Roboter-Sicherheit auf dem Prüfstand

Marco Barho, Thomas Dietz, Lennart Held, Susanne Oberer-Treitz | Günter Herkommer,

Die Anforderungen an eine sichere Mensch-Roboter-Kooperation

In Zukunft sollen Mensch und Roboter Produktionsprozesse gemeinsam sicher durchführen. Dafür gilt es jedoch komplett neue Spielregeln zu definieren!

© Fotolia/Aliencat

Bei hoher Variantenvielfalt die Qualität durch Automatisierung steigern und gleichzeitig eine hohe Wirtschaftlichkeit gewährleisten – dieser Spagat gelingt nur dann, wenn der Mensch mit seinen kognitiven Fähigkeiten als aktives Glied in der Fertigungskette erhalten bleibt. Ergo gilt es, die Voraussetzungen für eine direkte Kooperation von Mensch und Roboter (MRK) zu schaffen. So müssen sich zukünftige Robotersysteme, die sich außerhalb der Vollautomatisierung behaupten wollen, anderen Sicherheitsanforderungen stellen, als sie bis dato für Industrieroboter galten. Das heißt: Das bisher gültige Prinzip der räumlichen Trennung von Mensch und Roboter wird für MRK-Systeme aufgehoben und deren sicherheitstechnische Umsetzung ist grundlegend neu zu bewerten.

Wenn auch fast jeder Roboterhersteller heutzutage seinen Roboter mit einer Sicherheitssteuerung zur sicherheitsgerichteten Positions- und Geschwindigkeitsüberwachung anbietet, so ist damit in der Gesamtumsetzung einer Anlage nur der erste Schritt zu einer sicheren MRK-Zelle getan. Die internationalen Normungsgremien haben den Bedarf zur Standardisierung der MRK erkannt und schon in der 2006 veröffentlichten Sicherheitsnorm DIN EN ISO 10218-1 (Industrieroboter – Sicherheitsanforderungen – Teil 1: Roboter) den „Kollaborierenden Roboter“ erstmals definiert sowie Mindestvorgaben an seinen Betrieb aufgestellt. Neben der Absicherung der Kooperation durch den Einsatz von Sicherheitssteuerungen und der Arbeitsraumüberwachung verweist diese Norm auf die Begrenzung von Kenngrößen im Falle einer Kollision. Allerdings bringen pauschale Werte für die Geschwindigkeit oder eine Leistungsbegrenzung keine Sicherheit für die Vielzahl an Roboteranlagen, die vorstellbar sind. Sie können vielmehr das Gegenteil bewirken, wenn sich der Anwender auf einen Grenzwert stützt, ohne die gesamten Konsequenzen einer möglichen Kollision zu betrachten.

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Verschiedene Arten der Mensch-Roboter-Kooperation nach ISO 10218-2: Stopp bei Zutritt (li. ob.), Handführung (re. ob.), Abstandsüberwachung (li. u.) und Leistungs-/Kraftbeschränkung (re. u.).

© Fraunhofer IPA

Dies führte dazu, dass die in der ersten Ausgabe aufgeführten Zahlenwerte schon in der nächsten Revision wieder gestrichen wurden und in der Fassung vom Juli 2011 (die deutsche Übersetzung ist im Januar 2012 erschienen) auf eine ausführ­liche Risiko-Analyse, beispielsweise zur Festlegung einer sicheren Geschwindigkeit, verwiesen wird. Der zweite Teil der Sicherheitsnorm DIN EN ISO 10218-2 (Industrieroboter – Sicherheitsanforderungen – Teil 2: Robotersystem und In­tegration), der zeitgleich im Juli 2011 erschienen ist, klassifiziert die Mensch-Roboter-Kooperation in vier Arten:

1. Stopp bei Zutritt zum Kollabora­tions­raum:
Bei Zutritt des Bedieners in den Kollaborationsraum begibt sich der Roboter in einen Sicherheitshalt. Verlässt der Bediener diesen gemeinsamen Arbeitsraum wieder, setzt der Roboter seine Tätigkeit nach automatischem Wiederanlauf fort.

