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Artikel und Hintergründe zum Thema

Big Data

Dr. Fabian Bause, Dr. Rainer Mümmler | Meinrad Happacher,

Online die Maschinendaten im Griff

Riesige Datenmengen in wertvolle Informationen verwandeln – wie lässt sich dieser Ansatz einer Smart Industry umsetzen? Die Verknüpfung PC-basierter Steuerungen mit Matlab und einem IoT-Analaytikdienst auf Cloudbasis kann ein praktikabler Ansatz sein.

© AdobeStock/yingyaipumi

Eine Smart Industry wird vertraute Paradigmen verändern, so zum Beispiel die Form der gängigen Automatisierungspyramide. Ein aktueller Trend ist etwa die direkte Anbindung der MES- und sogar der ERP-Schicht an die speicherprogrammierbaren Steuerungen im Feld. Anders als in früheren Interpretationen der Pyramide erfassen diese oberen Schichten nun nicht nur Daten von den direkt darunter liegenden Schichten, auf denen sie reduziert und analysiert wurden, sondern sie können auch Rezeptdaten direkt an Steuerungen senden und im Gegenzug Statusberichte erhalten. Dies ebnet den Weg für die Flexibilität und die Reaktionszeiten, die eine Smart Industry benötigt.

Automatisierung auf B2M-Ebene

Künftige Produktions- und Wartungsumgebungen müssen immer mehr Anlagen einbeziehen, die auf verschiedene Standorte oder sogar weltweit verteilt sind. Maschinenbauer möchten in Zukunft weltweit betriebene Anlagen vergleichen und bewerten und Wartungsverträge auf der Grund­lage von Remote-Funktio­nalität anbieten. Die Einrichtung automatisierter Prozesse auf den Schichten 2 und 3 der Automatisierungspyramide und die Vernetzung von Remote-Anlagen sind daher die Zukunft der Automatisierung: Sie ermöglichen Aufwandsreduzierung, umfassendere Datenanalysen sowie eine Rationalisierung und Beschleunigung der Umsetzung von Aufträgen und Geschäftsentscheidungen in globalen Unternehmen.

Sowohl Produktionsunternehmen als auch Maschinenbauer müssen dies nicht nur effizient erledigen können, sondern auch – was in der Diskussion über eine Smart Industry oft vernachlässigt wird – sicher, das heißt ohne Gefährdung des sicheren Betriebs, der Netzwerk-Integrität und wertvoller vertraulicher Daten.

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SCADA als Einstiegspunkt

Bild 1: Die fünf Schichten der Automatisierungs­pyramide mit den ­Informationsflüssen, wie sie bis dato gängig waren.

© Mathworks

Ein guter Einstiegspunkt für Ingenieure, Produktionsplaner und Maschinenbauer ist die SCADA-Ebene (Schicht 2), auf der alle relevanten Produktionsdaten bereits reduziert ankommen und analysiert werden. Eine einfache Möglichkeit, sich mit externen Netzwerken zu verbinden und mehr Rechenleistung zu nutzen, besteht dabei im Einsatz eines Edge-Gerätes. Indem sie dieses Gerät auf der Scada-Ebene hinzufügen, können Unternehmen ihre MES- und ERP-Arbeiten an weniger Standorten oder sogar einem einzigen Standort konzentrieren. Damit ist es relativ einfach,  Maschinenbauern Zugriff auf Daten von der Fertigungs- und SPS-Ebene zu gewähren, nicht aber auf Geschäfts- und Unternehmensdaten.

Ein Ansatz für den Aufbau sicherer Verbindungen zwischen verteilten Fabriken ist der Einsatz von VPNs. Ihre Einrichtung und Wartung bringen jedoch mehrere Herausforderungen mit sich. Schon die Herstellung der Verbindung mit einer einzelnen Maschine und der Datenaustausch mit ihr können frustrierend sein und den Betrieb beeinträchtigen. 

