Interview mit Stefan Taxer von B&R
Rechenpower für mobile Arbeitsmaschinen
Vor vier Jahren ging B&R mit einer mobilen Variante des X20-Steuerungssystems an den Start. Jetzt legen die Österreicher mit einem mobilen PC nach. Stefan Taxer, Produktmanager für Mobile Automation bei B&R erläutert die Hintergründe.
Stefan Taxer: "Agrar- und Baumaschinenhersteller profitieren von unseren jahrelang erprobten Lösungen aus der Fabrikwelt."
© Meinrad HappacherHerr Taxer, Mitte 2016 gingen Sie mit dem System X90 an den Markt. Welche Erfahrungen haben Sie in den knapp vier Jahren mit dieser ‚Ruggedized‘ Version der X20-Familie gemacht?
Stefan Taxer: In erster Linie wurde deutlich: Nur Hardware anzubieten ist eindeutig zu wenig, um in diesem Markt dauerhaft Fuß zu fassen. Die Kombination aus Produkten und Service, wie unsere Unterstützung vor Ort, ist genau das, was sich Hersteller von mobilen Maschinen erwarten. Daher verfügen wir auch nach der verhältnismäßig kurzen Zeitspanne von vier Jahren über einen soliden Kundenstamm und bauen diesen stetig weiter aus.
Was hat Sie an dem neuen Markt am meisten überrascht?
Taxer: Ich war beeindruckt, dass die Digitalisierung schon sehr weit fortgeschritten ist. Damit hebt sich speziell der Agrarsektor merklich von den anderen Industrien ab. Für Agrarmaschinen sind IoT-Anwendungen wie die Kommunikation zwischen Maschinen und zur Cloud schon beinahe ein Muss. So stimmt sich zum Beispiel der Mähdrescher mit dem Traktor-Ladewagen-Gespann ab, damit beim Überladen nichts daneben geht. Gleichzeitig übermittelt er den Ertrag des abgeernteten Feldes in die Cloud und bezieht Arbeitsaufträge daraus. Landwirte können dadurch ihre Betriebe optimieren und auch in Zukunft wirtschaftlich arbeiten. Autonome und teil-autonome Maschinenfunktionen spielen dabei eine zentrale Rolle.
Entspricht der wirtschaftliche Erfolg, den Sie in den letzten Jahren nun mit den X90-Systemen erzielen konnten, Ihren Erwartungen?
Taxer: Für B&R ist das nicht die erste neue Branche, in die wir einsteigen. Ein Neueinstieg bedingt natürlich immer eine gewisse Anlaufphase. Aber ja: Unsere ersten Ziele für die mobile Automation haben wir erfolgreich umgesetzt und wir sind sehr zufrieden. Jetzt gilt es dranzubleiben und unsere Rolle als Technologiepartner weiter auszubauen und zu kräftigen.
Warum legen Sie nun einen ‚Ruggedized‘ PC nach?
Taxer: Die Branche braucht Lösungen für anspruchsvolle Maschinenkonzepte, für die eine hohe Rechenleistung wesentlich ist. Typische Embedded-Steuerungssysteme zur Automatisierung von Maschinen können diese Leistung nicht aufbringen und reichen daher nicht mehr aus. Unser mobiler PC verfügt über einen Intel-Prozessor, der vom Celeron bis zum Core i7 skalierbar ist. Damit eignet er sich für solche Lösungen. Die Intel-Technologie bietet neben der hohen Performance die Möglichkeit, offene Betriebssysteme wie Linux und Windows einzusetzen. Auch wenn aktuell der Agrarsektor die Vorreiterrolle in der Digitalisierung einnimmt, ziehen die anderen Bereiche – wie etwa die Baubranche – mit großem Tempo nach. Wir gehen davon aus, dass die Nachfrage für einen solchen PC in den nächsten Jahren ständig wachsen wird. Ein vergleichbares Produkt für mobile Maschinen, das dieses hohe Maß an Rechenleistung und Modularität in dieser kompakten und robusten Form bietet, haben wir aktuell noch nicht am Markt entdeckt!
Wenn Sie noch keine Konkurrenz-Produkte entdecken, liegt es vielleicht daran, dass der Markt diese Performance vielleicht doch nicht benötigt?
