Getränkeabfüllung
RoboFill 4.0 - starre Anlagenkonzepte auflösen
Derzeitige (Abfüll-)Konzepte in der Getränkeindustrie basieren in der Regel auf starren Automatisierungsstrukturen. Das Projekt RoboFill 4.0 will dies ändern – die Robotik spielt hier eine zentrale Rolle.
Die Bereitstellung von personalisierten und kundenindividuellen Produkten ist ein unausweichlicher Trend, der auch den Markt der Lebensmittelherstellung zunehmend prägt. Das individuelle Wunschdenken kann hierbei von sehr vielschichtiger Motivation geprägt sein – etwa vom veränderten Gesundheitsbewusstsein oder vom Streben nach Naturbelassenheit. Sehr erfolgreiche Vermarktungsstrategien von Produkten wie zum Beispiel MyMüsli zeigen deutlich das vorhandene und zukünftig weiter steigende Marktpotenzial auf. So bietet MyMüsli seinen Kunden bereits heute an, ihr Müsli über ein internetbasiertes Shopsystem selbst zusammenzustellen, um sich anschließend eine individuelle Komposition zu bestellen.
Im Vordergrund steht bei derartigen Konzepten immer das direkte Einbinden von Kundeninteressen in den Produktions- und Kommissionierungsvorgang eines Lebensmittels. Das heißt: Der Verbraucher tritt vor der Herstellung mit dem Produzenten in Kontakt und die Produktion verläuft entsprechend den geäußerten Wünschen. Die Zustellung erfolgt ebenfalls direkt an den Endkunden, so dass auf zusätzliche Handelsstufen oder Lagervorgänge weitgehend verzichtet werden kann.
Wenn es an die Umsetzung derartiger Konzepte in die Praxis geht, stoßen die bisher eingesetzten Produktions- und Prozessleitstrukturen allerdings schnell an ihre Grenzen. Denn die heutigen Fertigungsstrukturen sind nicht darauf ausgelegt, die geforderte Mengen- und Formatflexibilität wirtschaftlich und nachhaltig sicherzustellen. Dies zeigt sich insbesondere in der Getränkeindustrie: Die heute hier eingesetzten Abfüll- und Verpackungsanlagen sind komplex beziehungsweise starr verkettete Linien, die aus mehreren Maschinen und Modulen bestehen und auf hohe Wiederholungszahlen einzelner Produkte ausgelegt sind. Speziell die industrielle Abfüllung von Getränken erfolgt nach derzeitigem Stand der Technik fast ausschließlich in Karussellmaschinen mit Höhen-/Volumendosiersystemen oder Wägesystemen. Bei entsprechend hoher Spezialisierung erreichen derartige Anlagen eine Ausbringung von bis zu 80.000 Flaschen pro Stunde. Schnelle oder gar individuelle Wechsel der zu verarbeitenden Formate oder Produkte sind unter Berücksichtigung wirtschaftlicher Gesichtspunkte jedoch nicht möglich.
Entsprechend unflexibel sind auch die bestehenden Automatisierungskonzepte und die derzeit vorherrschenden Produktionsabläufe. Zwar sind die Produktionsanlagen miteinander im Sinne der seit Jahrzehnten etablierten IT-Pyramide vernetzt, ihr Wirken ist aber in der Abfolge starr und an vorab definierte Strukturen geknüpft. Dies trifft auch auf die einzelnen Produktionseinheiten zu. Sie können weder autark betrieben werden, noch lassen sie sich ohne größeren Aufwand mit Cloud-basierten Diensten vernetzen, um auf entsprechende Verbraucher-, Prozess- oder Logistikanforderungen hin individuell reagieren zu können.
Kurzum: Aufgrund der starren mechanischen und auch informationstechnischen Verkettung der Maschinen sind der Individualisierung auch im Sinne von modularisierten Produktionslinien enge Grenzen gesetzt. Insofern existiert derzeit kein angepasstes, dynamisches Abfüllkonzept für kleine und mittelständische Unternehmen, welches eine format- und losgrößenflexible Produktion mit wenigen Flaschen oder gar bis hin zum Unikat erlauben würde.
Bild 1: Das Flussdiagramm einer starr verketteten Mehrweg-Getränke-Abfüllanlage zeigt, wie der derzeitige Stand der Technik bei der Getränkeabfüllung aussieht.
© Technische Universität MünchenGenau hier setzt RoboFill 4.0 an. Im Rahmen dieses Forschungsprojektes soll ein völlig neuartiges, flexibles und um weitere Produktionseinheiten modular erweiterbares Automatisierungskonzept zur industriellen Bereitstellung von kundenindividuellen Getränken entwickelt werden. Eine schematische Darstellung des Konzepts ist in Bild 1 illustriert: Alle Anlagenkomponenten sollen als Cyber-Physische Systemkomponenten gestaltet werden. Diese sind im Sinne des Leitgedankens ‚Internet der Dinge‘ mittels Netzwerk- und Cloud-Technologien in der Lage, untereinander und mit überlagerten Systemen zu kommunizieren.
