Nachgehakt bei Rahman Jamal

Meinrad Happacher,

Der Ursprung von Industrie 4.0

Die Cyber-Physical Systems (CPS) gelten als Bausteine einer Industrie 4.0. Woher aber kommt der Begriff CPS eigentlich? Rahman Jamal von National Instruments kennt die Wurzeln und erläutert das Thema aus US-amerikanischer Sicht.

Rahman Jamal von National Instruments: "Wir können nicht auf Standards warten, sondern müssen jetzt handeln!"

© National Instruments

Herr Jamal, in Deutschland erleben wir derzeit einen wahren Industrie-4.0-Hype. Wie werten Sie diese neue Bewegung?

Nüchtern betrachtet ist der Sammelbegriff „Industrie 4.0“ nichts anderes als die Fortsetzung des in den 70er Jahren initiierten Konzepts der computerintegrierten Fertigung, kurz CIM, das auf eine durchgängige digitale Informationsverknüpfung innerhalb der Produktion abzielt. Auch wenn der Begriff Industrie 4.0 erstmalig auf der Hannover Messe 2011 aufkam und als Revolution gehandelt wurde, handelt es sich hierbei eher um eine lang anhaltende Evolution. Ich denke, viel interessanter als das Etikett Industrie 4.0 ist das eigentliche Fundament hierfür, das mit dem Schlüsselbegriff „cyber physical systems“, kurz CPS, bezeichnet wird.

Wo liegen die Wurzeln der CPS?

Es war im Oktober 2006 in Austin/Texas: Die National Science Foundation witterte ein interessantes Thema und initiierte damals unter dem Titel „cyber physical systems“ einen Workshop. Auftakt der Veranstaltung war die Keynote des CEO und Mitbegründers von National Instruments, Dr. James Truchard mit dem Titel: „Technologies for cyber-physical systems“. Hier de-monstrierte Dr. Truchard grafische Systemdesign-Werkzeuge für die Umsetzung von cyber-physical systems, einschließlich der Technologien für verteilte eingebettete Regel- und Steuersysteme auf der Basis von heterogenen parallelen Multiprozessor-Systemen.

Hierzulande erschallt der Ruf nach Fördergeldern, weil in Asien und vor allem in den USA starke Aktivitäten in Richtung der neuen Technologien laufen würden. Können Sie diese Einschätzung bestätigen?

Die asiatischen Aktivitäten kann ich nicht beurteilen. Aber von den USA weiß ich, dass CPS-Aktivitäten seit 2006 im Gange sind und von der National Science Foundation auch gefördert werden. Keimzelle der CPS-Aktivitäten ist sicherlich die University of Berkeley, insbesondere die Professoren Dr. Edward Lee und Dr. Alberto Sangiovanni Vincentelli sind diesbezüglich sehr aktiv. Dabei beschränken sich die Aktivitäten nicht auf die Forschung; CPS wird dort gelebt – auch im regen Technologie-Austausch mit der Industrie. Wir beispielsweise haben schon seit längerem eine Niederlassung in der Nähe des Uni-Campus von Berkeley. – Um nun den Schwenk nach Deutschland zu machen: Ja, ich denke eine Förderung diesbezüglich könnte nicht schaden!

Noch eine deutsche Ansicht: Jetzt müssen zunächst einmal Standards definiert werden, um proprietäre Lösungen einer Industrie 4.0 zu vermeiden.

Die Problematik liegt nicht bei einer Industrie 4.0, sondern bei deren Unterbau, den CPS. Diese sind von hoher Komplexität und einer durch kommerzielle Technologien getriebenen Dynamik geprägt. Die dadurch entstehende Schnelllebigkeit macht eine Standardisierung schon fast unmöglich. Einen Standard, der bis zum Ende durchdefiniert ist, kann und wird es deshalb nicht geben. Man wird zweigleisig fahren müssen: Einerseits so viel standardisieren wie möglich, andererseits aber nicht abwarten, sondern jetzt schon aktiv werden und versuchen mit Anwendern praktikable Lösungen umzusetzen. Wir werden also auch in diesem Markt mit De-facto-Standards wichtiger Player leben müssen und keine hundertprozentige Standardisierung bekommen!

Ist die deutsche Embedded- und Automatisierungs-Szene für die CPS-Herausforderung gewappnet?

Generell ist das Embedded- und Automatisierungs-Know-how hierzulande hervorragend! Nur drehen sich aktuell die Dis-kussionen um Visionen, um eine mögliche Standardisierung und Aspekte der Interoperabilität und weniger um konkrete CPS-Realisierungen. Ich höre aus allen Richtungen: „Wir werden noch 10 bis 15 Jahre Anlauf-Entwicklung erleben.“ – Und wie „up to date“ die deutsche Szene dann sein wird, lässt sich momentan nicht abschätzen!

Es hört sich so an, als würden Sie die CPS-Technologie schon umsetzen?

Wir als National Instruments stellen keine CPS her, aber wir helfen tatsächlich schon heute unseren Kunden mit Systemdesign-Plattformen, solche umzusetzen. Ein Beispiel: Als wir vor drei Jahren die Plattform Labview Robotics vorstellten, dachte die Fachwelt, wir steigen jetzt ins Roboter-Geschäft ein. Ziel war aber die Bereitstellung einer zukunftsweisenden Plattform für den Entwurf und die Implementierung autonomer Roboter-Steuerungssysteme, die ja klassische CPS darstellen. Und nun schließt sich der Kreis wieder: Die Keimzelle für diese Plattform war die Technologie-Demonstration von Dr. Truchard im Cyber-Physical-Systems-Workshop im Jahr 2006.

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