Eine Alternative ist die Nutzung cloudbasierter Lösungen, die die Vorteile einer sicheren Datenübertragung – über ein VPN – bieten und die Nachteile der Aufrechterhaltung der Netzwerk-Verbindung minimieren. Ein verbreiteter Sicherheitsmechanismus ist TLS (Transport Layer Security). Dieses Protokoll findet in der Cloud-basierten Datenkommunikation häufig Verwendung. Traditionell arbeiten solche Lösungen auf Client-/Server-Basis. Wenn ein Ingenieur mit einer SPS an einem Remote-Standort kommunizieren möchte, fungiert die SPS, die die Daten anbietet, als Server, und die Maschine des Benutzers übernimmt die Rolle eines Clients und stellt eine direkte Verbindung mit der SPS her. Diese Verbindung lässt sich leicht über TLS sichern, wenngleich für eine derartige Kommunikation in der Firewall ein Port geöffnet werden müsste. Die meisten IT-Administratoren lehnen aber genau dies ab, und das Projekt wird aufgegeben, sodass Möglichkeiten zu Datenaustausch und -analysen ungenutzt bleiben.

Eine sichere Publisher-/Subscriber- Plattform

Bild 2: Das Verbinden eines IoT-Analytikdienstes auf Cloud-Basis mit der Automatisierungs­pyramide. Der Dienst lässt sich leicht und sicher in bestehende IT-Infrastrukturen einbinden.

© Mathworks

Um diese Einschränkungen zu überwinden, lassen sich cloudbasierte Dienste wie ThingSpeak einsetzen, die Publisher/Subscribe-Modelle verwenden. ThingSpeak ist ein IoT-Analytikdienst von Mathworks, mit dem sich Live-Datenströme in der Cloud aggregieren, visualisieren und analysieren lassen (Bild 2). Der Dienste-Server selbst kann dabei in einem sicheren Netzwerk platziert werden und darf eine statische IP-Adresse erhalten. Er fungiert dann als Message Broker, sodass alle ihm zugänglich gemachten Daten nur über eine ausgehende Verbindung gesendet werden. Jeder Subscriber sendet seine Anfragen ebenfalls über eine ausgehende Verbindung und erhält Daten als TCP-Antwort. Dies entspricht sehr genau der Funktionsweise von Webbrowsern und ist IT-Administratoren daher vertraut.

Dieser Ansatz hat eine Reihe von Vorteilen:

  • Alle Beteiligten dieser Kommunikation müssen nur die IP-Adresse des Message Brokers kennen. IP-Informationen der Teilnehmer müssen ausschließlich für die individuelle Verbindung zum ThingSpeak-Server offengelegt werden.
  • Neue Publisher und Subscriber lassen sich einfach hinzufügen. Dies macht die Anwendung flexibel und skalierbar.
  • Da jede Verbindung zum ThingSpeak-Server im Wesentlichen eine ausgehende ist, entstehen aus dieser Lösung keine zusätzlichen Firewall-Anforderungen. Sie kann daher leicht und sicher in bestehende IT-Infrastrukturen integriert werden.

Kanalkonfiguration, Daten-Streaming und integriertes Matlab

Die Kommunikation mit dem Analytik-Dienst basiert auf Kanälen, deren Konfiguration einfach zu handhaben ist und selbst für neue Anwender nur wenige Minuten in Anspruch nimmt. Kanäle haben Lese- und Schreib-API-Schlüssel und können als öffentlich oder privat festgelegt werden, wobei der Standard privat ist. Jeder Kanal enthält acht Felder, um acht Datenströme zu speichern, wie etwa Sensormesswerte, elektrische Signale oder Temperaturen. Jeder Kanal kann bis zu einmal pro Sekunde aktualisiert werden. Jedes Feld jedes Kanals besitzt eine Standardvisualisierung, die automatisch aktualisiert wird, wenn neue Daten eintreffen, und enthält iFrame-Code, der eine einfache Einbettung in andere Anwendungen ermöglicht.

Um Daten für diese Kanäle zu erfassen, bietet ThingSpeak REST- oder MQTT-APIs, eine Communication Library für Arduino- und Particle-Geräte, Write-Blöcke in Hardware Support Packages für Arduino und Raspberry PIs und andere gängige Protokolle. Während die REST-API plattformspezifisch ist, ist die MQTT-API allgemein (Bild 3). Einzige Voraussetzung für MQTT ist, dass der Anwender das richtige Nutzdatenformat angibt.

Bild 3: Die Datenerfassung mit dem MQTT-Protokoll. Einzige Voraussetzung ist: Der Anwender muss das richtige Nutzdatenformat angeben.

