Fraunhofer IFF
Sichere MRK ab der Planungsphase
Ohne Kollisionsmessung und biofidele Messsysteme konnten die maximal zulässigen Geschwindigkeiten eines Cobots bislang nicht bestimmt werden. Dies soll sich nun ändern.
Kollaborative Roboter (sogenannte Cobots) haben sich seit ihrer Einführung als wichtiger Baustein für die Automatisierung einer Produktion bewährt. Durch ihre Ausdauer und Präzision, kombiniert mit den Fertigkeiten und kognitiven Fähigkeiten des Menschen, tragen sie im direkten Umfeld von Menschen entschieden dazu bei, Arbeitsbedingungen, Produktqualität oder Wirtschaftlichkeit nachhaltig zu verbessern. Für den schutzzaunlosen Betrieb von Cobots legt die Sicherheitsbetriebsart Leistungs- und Kraftbegrenzung (nach DIN EN ISO 10218-2 und ISO/TS 15066) die Anforderungen für den Fall einer Berührung des Menschen durch den Roboter fest. Nach DGUV-Information FB HM-080 muss die Risikobeurteilung von Robotern in der Betriebsart Leistungs- und Kraftbegrenzung eine messtechnische Untersuchung der biomechanischen Kraft- und Druckbelastungen beinhalten, die bei einer Kollision mit dem Menschen (Stoß und Klemmung) auftreten können. Erst wenn die Messung ergibt, dass der Roboter die biomechanischen Grenzwerte aus ISO/TS 15066 nicht überschreitet, gilt die Applikation als sicher.
Bislang war es nur mithilfe der Kollisionsmessung und den dafür erforderlichen biofidelen Messsystemen möglich, die maximal zulässigen Robotergeschwindigkeiten zu bestimmen. Die zunehmende Anzahl der bislang installierten Cobots verdeutlicht aber, dass diese Praxis mit einem hohen Investitionsrisiko einhergeht: Zeigt sich durch die Kollisionsmessung, dass der Cobot die biomechanischen Grenzwerte überschreitet, ist in der Regel eine Reduktion seiner Geschwindigkeit erforderlich, die gemeinhin zuungunsten seiner Wirtschaftlichkeit ausfällt. Im ungünstigsten Fall geht die Rentabilität der gesamten Applikation verloren, und das zu einem Zeitpunkt, an dem ein Großteil der Investitionskosten für Beschaffung und Installation des Cobots bereits anfielen. Es fehlt bislang eine Lösung, die schon in der Planungsphase einer MRK-Applikation zuverlässig aufzeigt, ob der Roboter die vorgegebenen Taktzeiten mit den maximal zulässigen Geschwindigkeiten erreicht. Eine solche hat nun das Fraunhofer IFF im Auftrag der Berufsgenossenschaft Holz und Metall (BGHM) entwickelt: Der ‚Cobot-Planer‘ ist ein webbasiertes Werkzeug, das Anwender von Cobots bei der sicheren und zugleich wirtschaftlichen Auslegung ihrer MRK-Applikationen unterstützt. Konzipiert als intuitive Anwendung zeigt der Cobot-Planer schon nach wenigen Mausklicks genau auf, bei welchen Geschwindigkeiten eine sichere Mensch-Roboter-Kollaboration noch möglich ist, wenn sich Mensch und Roboter berühren können und die biomechanischen Grenzwerte aus ISO/TS 15066 einzuhalten sind. Das Tool steht allen Cobot-Nutzern und Planern von MRK-Applikationen kostenfrei unter http://www.cobotplaner.de zur Verfügung.
Der ‚Cobot-Planer‘
Die Visualisierung des Robotermodells im ‚Cobot-Planer‘. Ein vereinfachtes 3D-Modell des Roboters verdeutlich dessen Zustand zum Zeitpunkt der Kollision und die Lage der Kollisionsstelle.
© Fraunhofer IFFÜber die intuitive Bedienoberfläche des Cobot-Planer beschreiben die Nutzer in drei Schritten ihre Roboter-Applikation und die möglichen Kollisionsgefahren.
Schritt 1 erfasst verschiedene Angaben aus dem Roboter-Datenblatt, etwa das Gesamtgewicht oder die maximalen Drehmomente der einzelnen Achsen. Eine dreidimensionale Visualisierung des Robotermodells veranschaulicht die Eingaben. Schritt 2 erfasst die Daten zum Roboterwerkzeug, wie zum Beispiel dessen Form und Gewicht. In Schritt 3 beschreibt der Nutzer die Gefährdung. Analog zur Risikobeurteilung ist der Begriff Gefährdung hier gleichbedeutend mit einer Momentaufnahme der Situation, die einer möglichen Kollision unmittelbar vorausgeht.