Im Fokus steht dabei neben der Bereitstellung und Entwicklung eines adaptierbaren und flexibel erweiterbaren Abfüll- und Materialflusskonzeptes ein dezentrales Steuerungskonzept, welches die Koordination der Module in der Anlage übernimmt. Die Synchronisation der Kundenwünsche, Produktionsaufträge sowie die zugehörige Produktionsplanung und -steuerung erfolgt über ein virtuelles Abbild. Durch die Kommunikation mit dem sogenannten digitalen Schatten und den damit verbundenen Austausch von planungsrelevanten Daten, wie beispielsweise dem Auslastungsgrad eines Abfüllmoduls, wird eine situative Anpassung des Produktionsablaufs zu dessen Optimierung ermöglicht.
Das Produkt besitzt ebenso einen virtuellen Repräsentanten, welcher mit den einzelnen Modulen in Kontakt tritt, so dass es sich selbstständig durch den Abfüllvorgang steuert. Darüber hinaus ist es dadurch möglich, dass die lokale und zeitliche Repräsentation der einzelnen Anlagenkomponenten dynamisch gestaltet werden kann. Im Gegensatz zu den starr konfektionierten und gesteuerten Produktionslinien der Abfüll- und Getränkeindustrie sollen im Projekt hochflexibel arbeitende und intelligent durch das Produkt gesteuerte Bearbeitungsstationen entstehen. Um dies zu bewerkstelligen, entwickeln die Projektpartner eine auf einem digitalen Ticket basierende Technologieplattform. Mittels dieser sind alle Bestandteile in sich autark gestaltet und in der Lage, kontinuierlich miteinander zu kommunizieren sowie den derzeitigen Modulzustand untereinander auszutauschen. Das Ticket, welches durch den Kundenauftrag generiert wird, bestimmt in stetigem Informationsaustausch über die Cloud sämtliche Prozessabläufe sowie den Materialfluss und anfallende Konsumenteninteraktionen. Im Rahmen des Forschungsprojektes entsteht diesbezüglich eine Demonstratoranlage, welche alle nötigen Funktionalitäten umfasst.
Agentenbasiertes Steuerungskonzept
Bild 2: Schematische Darstellung des Abfüllkonzeptes für die individualisierte Bereitstellung von Getränken.
© Technische Universität MünchenBis hierher lässt sich festhalten: Das von der Bundesrepublik angestoßene Zukunftsprojekt Industrie 4.0 bietet ideale Voraussetzungen, um für die Brau- und Getränkeindustrie neue, kundenorientierte und flexible Wertschöpfungsketten zu erschließen. Hierbei verschmelzen anlagentechnische Komponenten innerhalb eines Verbundes mit Elementen informatischer und softwaretechnischer Komponenten, die über eine Dateninfrastruktur dezentral über das Internet kommunizieren.
Ein zentraler Aspekt dieser neuen Produktionsphilosophie ist die dezentrale Selbstorganisation der Produktion, die einen produktbasierten Steuerungsablauf erfordert und damit einen Grundsatzwechsel seitens der derzeitig dominierenden Fertigungsstrukturen einläutet. Umsetzen lässt sich ein solcher Ansatz mit einem sogenannten Multi- oder Software-Agentensystem, bei dem jede relevante Fertigungskomponente ein intelligentes, kommunizierendes und zielgerichtet handelndes Objekt darstellt. Die mit Intelligenz ausgestatteten Objekte haben Ziele, die sie selbstständig erreichen müssen. Darüber hinaus besitzen sie interne Zustände, über die sie Auskunft geben und sich mit anderen intelligenten Objekten oder dem Menschen in der Produktion austauschen können.
Zur Umsetzung des Projekts gliedert sich dieses in mehrere Bereiche. In einem ersten Schritt gilt es, die physischen Produktionsmodule eines Abfüllkonzeptes (zum Beispiel Drucker, Rinser, Füller, Verschließer) als autarke Module CPPS-fähig zu gestalten. Eine besondere technologische Herausforderung ist hierbei das Schaffen eines flexiblen Füllsystems. Für die kundenindividuelle Gestaltung der Flaschen ist eine direkte Tintenstrahlbedruckung der Flaschen vorgesehen (Firma Till). In einem zweiten Kernbereich kommt ein flexibles Materialflusssystem zum Einsatz, das die Aufgabe eines systeminternen Logistik-Dienstleisters übernimmt. Spezielle Industrieroboter mit intelligenten Greifsystemen realisieren dabei die funktionsspezifische Handhabung an den Bearbeitungsstationen. Eine große Aufgabe ist diesbezüglich die flexible Gestaltung der Anlagen- und Steuerungstechnik, um auf alle Gegebenheiten einer kontextspezifischen Änderung des Produktionsumfeldes reagieren zu können.
Bild 3: Konzeptübersicht RoboFill 4.0: Dargestellt ist das Zusammenspiel von Kundenportal, Auftragssystem und Fertigungsablauf, welcher sich durch die Interaktion zwischen der physischen und der virtuellen Produktionsumgebung in der Cloud ergibt.