2. Bewegung des Roboters durch Handführen mit reduzierter Geschwindigkeit:
Der Bediener führt den Roboter zum Beispiel über einen Griff, der direkt am Roboter montiert ist. Die Bewegungen und Kräfte, die der Mensch auf den Roboter ausübt, werden von Sensoren erfasst und in eine unmittelbare Bewegung des Roboters umgesetzt. Um die Kontrollierbarkeit zu gewährleisten und die im Roboter gespeicherte kinetische Energie zu begrenzen, wird die Geschwindigkeit des Roboters sicherheitsgerichtet begrenzt. Eine Zustimmeinrichtung verhindert unbeabsichtigtes Anlaufen.

3. Überwachter Abstand zwischen Mensch und Roboter bei reduzierter Geschwindigkeit:
Sensorik überwacht permanent den Abstand zwischen Mensch und Roboter. Bei Unterschreiten eines gegebenen Mindestabstandes stoppt der Roboter und geht in einen Sicherheitshalt.

Das Hauptmerkmal von kleineren Robotersystemen liegt in ihrer Flexibilität und Anpassungsfähigkeit auf sich ändernde Umgebungsanforderungen. Das Bild zeigt den Konzeptroboter „Frida“ bei der Mensch-Roboter-Kooperation in der Montage.

© ABB

4. Beschränkung der im Roboter gespeicherten Energie und vom Roboter ausgeübten Kraft:
Das Gefährdungspotenzial des Roboters wird durch die Beschränkung seiner dynamischen Parameter auf ein akzeptables Maß reduziert. Dazu erfolgt zum Beispiel eine ausreichende Limitierung der maximalen Kraft des Roboters und der dynamischen Leistung, um Verletzungsfreiheit auch im Falle eines Kontaktes zu garantieren.

Eine exakte Beschreibung, welche Kräfte und Energien ein Robotersystem noch maximal aufbringen darf, um als inhärent sicheres Robotersystem klassifiziert zu werden, sucht man in der Norm leider nach wie vor vergebens. Erste Ansätze werden aktuell im Rahmen einer technischen Spezifikation ISO/TS 15066 (Industrial Safety Requirements – Collaborative Industrial Robots) aufbereitet, die den Anwendern der ISO 10218 eine weitergehende Hilfestellung bei der Umsetzung von Anwendungen mit Mensch-Roboter-Kooperation geben soll. Mit einer ersten Veröffentlichung dieser technischen Spezifikation ist allerdings frühestens 2013 zu rechnen. In die Entwicklung dieser Richtlinien ist auf deutscher Seite neben Herstellern, Verbänden, Integratoren und Endanwendern das Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung IPA federführend eingebunden.

Kollisionen - (k)ein Tabu?

Eine Voraussetzung, um das Design zukünftiger Generationen von Robotern spezifisch auf ihren Einsatz in der MRK anzupassen, ist die Kenntnis der Korrelationen spezifischer Roboter-Charakteristika mit bekannten, quantifizierbaren Verletzungsmechanismen. Dieses Vorgehen ist in der Pkw-Industrie seit Jahren der Motor für die Entwicklung der Sicherheitstechnik und kann sich auch in der Robotik bewähren. Der Transfer dieser und anderer aktueller Forschungs- und Entwicklungsarbeiten in die Normung wird im Rahmen des vom Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie geförderten Projekts „Gefährdungskriterien und Designvorgaben für die sichere Mensch-Roboter-Kooperation“ am Fraunhofer IPA verfolgt, um auch die Umsetzbarkeit industrieller Vorhaben zu gewährleisten.  

Zwar wird die Vermeidung ungewollter Kontakte Ziel jeder Mensch-Roboter-Kooperation bleiben; doch während es lange Zeit als ein Tabu bei der Diskussion um Sicherheit galt, über eine mögliche Kollision des Menschen mit dem Industrieroboter zu diskutieren, so sind sich die Experten heute einig, dass die Untersuchung solcher Kollisionen zwingend notwendig ist, um daraus zuverlässige Grenzwerte zu entwickeln. So legt das potenzielle Verletzungsrisiko der Kollision fest, unter welcher funktionalen Sicherheitsstufe ein solches zu verhindern ist. Harmlose Kontakte – wie sie beispielsweise auch bei manuellen Arbeitsplätzen unter Kollegen auftreten – werden möglicherweise in Kauf genommen. Kontakte, die zu Verletzungen führen können, verlangen wie in Anwendungen ohne MRK nach zusätzlichen Schutzmaßnahmen.