Die genaue Kenntnis der Situation ist notwendig, da sie erheblichen Einfluss auf das Kollisionsgeschehen und damit auch auf die Höhe der Kollisionskräfte und -drücke nimmt. So entscheiden zum Beispiel die räumlichen Bedingungen an der Kollisionsstelle darüber, ob es sich bei der Kollision um einen Stoß oder eine Klemmung handelt, und damit indirekt auch, wie hoch die Geschwindigkeit des Roboters vor der Kollision maximal sein darf. Einen weiteren Einfluss auf die Geschwindigkeiten haben die gefährdeten Körperteile des Menschen, da ISO/TS 15066 für jeden einen anderen biomechanischen Grenzwert vorgibt. Die Stellung des Roboterarms, seine Bewegungsrichtung und die Beschaffung der Kollisionsstelle haben ebenfalls einen relevanten Einfluss auf die Wirkung einer Kollision. Für die Übermittlung der genannten und weiteren Einflussparameter stellt der Cobot-Planer exemplarische Auswahlmöglichkeiten bereit, zwischen denen der Nutzer interaktiv wählen kann.
Nach dem Anlegen einer Gefährdung simuliert der Cobot-Planer die beschriebene Kollision und ermittelt aus den Ergebnissen die maximal zulässige Geschwindigkeit, bei denen der Roboter die biomechanischen Grenzwerte bei Eintritt der Kollision sehr wahrscheinlich einhält. Die Ausgabe beinhaltet die maximalen Achs- und TCP-Geschwindigkeiten. Auf Grundlage der berechneten Geschwindigkeiten kann der Nutzer die erreichbare Taktzeit abschätzen und so die Wirtschaftlichkeit der gesamten Applikation bewerten.
Geschützte Nutzerdaten und technologische Basis
Die Visualisierung des Robotermodells im ‚Cobot-Planer‘. Ein vereinfachtes 3D-Modell des Roboters verdeutlich dessen Zustand zum Zeitpunkt der Kollision und die Lage der Kollisionsstelle.
© Fraunhofer IFFDie Eingaben der Nutzer können durchaus vertrauliche Informationen enthalten. Um sie vor unberechtigtem Zugriff zu schützen, speichert der Cobot-Planer die Eingabedaten nicht. Der Server, auf dem die Web-Anwendung läuft, ist so konfiguriert, dass er alle Eingaben unwiderruflich löscht, sobald ein Nutzer länger als 30 Minuten inaktiv war. Um die Eingabedaten für die spätere Wiederverwendung dauerhaft zu speichern, kann der Nutzer den gesamten Workspace des Cobot-Planer herunterladen und lokal ablegen. Bei der nächsten Verwendung des Tools genügt es dann, den Workspace wieder hochzuladen. Diese sehr einfache Datenschnittstelle gewährleistet, dass die Daten beim Nutzer verbleiben.
Die Upload-Funktion des Cobot-Planer ermöglicht es zudem, Modelle – etwa zu spezifischen Robotern – aus anderen Quellen zu laden. Damit würde das eigenständige Anlegen eines Robotermodells entfallen. Die Idee ist, dass Roboterhersteller eigene Modelle zu ihren Robotern anbieten, die Nutzer direkt in den Cobot-Planer laden können. Eine erste Zusammenstellung verschiedener Robotermodelle stellt das Fraunhofer IFF auf http://www.aroundrobots.com kostenfrei zur Verfügung.
Geplant ist, den Funktionsumfang des Cobot Planer bis 2025 ständig zu erweitern. Bis Ende 2021 soll es zum Beispiel möglich sein, zwischen den Sprachen deutsch und englisch zu wechseln. Außerdem werden noch in diesem Jahr neue Körperstellen freigeschaltet, die bisher nicht anwählbar sind. In die regelmäßigen Updates fließen auch punktuelle Verbesserungen und Korrekturen ein, die Nutzer über den Cobot-Planer an das Fraunhofer IFF zurückmelden können.
Die technologische Basis
Die technologische Basis für den Cobot-Planer und dessen Simulationsteil sind verschiedene Modelle, die das Kollisionsgeschehen und dessen Wirkung auf den Menschen präzise nachbilden. Zu den Modellen zählen ein Gefährdungsmodell, ein dynamisches Robotermodell sowie ein biomechanisches Modell des Menschen.
