Cloud-Technologie

Andreas Bandel | Meinrad Happacher,

Die Multi-Cloud im Griff

Lange Zeit haben deutsche Unternehmen mit der Cloud gezögert, doch jetzt geht's richtig los. Immer mehr Fertiger nutzen gleich mehrere Cloud-Provider – ob strategisch oder aufgrund von Schatten-IT. Aber, wie lässt sich die Komplexität der Multi-Cloud beherrschen?

© Bild: Computer&AUTOMATION, Quelle: Fotolia, Alexander

Gerade die mittelständische Fertigungsindustrie in Deutschland besitzt den Ruf, bei Innovationen vorsichtig zu sein und langfristig auf bewährte Prozesse zu setzen. Dies hat auch seinen guten Grund, denn die erheblichen Investitionen in Produktionsstraßen müssen gut überlegt und geplant sein. Zudem änderten sich die Wünsche der Kunden bislang kaum.

Mit dem Aufkommen von Internet, Online-Services und mobilen Apps ver­ändert sich das jedoch zusehends: So benötigen produzierende Unternehmen neuartige Geschäftsmodelle, die konkrete Mehrwerte für die Kunden erzeugen. ­Diese basieren auf der intelligenten Analyse von großen Datenmengen mit Hilfe von Cloud-basierten Infrastrukturen. Die Informationen stammen dabei zum Teil aus externen Quellen wie Marktstudien, Umfragen oder Wettbewerbsbeobachtung. Aber auch viele interne Daten, die aus der Fertigung selbst kommen, werden dazu verarbeitet.

Datenflut im Produktionsprozess

Im Zuge von Industrie 4.0 werden immer mehr Maschinen mit Sensoren ausgestattet, die in Echtzeit und kurzen Abständen aktuelle Informationen zum Zustand der Maschine sowie ihrer Arbeitsabläufe und Umgebung erheben. So lässt sich zum Beispiel ein anstehender Wartungsbedarf feststellen, wenn Werte stärker schwanken oder eine kritische Grenze erreichen. Zusätzlich kommunizieren die Maschinen untereinander, sodass sich Produkte effizienter herstellen und weitertransportieren lassen. 

Doch diese Optimierung der Arbeitsprozesse gelingt nur mit einer agilen und flexiblen Infrastruktur, die meist auf IT-Standards basiert. Denn die extrem großen Datenmengen, die heute in der Herstellung entstehen, müssen in kurzen Zeitspannen gesammelt, organisiert und ausgewertet werden. Dafür eignet sich die Cloud besonders, da sie die nötige Skalierung und Performance für die Big-Data-Analyse bereitstellen kann. Zudem lassen sich Cloud-Services flexibel an neue Anforderungen anpassen.

Entsprechend ist das verarbeitende Gewerbe inzwischen einer der größten Nutzer von Cloud-Diensten. Laut der von Rackspace in Auftrag gegebenen Studie „Multi-Cloud und Cloud Managed Services im Manufacturing-Umfeld“ setzen bereits drei von fünf deutschen und schweizerischen Fertigungsunternehmen Cloud-Lösungen im IoT-Umfeld ein. Die Hauptgründe sind demnach höhere Flexibilität, Agilität und Skalierbarkeit im Betrieb, bessere Customer Experience und Kosteneffizienz. Diese wurden von jeweils über 80 % der Befragten genannt. 

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Software-gesteuerte Herstellung

Die reine Vernetzung der Maschinen im Rahmen des Internets der Dinge (IoT) sowie die Analyse der entstehenden Daten ist aber nur ein Aspekt, mit dem sich Industrie-Unternehmen heute beschäftigen. Das zweite wichtige Thema ist die dadurch mögliche Software-basierte Steuerung der Produktionsprozesse. Damit können sie die Effizienz der Abläufe weiter erhöhen, diese aus der Ferne verwalten und neue Umsatzquellen generieren.

So lassen sich etwa in größeren Stückzahlen hergestellte Produkte schneller und effizienter an neue Anforderungen oder gar individuelle Kundenwünsche anpassen. Damit können Fertiger das Ziel der Losgröße 1 mit überschaubarem Aufwand erreichen. Aber auch in geringen Stückzahlen hergestellte Güter wie Anlagen profitieren von Software-Steuerung, etwa durch Zusatzservices wie Predictive Maintenance. Die von Sensoren erfassten Maschinendaten können so aus der Ferne überwacht werden, um Wartungsfenster zu planen und Ausfallzeiten möglichst gering zu halten. 

