ERP-Systeme

Tobias Könnel, Michael Markenstein | Lukas Dehling,

Metallprofile in Losgröße 1

Maas Profile bietet über 40.000 Materialvarianten. Eine Vielfalt, die harte Anforderungen an das ERP-System mit sich bringt. Mit einem integrierten Produkt-Konfigurator lassen sich Produktvarianten kombinieren und die Produktion auf den jeweiligen Auftrag hin optimieren.

© Maas Profile

Architektur ist voller Abwechslung - und das bedeutet für Hersteller von Baumaterial beziehungsweise Halbfertigprodukten einige Herausforderungen. Seit 1991 produziert und vertreibt das Unternehmen Maas Profile Metallprofile für Dächer, Fassaden und Decken. Durch unterschiedliche verwendete Materialien, Stärken, Formen oder Farben stehen über 40.000 Materialvarianten zur Wahl. Hinzu kommen Sonderanfertigungen wie spezielle Stanz- oder Lochteile und Zubehörteile wie Befestigungsmittel, Lichtfirst-Systeme oder Kantteile. Insgesamt kommt das Unternehmen mit dem Produkt-Konfigurator auf 18 Produktgruppen und auf Millionen Ausführungsvarianten - eine facettenreiche Produktpalette, die auch für die IT des Unternehmens eine Bewährungsprobe ist.

Den Überblick behalten

Seit einem Jahr handhabt Maas Profile seine Variantenvielfalt effizienter als zuvor: Das Unternehmen bildet die Prozesse durchgängig mit der ERP-Komplettlösung Proalpha ab. Das Herzstück sind dabei 18 Produkt-Konfiguratoren, die speziell auf die Belange von Maas Profile zugeschnitten sind. Geschäftsführer Hans Wiedemann erläutert: "Für jede Produktgruppe haben wir einen eigenen Konfigurator. Sie sind die Grundlage unseres Geschäfts." Dabei ist es keine Seltenheit, dass ein Auftrag aus mehreren Elementen zusammengesetzt ist, die dann jeweils mit einem anderen Produkt-Konfigurator erstellt werden. Die Ergebnisse laufen dann alle im ERP-System zusammen. Die durchgängig abgebildeten Prozesse sorgen dafür, dass das Unternehmen pro Jahr 225.000 Produktionsaufträge mit mehr als 200.000 Auftragspositionen fertigen und in über 40.000 Paketen liefern kann.

Implementierung des Systems

Bei der Implementierung von Proalpha standen die Bedürfnisse von Maas Profile im Mittelpunkt, so auch bei der Einführung des Produkt-Konfigurators. Toni Melzer, IT-Abteilungsleiter betont: "Wir haben zunächst die Ziele und Erwartungen definiert und diese dann gemeinsam mit Proalpha umgesetzt." Denn um den Konfigurator optimal einsetzen zu können, braucht es ein umfangreiches Regelwerk.

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Im Produkt-Konfigurator laufen die Daten zusammen, die sowohl für den Vertrieb als auch die Produktion vonnöten sind.

© Proalpha

Im ersten Schritt wurden Varianten festgelegt, die man über einen Produkt-Konfigurator abbilden wollte. Dann hat man definiert, welche Angaben das System benötigt, um die speziellen Kundenanforderungen zu berücksichtigen - etwa Längeninformationen, Materialien oder auch Plausibilitäten. Für die automatische Preisfindung mussten präzise Angaben zu Materialpreisen sowie Fertigungskosten hinterlegt werden. Diese Eckpunkte wurden dann im Konfigurator umgesetzt, getestet und an neue Anforderungen angepasst.

Für die Kunden bedeutet das eine größere und flexiblere Auswahl an Produktvarianten, die noch individuell auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten werden. Für Maas Profile wiederum erhöhen die Produkt-Konfiguratoren den Standardisierungsgrad ihrer Prozesse. So können die Vertriebsmitarbeiter bereits bei der Auftragserfassung die Produkte zusammenstellen, auch wenn diese umfangreich und komplex sind. Außerdem geben die Konfiguratoren schon bei der Auftragsannahme Auskunft darüber, ob genügend Material in der gewünschten Beschaffenheit vorrätig ist. Ist dies nicht der Fall, geht automatisch eine Bedarfsmeldung an den Einkauf, der das Material zukaufen kann.