Bei dem Gefährdungsmodell handelt es sich um ein strukturiertes Datenmodell, das die Situation, die der Kollision unmittelbar vorausgeht, anhand relevanter Merkmale aufnimmt und für die spätere Simulation wiedergibt. Das Robotermodell berücksichtigt den dynamischen Einfluss des Roboters auf das Kollisionsgeschehen. Es repräsentiert den Roboter als Mehr-Körper-System (MKS), das vor der Simulation anhand der Nutzereingaben parametriert wird. Um Nutzern den Einstieg in den Cobot-Planer zu erleichtern, hat das Fraunhofer IFF die Eingabemöglichkeiten ganz bewusst auf Angaben beschränkt, die der Nutzer auch im Datenblatt des Roboters findet. Ein statistisches Regressionsmodell schätzt dann die fehlenden Modellparameter aus den Eingaben ab und überträgt sie auf das Robotermodell. Der Entwicklung des Regressionsmodells ging eine statistische Analyse der am Markt verfügbaren Cobots voraus. Aus ihr ging hervor, dass die zahlreichen Massenparameter des MKS mit dem Gesamtgewicht und maximalen Drehmomenten der Achsen korrelieren.
Der Autor: Dr. Roland Behrens ist Gruppenleiter INS (Modellbasierte MRK-Integration und Sicherheit) beim Fraunhofer IFF, Abteilung Robotersysteme, in Magdeburg.
© Fraunhofer IFFVor jeder Simulation reduziert der Cobot-Planer das komplexe MKS-Modell auf ein hinreichend genaues Ersatzmodell. Dank der Reduktion verkürzt sich die sonst sehr hohe Simulationszeit, wobei die Aussagegenauigkeit erhalten bleibt. Weitere Teile des Modells geben den Einfluss der Robotersteuerung wieder. Da sich die Steuerungen der einzelnen Roboterhersteller stark unterscheiden, beschränkt sich das Modell auf grundlegende Steuerungsprinzipien, beispielsweise die von Sicherheitsfunktionen. Grundsätzlich kann der Cobot-Planer auch Robotermodelle verarbeiten, deren Beschreibung alle notwendigen Daten und die genauen Steuerungsalgorithmen enthalten.
Das biomechanische Modell des Menschen beruht auf Daten und Erkenntnissen aus zahlreichen und weltweit einmaligen Probandenstudien, die das Fraunhofer IFF im Auftrag der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) und der BGHM von 2015 bis 2019 durchführte. Im Cobot-Planer berechnet das Menschmodell für jede ausgewählte Körperstelle eine separate Kraft-Deformations-Kennlinie, wie sie sich bei einer Kollision an der Kontaktstelle einstellen würde. Jede Kennlinie bildet dann in der Simulation das biomechanische Verhalten der zugehörigen Körperstelle präzise nach. Der Cobot-Planer simuliert mit dem Robotermodell und den Kennlinien die Kollision für jede ausgewählte Körperstelle separat. Anschließend gibt er die niedrigste Geschwindigkeit, die sich für die am höchsten beanspruchte Körperstelle ergab, an den Nutzer zurück.
Die Simulationsergebnisse des Cobot-Planer hat das Fraunhofer IFF zusammen mit Ärzten der Klinik für Unfallchirurgie der Otto-von-Guericke-Universität experimentell validiert. In den Versuchen wurden Probanden durch einen repräsentativen Cobot mit leichten Stößen belastet. Sobald der Proband ab einer bestimmten Kollisionsgeschwindigkeit ein leichtes Schmerzgefühl verspürte, wurde der laufende Versuch beendet. Die Versuche fanden unter Einbeziehung der zuständigen Ethikkommission und in Begleitung von Ärzten statt. Aus den Ergebnissen geht hervor, dass die experimentell ermittelten Geschwindigkeiten innerhalb der üblichen Varianz um die Geschwindigkeiten streuten, die der Cobot-Planer aus der Simulation bestimmte.
Die weitere Entwicklung
Die Technologie des Cobot-Planer geht aus den Vorarbeiten des Fraunhofer IFF zum Forschungsschwerpunkt Computer-Aided-Safety hervor. In diesem Themenbereich befasst sich das Fraunhofer IFF seit 2017 mit praxisnahen und teilautomatisierten Methoden für die zuverlässige Planung von MRK-Applikationen. Für die Sicherheitsbetriebsarten Leistungs- und Kraftbegrenzung sowie Geschwindigkeits- und Abstandsüberwachung (nach DIN 10218-2 und ISO/TS 15066) verfügt das Fraunhofer IFF bereits über marktreife Softwarelösungen, die sich mühelos in bestehende Software für die Planung von Roboter-Applikationen integrieren lassen. Aktuell arbeitet das Fraunhofer IFF an der weiteren Validierung der Technologie, die im Cobot-Planer zum Einsatz kommt. Das mittelfristige Ziel der Arbeiten ist die Etablierung einer zuverlässigen und vollständig digitalisierten Alternative zur Kollisionsmessung.

