Der Roboter auf dem Prüfstand

Vor diesem Hintergrund hat das Fraunhofer IPA einen Prüfstand entwickelt, mit dem sich ein Robotersystem hinsichtlich seines Gefährdungspotenzials im Falle einer Kollision bewerten lässt. Die mit dem Mechanismus aufgenommenen Kraft-, Druck- und Kompressionsdaten ermög­lichen den Vergleich des Kollisions-Ereignisses einer spezifischen Roboterkonfiguration in einer Anwendung mit Verletzungsgrenzwerten, wie sie gerade für die internationale Normung zur Robotersicherheit aufgestellt werden.

Der Prüfstand im Live-Betrieb mit einem Standard-Industrieroboter.

© ABB

Die Konzeption für die Mess-Einrichtung ermöglicht es, den Einfluss von Kollisionen mit unterschiedlichen Körperteilen zu testen. Hierzu wurde ein verschiebbarer Federmechanismus umgesetzt, welcher über einen Hebel mit einer Getriebe-Übersetzung justiert werden kann. Auf diese Weise ist die zugehörige Steifigkeit über einen Kugelgewindetrieb entsprechend der jeweils untersuchten Körperregion justierbar.

Der Prüfstand misst die wirkende Kraft über einen Kraft-Momenten-Sensor, die Messung der Flächenpressung erfolgt über so genannte Druckfolien der Firma Tekscan. Letztere sind aus zwei Folien aufgebaut, welche mit senkrecht zuei­nander stehenden Leiterbahnen bedruckt sind. Sie werden durch eine Substratfolie getrennt, wobei jeder Kreuzungspunkt eine Messzelle bildet, deren Widerstand mit zunehmendem Druck kleiner wird. Das hochfrequente Auslesen aller Messzellen mit bis zu 2,5 kHz ermöglicht die dynamische Messung während des Aufpralls des Prüfköpers. Die Wegmessung des Sensorkopfes ermittelt die auftretende Kompression für den eingestellten Körperteil, sowohl bei Klemm-Szenarien als auch beim freien Aufprall. Als „Prüfling“ dient ein ABB-Roboter des Typs IRB2400, welcher ohne zusätzliche steuerungstechnische oder konstruktive Elemente den Kollisionstests unterzogen wird und dabei mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten frontal auf den Sen­sorkopf des Messstandes fährt.

Grafik 1: Verlauf der Stoßkraft und maximale Flächenpressung im freien Aufprall.

© Fraunhofer IPA

Schritt 1 der Messreihe ist die Untersuchung des freien Aufpralls. In diesem Fall kann sich der Schlitten mit dem Sensoraufbau auf den Schienen frei bewegen. Zur Simulation eines Armes wird die Federsteifigkeit auf 30 N/mm eingestellt, was etwa dem Wert entspricht, den die elastischen Haut- und Fleischschichten am Arm als dämpfendes Element aufbringen. Grafik 1 zeigt den Verlauf der Kraft am Sensorkopf. Dabei steigt die gemessene Kraft bei einer Geschwindigkeit von 1,2 m/s bis auf 463,9 N an. Der Verlauf zeigt, dass der Schlitten sich immer wieder vom Roboter löst und wieder eingeholt wird. Mit anderen Worten: Der Roboter ist schneller und holt den durch den Stoß angeschobenen Körperteil wieder ein und stößt ihn erneut. In der unteren Grafik ist das Maximum der mit den Druckfolien aufgenommenen Flächenpressung dargestellt. Das hierbei gemessene Maximum liegt bei 467 N/cm2 und damit – ebenso wie der Wert der Kontaktkraft – weit über den zulässigen Grenzwerten, die im Fehlerfall noch zugelassen werden könnten.

Grafik 2: Eindringtiefe, Stoßkraft und maximale Flächenpressung im Klemm-Szenario mit einem Arm.