Manueller Aufwand reduziert

Herzstück Variantenvielfalt: Mit dem Produkt-Konfigurator erhöht Maas Profile die Übersicht über die Vielfalt an Produkten. Auch spezielle Kundenwünsche können berücksichtigt werden.

© Maas Profile

Variantenbeschreibungen sorgen dafür, dass sich die Produktionsaufträge direkt aus den Konfiguratoren heraus generieren lassen. Benötigtes Material und Fertigungsschritte werden direkt zugeordnet. Toni Melzer erklärt: "Wir haben nun einen Überblick über unsere gesamten Produktionsaufträge und können jederzeit sehen, in welchem Status sich ein Auftrag befindet - ob und wo er in der Fertigung ist, ob er im Lager liegt oder bereits auf den LKW geladen wurde." Die gesamte Prozesskette ist so besser planbar, finanzielle und personelle Ressourcen werden optimal ausgeschöpft.

Die vollständigen Prozesspläne werden ohne manuellen Aufwand erstellt. Dabei werden Schnitt- und Fertigungslisten angelegt, die das Produkt definieren. Diese weisen alle Maße der zu fertigenden Teile wie auch die benötigten Stückzahlen aus - teilweise geben sie sogar Verpackungsanweisungen. Außerdem lassen sich in den Schnitt- und Fertigungslisten benötigte Materialien automatisch für die Ziel-Maschinen reservieren. Ein erheblicher Fortschritt, denn mit den alten Insellösungen konnte das Unternehmen lediglich Form, Material und Farben der Produkte IT-technisch abbilden. Alles andere hatte laut Wiedemann schon Sonderstatus-Charakter und musste in Form von Extra-Vermerken und mündlichen Anweisungen mehr oder weniger manuell durch den Betrieb geschleust werden. Ein Beispiel dafür sind Aufträge, die Profile mit Kurzlängen enthalten und deshalb nicht auf allen Maschinen hergestellt werden können. Die Einplanung solcher Aufträge ließ sich von bis zu eineinhalb Stunden auf wenige Sekunden verkürzen.

Im Zuge der Einführung von Pro­alpha hat Maas Profile auch die gesamte Produktionsplanung samt Materialflüssen, Maschinenzuordnungen und Rüstzeiten optimiert. Ausgangspunkt sind auch hierbei die Konfiguratoren. Sie setzen bereits an den Coils an, also an den Rollen mit jeweils Tonnen von Aluminium, Stahl oder Edelstahl. Da sich die Farbgebung zwischen ­einzelnen Chargen unterscheiden kann, ist es besonders wichtig, dass ein Coil dem jeweiligen Auftrag frühzeitig zugeordnet wird. So wird verhindert, dass sich die Chargen bei einem ­Produktionsvorgang vermischen. Um das von der Arbeitsvorbereitung bestimmte Coil zu identifizieren, nutzen die Mitarbeiter Barcode-Scanner oder Staplerterminals. Außerdem lassen sich mithilfe dieser mobilen Datenerfassung Wareneingang und -ausgang direkt vor Ort erfassen und ans ERP-System ­zurückmelden - ganz ohne Medien­brüche.

Die Maschinenbelegung steuern

Schon bevor der endgültige Produk­tionsauftrag startet, übernehmen die Konfiguratoren eine wichtige Rolle in der Kapazitätsplanung - bis hin zur Maschinenbelegung. Dabei prüfen sie, ob zum anvisierten Produktionsdatum genügend Maschinenkapazität und Material vorhanden sind. Ist dies der Fall, werden den Materialien automatisch Maschinen zugeordnet, die sie verarbeiten können. Die Auftragsposition sucht sich dabei die richtige Maschine am richtigen Tag zur richtigen Zeit selbst aus und pflegt den Auftrag automatisch ein - ganz ohne menschliche Zugriffe. Grundlage dafür ist eine umfassende Kommunikation aller beteiligten Akteure - sowohl zwischen den Maschinen (M2M-Kommunikation) als auch zum voll integrierten ERP-System.

