All Electric Society

Johannes Stein,

Sicherheit für Investitionsentscheidungen schaffen

Der zweite Teil der Artikelserie zur „All Electric Society“ befasst sich mit den regulatorischen und normativen Herausforderungen im Bereich der Elektrifizierung und deren Auswirkungen.

© Jearu/Stock.Adobe.com

(Teil 2 von 3) – Energiepolitik war schon immer ein komplexes Thema, das im Spannungsfeld von Wirtschaft, Gesellschaft, Natur und Politik agiert. Das sogenannte „energiewirtschaftliche Dreieck“, das die Ziele Versorgungssicherheit, Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit umfasst, veranschaulicht diese Herausforderung. Diese drei Faktoren wurden im Laufe der Zeit unterschiedlich gewichtet. Entscheidend ist jedoch ein gesamtgesellschaftlicher Grundkonsens, da Investitionen in die Energieinfrastruktur langfristig erfolgen. Klare Rahmenbedingungen, auch auf Basis der international sowie europäisch verbindlich vereinbarten Klimaziele, sind essenziell, um Planungssicherheit für Unternehmen und Investoren zu gewährleisten. Unsicherheit oder häufige Änderungen der Vorgaben können dagegen zu Verzögerungen oder sogar zum Ausbleiben notwendiger Investitionen führen.

Einflussfaktoren auf das energiepolitische Zieldreieck, Aufzählungen erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit. © VDE

Zudem wird die zukünftige Entwicklung zunehmend schwerer vorhersehbar. Der technologische Fortschritt sowie der signifikante Preisverfall von Photovoltaikanlagen und Batteriespeichern können völlig neue Lösungen für die Energieinfrastruktur ermöglichen. Gleichzeitig machen geopolitische Risiken eine kontinuierliche Neuausrichtung der energiepolitischen Zielsetzungen erforderlich. Neben der CO₂-freien Stromerzeugung und der Elektrifizierung bisher fossiler Anwendungen muss auch die Stabilität des Energiesystems sichergestellt werden.

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Markt, Ordnungsrahmen und Technik müssen Hand in Hand gehen

Für diese Herausforderungen gilt es faktenbasiert in Konsultationsprozessen einen gesellschaftlichen Konsens zu finden. Für die Transformation des Energiesystems müssen Markt, Ordnungsrahmen und Technik Hand in Hand umgebaut werden. Beispiele konsensualer Arbeiten und wichtige Werkzeuge der gemeinsamen Weiterentwicklung sind die Erarbeitung des Systementwicklungsstrategie oder der Roadmap Systemstabilität des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK).

Die Rolle der Normung ist dabei zentral: Bereits bei der ersten großen Elektrifizierungswelle vor über 130 Jahren war die Standardisierung entscheidend für die sichere Anwendung von Elektrizität. Im Jahr 1896 erschien die erste VDE-Norm „Sicherheitsvorschriften für Elektrische Starkstromanlagen“.

Auch für die heutige „Elektrifizierung 2.0“ sind technische Normen und Standards essenziell, um Sicherheit, Stabilität, Interoperabilität und Nachhaltigkeit zu gewährleisten. Gemeinsam mit Zertifizierungen schaffen sie Vertrauen in die Technik und sorgen für internationale Einheitlichkeit.

Besonders relevant ist die Normung auch im Consumer- Bereich, da viele Produkte weltweit gehandelt werden. Eine globale Harmonisierung von Anforderungen ermöglicht effiziente Produktionsprozesse und fördert die Akzeptanz neuer Technologien.

Der VDE als neutrale, technisch-wissenschaftliche Plattform entwickelt konkret in konsensualen Verfahren technische Anforderungen dazu weiter und bringt diese beispielsweise in die Roadmap Systemstabilität ein. Ergebnis dieser Arbeiten sind grundlegende Studien oder technische Normen und Standards sowie auch technische Regeln für Netztechnik und Netzbetrieb.

Anreize richtig setzen

Beispiel Energieeffizienz durch Eelktrifizierung: Vergleich der Versorgungskapazität einer Windkraftanlage für verschiedene Antriebstechnologien. © VDE

Um etwas konkreter zu werden, soll kurz auf einige aktuelle Themen eingegangen werden.

Die Elektrifizierung ist in vielen Bereichen nachweislich energieeffizienter als fossile Alternativen.

Der Autor: Johannes Stein ist Senior Principal Expert Horizontale Themenentwicklung bei der DKE. © Fotostudio Claudia Rothenberger

Dies zeigt sich unter anderem in der Debatte um Elektroautos und Wärmepumpen. Damit die bessere Energieeffizienz auch wirtschaftlich attraktiv bleibt, müssen sich diese Vorteile in den Energiepreisen widerspiegeln – beispielsweise an öffentlichen Ladesäulen.

Gleichzeitig wird diskutiert, wie ausreichende Anreize für Flexibilität, CO2-Reduktion, Erzeugungs- oder Speicherkapazitäten durch entsprechende Rahmenbedingungen und Märkte abgebildet werden können. Hier gilt es die richtigen marktwirtschaftlichen Anreize mit Blick auf ein neues Gesamtsystem zu setzen.

Darüber hinaus zeigt sich, dass neue Technologien besonders dann erfolgreich sind, wenn sie nicht nur wirtschaftlich attraktiv, sondern auch einfach in der Anwendung sind. Ein Beispiel dafür ist der massive Ausbau von Photovoltaikanlagen und Balkonkraftwerken in den letzten Jahren, der durch Fördermaßnahmen und regulatorische Vereinfachungen beschleunigt wurde.

Intelligente Messsysteme für eine flexible Stromnutzung

Die Flexibilisierung des Stromverbrauchs besonders im privaten Umfeld, beispielsweise durch dynamische Stromtarife, setzt eine flächendeckende Einführung intelligenter Messsysteme voraus. Während einige europäische Länder in diesem Bereich bereits weiter fortgeschritten sind, besteht in Deutschland noch Handlungsbedarf. 

 Artikelserie „All Electric Society“

Der Industrie kommt auf dem Weg hin zur „All Electric Society“ eine zentrale Rolle zu. Teil 1 der Artikelserie geht auf die Herausforderungen für die Industrie hin zu einer vollumfänglich elektrifizierten Zukunft ein.

Teil 3 geht auf technische Herausforderungen bei der Umsetzung einer ‚All Electric‘-Strategie ein und wirft einen Blick auf international vergleichbare Bemühungen.

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