© Mathworks

Sobald sich Kanaldaten in dem Analytik-Dienst befinden, lassen sie sich in der Cloud speichern oder sofort verarbeiten und visualisieren. Wenn der Anwender mit einem MathWorks- oder ThingSpeak-Konto angemeldet ist, bietet der Dienst die Möglichkeit, Matlab-Code ohne weitere Lizenz auszuführen. Mehr als ein Dutzend Toolboxen bieten Funktionen für Statistik, Analysen, Signalverarbeitung und Machine Learning. Für Matlab-Skripte kann die Ausführung in bestimmten Zeitabständen geplant werden, sodass aktualisierte Berechnungen und Visualisierungen zu festen Zeiten möglich sind.

Diese Skripte lassen sich durch einfaches Kopieren und Einfügen von Matlab-Code in dem Dienst integrieren. Im Interesse der Benutzerfreundlichkeit sowie zum Testen kann dieser Code auf jedem Desktop- oder Laptop-PC mit Matlab-Lizenz geschrieben werden. So wird der Analytik-Dienst zu einer natürlichen Cloud-Erweiterung des Matlab-Desktops. Anwender können auch Nachrichten konfigurieren, die ihnen bei Maschinenausfällen, Schwellenwert-Überschreitungen von Parametern oder anderen spezifischen Ereignissen per E-Mail oder Twitter gesendet werden, sodass sie nicht nur an der Anlage, sondern auch von einem Remote-Standort aus sofort reagieren können.

Der Analytik-Dienst allein garantiert noch keine erfolgreiche IoT-Umgebung, kann aber sehr einfach Teil einer solchen Umgebung sein. Um dies zu verstehen, gilt es einen weiteren Blick auf die Datenerfassung und -verarbeitung in der Pyramide werfen.

In der Fertigung werden Live-Daten lokal auf der Steuerung in Echtzeit ver­arbeitet. Diese Art der Stream-Verarbeitung erfordert eine enorme Bandbreite und somit Feldbusse mit Datenraten von bis zu einigen Gbit/s. Diese bietet etwa Beckhoff mithilfe von Port-Multiplikatoren mit standardmäßigem 100 Mbit/s Ethercat oder per Ethercat G mit 1 Gbit/s Datenrate. Die benötigten Algorithmen können in Matlab und Simulink entwickelt und dann über entsprechende Coder zusammen mit dem Target für Matlab/Simulink zur nahtlosen Integration in die Automatisierungssoftware Twincat 3 von Beckhoff in der SPS integriert werden. Dieser Ansatz sorgt für eine schnelle V­erarbeitung mit deterministischen Reaktionszeiten und Latenzen im Bereich von unter einer Millisekunde, die für echtzeitgesteuerte Prozesse erforderlich sind. Anwendungen für diese Art der Daten­verarbeitung sind Zustands- und Energieüberwachung, Computer-Vision-Anwendungen sowie Informationskompression. 

Bild 4: Die Datenverarbeitung kann sowohl auf der SPS – der Twincat 3 Runtime – oder auf dem Edge-Device – der Twincat 3 Runtime/Matlab Compiler Runtime – erfolgen.

© Mathworks

Nachteile der Beschränkung der Datenverarbeitung auf die SPS-Schicht: Es kann nur ein bestimmter Prozess überwacht und gesteuert werden – ohne Kenntnis angrenzender Prozesse, Maschinen oder Anlagen. Zudem lassen sich nur Live-Daten verwenden (keine Verlaufsdaten).

Aus diesem Grund werden von mehr als einer Steuerung stammende Daten oft auf der Scada-Schicht weiterverarbeitet. In Bild 4 ist dies auf dem Edge-Gerät implementiert – zum Beispiel einem Industrie-PC – das die Verbindung mit dem Analytik-Dienst bildet. Diese Struktur ermöglicht die Datenstromverarbeitung sowie den Vergleich mit gespeicherten Daten. Sie unterscheidet sich wesentlich von der SPS-Schicht, auf der lediglich Datenströme fließen und praktisch keine Speicherung stattfindet.

