Steuerungstechnik / Motion Control

Markus Schoenefeld | Günter Herkommer,

In 16 Stationen automatisiert zum Zollstock

Kein Haushalt und keine Baustelle kommt ohne Meterstab beziehungsweise Zollstock aus – trotzdem genießt das praktische Messgerät meist wenig Aufmerksamkeit. Automatisierungstechnisch ist seine Herstellung allerdings durchaus komplex.

© Fotolia / Bertold Werkmann

Seit 1922 ist der tschechische Holzwaren-Hersteller Metrie auf Meterstäbe beziehungsweise Zollstöcke spezialisiert – und damit auf ein durchaus anspruchsvolles Produkt: Immerhin besteht ein Gliedermaßstab – so die offizielle Bezeichnung – aus 48 Einzelteilen. Trotzdem liegt die Längenabweichung zwischen den vielen tausend Exemplaren bei höchstens 0,7 mm. 

Die weitgehend automatisierte Produktion erfordert insgesamt 16 Arbeitsschritte. Unlängst sollte dabei eine ältere, kurvengesteuerte Maschine durch eine zeitgemäße Anlage mit synchronisierten Bewegungsabläufen ersetzt werden, um damit die Produktivität zu steigern und den Prozess stabiler zu machen.

Die Produktion von Gliedermaßstäben mit ihren insgesamt 48 Einzelteilen erfolgt weitgehend automatisiert.

© CNC Technology

Diese Aufgabe übernahm der tschechische Spezialmaschinenbauer Vúts mit Sitz in Liberec im Dreiländereck Tschechien-Polen-Deutschland. Die Lösung der Vúts-Konstrukteure ordnet insgesamt 16 Stationen um eine zentrale, 360°-drehbare Karusselldrehstation herum an. In den Stationen können mehrere Be-arbeitungsschritte wie Bohren und Fräsen parallel erfolgen. Weitere Stationen dienen zum Be- und Entladen der Maschine sowie für Messprozesse zur Qualitätssicherung. Der besondere Vorteil dieses Konzepts besteht darin, dass die Maschine bei einem Produktwechsel nicht mechanisch umgerüstet werden muss. Die erforderlichen Parameter lassen sich vielmehr einfach über das HMI-Bedienfeld einstellen. Insgesamt erreicht die Maschine eine Taktzahl von 60 Zyklen pro Minute.

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Die Karusselldrehstation umfasst insgesamt 16 Stationen.

© CNC Technology

Sowohl die Steuerung der komplexen, synchronisierten Bewegungsabläufe als auch der Antrieb der Karusselldrehstation und von weiteren 20 Achsen erfolgt über die Maschinensteuerung MP3200 von Yaskawa sowie über Servoantriebe der Reihe Sigma-5 und Frequenzumrichter vom Typ V1000 desselben Herstellers. Letztere sind mit ihrer hochdynamischen Stromvektor-Regelung (Open Loop Vector) sowohl für Asynchron- als auch Permanent-Magnet-Synchronmotoren im Leistungsbereich 100 W bis 15 kW ausgelegt.

Was die genannte Maschinensteuerung betrifft, so steht mit MP3200iec auch eine Variante speziell für den europäischen Markt zur Verfügung. Diese ermöglicht mit ihrer IEC-Entwicklungsoberfläche eine einfache und übersichtliche Programmierung nach dem 61131-3-Standard. Indem sich die CPU-Größe und die Basiseinheit frei wählen lassen, kann bei künftigen Erweiterungen die Leistung nach Bedarf erhöht werden. Für Eingangs- und Ausgangsmodule stehen – je nach Anwendung – mehrere Basiseinheiten mit drei, fünf oder neun Steckplätzen sowie die Option für eine Rack-übergreifende Erweiterung zur Auswahl. In Summe lassen sich mit diesem Controller bis zu 62 Achsen steuern.

Einrichten per Auto-Tuning

Die Bewegung des Karussells erfordert eine hohe Präzision.

© CNC Technology

In der Maschine kommen zwei der genannten Sigma-5-Servoantriebe zum Einsatz, jeweils bestehend aus Servomotor, Servoverstärker und der Inbetriebnahme-Software Sigma Win+. Letztere erfordert vom Anwender keine manuelle Einstellungen oder spezielle Fachkenntnisse. Der Autotuning-Algorithmus erlaubt zum Beispiel das Einrichten von zwei Achsen in Hochleistungsmaschinen in weniger als zwei Stunden – statt der sonst üblichen acht. Des Weiteren verfügt die Software über eine automatische Filterfunktion zur Vibrationsunterdrückung, sodass die Antriebe auch bei niedrigen Drehzahlen ruhig und vibrationsarm laufen. Anwendung findet dies zum Beispiel auch beim so genannten Plasma Cutting, wodurch eine bessere beziehungsweise sauberere Schnittführung erfolgt. Gleichzeitig reduziert sich der Maschinenverschleiß.

Das Karussell der Maschine wird von einem einachsigen Motor mit einer Leistung von 4,4 kW präzise bewegt. In den Bearbeitungsstationen selbst bewegen 20 weitere 400-Watt-Servosysteme 20 Einzelachsen, deren Ansteuerung über insgesamt zehn Frequenzumrichter erfolgt. Diese bewegen die Bohr- beziehungsweise Frässpindeln in den fünf Bearbeitungsstationen mit ihren jeweils zwei Bearbeitungseinheiten – eine für die Ober- und eine für die Unterfläche des hölzernen Werkstücks – mit einer Positioniergenauigkeit von unter einem Mikrometer.

Bohren und Fräsen, die hier parallel erfolgen, sind nur zwei von mehreren Arbeitsschritten.

© CNC Technology

Die Einbindung der Frequenzumrichter in den Antrieb erfolgte im konkreten Fall über die Mechatrolink-III-Schnittstelle; optional stehen weitere modulare Schnittstellen zu Ethercat, CANopen, Powerlink und Mechatrolink-II zur Verfügung.

Über seine kompakten Abmessungen von 140 mm × 254 mm × 140 mm hinaus erlaubt der Frequenzumrichter V1000 eine sogenannte Side-by-Side-Montage, also die Installation mehrerer Geräte direkt nebeneinander. Damit benötigen die Umrichter im Schaltschrank noch weniger Raum. Ein patentierter Hybridkühlkörper aus einer Speziallegierung gleicht dabei den reduzierten Belüftungseffekt aus und verhindert so eine Überhitzung der Umrichter.

Über eine integrierte Dual-Rating-Funktion kann der Umrichter bei Anwendungen, die geringe Überlast erfordern, mit 120 % Überlast im Normal-Duty-Betrieb arbeiten. Somit kann ein vergleichsweise kleinerer Frequenzumrichter die Arbeit leisten, für die ansonsten ein größerer eingesetzt werden müsste. Der Bremswiderstand reduziert die Tieflaufzeit zudem um 50 %. Letztendlich konnte Metrie mit der neuen Anlage seine Produktivität im Vergleich zur mechanisch gesteuerten Vorgängermaschine um über 50 % steigern. Eine zweite, vergleichbare Maschine ist bereits in Planung.

Autor: 
Markus Schoenefeld ist Manager Distribution Channel Drives & Motion Division bei Yaskawa Europe.

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