Nachgehakt bei Dr. Jochen Schlick
In Einzelprojekten verzettelt
Zum sechsten Mal hat die Unternehmensberatung Staufen den 'Deutschen Industrie 4.0 Index' erhoben und mehr als 300 deutsche Industrieunternehmen zum Thema Digitalisierung befragt. Wie es um die Smart Factory bestellt ist, erläutert Dr. Jochen Schlick von Staufen Digital Neonex.
Herr Dr. Schlick, Sie erfassen seit 2014 das Aktivitätsniveau deutscher Unternehmen in Sachen Industrie 4.0. Wie sieht es aktuell aus?
Dr. Jochen Schlick: Auch in diesem Jahr ist der ‚Industrie 4.0 Index‘ zum Thema Smart Factory wieder gestiegen: Immer mehr Firmen beschäftigen sich mit dem Thema Industrie 4.0. Doch während die Anzahl der umgesetzten Einzelprojekte von Jahr zu Jahr deutlich wächst – inzwischen setzt jedes zweite Unternehmen die Smart Factory in operativen Einzelprojekten um – nimmt die Zahl der Unternehmen, die I4.0 umfassend operativ umsetzen, nur noch in geringem Maße zu.
Woran liegt das?
Dr. Jochen Schlick: Die Smart Factory ist leider häufig ausschließlich im Bereich
Operations angesiedelt. Dort ist man oft nicht in der Position, zu hinterfragen, was und wieviel produziert wird, und auch nicht, wie die Produkte an den Kunden gebracht oder dessen Wünsche aufgenommen werden. Dabei ist gerade die Smart Factory das Mittel der Wahl, um kundenindividuelle Produkte höchsteffizient herstellen zu können und die Auftragsabwicklung massiv zu beschleunigen. Die Umsetzung einer Smart Factory erfordert, dass alle ‚Fürstentümer‘ eines Unternehmens an einem Strang ziehen.
Differiert die Entwicklung in den Branchen?
Dr. Jochen Schlick: Vor allem die Elektroindustrie ist stark in der I4.0-Umsetzung – sowohl bei operativen Einzelprojekten als auch bei der operativen Gesamtumsetzung. In der Automobilindustrie hingegen scheint der Rückwärtsgang eingelegt worden zu sein, was sicherlich auch konjunkturell geprägt ist. Interessant ist, dass der Maschinen- und Anlagenbau im Bereich Smart Business stark experimentiert und viele Hersteller beispielsweise mit Kundenportalen oder intelligenten Service-Angeboten erste Markterfahrungen sammeln. Ebenso hat die Elektroindustrie bereits seit Längerem intelligente und vernetzbare Geräte im Angebot.
Welche Gründe sehen Sie für die Branchen-Unterschiede?
Dr. Jochen Schlick: Der Erfolg dieser Bemühungen hängt stark von den verfügbaren Kapazitäten und Kompetenzen ab. Egal ob auf die Produkte oder die eigene Fabrik ausgerichtet: Der Einsatz smarter Lösungen ist ein Innovationsvorhaben, und eine halbherzige Durchführung solcher Vorhaben führt selten zum Erfolg. Fehlende personelle und finanzielle Ressourcen behindern die Digitalisierung im Unternehmen. Auch der Umstand, dass die IT-Ressourcen früher oft als reiner Kostenfaktor betrachtet wurden und daher meist großer Nachholbedarf herrscht, steht der Transformation zu einem ‚Wettbewerbsfaktor IT‘ häufig diametral entgegen.
Laut Studie betrachtet ein Großteil der befragten Fach- und Führungskräfte die Smart Factory nur als ein Mittel zur Kostensenkung?
Dr. Jochen Schlick: Auch das hängt mit der oft starren Verortung des Themas Smart Factory im Operations-Bereich zusammen, wo es praktisch nur die Kostenschraube gibt. Um sich dem Thema zu nähern, werden oft Einzelprojekte angestoßen. Gerade diese sind aber häufig ein Flickwerk von Insellösungen. Eine klare Smart-Factory-Vision sowie eine systematische Umsetzungsstrategie sind jedoch die Voraussetzung für schnelle Erfolge.
Die meisten Unternehmen treten beim Thema Smart Business auf der Stelle, haben weniger digitale Produkte, Dienstleistungen oder sogar komplette Geschäftsmodelle im Angebot als noch im Vorjahr. Warum?
Dr. Jochen Schlick: Offensichtlich haben einige der Neuentwicklungen ihre Versprechen bisher nicht erfüllen können und mussten zurückgezogen oder überarbeitet werden. Vielleicht ist dies aber auch eine typische Ausprägung des Hype-Zyklus und die deutsche Industrie steht mit dem Smart Business kurz vor dem Durchbruch.
Worauf sollten Unternehmen Ihrer Meinung nach achten?
Dr. Jochen Schlick: Während Digitalisierung vor allem eine Kultur horizontaler Vernetzung mit sich bringt, scheint die deutsche Industrie eher dem Silodenken verhaftet. Sie fokussiert die Vertikale und optimiert innerhalb der gewachsenen Systemgrenzen von Unternehmensbereichen. Dadurch verschenken viele Firmen das Potenzial unternehmensübergreifender Digitalisierungsinitiativen. Hier ist vor allem Offenheit in der oberen Führungsetage gefragt. Der Fokus auf Transparenz, Effizienz und Kosten ist zu kurz gedacht.