In der Regel sind drei Maschinen pro Material und Position hinterlegt, von Priorität 1 bis Priorität 3. Nur wenn es zu Verschiebungen oder Engpässen kommt, greifen Mitarbeiter der Arbeitsvorbereitung ein. Dafür können sie im ERP-System auf eine eigens angepasste Oberfläche zugreifen, die Unregelmäßigkeiten farblich signalisiert. "Bei durchschnittlich 200 Komplettaufträgen pro Tag ist diese Warnfunktion sehr wichtig für uns, um unsere Schnelligkeit zu gewährleisten", sagt Wiedemann. 90 Prozent der Auftragspositionen laufen nach dem definierten Regelprozess ab. Die Mitarbeiter müssen sich eigentlich nur noch um die rund zehn Prozent kümmern, die davon abweichen. Das System funktioniert: Als Ergebnis steht eine Termintreue von nahezu 100 Prozent - eine Quote, die ohne die entsprechende Lösung nur schwer zu erreichen wäre. Denn Ausgangspunkt für jede Planung ist immer der Endtermin, also wann die Ware beim Kunden sein muss. Davon ausgehend werden der Verladetermin und der Zeitpunkt definiert, zu dem der zugeordnete LKW das Firmengelände spätestens verlassen muss, um die Ware rechtzeitig zum Kunden zu bringen. Mithilfe der Produkt-Konfiguratoren konnte der gesamte Prozess deutlich verkürzt werden: In der Regel kommt die Ware bereits drei Arbeitstage nach dem Auftragseingang auf den LKW.

Weniger manuelle Abstimmung

Die Hektik hat nachgelassen: Bereits zehn Monate nach der Implementierung von Proalpha war schon zu erkennen, dass der Betrieb ruhiger läuft. Die Mitarbeiter müssen deutlich weniger manuell abstimmen. Die wenigen Abstimmungsprozesse, die es noch gibt, laufen klarer und schneller ab.

Ein Beispiel dafür ist die Kant-Abteilung, in der die Prozesse an den ins­gesamt fünf Kantbänken  nun deutlich effizienter erfolgen. Zuvor war der Warenfluss ungeordnet, es gab keinen Überblick darüber, wann und was an welcher Maschine gefertigt wurde. Die Mitarbeiter mussten sich in der Halle ihre Paletten manuell zusammensuchen, um ihr Material zu kanten - ein hoher zeitlicher Aufwand. Deshalb musste hier ein Zwei-Schichten-Modell gefahren werden, um die Aufträge abzuarbeiten. Seit der Implementierung von Proalpha ist das anders. Den Kantbänken werden strukturiert die Aufträge zugeteilt. Die Mitarbeiter wissen genau, was zu tun ist und wo ihr Arbeitsmaterial liegt. IT-Leiter Toni Melzer ist zufrieden: "Das Ergebnis lässt sich leicht messen: Der Zwei-Schicht-Betrieb konnte eingestellt werden, heute wird die gleiche Kapazitätsauslastung im Ein-Schicht-Betrieb gemeistert."

Für die Unternehmensentwicklung von Maas Profile hat sich der Einsatz der neuen Lösungen also gelohnt: Die Prozesse sind automatisiert und klar strukturiert, die Fehlerquote sinkt, ­Liefertermine werden eingehalten. Und zudem bietet das Unternehmen mit der Produktkonfiguration seinen Kunden eine große Vielfalt an Produktvarianten. Die Produktion der jeweiligen Aufträge ist individuell auf die Kundenbedürfnisse zugeschnitten - bis hin zur Losgröße eins.

Autoren:
Tobias Könnel ist Consultant bei Proalpha;
Michael Markenstein ist Consultant bei Proalpha.

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