Taxer: Der Markt braucht definitiv diese performanten Rechner. B&R konnte nur deshalb so schnell dieses Produkt auf den Markt bringen, weil wir unsere PC-Technologie selbst entwickeln. Das ist etwas Besonderes. Nicht viele Unternehmen, die Produkte für mobile Maschinen herstellen, verfügen über dieses Know-how. B&R entwickelt seit 30 Jahren PCs für die Industrie. Daher war es nun der logische nächste Schritt für uns, diese Technologie auch für die mobile Automatisierung entsprechend umzusetzen.
»Wir starten im April mit der Serienproduktion.«
Können Sie wirklich auf die Rechnertechnologie aus der Fabrik-Automation 1:1 bauen oder verlangt der Markt nach anderen Features?
Taxer: Der Unterschied liegt tatsächlich weitest-gehend im Formfaktor. Funktional ist der PC genauso aufgebaut wie ein Industrie-PC. Es gibt lediglich kleine Unterschiede. Zum Beispiel verfügt der PC für mobile Maschinen über mehr CAN-Schnittstellen wie üblicherweise ein PC für die Industrie. Die größten Herausforderungen bei diesem Produkt waren zum einen, den leistungsstarken Prozessor in eine Hülle zu packen, die den rauen Umweltbedingungen standhält und zum anderen den Um-gebungstemperaturbereich drastisch zu erweitern.
Welche Roadmap haben Sie sich mit den neuen Rechnern erstellt?
Taxer: Aktuell befinden wir uns in der Pilotphase. Wir arbeiten mit mehreren Pilotkunden zusammen, die unseren PC im Einsatz haben und in der Praxis testen. Das Feedback ist sehr gut und daher starten wir im April dieses Jahres mit der Serienproduktion.
Haben Sie ein weiteres Automatisierungsgerät für die Mobile Automation in der Pipeline?
Taxer: Unser aktuelles Produktangebot für mobile Automation deckt bereits sämtliche Bereiche der Automatisierung ab. So bieten wir neben modularen Steuerungen mit integrierter Sicherheitstechnik auch dezentrale I/O-Module und zahlreiche Optionsplatinen an. Mit diesen Platinen kann die Steuerung zum Beispiel für vorausschauende Wartung oder mit Eingängen zum Auswerten von Dehnmesstreifen erweitert werden. Zudem sind Panels mit mehreren Diagonalen und natürlich der neue PC für mobile Maschinen Teil des Portfolios. Aber wir wollen das Portfolio zusehends abrunden und feilen an weiteren Innovationen. Einige neue Produkte befinden sich derzeit in der Entwicklungsphase und werden unter anderem im Herbst auf der SPS vorgestellt.
Die Ruggedized-Geräte
Das 2016 vorgestellte Steuerungs- und I/O-System X90 Mobile fußt auf der Technologie der X20-Familie von B&R. Alle X90-Mobile-Module sind allerdings für die deutlich kritischeren Umgebungsbedingungen auf mobilen Arbeitsmaschinen entwickelt. Sprich: Alle X90-Module entsprechen IP69K und decken einen Temperaturbereich zwischen –40 und +85 °C ab und erfüllen speziell die Normen der Agrar- und Baumaschinenwelt. Darüber hinaus ist das System für den Einsatz in Offshore-Anlagen GL-zertifiziert.
Der nun vorgestellte PC mit Intel-Core-i-Prozessor erfüllt ebenfalls die Schutzklasse IP69K. Er ist über einen weiten Bereich skalierbar, vom Celeron mit 2,2 GHz bis hin zum Core i7 mit 2,8 GHz. Dabei bietet dieser PC bis zu 16 GB RAM und 480 GB Flash-Speicher und ist mit einem TPM-Modul ausgestattet. Daneben unterstützt der PC Standard-Betriebssysteme wie Windows 10 IoT Enterprise und Linux.
Mit der Rechenleistung des PC lassen sich teil- oder vollautonome Maschinenfunktionen umsetzen. Zudem kann der PC als Edge-Controller verwendet werden. Dabei werden große Datenmengen von einer oder mehreren mobilen Maschinen erfasst, vorverarbeitet und an übergeordnete Systeme – zum Beispiel in die Cloud – geschickt. B&R bietet für die Kommunikation zwischen den Maschinen und zur Cloud die gängigen Protokolle OPC UA over TSN und MQTT. Sie ermöglichen, Datenpakete zuverlässig zu übertragen, auch wenn die Netzwerk-Verbindung schlecht oder zeitweise unterbrochen ist.















