Digitalisierung

Cebit 2018 - der Wandel

Cebit – das sind 30 Jahre IT-Geschichte. Damit sich Tradition aber nicht zum Ballast entwickelt und Digitalisierung auf dem Messegelände in Hannover tatsächlich gelebt wird, hat die Deutsche Messe einen grundlegenden Wandel vollzogen.

Jung und digital: Die neue Cebit stellt ein "Momentum" dar, auch für die Deutsche Messe selbst

© Deutsche Messe

Es hat mit einem Weltrekord begonnen. Über 81.000 Quadratmeter Ausstellungsfläche bot Halle 1 auf dem Messegelände in Hannover ab dem Jahr 1970 und schaffte es mit diesen Maßen als „weltgrößte Messehalle“ in das Guinness-Buch der Rekorde – inklusive 750 kleiner Fertigwohnungen für die Aussteller auf dem Dach des Monumentalbaus. Die Geburtsstunde der „Cebit“ – des „Centrums für Büro- und Informations-Technik“ der Hannover Messe.
1970 waren es aber hauptsächlich Hersteller von Datenverarbeitungsmaschinen und Bürowerkzeugen wie Schreibmaschinen, die in Halle 1, und anschließend aus Platzgründen auch in weiteren Hallen, ihre Neuheiten präsentierten. Erst nach und nach kamen IT-Anbieter hinzu: das Zeitalter des PCs brach an und sprengte sukzessive den Rahmen der Cebit als Teil der Hannover Messe: 1986 folgte die erste „Hannover Messe Cebit“ als eigenständige Veranstaltung und als wichtiger Teil der kommenden IT-Jahrzehnte – der weit über die deutschen Grenzen hinausreichte.

Adieu, Computermesse

In den vergangenen 30 Jahren ist auf dem Messegelände der niedersächsischen Landeshauptstadt viel passiert. Ob Windows 95, vor jubelnden Massen vorgestellt vom 39-jährigen Bill Gates persönlich, oder der erste MP3-Player – viele Technologien feierten ihre Publikumspremiere in Hannover und machten die „Cebit“ zur weltweit größten Computermesse.
Seit diesen Tagen hat sich aber auch die Branche grundlegend verändert und die Cebit will sich analog zur Entwicklung der IT – weniger Hardware, mehr Lösungsgeschäft – nicht mehr als Computermesse verstanden wissen, wie Deutsche-Messe-Vorstand Oliver Frese 2016 verkündete. Schon 2014 hatten die Veranstalter frische Impulse gesetzt, der Messe einen klaren B2B-Fokus verliehen und sich in großen Lettern „Digitalisierung“ auf die Fahnen geschrieben. Weg von produktlastigen Veranstaltungen wie der Computex in Taipei oder der CES in Las Vegas, hin zu einem „globalen Event für digitales Business“.

Ein Paukenschlag

Trotz vieler Neuerungen, junger Formate wie der Start-up-Halle Scale 11 oder Trendthemen wie Virtual Reality und Drohnen musste sich die Cebit sowohl von Industrie, Besuchern als auch der Presse immer wieder an den Vorjahren und der eigenen Geschichte messen lassen, ihre aktuellen Aussteller- sowie Teilnehmerzahlen in die Waagschale werfen. „Die Messe war in die Jahre gekommen“, erklärt Cebit-Sprecher Hartwig von Saß im Gespräch mit funkschau.

Auf der Cebit 2017 kam dann der Paukenschlag: Mit dem Megatrend der Digitalisierung und der immer schnelleren Disruption würden sich auch die Anforderungen der Branche an ihre zentrale Eventplattform ändern, erklärte Oliver Frese am Messemittwoch. „Deshalb wird sich auch die Cebit jetzt spürbar verändern.“ Gemeinsam mit der digitalen Wirtschaft baue man die Messe von Grund auf um. Nach 30-jähriger Geschichte soll die Veranstaltung eine komplett neue Erfahrung werden, eine neue Cebit. Sie mache „mehr Spaß, sie überrascht, ist mutig, öffnet Horizonte und provoziert auch so manches Mal“, so Frese. Sie setze stark auf Emotionen und mache sich somit fit für die Generation Y. Viele Details des genauen Konzeptes waren zu diesem Zeitpunkt noch in Arbeit, doch zwei wichtige Änderungen standen bereits fest: die neue Schreibweise „Cebit“ sowie der zukünftige Termin. Erstmals findet die Cebit nicht mehr im März statt und bildet den Auftakt für das IT-Jahr, sondern im Juni und damit weit weg von oftmals eiskalten Windböen, die den Weg von Halle zu Halle zum Spießrutenlauf gestalteten.

 

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Ein weißes Blatt

Die Änderungen sind aber weit mehr als wetterbedingt und kosmetischer Natur. Die Veranstalter haben alles in Frage gestellt und eine Neustrukturierung angestoßen, die in dieser Form einzigartig in der Messegeschichte sein soll. Lediglich die Marke Cebit sowie der Veranstaltungsort Hannover waren gesetzt, alle anderen Aspekte standen zur Diskussion und Disposition. Die Deutsche Messe wollte auf einem weißen Blatt Papier beginnen und laut eigenen Angaben gänzlich neue Wege gehen.