© Fraunhofer IPA

Die Durchführung der zweiten Versuchsreihe erfolgt mit festgestelltem Schlitten zur Simulation eines Klemm-Szenarios. Grafik 2 zeigt unter anderem den Kompressionsweg der Feder, die dem Sensorschlitten nachgelagert ist. Dieser entspricht dem Weg, den der Roboter nach einem Kontakt-bedingten Halt noch zurücklegt, bevor er seine Bewegung reversiert. Dabei ist die Eindringtiefe stark von der Geschwindigkeit des Roboters abhängig. Im Falle des Klemmens kommt es bereits bei sehr geringen Geschwindigkeiten zu mehreren Millimetern Eindringtiefe; das bedeutet, hier können schwerwiegende Verletzungen aufgrund der wirkenden Masse schon bei niedrigen Geschwindigkeiten auftreten. Beim freien Aufprall ist die Eindringtiefe deutlich geringer.

Für die Simulation der Klemm-Szenarien werden niedrigere Geschwindigkeiten gefahren, da kritische Maximalwerte bezüglich einer potenziellen Verletzungsschwere schon deutlich früher erreicht werden. Der Stoßprozess, bei dem das Maximum erreicht wird, erfolgt hierbei über einen deutlich längeren Zeitraum. Dies ist darin begründet, dass der Schlitten durch die Klemmkonstellation nicht ausweichen kann. Schon bei einer Geschwindigkeit von 200 mm/s werden 389,7 N bei der Kontaktkraft und eine maximale Flächenpressung von 171 N gemessen.

Grafik 3: Eindringtiefe, Stoßkraft und maximale Flächenpressung beim Klemm-Szenario mit höherer Kompressionskonstante.

© Fraunhofer IPA

Zum Vergleich der Kollision mit dem Arm sind in der Grafik 3 die Auswertungen von Versuchen mit einer höheren Federsteifigkeit abgebildet, wie sie etwa für Hände oder den Kopf gelten. Hier genügen schon Geschwindigkeiten deutlich unter 100 mm/s, um die 400 bis 500 N zu überschreiten, die am Prüfstand eingestellt sind, bevor die Klemmung zum Schutz der Mechanik gelöst wird.

Den geschilderten Aufbau verwendet das Fraunhofer IPA derzeit zur Aufnahme statistischer Messreihen. Diese können wichtige Erkenntnisse über das Design der jeweiligen Prüfkörper und damit der zu entwickelnden Robotergeometrien und Materialien liefern. Die ermittelten Messwerte sollen zudem Aussagen über die maximalen Verfahrgeschwindigkeiten eines spezifischen Roboters ermöglichen, die für den Einsatz in einer definierten Mensch-Roboter-Kollaboration möglich sind. Des Weiteren unterstützt der Prüfstand die Ermittlung unterschiedlicher Geschwindigkeitsprofile und des Bremsverhaltens von Robotersystemen. Sie werden auf die Mess-Einrichtung beaufschlagt und dienen zur Validierung von Bremssimulationen.

All diese Kenntnisse über ein Robotersystem sind letztlich notwendig, um Abnahmeprotokolle für den sicheren Einsatz eines Robotersystems für den kollaborativen Betrieb zu erstellen. In einem weiteren Schritt gilt es dann, die experimentellen Messungen an die Crash-Simulationen der Pkw-Fachexperten anzunähern, um die Ergebnisse schließlich als Hilfsmittel für den CAx-basierten Entwicklungs­prozess neuer Roboterstrukturen zur Verfügung zu stellen.

Autoren:
Marc Barho ist als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fraunhofer IPA im Bereich Industrie­robotik tätig.
Thomas Dietz ist am Fraunhofer IPA Gruppenleiter für die Themengebiete Roboterprozesse, -programmierung und -sicherheit.
Lennart Held beschäftigt sich am Fraunhofer IPA mit der Instrumentierung und Auswertung des Kollisionsprüfstandes.
Susanne Oberer-Treitz ist Projektleiterin am Fraunhofer IPA und beschäftigt sich dabei mit Methoden und Systemen zur Robotersicherheit.

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