Vorteile der Datenverarbeitung auf einem Edge-Gerät sind die hohe Rechenleistung und der umfangreiche Arbeitsspeicher in Kombination mit der hohen Bandbreite des Gbit-LAN. Dennoch kann das Edge-Gerät keine deterministischen Reaktionszeiten erreichen und somit nicht dazu dienen, Prozesse in Echtzeit zu steuern. Auch hier kann der benötigte Code in Matlab geschrieben oder aus Simulink-Modellen generiert werden. Die Bereitstellung auf dem Edge-Gerät, etwa über einen Compiler, sorgt für eine schnelle Ausführung von Laufzeitanwendungen. Mit dem Twincat 3 Interface für Matlab/Simulink kann eine schnelle Kommunikation zwischen der SPS-Schicht und der Matlab Runtime auf einem Edge-Gerät erreicht werden, die Funktionalität von Client und Server einschließt. Letztere umfasst die Möglichkeit, in Matlab geschriebene Funktionen als aufrufbare Funktion aus der SPS heraus darzustellen (asynchroner Remote-Prozedur-Aufruf). Typische Anwendungen sind prozessübergreifende Statistiken, die modellbasierte Optimierung, die Anomalie-Erkennung und wiederum die Informationskompression.

Die gesamte bisher beschriebene Datenverarbeitung findet lokal in einem einzigen, geschlossenen Netzwerk statt. Während dieser Ansatz einen umfassenden Überblick über eine Anlage oder einen Standort geben kann, ermöglicht er keine Überwachung oder Steuerung von Prozessen, die auf verschiedene Standorte verteilt sind. Diese Möglichkeit bietet ThingSpeak.

Außerhalb der herkömmlichen Pyramide

Da ThingSpeak über ein externes Netzwerk mit dem Edge-Gerät verbunden ist, ist eine Datenreduktion oft aus Gründen der Bandbreite erforderlich. Diese Reduktion kann beispielsweise durch Algorithmen erfolgen, die leicht in die von einem Matlab Compiler erstellte Laufzeitanwendung integriert werden können. Der Analytik-Dienst kann den eingehenden Datenstrom speichern oder sofort verarbeiten. Die Informationsreduktion kann ebenso innerhalb der SPS mit integrierten Matlab-Funktionen erfolgen und es lässt sich außerdem eine direkte Verbindung von der SPS zu ThingSpeak herstellen. Aufgrund von Latenzen und Bandbreitenbegrenzungen kann ThingSpeak allerdings keine deterministischen Reaktionszeiten und damit keine Echtzeitsteuerung gewährleisten.

Bild 5. Über den IoT-Analytikdienst lassen sich Anlagen und Maschinen an unterschiedlichen Orten vergleichen.

© Mathworks

Die Vorteile sind jedoch enorm:

  • Erstens ist die Integration verschiedener Prozesse einfach. Der Anwender muss lediglich die entsprechenden Kanäle angeben und mit der Datenerfassung beginnen. Auf diese Weise lassen sich beliebig viele Einrichtungen mit dem Analytik-Dienst verbinden.
  • Zweitens ist die Speicherkapazität viel größer, sodass Verlaufsdaten gespeichert werden können, um Wartungs- und Geschäftsentscheidungen über lange Zeiträume zu unterstützen. Dies ist nicht nur für produzierende Branchen interessant, sondern auch für Anlagenhersteller, die jetzt von einem einzigen Standort aus ihre verkauften Maschinen bei Kunden auf der ganzen Welt überwachen, Wartungsverträge anbieten und die Leistung nach Umgebungsbedingungen vergleichen können (Bild 5).

Der Analytik-Dienst bietet auch eine serverlose Architektur. Die entsprechende Cloud enthält natürlich Server; diese arbeiten jedoch, ohne dass Anwender sie warten oder aktualisieren müssen.

Wie bereits erwähnt, bietet der Analytik-Dienst integrierte Matlab-Funktionalität und mehrere Toolboxen. Somit können Anwender zahlreiche Rechen-, Analyse-, Statistik-, Steuerungs- und Visualisierungsfunktionen nutzen, um umfassende, globale Analysen ihres Unternehmens, ihrer Maschinenwartung oder ihrer wissenschaftlichen Projekte zu erstellen.

Der Einsatz von Matlab wiederum ermöglicht es ihnen, ihre Aktivitäten in ThingSpeak auf den Desktop auszudehnen, um Algorithmen und Code zu entwickeln oder Echtzeit- und Laufzeit-Anwendungen bereitzustellen. Dies macht ThingSpeak zu einer effektiven Verbindung zwischen einer umfassenden Modellierungs- und Designplattform einerseits und realen industriellen und wissenschaftlichen Anwendungen andererseits. Darüber hinaus können Unternehmen ThingSpeak-Funktionalität für Geschäftsanwendungen nutzen.

Autoren:
Dr. Fabian Bause ist Produktmanager Twincat bei Beckhoff Automation;
Dr. Rainer Mümmler ist Senior Application Engineer bei Mathworks.

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