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Artikel und Hintergründe zum Thema

Müllabfuhr im All

Jessica Lichetzki, dpa | Andrea Gillhuber,

Wie Start-ups das Weltall aufräumen wollen

Im Orbit der Erde wird es immer voller. Metallteile schwirren um den Planeten und bergen Risiken für die Raumfahrt. Deshalb müssen sie entfernt werden. Einige Unternehmen sehen darin einen Zukunftsmarkt.

Das computergenerierte Bild der European Space Agency (ESA) zeigt Weltraummüll früherer Weltraummissionen, der neben intakten Satelliten um die Erde kreist (Foto undatiert). Im Orbit der Erde wird es immer voller. Metallteile schwirren um den Planeten und bergen Risiken für die Raumfahrt. Deshalb müssen sie entfernt werden. Einige Unternehmen sehen darin einen Zukunftsmarkt.

© ESA/ESA/dpa

Man braucht sie für Handyempfang, Bankgeschäfte oder Navigationssysteme: Satelliten dienen im Weltraum längst nicht allein der Forschung. Doch viele der Flugkörper sind mittlerweile funktionslos und umkreisen die Erde als Weltraumschrott. Mit Hilfe von Start-up-Unternehmen möchte die europäische Weltraumagentur Esa für mehr Ordnung sorgen. Manche Firmen hoffen auf gute Geschäfte.

Gemeinsam mit dem Schweizer Start-up-Unternehmen Clearspace will die Esa einen Roboter in die Erdumlaufbahn schicken, der mit seinen Greifarmen Trümmerteile und defekte Satelliten entfernen soll. Clearspace-1 soll 2025 zur ersten Aufräumaktion ins All starten. »Der Markt steckt noch in den Kinderschuhen, aber wir müssen ihn fördern«, erläutert Holger Krag, Leiter des Programms Weltraumsicherheit der Esa. Mehr als 100 Millionen Euro investiert die Agentur in das Projekt. Auch Privatinvestoren sind an der Mission beteiligt.

Derzeit befinden sich mehr als 35.000 Flugkörper im All, die größer als zehn Zentimeter sind. 130 Millionen Teile sind kleiner als ein Zentimeter. »Wie bei allen Umweltproblemen muss man erstmal Müll verhindern, bevor man Müll abräumt. Sind wir gut im Verhindern? Nein«, betont Krag. Daher müsse eine Aufräumaktion her. Geplant ist, dass der Müll beim Eintritt in die Erdatmosphäre verglüht. In der Zukunft sollte Müll gleich verhindert werden, sagt der Experte. »Wir fordern, dass ab 2030 am Ende jeder Mission das Objekt verschwinden muss.«

Teure Aufräummissionen

»Wir brauchen natürlich mehrere Anbieter. So entsteht eine kompetitive Landschaft«, erläutert Krag. Noch sei das Projekt relativ kostspielig. »Natürlich ist Raumfahrt teuer. Auch eine Abräummission ist sehr teuer, vor allem die erste«, berichtet der Experte. Man setze in diesem Bereich, ähnlich wie bei der Autoproduktion, auf die Entwicklung von Routine. »Im Millionenbereich bleiben die Kosten aber auf jeden Fall.«

Auch Manuel Metz vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt sieht in Aufräummissionen ein künftiges Geschäftsmodell. »Die Idee ist ganz klar: Es soll eine Perspektive geben, kommerzielle Dienste und Anwendungen damit umzusetzen.«

Lukrativer Markt für die Industrie?

Krakenartige Roboter, die den Müll aus der Umlaufbahn fischen, reichten allein nicht aus, erläutert Metz. Vielmehr müsse es ein Zusammenspiel verschiedener Technologien geben. »Ich habe den Eindruck, dass die Industrie da eine Marktperspektive sieht. Es gibt in mehreren Ländern verschiedene Ansätze, die erprobt werden.« Teilweise werden bereits Satelliten mit spezifischen Griffen ausgestattet, um die Flugkörper später leichter zu entfernen. Wichtig seien außerdem Beobachtungstechnologien, um die Objekte genau zu lokalisieren.

Eine solche Monitoring-Strategie verfolgt beispielsweise das hessische Start-up Vyoma. Das Unternehmen will mit eignen Satelliten Echtzeitdaten sammeln, die Weltraummüll lokalisieren können. Im Erdorbit gebe es viele Satelliten, die Ausweichmanöver machen müssten, weil die Daten teilweise bis zu 48 Stunden alt seien, berichtet Mitgründer Stefan Frey. Echtzeitdaten würden die Prognose über mögliche Kollisionen mit Weltraumschrott verbessern und eine aktive Entfernung ermöglichen. Die Daten liefern beispielsweise Auskunft darüber, ob und wie schnell sich ein Objekt dreht.

Datensammeln ist allerdings nicht billig. »Bei bodengestützten Sensoren liegt der Preis zwischen 2.500 und 90.000 Dollar pro Monat für die konstante Überwachung von einem Objekt«, berichtet Frey. Das Start-up wolle sich nicht auf ein Objekt beschränken, sondern mehrere überwachen. »Bei uns gibt es einen Skalierungseffekt«, sagt der Unternehmer. Die Überwachung eines Objektes soll dadurch im Monat ein paar Hundert Euro kosten, so dass auch einige von ihnen in den Blick genommen werden können.

Der erste der beiden Vyoma-Satelliten soll 2024 starten. Kommerzielle und institutionelle Kunden gebe es bereits. »Das wird erstmal reichen, um einen Katalog aufzubauen von Objekten, die größer als 20 Zentimeter sind«, sagt Frey. Anschließend sollen zehn weitere Überwachungssatelliten folgen. Nach einer Mission sollen die Satelliten in eine bestimmte Umlaufbahn gebracht werden, um herunterzukommen und in der Erdatmosphäre zu verglühen. »Wir wollen das All ja nicht selber zumüllen.«

Weltraumschrott im Erdumfeld

Die neuesten Zahlen zum Weltraummüll, bereitgestellt vom ESA Space Debris Office im ESOC in Darmstadt. Die Informationen wurden zuletzt am 22. Dezember 2022 aktualisiert.

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Anzahl der Raketenstarts seit Beginn des Raumfahrtzeitalters im Jahr 1957Etwa 6.340 (ohne Fehlschläge)
Anzahl der Satelliten, die durch diese Raketenstarts in die Erdumlaufbahn gebracht wurden Ungefähr 14.710
Anzahl der Satelliten, die sich noch im Weltraum befindenUngefähr 9.780
Anzahl dieser Satelliten, die noch funktionierenUngefähr 6.900
Anzahl der Trümmerobjekte, die regelmäßig von Weltraumüberwachungsnetzen erfasst und in deren Katalog aufgenommen werdenUngefähr 32.500
Geschätzte Anzahl von Aufbrüchen, Explosionen, Kollisionen oder anomalen Ereignissen, die zu einer Fragmentierung führenMehr als 640
Gesamtmasse aller Weltraumobjekte in der ErdumlaufbahnMehr als 10.500 Tonnen
Nicht alle Objekte werden verfolgt und katalogisiert. Auf der Grundlage statistischer Modelle geschätzte Anzahl von Trümmerobjekten in der Erdumlaufbahn (MASTER-8, zukünftige Bevölkerung 2021)
Weltraummüllobjekte größer als 10 cm 36.500
Weltraummüllobjekte von mehr als 1 cm bis 10 cm1.000.000
Weltraummüllobjekte von mehr als 1 mm bis 1 cm130 Millionen
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