Dass die Cebit 2018 eine Absage an Business as usual ist, lässt sich auch am Findungsprozess der „neuen Sprache“ ablesen. 2016 kamen in der Start-up-Metropole Berlin in einem Künstleratelier Berater, Journalisten, Aussteller, Marketingexperten und auch Personen zusammen, die noch nie zuvor auf der Cebit waren. Unvoreingenommene, facettenreiche und auch IT-fremde Meinungen sollten die neue Messe formen und inspirieren. Ergebnis des Brainstormings: Die Cebit müsse ihren Konferenz- und Networking-Charakter in den Vordergrund rücken, mehr Event als schlicht Messe sein. „Die Cebit als Erlebnis“, erklärt von Saß. Mehr als nur rationaler Nutzen. Ziel soll es sein, neben den bisherigen Besuchern stärker eine junge, technologieaffine Zielgruppe anzusprechen, für mehr Vielfalt unter den Teilnehmern zu sorgen und Digitalisierung tief in der Struktur der Veranstaltung zu verankern.

„Hocheffiziente Geschäftsplattform“

Trotz Jeans und Hemd statt Anzug und Krawatte soll die neue Cebit zwar ein Neuanfang sein, aber kein Bruch mit der Tradition der vergangenen drei Dekaden – vielmehr ein Brückenschlag. Die Deutsche Messe plant demnach ein digitales Festival, das nicht trotz, sondern gerade aufgrund der frischen Impulse eine „hocheffiziente Geschäftsplattform“ sei, bestehend aus vier Kernelementen. Zum einen der „d!campus“, zentraler Bereich im Herzen des Messegeländes unter dem Holz-Pavillon vor Halle 12. Hier finden Konzerte von Künstlern wie Jan Delay statt, können Besucher Streetfood probieren und zwischen den Showcases der Aussteller netzwerken bis in die späten Abendstunden. Denn auch die 9-bis-18-Uhr-Mentalität gehört mit der neuen Zeitrechnung der Vergangenheit an. 2018 wird die Cebit erstmals von 10 bis 23 Uhr ihre Tore öffnen, um dem Festivalcharakter nicht mit der Stechuhr entgegenzuwirken.

Oliver Frese, Mitglied des Vorstandes der Deutschen Messe: “Die neue Cebit macht mehr Spaß, sie überrascht, ist mutig, öffnet Horizonte und provoziert auch so manches Mal.”

© Deutsche Messe

Zum anderen sind unter dem Titel „d!conomy“ insgesamt sieben Messehallen Teil des neuen Konzeptes, die nicht nur den Hauptteil der Aussteller beherbergen, sondern auch den bleibenden Business-Anspruch der Messe untermauern. Hinzu kommen das Konferenz- und Workshop-Format „d!talk“ sowie  „d!tek“, laut den Veranstaltern Treffpunkt für Start-ups, Gründer, Entwickler und „disruptive Geschäftsmodelle“.

Viele Aussteller begrüßten dieses teils radikal neue Konzept und sprachen sich direkt mit der Ankündigung Anfang des Jahres für den gemeinsamen Weg aus. „Dieses starke Konzept für die neue Cebit ist der notwendige Bruch mit der Vergangenheit – ein echter Neuanfang“, erklärte Helmut Binder, CEO von Materna. „Es war in den vergangenen Jahren immer schwieriger geworden, unsere Kunden für einen Besuch in Hannover zu gewinnen.“ Das bekannte Format wäre für viele nicht mehr attraktiv genug gewesen. „Das wird jetzt geändert“, so Binder.

Gleichzeitig sind sich die Veranstalter der Cebit aber bewusst, dass sich nicht jedes Unternehmen, jeder bisherige Aussteller, im neuen Konzept der Messe wiederfinden wird. „Wenn wir diesen Weg gehen, werden wir den ein oder anderen verlieren“, erklärt von Saß gegenüber funkschau. Immerhin solle sich kein Unternehmen verkleiden müssen. Gleichzeitig kann die aus dem Jungbrunnen entstiegene Messe für viele Anbieter und auch Anwender aus der Branche und darüber hinaus ein guter Richtwert sein, wie viel „digital“ denn schon in der eigenen DNA steckt und wie bereitwillig man den vielbeschworenen Veränderungen gegenübertritt, die das disruptive Wesen der Digitalisierung so mit sich bringt.

Ein Momentum

Wie tief der Transformationswille greift, das zeigt auch diese Deutsche Messe selbst. Die Cebit sei ein Momentum, so von Saß, zum Beispiel, um neue Arbeitsweisen voranzutreiben. So öffne sich das Unternehmen mit seinen rund 1.200 Mitarbeitern immer weiter, arbeite verstärkt mit externen Experten zusammen, um neue Impulse und neue Denkweisen einzubringen. „Wenn wir eine Veranstaltung für junge Menschen machen, dann müssen wir auch junge Menschen einbeziehen“, erklärt der Cebit-Sprecher gegenüber funkschau. Gleichzeitig könne man aber weiterhin auf die jahrzehntelange Erfahrung im Messegeschäft zurückgreifen. Ein Dualismus, der in der Cebit eine Einheit finden soll: alt und neu, analog und digital, Festival und Business.

Die Zeichen stehen gut für das neue Format. Andere Veranstaltungen wie beispielsweise der Web Summit in Lissabon oder das South by Southwest in Texas haben gezeigt, wie erfolgreich sich Technologie und digital Lifestyle vereinen lassen. Hinzu kommt, dass die Cebit eine global starke Marke und die größte IT-Messe der Welt ist. Jetzt geht die Veranstaltung einen mutigen, teils radikalen Weg, der die Digitalisierung nicht nur an die Stände der Aussteller bringt, sondern diese tief im Kern der Messe selbst verwurzelt. Mit den Anfangstagen des „Centrums für Büro- und Informations-Technik“ und der Cebit aus den 90er-Jahren wird das freilich nur noch wenig gemein haben. Aber ebenso wenig ist die Technologiewelt jene von vor 20 Jahren.

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