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nachgehakt! Bei Prof. Rahman Jamal

10 Jahre Industrie 4.0 – und nun?

22. Juli 2021, 10:00 Uhr   |  Meinrad Happacher

10 Jahre Industrie 4.0 – und nun?
© National Instruments

Zur Hannover Messe 2011 wurde das Zukunftsprojekt Industrie 4.0 offiziell aus der Taufe gehoben. Was ist nach zehn Jahren schon geschafft? Wie sollten die nächsten wichtigen Schritte aussehen? Prof. Rahman Jamal hat die ganze Entwicklung miterlebt und zieht ein Resümee.

Herr Jamal, welchen persönlichen Bezug haben Sie zu dem Thema Industrie 4.0?

Prof. Rahman Jamal: Schon im Jahr 1990 setzte ich mich in meiner Diplomarbeit mit dem Vorläufer der Industrie 4.0, der Vision des CIM – des Computer Integrated Manufacturing – auseinander. Insbesondere wegen des fehlenden Ethernet und den damals aufkommenden proprietären Feldbussen ist CIM ja letztlich gescheitert. Industrie 4.0 sehe ich also als die evolutionäre Fortsetzung von CIM.

Wie erfolgreich war das von der Bundesregierung initiierte Zukunftsprojekt in den vergangenen zehn Jahren?

Mit Ethernet, inklusive TSN, und den Ethernet-Feldbussen haben wir jetzt das Fundament  für ein ‚Industrie 4.0‘-Umfeld gelegt. Das Thema Vernetzung ist damit mehr oder weniger abgeschlossen. Heute können wir die Daten der Fertigung und der Lieferketten sowohl digital per Kabel als auch mobil über Cloud-Systeme verfügbar machen. Aber die eigentliche Arbeit beginnt ja jetzt erst. 

Was gilt es Ihrer Meinung nach noch auszubauen beziehungsweise hinzuzufügen?

Ziel von Industrie 4.0 muss in den nächsten zehn Jahren eine KI-basierte Null-Fehler-Produktion sein. Dabei werden jetzt aufkeimende Megatrends diese Entwicklung maßgebend beeinflussen. Zu nennen wären insbesondere das Edge-Computing bis hin zur Edge-Cloud, der Einzug von 5G in der Fabrik, die in Fertigungsabläufe integrierte Robotik, die autonomen Systeme in der Intralogistik sowie firmenübergreifende sichere Dateninfrastrukturen, wie sie die Initiative Gaia-X anstrebt. Aber vor allem die industrielle KI wird die Basis der nächsten Etappe der Digitalisierung in der Produktion bilden. Denn die Produktionsdaten lassen sich durch KI-Systeme in Echtzeit analysieren. Mit der Konsequenz, dass sie sich im Kontext interpretieren lassen. Das wiederum bildet das Fundament für neue Wertschöpfungsketten und Geschäftsmodelle. 

Die große Herausforderung in den nächsten Jahren wird deshalb sein, unser hervorragendes Industrie-Know-how mit den KI-Technologien gut zu verschmelzen. Nur so werden wir uns technologisch gegenüber dem Wettbewerb aus den USA und China behaupten können, die – was die KI-Technologie als solche betrifft – definitiv die Nase vorn haben.

Fabriken werden also in Zukunft was sein?

Die Smart Factories von morgen werden sich durch Selbstlernfähigkeit und modulare Langzeit-Autonomie auszeichnen. Sprich: sie werden dadurch extrem agil und die Produktionsprozesse äußerst stabil werden. Weitere Nebeneffekte werden sein: eine verbesserte Arbeitssicherheit und zudem eine erhöhte Energieeffizienz beziehungsweise ein Ressourcen-schonendere Fertigungsweise. 

Wo sehen Sie die größten Hindernisse beziehungsweise Stolpersteine?

Zu den großen Herausforderungen will ich an dieser Stelle die Acatech zitieren, die sämtliche Punkte sehr gut zusammenfasst: Die Standardisierung von Architekturen, Datenaustauschformaten, Semantiken, Vokabularien, Taxonomien, Ontologien und Schnittstellen ist nach wie vor eine zentrale Voraussetzung, um innerhalb des komplexen und hochgradig heterogenen Themengebiets Industrie 4.0 Interoperabilität zwischen den unterschiedlichen Technologien herzustellen. 

Dabei hat sich die letzten Jahre herauskristallisiert, dass es nicht unbedingt essenziell ist, einen bestimmten Standard auf Teufel komm raus zu etablieren. Entscheidend hierbei ist, dass wir Standards bekommen, die sich im größeren Kontext durchsetzen, sodass interoperable und flexibel integrierbare Systeme realisierbar sind. 

Wie sollten sich die Akteure in Deutschland verhalten und aufstellen?

Um die Industrie-4.0-Vorreiterrolle Deutschlands auszubauen und zu verfestigen, brauchen wir eine zweigleisige Strategie: Einerseits muss Deutschland weiterhin eine holistische Industrie-4.0-Vision mit bereits erfolgreich gestarteten Referenzarchitekturen, Normen und Standards weiter forcieren. Andererseits müssen wir einen viel stärkeren Fokus als bislang auf die Praxis werfen. Wir müssen den Unternehmen greifbare Lösungen von Industrie 4.0 zur Verfügung stellen, als wir es bislang tun.  – Ansonsten laufen uns die amerikanischen und chinesischen Akteure den Rang des ‚Leaders‘ ab.

Redaktionstipp zum Thema

Prof. Rahman Jamal hat die Entwicklung der Automatisierungsszene und deren enorme Wachstumsrate in den letzten 30 Jahren miterlebt. Vor welchen Herausforderungen die Unternehmen heute stehen, hat er im Interview erläutert.

© Computer&AUTOMATION

Prof. Rahman Jamal über die Konsequenzen des ersten Szenarios: Der Gründer als Patriarch

Das vollständige Interview hier

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