© Technische Universität MünchenDaraus folgt, dass die eingesetzten Roboter unterschiedlichste Handhabungsaufgaben durchführen, welche vom Handhabungsgut selbst aufgerufen und bestimmt werden. An diese unterschiedlichen Prozesse muss sich vor allem die Greiftechnik anpassen können, da sie das Bindeglied zwischen Produkt und Roboter darstellt. Im Fokus steht die Befähigung des Greifers zur schnellen Anpassung an die Aufgabe, beispielsweise in puncto Hub und Kraft. Darüber hinaus soll das Handhabungssystem in der Lage sein, die Parameter der Flasche zu verifizieren, also zum Beispiel deren Form, Größe und Gewicht. Das Greifsystem bekommt hierbei die Informationen über das zu greifende Produkt vom Agentensystem übermittelt und überprüft die Daten über die integrierte Sensorik. Im gesamten Kontext entsteht somit ein flexibles Handhabungssystem, bei welchem die Produktüberprüfung bereits während der Zeit des Handlingvorgangs erfolgt.
Der dritte Kernbereich beinhaltet die Entwicklung des Produktionssteuerungskonzeptes sowie die Synchronisierung der einzelnen Materialfluss- und Anlagenmodule. Entsprechend dem Leitgedanken einer Produktionssteuerung ‚durch das Produkt‘ wird ein Software-Agentensystem entworfen und auf den Anwendungszweck einer robotergestützten Abfüllung hin ausgerichtet. Diesbezüglich sind alle physischen Module sowohl des Produktions- als auch des Materialflusssystems mithilfe von Software-Agenten virtuell zu repräsentieren und die physische Produktionsumgebung mit dem virtuellen Abbild informationstechnisch zu synchronisieren. Die virtuelle Produktionsumgebung setzt sich dabei aus Cloud-basierten Diensten zusammen, welche das Agentensystem, ein webbasiertes Kundenportal sowie die Auftrags- und Datenverwaltung mit einem Datenbanksystem umfasst. Durch die Cloud-basierten Dienste kann der gesamte Prozess inklusive Materialflussablauf abgebildet, koordiniert und auf die realen, physischen Anlagenkomponenten übertragen werden.
Jedes Modul der Cyber-Physischen Abfüllanlage (CPA) meldet sich mit seinen spezifischen Eigenschaften und Fähigkeiten (Skills) an und wird über das Materialflusssystem bezüglich seiner Positionsdaten erfasst. Die physischen Module und die Software-Agenten stellen dabei in Bezug zum Gesamtsystem zunächst nur Grundfunktionalitäten bereit und werden erst über die Verknüpfung der angebotenen Dienste, die ihren Fähigkeiten entsprechen, mit Produktionsaufträgen und mit Produktionswissen versorgt. Die produktspezifische Parametrisierung der Verarbeitungsmodule erfolgt dabei durch den digitalen Schatten der zu fertigenden Flasche, welche die Parameter direkt kommuniziert. Um eine Rückverfolgbarkeit aller Prozesse zu gewährleisten, werden die Prozessdaten darüber hinaus durch das Modul weiter kommuniziert und abgespeichert.
Für die direkte Einbindung des Verbrauchers in das angestrebte Abfüllkonzept wird schließlich ein Online-Kundenportal geschaffen, welches dem Kunden das Konfigurieren (zum Beispiel verschiedene Getränke, verschiedene Behälter, kundenspezifische Ausstattung und Gestaltung) und Bestellen individueller Getränkeprodukte ermöglicht.
Autoren:
Prof. Dr. Thomas Becker ist Ordinarius des Lehrstuhls für Brau- und Getränketechnologie an der TU München;
Stephan Birle koordiniert das Projekt RoboFill 4.0 an der TU München;
Georg Götz ist Gruppenleiter Flexible Anlagentechnik am Fraunhofer IWU;
Tobias Voigt ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Lebensmittelverpackungstechnik der TU München.
Die Projektpartner
Mit dem Multiagentensystem iAgent bringt Infoteam Software eine Kernkomponente für die dezentrale Produktionssteuerung in das Forschungsprojekt RoboFill mit ein. Aufgrund der sehr engen Verflechtung aus Hardware- und Softwarekomponenten erfolgt zusätzlich eine interdisziplinäre Zusammenarbeit von verschiedenen in ihren jeweiligen Tätigkeitsfeldern seit Jahren ausgewiesenen Kompetenzträgern der Brau- und Getränketechnologie, Abfüll- und Verpackungstechnik, Robotik, Mechatronik, Automatisierungstechnologie und Informationstechnologie. Konkret handelt es sich hierbei um die Unternehmen Krones, Beckhoff, Proleit, Zimmer, Siemens, Till und Yaskawa Europe sowie die Staatsbrauerei Weihenstephan. Die wissenschaftliche und administrative Koordination erfolgt in kooperativer Zusammenarbeit des Lehrstuhls für Brau- und Getränketechnologie, dem Lehrstuhl für Lebensmittelverpackungstechnik und dem Fraunhofer IWU (Projektgruppe RMV).
















