die IT, sprich Software, über kurze Zyklen verfügt, verfügt die OT dagegen über weitaus längere. Im Schnitt sind die Software-Produkte zwei bis fünf Jahre im Verkauf, weitere zwei bis fünf Jahre veranschlagt die Pflege, wie Security-relevante Updates. In Summe sind das maximal zehn Jahre. Bei der OT sprechen wir dagegen von weitaus längeren Zyklen und damit anderen Entwicklungs- und Zertifizierungsprozessen. Nehmen Sie beispielsweise die Nutzungsdauer von Anlagen der chemischen Industrie. Hier reden wir von Zeitspannen von zum Teil 60 Jahren sowie umfassenden Zertifizierungsprozessen der Anlagen. Sie sehen, diese Prozesse stehen im Widerspruch zu (semi-) automatisierten Entwicklungsprozessen, wie sie durch Industrie 4.0 ermöglicht werden. Industrie 4.0 erfordert schlicht neue Lebenszyklen inklusive neuer Safety-Zyklen.

Wie wird die Künstliche Intelligenz die Industrie verändern?

Künstliche Intelligenz, kurz KI, wird alle Bereiche der Gesellschaft massiv verändern – auch die Industrie. Wäre dieses Jahr die Hannover Messe aufgrund der Corona Pandemie nicht ausgefallen, hätten wir im April gesehen, was die Branche im Bereich industrieller KI bereits auf die Beine gestellt hat. In den letzten drei Jahren beherrschte die Digitalisierung schließlich die weltweit wichtigste Industriemesse. Im Gegensatz zur Consumer Industry ist KI in der Industrie 4.0 allerdings kein Selbstzweck. Vielmehr wird sie an ihrem Mehrwert für die klassischen Herausforderungen in der Produktion gemessen, beispielsweise an der Kostenreduzierung, Qualitätsoptimierung, Funktionserweiterung etc. In der Produktentwicklung sorgt KI dafür, dass die Softwarekomponente von Produkten einen noch höheren Stellenwert bekommt. Dadurch werden auch etablierte Methoden und Prozesse der Softwareentwicklung auf den Prüfstand gestellt und müssen verbessert werden. Performance und Sicherheit von KI sind nach aktuellem Stand der Wissenschaft nur schwer umfassend zu prüfen. Hier besteht dringender Forschungsbedarf bzw. es müssen kurzfristige Workarounds gefunden werden, beispielsweise die Zertifizierung von Entwicklungsprozessen statt von Produkten.

Neben der Hardware spielt immer häufiger Software eine zentrale Rolle. Wie verändern sich dadurch Normung und Zertifizierung?

Normung und Konformitätsbewertung werden in einer KI-getriebenen Industrie immer wichtiger. Wir müssen Wege finden, wie Entwicklungs-prozesse geprüft und zertifiziert werden können. Bislang setzen die etablierten Entwicklungs- und Zertifizierungsprozesse in der Industrie manuelle Schritte voraus. Beispielsweise erfolgt die Risikoanalyse und -bewertung durch einen Experten, der sich an den vorgegebenen Normen orientierte. Dies steht im Widerspruch zu den (semi-) automatisierten Entwicklungsprozessen, wie sie durch Industrie 4.0 ermöglicht werden sollen. Hinzu kommt, dass die Normung grundsätzlich den Anspruch hat, technologieneutral zu sein. KI bringt jedoch völlig neue Eigenschaften in die Normung – Stichwort Blackbox-Charakter, selbstlernende Systeme – die in der bisherigen Normungsarbeit kaum vorstellbar waren. Es gilt nun, viele bestehende und in der Industrie bewährte Normen zu aktualisieren und neue Zertifizierungsprozesse aufzusetzen. Das ist nicht nur eine inhaltliche Herausforderung, sondern führt auch zu einem erheblichen zusätzlichen Ressourcenbedarf. Hierbei sei gesagt, dass die Normung von über 9.000 ehrenamtlichen Experten bei VDE|DKE gestaltet wird. Um Unternehmen in der digitalen Transformation zu unterstützen, hat der VDE übrigens schon vor Jahren zusammen mit anderen Partnern das Standardization Council Industry 4.0 (SCI 4.0) gegründet. Aufgabe der Experten, die mit allen Organisations-einheiten der VDE Gruppe, also auch VDE|DKE, zusammenarbeiten, ist die Orchestrierung der nationalen und internationalen Normungs- und Standardisierungsaktivitäten. Das SCI 4.0 bündelt in diesem Sinne die interessierten Fachkreise in Deutschland, entwickelt gemeinsam mit seinen Partnern eine konsolidierte nationale Grundposition und verfolgt das Ziel, Standards der digitalen Produktion zu initiieren und diese national sowie international zu koordinieren. Die Normungsroadmap Industrie 4.0 stellt ein zentrales Werkzeug bei der Bewältigung der Herausforderungen dar, vor allem der semantischen Interoperabilität.

Mit der digitalen Transformation ergeben sich auch neue Kompetenz- und Berufsfelder. Wie ist Deutschland darauf vorbereitet?

Bei Industrie 4.0 sprechen wir von der der vierten industriellen Revolution, die zu erheblichen Veränderungen in den Berufsbildern von Ingenieuren, Technikern und Informatikern führen wird. Zum einen werden die Fakultäten Maschinenbau, Elektrotechnik und Informatik zusammenrücken, zum anderen verlangt die digitale Transformation von den Mitarbeitern ein hohes Maß an Kreativität, Systemverständnis und sozialer Kompetenz. Hierauf müssen sich die Hochschulen einstellen und wissenschaftliche Weiterbildung anbieten. Denn für uns alle bedeutet die Zukunft lebenslanges Lernen. Wichtig wird der Aufbau eines fächer- und prozessübergreifenden Systemverständnisses bzw. der Aufbau von Methoden und Kompetenzen, damit wir uns Wissen und Problemerkennungs- sowie Lösungskompetenzen „on the job“ anzueignen. Nehmen Sie die klassische Produktion. Ihr primäres Ziel ist es, mittels Digitalisierung die Produkte in der Fertigung zu individualisieren und das zu Massenproduktionskosten. Hierfür müssen Elektroingenieure, Maschinenbauer und Informatiker zusammenarbeiten, die gleiche Sprache sprechen und ein Verständnis, ja gar Know-how, für die jeweilige andere Domain entwickeln.

Ist Deutschland darauf vorbereitet? Noch vor einem Jahr hätte ich gesagt ‘nein, Innovation und Veränderung findet woanders statt, nämlich in den USA und China’, die Gräben zu groß, der Komfort ebenso dank voller Auftrags-bücher. Heute sage ich „ja, auf jeden Fall“. Die Corona Pandemie zeigt uns, wie schnell sich Deutschland aus der Komfortzone lösen kann, wie schnell die Unternehmen, auch der Mittelstand, in der Lage sind, die Digitalisierung im eigenen Hause voranzutreiben, gar ihre Produktion in kürzester Zeit umzustellen. Ich bin mir sicher, dass Deutschland aus dieser Krise gestärkt hervorgehen wird. Unser Mindset hat sich geändert. Statt Komfort und Lethargie heißt es jetzt „Aufbruch“. Devise: Nur nicht wieder in alte „Wohlfühlmuster“ zurückfallen. Persönlich wünsche ich mir, dass viele Jugendliche jetzt erkennen, dass die Pandemie mithilfe von Technologien gemeistert werden kann und sich für eine Ausbildung in der Elektro- und Informationstechnik, im Maschinenbau oder in der Informatik entschließen.

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