Eine Fernüberwachung lässt sich zwar mit dedizierten Leitungen realisieren, doch dies ist nur bei regionaler Nähe finanziell sinnvoll. In der Regel sind Maschinenhersteller oder Dienstleister geografisch weiter von ihren Kunden entfernt. Daher werden meist Internetverbindungen genutzt, wobei die Dienstleistungen als Cloud-Service angeboten werden, um Skaleneffekte und ein einheitliches Management zu erreichen. Daneben setzen produzierende Unternehmen mit mehreren Standorten zunehmend Cloud-Dienste ein, um eine zentrale Steuerung oder eine Big-Data-Analyse zu ermöglichen.

Herausforderungen durch die Multi-Cloud

Wie beschreiben Fertigungsunternehmen ihre derzeitige und zukünftige Cloud-Strategie? Ergebnis der von PAC für Rackspace durchgeführten Studie.

© PAC

Die von den Firmen gesehenen Herausforderungen bezüglich der Multi-Cloud.

© PAC

Für die verschiedenen Anwendungen entscheiden sich Fertigungsunternehmen laut der genannten Umfrage häufig für die jeweils beste Cloud-Lösung, auch wenn dies den Management-Aufwand aufgrund der verschiedenen Provider möglicherweise erhöht. Dabei bevorzugen sie zwar die Private Cloud, aber auch Public-Cloud-Angebote werden stark genutzt. Dies zeigt sich bei den verschiedenen Anwendungsbereichen. So wird eine Public Cloud hauptsächlich für Produktivitätswerkzeuge wie Collaboration oder Office genutzt (32 %), eine interne Private Cloud bei Server- und Storage-Bereitstellung für Eigenentwicklungen (40 %), eine externe Private Cloud bei Systemen für Anwendungsentwicklung und -Testing (59 %) sowie eine Hybrid Cloud beim Aufbau und Betrieb neuer digitaler Geschäftsbereiche (32 %). 

Relevanz von Anforderungen, Ansätzen und Aspekten an einen externen Dienstleister, was die Umsetzungsstrategie und Integration verschiedener Cloud-Lösungen betrifft.

© PAC

Infolgedessen stellen in Zukunft Multi-Cloud-Lösungen die Mehrheit der Betriebsmodi. Doch deren Nutzung hat ihre Tücken. So sehen 77 % der Befragten bei der Multi-Cloud große bis sehr große Herausforderungen durch technologische Komplexität. Weitere kritische Punkte sind kaufmännische Komplexität (66 %), Datenintegration und End-to-End-Security (jeweils 59 %). Aufgrund dieser Herausforderungen nutzen (45 %), planen (37 %) oder diskutieren (18 %) aller Befragten eine Zusammenarbeit mit externen Dienstleistern. Als sehr wichtig gelten hier Branchenwissen (90 %) und Zertifizierungen (84 %) des Anbieters sowie erfahrene Mitarbeiter im Bereich Fertigung (62 %).

Mit deren Hilfe möchte die Industrie durch Cloud-Lösungen vor allem den Kosten- und Effizienzdruck im IT-Betrieb (78 %) bewältigen. Aber auch die Erschließung neuer Kundengruppen (74 %) und Regionen (71 %) sind wichtige Ziele. Zudem erleichtert die Cloud eine Erweiterung des Produkt- und Service-Portfolios (59 %) sowie die Erschließung neuer Geschäftspartnerschaften (56 %).

Fachexpertise gefragt

Die Entscheidung zur Einbindung externer Experten erfolgt aber nicht immer ganz freiwillig. Tatsächlich starten viele Unternehmen ein Cloud-Projekt in Eigenregie, erkennen aber früher oder später, dass sie nicht über die nötigen Skills verfügen. Zum Beispiel können sie die nötige Compliance und Governance nicht gewährleisten oder Sicherheitsstandards nicht einhalten. Es werden wichtige organisatorische Fragen übersehen: Inwieweit ist das eigene Unternehmen Cloud-ready? Welcher Ansatz für das Cloud-Management soll zum Einsatz kommen? Welche Abteilungen sind einzubinden? Hinzu kommen oft fehlende technische Expertise und ein mangelnder Marktüberblick über die zahlreichen Cloud-Angebote.

Aufgrund des Fachkräftemangels lassen sich die Defizite nicht einfach durch das Einstellen von Experten beheben. Stattdessen bleibt Fertigern häufig gar nichts anderes übrig, als auf Dienstleister zurückzugreifen, um einen Blindflug zu vermeiden. Doch die Cloud-Provider selbst offerieren nur selten die benötigten Managed Services. Sie stellen zwar die Technik bereit und helfen meist bei der Anbindung und dem Betrieb ihrer Services, doch sie bieten naturgemäß keine unabhängige Beratung und besitzen auch meist nur geringe Branchenexpertise. So schätzen die meisten Unternehmen den herstellerunabhängigen Ansatz eines Managed-Services-Providers, der im Idealfall bereits entsprechende Projekte in der Fertigungsbranche umgesetzt hat. Bei der Auswahl verschaffen Use Cases, Referenzen und Zertifizierungen einen guten Überblick.

Die optimale Migration

Ein Managed-Services-Provider unterstützt Kunden dabei, sich Cloud-unabhängig aufzustellen, um sowohl einen Vendor Lock-in zu vermeiden als auch von den jeweils optimalen Angeboten der verschiedenen Cloud-Provider zu profitieren. Zudem hilft er, häufige Fehler zu vermeiden und die Komplexität des Multi-Cloud-Managements zu reduzieren. Um optimal von den Angeboten zu profitieren, sind folgende Schritte umzusetzen:

  1. Eine Multi-Cloud-Strategie formulieren – Aufgrund bisheriger Anforderungen oder Schatten-IT haben viele Unternehmen bereits mehrere Cloud-Lösungen im Einsatz. Um Wildwuchs zu vermeiden und eine kontrollierte Cloud-Nutzung zu erreichen, sollten Fertiger gemeinsam mit dem Managed-Services-Provider eine Multi-Cloud-Strategie anhand ihrer Geschäftsziele entwickeln.
  2. Multi-Cloud-Grundlagen schaffen – Anschließend gilt es, die Basis für die Cloud zu schaffen. Dazu sollten Unternehmen ihre komplette IT-Landschaft auf Wirtschaftlichkeit prüfen. Veraltete Infrastrukturen sind abzulösen. Zudem ist häufig ein kultureller Wandel nötig, um agile Arbeitsprozesse einzuführen. Dieser muss mit einem umfassenden Change Management begleitet werden.
  3. Services professionell verwalten lassen – Die Multi-Cloud verbindet bestehende Infrastrukturen, Plattformen und Software mit verschiedenen Cloud-Modellen. Sie ausfallsicher und effizient zu managen, ist komplex. Ein geeigneter Dienstleister bringt Erfahrung für gängige Cloud-Anbieter und Branchen-Know-how mit und stellt einen persönlichen Ansprechpartner sowie Rund-um-die-Uhr-Service bereit. 
  4. Die richtige Migrationsstrategie wählen – Gemeinsam mit dem Managed-Services-Provider ist dann die richtige Migrationsstrategie für jeden einzelnen Workload festzulegen. Dafür gibt es vier Möglichkeiten:
  • Re-Host (Lift&Shift) ist ein einfacher Umzug in die Cloud, ohne die bestehende Applikation selbst zu verändern.
  • Re-Platform (Lift&Re-Shape) erzeugt häufig einen nicht zu unterschätzenden Aufwand, um die Applikation für die jeweilige Umgebung lauffähig zu machen.
  • Re-Architect (Re-Writing&Decoupling) bildet die Königsdisziplin, da die bestehende Applikation in Cloud-native Microservices aufgeteilt wird.
  • Re-Purchase (Replace) bedeutet einen Neukauf, falls eine eigenentwickelte Applikation inzwischen als Standard-SaaS-Lösung angeboten wird.

Autor:
Andreas Bandel ist Sales Director Automotive & Manufacturing bei Rackspace.

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